{"id":15,"date":"2007-08-27T10:45:04","date_gmt":"2007-08-27T08:45:04","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=15"},"modified":"2016-01-12T16:21:50","modified_gmt":"2016-01-12T15:21:50","slug":"trunkene-stirn-und-hoher-besinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/trunkene-stirn-und-hoher-besinnen\/","title":{"rendered":"Trunkene Stirn und h\u00f6her Besinnen"},"content":{"rendered":"<p>Prof. Detlev Kantowsky  hat k\u00fcrzlich eine Monographie \u00fcber den Teeweg vorgelegt.<br \/>\nEr ist emeritierter Soziologie Professor an der Universit\u00e4t Konstanz und dort ist auch seine Arbeit ver\u00f6ffentlicht. Man kann die Arbeit online einsehen unter der Internetadresse:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ub.uni-konstanz.de\/kops\/volltexte\/2006\/1804\/\">Chado &#8211; Der Teeweg<\/a><br \/>\nIn dieser Arbeit werde ich zitiert, darum ist es sicher erlaubt, Stellung zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">In seinem Beitrag \u00fcber Das Teehaus im Englischen Garten f\u00fcr die anl\u00e4sslich des 200 j\u00e4hrigen Bestehens der Anlagen herausgebene Festschrift erkl\u00e4rt Gerhardt Staufenbiel, wie nach klassischer Auffassung eine derart absichtslose Freiheit auf dem Teeweg sich ergibt (1989, S. 142\/143):<\/p>\n<p style=\"margin-left: 20px; width: 400px\">Durch die \u00e4u\u00dferste Konzentration auf die Handlung sollen alle Gedanken zur\u00fccksinken und das Herz so gereinigt werden, wie man einen beschlagenen Spiegel reinigt. Sen Sotan schrieb: &#8222;Ein Herz besitzen, das auch nicht EINEM ETWAS verhaftet ist, das ist der Sinn der Versenkung. Selbst wenn es sich nur um das Handhaben des Teel\u00f6ffels handelt, gebe man sich ohne Einschr\u00e4nkung diesem Teel\u00f6ffel hin und denke an gar nichts anderes; das ist die rechte Handhabung von Anfang bis zum Ende. Auch wenn man den Teel\u00f6ffel beiseite legt, so tut man es mit der gleichen tiefen Hingabe wie vorher.&#8220; Hat der Mensch diese Reinheit des Herzens erreicht, so braucht er nach japanischer Auffassung keinerlei Vorschriften und Gesetze, keine Sittenlehre und kein Dogma, da er in der Lage ist, unverf\u00e4lscht das zu tun, was die Zeit von ihm fordert und es so zu tun, wie es die Harmonie des Ganzen erfordert. Ziel des Teeweges ist die v\u00f6llige Freiheit des Menschen in Harmonie mit seiner Umwelt.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">Nach diesen H\u00f6henfl\u00fcgen im intellektuellen \u00dcberbau bringt uns die Japanische  Teekultur (Leupi, 1990) wieder zur\u00fcck auf den Boden des Teeweges.<\/p>\n<p>Soweit Detlef Kantowsky.<\/p>\n<p>Ja ja, das waren und das sind intellektuelle H\u00f6henfl\u00fcge. Ich bekenne, dass ich diesen Text, der vor fast 20 Jahren entstanden ist, mit hei\u00dfem Herzen und &#8222;trunkener Stirn&#8220; geschrieben habe. Und dieses hei\u00dfe Herz habe ich noch heute.<\/p>\n<p>Sicher ist die Arbeit von Detlef, so darf ich ihn nennen, denn wir sind alte Teefreunde, eine sehr kritische und n\u00fcchterne Analyse der Realit\u00e4t des Teeweges in Deutschland. Und es ist gut, dass es eine solche Arbeit gibt.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t, in der Chado in Deutschland oder Japan gelebt wird, ist oft ern\u00fcchternd. Ganz besonders ern\u00fcchternd aber ist es, wenn man die japanische Realit\u00e4t betrachtet, die Detlef auch in seiner Arbeit schildert:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">Auch verstehe ich jetzt Prof. Matsumoto Michisuke besser, der in seinem schon erw\u00e4hnten Korreferat (1993, S. 117) die ausl\u00e4ndischen Kollegen und ihr Interesse an der Teezeremonie nicht etwa blo\u00dftellen wollte mit der Feststellung, da\u00df er davon nichts verstehe. Er wisse auch nicht, was ihr Wesen ausmache, und so wie ihm ginge es bestimmt den meisten japanischen M\u00e4nnern. Bei den Frauen allerdings sei es ganz anders, auch seine Frau habe einmal Teezeremonie gelernt. Auf seine Frage allerdings, was ihr die Teezeremonie denn bedeute, habe sie mit tashinami geantwortet, was in diesem Zusammenhang als  &#8222;Manieren&#8220; zu verstehen sei. Auf die weitere Nachfrage ihres Mannes, ob die Teezeremonie etwas Philosophisches beinhalte, meinte Frau Michisuke erstaunt, so ein Gedanke sei ihr dabei noch nie gekommen.