{"id":1944,"date":"2013-07-24T16:26:22","date_gmt":"2013-07-24T15:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=1944"},"modified":"2016-01-12T12:21:35","modified_gmt":"2016-01-12T11:21:35","slug":"begeisterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/begeisterung\/","title":{"rendered":"Begeisterung"},"content":{"rendered":"<p>Gerade schreibe ich wieder mal an einem Buch \u00fcber H\u00f6lderlin. Dabei bin ich auf einen Text gesto\u00dfen, in dem H\u00f6lderlin \u00fcber die Begeisterung schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Es giebt Grade der Begeisterung. Von der Lustigkeit an, die wohl der unterste ist, bis zur Begeisterung des Feldherrn der mitten in der Schlacht unter Besonnenheit den Genius m\u00e4chtig erh\u00e4lt, giebt es eine unendliche Stufenleiter.<br \/>\nAuf dieser auf-und abzusteigen ist Beruf und Wonne des Dichters.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun, H\u00f6lderlin war ein Dichter und wie man gew\u00f6hnlich denkt noch dazu ein romantischer. Wir &#8217;normalen&#8216; Menschen brauchen keine Begeisterung um unseren Pflichten nachzukommen. T\u00e4glich l\u00e4uft der gewohnte Trott des Alltags.<\/p>\n<p>Kann man den Alltag und die t\u00e4glichen Aufgaben bew\u00e4ltigen ohne Begeisterung? Man sagt, dass man einen Hund nicht zum Jagen tragen kann. Doch, kann man, nur wird er nicht Jagen, wenn er keine Lust dazu hat. Es sei denn, wir haben ihn zu einer dressierten Jagdmaschine erzogen. Irgendwie sind wir alle mehr oder weniger solche dressierten Maschinen, die ihren Job erledigen. Nicht aus Begeisterung, sondern weil wir gelernt haben, dass man das so macht.<br \/>\nNur manchmal m\u00fcssen wir irgend etwas ungew\u00f6hnliches tun, damit das Leben ein wenig Farbe bekommt. Und wenn wir auf einer Party &#8218;abh\u00e4ngen&#8216;! Und je trister und fader der Alltag abl\u00e4uft, desto intensiver muss die &#8218;Freizeit&#8216; gestaltet werden, damit wir das Leben \u00fcberhaupt noch sp\u00fcren.<br \/>\nIm Internet habe ich dazu einen Text von dem Hirnforscher Gerald H\u00fcther gefunden.<div class=\"column-group columns-2\"><div class=\"column column-number-1 column-span-1\"><p>\nF\u00fcr ein kleines Kind ist noch fast alles bedeutsam, was es erlebt, erf\u00e4hrt und unternimmt. Aber je besser es sich sp\u00e4ter in seiner Lebenswelt einzurichten und zurechtzufinden gelernt hat, desto unbedeutender wird alles andere, was es in dieser Welt sonst noch zu entdecken und zu gestalten gibt. Wir sind gefangen in Routine. Indem wir \u00e4lter werden, Erfahrungen sammeln und unsere Lebenswelt nach unseren Vorstellungen gestalten, laufen wir zunehmend Gefahr, im Hirn einzurosten. Wir kennen \u201eunsere Pappenheimer\u201c und wissen \u201ewie der Hase l\u00e4uft\u201c. Wir erledigen unseren Job. Wir machen, was getan werden muss. Wir funktionieren. Der Preis daf\u00fcr ist hoch: f\u00fcr uns verliert das Leben seinen eigentlichen Reiz. Alles ist gleicherma\u00dfen bedeutsam oder unbedeutsam. Wir haben zwar unser Leben optimal in den Griff bekommen; unsere kindliche Begeisterungsf\u00e4higkeit mit seinen ganzen Reizen f\u00fcr unseren Geist haben wir aber bis zur Leblosigkeit abgew\u00fcrgt.<\/p>\n<\/div><div class=\"column column-number-2 last column-span-1\"><p>\nLeider ist vielen Erwachsenen genau das, weitgehend verloren gegangen was einem Kind die pure Lebensfreude vermittelt: die Begeisterung. Zwanzig bis f\u00fcnfzig mal am Tag erlebt ein Kleinkind einen Zustand gr\u00f6\u00dfter Begeisterung. Und jedes Mal kommt es dabei im Gehirn zur Aktivierung der emotionalen Zentren. Die dort liegenden Nervenzellen haben lange Forts\u00e4tze, die in alle anderen Bereiche des Gehirns ziehen. An den Enden dieser Forts\u00e4tze wird ein Cocktail von neuroplastischen Botenstoffen ausgesch\u00fcttet. Diese Botenstoffe bringen nachgeschaltete Nervenzellverb\u00e4nde dazu, verst\u00e4rkt bestimmte Eiwei\u00dfe herzustellen. Diese werden f\u00fcr das Auswachsen neuer Forts\u00e4tze, f\u00fcr die Bildung neuer Kontakte und f\u00fcr die Festigung und Stabilisierung all jener Verkn\u00fcpfungen gebraucht, die im Hirn zur L\u00f6sung eines Problems oder zur Bew\u00e4ltigung einer neuen Herausforderung aktiviert worden sind.