{"id":1971,"date":"2013-08-23T14:36:56","date_gmt":"2013-08-23T13:36:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=1971"},"modified":"2016-01-12T12:20:21","modified_gmt":"2016-01-12T11:20:21","slug":"nachtgesaenge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/nachtgesaenge\/","title":{"rendered":"Nachtges\u00e4nge"},"content":{"rendered":"<p>So geht es, wenn man anf\u00e4ngt, sich sehr intensiv mit einer Sache zu besch\u00e4ftigen: man steigt immer tiefer in die Materie ein. Das gilt ganz besonders, man wen sich mit bildhaften Denken befasst. Die Bilder haben die Eigenheit, immer mehr sich miteinander zu verbinden und neue Muster im Gehirn zu bilden.<br \/>\nBisher habe ich mich &#8217;nur&#8216; mit H\u00f6lderlins Gedicht &#8218;H\u00e4lfte des Lebens&#8216; befasst. Aber nun untersuche ich die Ver\u00f6ffentlichungsgeschichte. 1803 bittet der Frankfurter Verleger Wilmans um einige Gedichte zu Liebe und Freundschaft, wohl auch um &#8218;Nachtges\u00e4nge&#8216;.<br \/>\nNachtges\u00e4nge waren damals die ganz gro\u00dfe Mode. Der englische Pastor Edward Young\u2019s \u201aKlagen oder Nachtgedanken \u00fcber Leben, Tod und Unsterblichkeit in neun N\u00e4chten\u2018. Sein Buch war in ganz Europa ein Bestseller. Jeder, der auf sich hielt, hatte es gelesen. Aber heute liest niemand mehr diese Nachtgedanken. Das Werk ist heute nur noch digitalisiert zu finden unter Goethe schrieb einen Nachtgesang und 1800 erschien von Novalis die Hymne auf die Nacht. H\u00f6lderlin selbst hat eine gro\u00dfe Hymne auf die Nacht im Gesang \u201aBrot und Wein\u2018 geschrieben. Sogar Hegel versucht sich als \u201aLyriker\u2018 mit einem Text \u00fcber die Nacht:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDer Mensch ist diese Nacht, di\u00df leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enth\u00e4lt &#8211; ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen, Bilder, deren keines ihm gerade einf\u00e4llt -, oder die nicht als gegenw\u00e4rtige sind. Di\u00df die Nacht, das Innre der Natur, das hier existirt \u2013 reines Selbst, &#8211; in phantasmagorischen Vorstellungen ist es rings um Nacht, hier schie\u00dft dann ein blutiger Kopf, \u2013 dort eine andere wei\u00dfe Gestalt pl\u00f6tzlich hervor, und verschwindet ebenso. Diese Nacht erblickt man wenn man dem Menschen ins Auge blickt &#8211; in eine Nacht hinein, die furchtbar wird, &#8211; es h\u00e4ngt die Nacht der Welt hier einem entgegen.\u00ab Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Naturphilosophie und Philosophie des Geistes.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch in der Musik wurden Nocturnes modern. Einer der ersten Komponisten, der Nocturnes schrieb, war der Ire John Field, der wundersch\u00f6ne Musik f\u00fcr das Klavier geschrieben hat.<br \/>\n\n<div class=\"youtube-embed\" itemprop=\"video\" itemscope itemtype=\"https:\/\/schema.org\/VideoObject\">\n\t<meta itemprop=\"url\" content=\"https:\/\/www.youtube.com\/v\/sBV_pTsom2Q\" \/>\n\t<meta itemprop=\"name\" content=\"Nachtges\u00e4nge\" \/>\n\t<meta itemprop=\"description\" content=\"Nachtges\u00e4nge\" \/>\n\t<meta itemprop=\"uploadDate\" content=\"2013-08-23T14:36:56+02:00\" \/>\n\t<meta itemprop=\"thumbnailUrl\" content=\"https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/sBV_pTsom2Q\/default.jpg\" \/>\n\t<meta itemprop=\"embedUrl\" content=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sBV_pTsom2Q\" \/>\n\t<meta itemprop=\"height\" content=\"315\" \/>\n\t<meta itemprop=\"width\" content=\"560\" \/>\n\t<iframe loading=\"lazy\" style=\"border: 0;\" class=\"youtube-player\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sBV_pTsom2Q?modestbranding=1&fs=0&rel=0\"><\/iframe>\n<\/div>\n<\/p>\n<p>Die Nachtgedanken von Edward Young waren auf neun N\u00e4chte verteilt. H\u00f6lderlin hat neun Gedichte geschrieben, die er Nachtges\u00e4nge nannte. Die ersten sechs sind Oden im klassischen griechischen Stil. Das erste Gedicht in scheinbar v\u00f6llig freiem Rhythmus ist:&#8217;H\u00e4lfte des Lebens&#8216;.