<\/p>\n<p>Ja, der Teeweg wird in Japan gelebt als geselliges Beisammensein \u00e4lterer Frauen oder als Benimmschule f\u00fcr junge Frauen. Detlef:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">Den Darstellungen von Etsuko Kato zufolge wird die Teezeremonie von jungen unverheirateten Frauen meist gelernt, weil sich nach Meinung der Eltern damit ihre Heiratschancen verbessern w\u00fcrden. Erst nach Abschlu\u00df der Kinder-Aufzuchtphase w\u00fcrden viele Ehefrauen mittleren Alters den Teeunterricht fortsetzen bzw. erstmals beginnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Drei Ebenen der Anerkennung und Best\u00e4tigung seien dabei wichtig f\u00fcr sie: Zum einen die Gemeinsamkeit einer Lerngruppe bei immer der gleichen Lehrerin; auch wenn die Kontakte nicht \u00fcber den Unterricht und den anschlie\u00dfenden Schwatz bei einer Schale Schwarztee hinausgingen, entwickele sich \u00fcber die Jahre hinweg ein best\u00e4tigendes Wir-Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit untereinander ..<\/p>\n<p>Zum zweiten g\u00e4be es gr\u00f6\u00dfere Anl\u00e4sse, bei denen nicht nur innerhalb der eigenen Lerngruppe ge\u00fcbt, sondern einem zahlreichen Publikum Tee zeremoniell zubereitet und serviert werde.<\/p>\n<p>Kato erw\u00e4hnt als dritte Ebene auch die formelle Tee-Einladung, meint aber, da\u00df eine volle, mehr als vier Stunden dauernde Chaji immer weniger ge\u00fcbt werde; sie sei viel zu aufwendig und ein Teehaus samt Gartenanlage w\u00e4re meist auch gar nicht verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Viel wichtiger als solche klassischen Zusammenk\u00fcnfte im kleinen Kreis bei einer formellen Tee-Einladung seien f\u00fcr die Anerkennung und das Selbstwertgef\u00fchl der Tee-\u00dcbenden die \u00f6ffentlichen Auftritte der Gro\u00dfmeister ihrer Schulen, etwa bei Opfertees in Tempeln und vor shintoistischen Schreinen: Die Teesch\u00fclerinnen sind dabei als Umrahmung des Rituals plaziert und offerieren anschlie\u00dfend allen Anwesenden eine Schale Tee, den sie in Nebenr\u00e4umen zubereiten. Zum einen werde so die N\u00e4he der Sch\u00fclerinnen zum Iemoto ihrer Schule demonstriert, zum anderen aber findet bei solchen Gro\u00dfanl\u00e4ssen meiner Meinung nach genau das statt, was Kato im Untertitel ihres Buches signalisiert: &#8222;Bodies representing the past&#8220;. Mit ihrer traditionellen Kleidung sind es die Teesch\u00fclerinnen, die dem Ritual die klassische Atmosph\u00e4re geben. Frauen und nicht (mehr) M\u00e4nner manifestieren in Anwesenheit des Gro\u00dfmeisters ihrer Teeschule die gro\u00dfe Vergangenheit Japans, als die Menschen sich noch formvollendet zu kleiden und bewegen wussten<\/p>\n<p>Das ist schon die Realit\u00e4t in Japan &#8211; Teezeremonie als historisches Relikt und Freizeitvergn\u00fcgen \u00e4lterer Damen. Aber ist das der Tee &#8211; &#8220; WEG&#8220; ? Wohl kaum. Und das ist auch nicht der Tee Riky\u016b&#8217;s. Ein Amerikaner, der sich seit vielen Jahren mit dem Teeweg befasst und der ein ungeheures Wissen hat, erkl\u00e4rte mir einmal: &#8222;Heutige Japaner sind prinzipiell nicht in der Lage, den Teeweg zu verstehen!&#8220; Tee ist dort so etwas \u00e4hnliches wie das Schuhplatteln in Oberbayern.