<\/p>\n<\/div><\/div><br \/>\n<div class=\"column-group columns-2\"><div class=\"column column-number-1 column-span-1\"><p>\nDas ist der Grund, warum wir bei all dem, was wir mit Begeisterung machen, auch so schnell immer besser werden. Jeder kleine Sturm der Begeisterung f\u00fchrt gewisserma\u00dfen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abl\u00e4uft. So werden all jene Stoffe produziert, die f\u00fcr alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wof\u00fcr es mit Begeisterung benutzt wird.<\/p>\n<\/div><div class=\"column column-number-2 last column-span-1\"><p>\nDeshalb ist es entscheidend, sich als Heranwachsender oder Erwachsener diese Begeisterung zu bewahren. Leider erleben wir im Laufe unseres Lebens alle zu oft das Gegenteil. Wir stellen fest, dass uns die anf\u00e4ngliche Begeisterung, mit der wir uns als kleine Entdecker und Gestalter unserer Lebenswelt auf den Weg gemacht haben, beim \u00c4lterwerden zunehmend abhanden kommt. Denn wie oft \u00fcberw\u00e4ltigt uns heute noch ein Sturm der Begeisterung? Einmal pro Tag, einmal pro Woche? Einmal im Monat?<\/p>\n<\/div><\/div><br \/>\nWenn ich mich frage, wie oft mich der Sturm der Begeisterung ergreift, dann muss ich zugeben, das es ziemlich oft geschieht. Obwohl ich mich jetzt seit vielen Jahrzehnten mit H\u00f6lderlin befasse und obwohl ich den Text, den ich jetzt \u00fcberarbeite schon vor einigen Jahren geschrieben hatte, entdecke ich t\u00e4glich, ja fast st\u00fcndlich Neues, was regelm\u00e4\u00dfig Begeisterungsst\u00fcrme hervorruft.<\/p>\n<p>Es ist ein Text \u00fcber das Gedicht &#8222;H\u00e4lfte des Lebens&#8220;. Der erste Teil schildert die F\u00fclle einer innigen Beziehung in Liebe, der zweite Teil die K\u00e4lte der Trennung.<br \/>\nEs ist fast so wie H\u00fcther in seinem Text schreibt: Dem Kind ist fast noch alles bedeutsam, im Alter (wann beginnt das Alter? mit 20, 40, 50 oder auch erst mit 90 Jahren?) haben wir &#8222;unsere kindliche Begeisterungsf\u00e4higkeit mit seinen ganzen Reizen f\u00fcr unseren Geist \u00a0bis zur Leblosigkeit abgew\u00fcrgt&#8220;.<br \/>\nMuss das so sein?<br \/>\nH\u00f6lderlin meinte vermutlich mit dem Titel &#8222;H\u00e4lfte des Lebens&#8220; nicht zwei Lebensabschnitte der Jugend und des (trostlosen &#8211; ?) Alters. Im ersten Teil wird die Ganzheit in einer Verbindung der Gegens\u00e4tze erlebt, im zweiten der Fehl der &#8222;anderen H\u00e4lfte&#8220;, die uns fehlt um wieder ganz zu sein. Die Betonung liegt eindeutig auf &#8222;wieder&#8220;. Denn wir k\u00f6nnen immer wieder unsere Ganzheit zur\u00fcck gewinnen.<\/p>\n<p>Werden wir im Alter wieder wie die Kinder: entdecken wir voller Begeisterung stets das Neue und Aufregende in unserem Leben.<\/p>\n<p>H\u00fcther fragt in einem seiner Vortr\u00e4ge, ob ein 85 j\u00e4hriger Mann noch Chinesisch lernen kann. Vermutlich nicht in der Volkshochschule. Aber wenn er eine h\u00fcbsche junge Chinesin von 65 Jahren kennen lernt und sich in sie verliebt und sie ihn auffordert nach China in das Dorf Cheng Ching zu ziehen, dann wird er in einem halben Jahr Chinesisch gelernt haben!<\/p>\n<p>Aus Begeisterung!<\/p>\n<p>P.S.: Als ich diesen und andere Texte von H\u00fcther gefunden habe, bin ich aufgeregt vor Begeisterung durch die Wohnung und den Garten gerannt! Da ist noch einer, der so denkt, wie ich! Es braucht keine Rennwagen und keine Party, um Begeisterung im Leben zu sp\u00fcren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_1944_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1944_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1944_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_1944_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(1944, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 3\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_1944_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_1944_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/begeisterung\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade schreibe ich wieder mal an einem Buch \u00fcber H\u00f6lderlin. 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