<\/p>\n<p>H\u00f6lderlin beginnt sich hier, von der Diktatur des antiken Vorbildes zu l\u00f6sen. Und &#8218;H\u00e4lfte des Leben&#8216; ist KEIN Liebensgedicht, wie immer behauptet wird.<\/p>\n<blockquote><p>\u00dcbrigens sind Liebeslieder immer m\u00fcder Flug, denn so weit sind wir noch immer, trotz der Verschiedenheit der Stoffe; ein anderes ist das hohe und reine Frohlocken vaterl\u00e4ndischer Ges\u00e4nge.<br \/>\nH\u00f6lderlin an den Verleger Wilmans<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist der \u00dcbergang in eine vollkommene und scheinbar leichte kleine Form. Vermutlich w\u00e4ren nun von H\u00f6lderlin Gedichte gekommen, die wie im Zen r\u00fcckw\u00e4rts auf dem Ochsen reitend zu singen w\u00e4ren. Aber was kam dann?<\/p>\n<p>Sinclair st\u00fcrzt in eine ungl\u00fcckselige homoerotische Affaire, ger\u00e4t in einen Finanzskandal und wird wegen republikanischer Umtriebe angezeigt. Und H\u00f6lderlin gleich mit. Um H\u00f6lderlin zu sch\u00fctzen, schreibt er an das Tribunal, dass sein Freund verr\u00fcckt ist. Immerhin stand damals auf das &#8218;Verbrechen der republikanischen Gesinnung&#8216; f\u00fcr B\u00fcrgerliche der Tod auf dem Schafott. Dann doch besser in die Autenriethsche Klinik.<br \/>\nNach der &#8218;Behandlung&#8216; durch den Herrn Dr. Autenrieth mit der autenriethschen Maske.<br \/>\nEs gab aber im Klinikum die Autenriethsche Maske, vom Leiter des Instituts gegen das Schreien seiner Patienten erfunden. Sie bestand aus Schuhsohlenleder und umfa\u00dfte unten mit einer Art Boden das Kinn. Dem Mund gegen\u00fcber befand sich auf der inneren Seite ein weich ausgepolsterter Wulst von feinem Leder. Je eine \u00d6ffnung war f\u00fcr Nase und beide Augen bestimmt. Mit zwei Riemen, die \u00fcber und unter den Ohren von vorn nach hinten liefen, wurde die Maske am Hinterkopf befestigt, w\u00e4hrend ein dritter breiter Riemen, durch lederne B\u00fcgel an den Seiten der Maske gehalten, unten den Boden der Mundh\u00f6hle quer fa\u00dfte und oben auf dem Scheitel zusammengeschnallt wurde. Dadurch war das zu weite \u00d6ffnen des Mundes verhindert. Die Lippen dr\u00fcckte der Lederwulst von vorn gegeneinander. Damit der Kranke die Maske nicht herunterrei\u00dfen konnte, wurden ihm die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken zusammengebunden. In dieser Zwangslage lie\u00df man die Patienten manchmal f\u00fcr Stunden, und nach den Versicherungen Autenrieths, schrien sie sp\u00e4ter nicht mehr, selbst wenn man ihnen die Maske abgenommen hatte.<br \/>\n(Gerhard Wolf: Der arme H\u00f6lderlin. In: Christa Wolf, Gerhard Wolf: Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht: Projektionsraum Romantik. Berlin: Insel 2008, S. 17.)<\/p>\n<p>Wer nach einer solchen Behandlung noch schreit, m\u00f6ge sich bitte melden!<br \/>\nH\u00f6lderlin hat jedenfalls nicht mehr geschrien.<\/p>\n<p>Aber gedichtet.<br \/>\nDer Schreinermeister Zimmern nahm ihm waschk\u00f6rbeweise beschriebene Papiere weg und sorgte daf\u00fcr, das der &#8218;Wahnsinnige&#8216; weder Papier noch Tinte in die Finger bekam. Danach dann war H\u00f6lderlin still.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_1971_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1971_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1971_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1971_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(1971, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 3\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_1971_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_1971_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/nachtgesaenge\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So geht es, wenn man anf\u00e4ngt, sich sehr intensiv mit einer Sache zu besch\u00e4ftigen: man steigt immer tiefer in die Materie ein. 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