<\/p>\n<p>Detlef schlie\u00dft seine Arbeit mit einem Hinweis auf eine merkw\u00fcrdige Diskrepanz, der Teeweg wird:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">im westlichen Ausland als eine kunstvolle Form der Bewu\u00dftseinsschulung von wenigen meist j\u00fcngeren M\u00e4nnern (!) und Frauen auf der Suche nach alternativen Daseinsdeutungen gew\u00e4hlt, (dagegen) wird er im modernen Japan massenhaft vor allem von \u00e4lteren Frauen als Mittel zur sozialen Aufwertung und Anerkennung durch die &#8222;main stream society&#8220; praktiziert.<\/p>\n<p>So besteht immer noch die Hoffnung, dass wir im Westen den Teeweg  wieder neu finden als Weg zur Stille und zu sich selbst, so wie er von den alten Teemeistern der Momoyamazeit verstanden wurde. Sohshitsu Sen, der 15. Iemoto der Urasenke stellte einmal die Frage:<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Ausl\u00e4nder den Teeweg verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht ist es an der Zeit, die Frage neu zu formulieren:<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Japaner den Teeweg verstehen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht muss man den Blick des Fremden haben, um das Wesen einer Sache zu verstehen. Das Gewohnte, das uns t\u00e4glich umgibt, wird allzu leicht zum Gew\u00f6hnlichen. Damit ist das Fragen und das Staunen gestorben. Martin Heidegger sagte: Das Fragen ist die Fr\u00f6mmigkeit des Denkens. Das Gewohnte und damit Gew\u00f6hnliche ist nicht Frag &#8211; w\u00fcrdig genug, um es \u00fcberhaupt in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>Mit H\u00f6lderlin  <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/teeweg.de\/de\/varia\/hoelder\/gang\/index.html\">Gang aufs Land<\/a> k\u00f6nnten wir fast sagen:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 10px; width: 400px\">Tr\u00fcb ists heut, es schlummern die G\u00e4ng und die Gassen und fast will<br \/>\nMir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.<br \/>\nDennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer<br \/>\nStunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.<\/p>\n<p>Die bleierne Zeit ist die Zeit der n\u00fcchternen Analyse, die jede Hoffnung zerst\u00f6rt und meint, der Teeweg als geistiger Weg  ist nicht m\u00f6glich und solche S\u00e4tze wie &#8222;Ziel des Teeweges ist die v\u00f6llige Freiheit des Menschen in Harmonie mit seiner Umwelt&#8220; sind nichts anderes als geistige H\u00f6henfl\u00fcge.<\/p>\n<p>Detlef Kantowsky schlie\u00dft seine Monographie mit den Worten::<\/p>\n<p>Bodidharma ging nach Osten, um die reine Lehre in einem neuen Land zu verbreiten. Mu\u00dfte Soshitsu Sen XV nach Westen gehen, um den &#8222;Geist des Tees&#8220; an junge Menschen mit Anf\u00e4ngergeist weitergeben zu k\u00f6nnen ?<\/p>\n<p>Hoffen wir, dass wir den Anf\u00e4ngergeist bewahren k\u00f6nnen und dass &#8222;von trunkener Stirn h\u00f6her Besinnen entspringt&#8220; und &#8222;mit der unseren zugleich die Bl\u00fcthe des Himmels&#8220; beginnen m\u00f6ge. Zengeist ist Anf\u00e4ngergeist!<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_15_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_15_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_15_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_15_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(15, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 0\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_15_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_15_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/trunkene-stirn-und-hoher-besinnen\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Detlev Kantowsky hat k\u00fcrzlich eine Monographie \u00fcber den Teeweg vorgelegt. 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