{"id":11903,"date":"2020-11-22T18:48:34","date_gmt":"2020-11-22T17:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=11903"},"modified":"2020-11-23T21:54:26","modified_gmt":"2020-11-23T20:54:26","slug":"sprachlos-und-kalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/sprachlos-und-kalt\/","title":{"rendered":"Sprachlos und kalt"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit fast zehn Monaten sitze ich jetzt an meinem Buch \u00fcber H\u00f6lderlin. Nein, eigentlich seit drei\u00dfig Jahren. Das Thema ist das kleine Gedicht &#8222;H\u00e4lfte des Lebens&#8220;. Schon w\u00e4hrend meiner Zeit als VHS Philosophie &#8211; Dozent haben wir immer wieder Wochenendseminare und Kurse \u00fcber H\u00f6lderlin gehabt. Das Thema des kleinen Gedichtes hat mich immer wieder gefesselt. Vor fast zwanzig Jahren habe ich dann einen Text dar\u00fcber geschrieben, der auch im Internet ver\u00f6ffentlich ist. <br \/><br \/>Aber mir hat in diesem Text zu viel gefehlt. Darum habe ich mich vor zehn Jahren daran gesetzt, den Text zu \u00fcberarbeiten und das Fehlende zu erg\u00e4nzen. Aber dann kam der Winter. Zwar ein Winter ohne Corona, aber es war kalt und neblig und dunkel. Ich mochte oder konnte einfach nicht weiter schreiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Und wie es so ist, es passiert so vieles und das Projekt ist in Vergessenheit geraten. Dieses Jahr 2020 ist das H\u00f6lderlin Jahr. Im Fernsehen kam ein Film \u00fcber das Leben H\u00f6lderlin, seine &#8222;Entf\u00fchrung&#8220; nach T\u00fcbingen und seine Zeit in der T\u00fcbinger  Authenrietschen Klinik. <br \/>Ich war zwar fast fertig mit einem Buch \u00fcber das Daodejing, \u00fcber nun war H\u00f6lderlin wichtiger. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber was tut man mit Texten, die vor zehn Jahren geschrieben wurden? Da passt nichts mehr. Man ist \u00e4lter geworden und vielleicht weiser? Vielleicht nicht weiser, aber wei\u00dfer auf jeden Fall!Also hei\u00dft es, alles vergessen und ganz von vorn beginnen. Das war manchmal so frustrierend, dass ich mein Buch \u00fcber meine Hunde zwischenrein als Erholung geschrieben habe. Nun, wieder im November und durch Corona ohnehin ans Haus gefesselt n\u00e4hert sich das Buch dem Ende. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute habe ich mir die Gedichtzeilen in der zweiten Strophe vorgenommen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Mauern stehn<br \/>Sprachlos und kalt, im Winde<br \/>Klirren die Fahnen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da ist ein eigenartiger Rhythmus in den Versen. Die Mauern stehn &#8211; Pause. Dann beginnt es zu tanzen: &#8222;Spachlos und kalt&#8220; . Die letzte Zeile klingt wieder wie der Titel des Gedichtes in einem eigenen Rhythmus: H\u00e4lfte des Lebens &#8211; Sprachlos und kalt.<br \/>Und dann habe ich eine Arbeit genau \u00fcber diese Textstelle gefunden. Die erkl\u00e4rt alles. (Oder Nichts?) Da klirren die Worte sprachlos und kalt. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass ich das nicht vorher gefunden habe. Denn dann h\u00e4tte ich erkannt, dass ich so \u00fcberhaupt nichts verstehe. Muss ich jetzt aufh\u00f6ren weiter zu schreiben? Schaut selbst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;In der Tat haben die Enjambements und die \u00bbstaccato-\u00e4hnliche Unterbrechung\u00ab der zweiten Strophe zur Folge, dass nicht der dritte P\u00e4on, der nach Klopstock und nach Moritz sehr schwungreiche und aufw\u00e4rtsstrebende Dydimeus (\u00bb\u00ab!\u00ab),sondern der zweite P\u00e4on denVersfu\u00df par excellence darstellt: \u00bb!\u00ab\u00ab. Er zeigt sich mindestens vier Mal:\u00bbwo nehm ich, wenn\u00ab, \u00bbEs Winter ist\u00ab, \u00bbdie Blumen, und\u00ab, \u00bbden Sonnen-schein\u00ab sowie \u00bbDie Mauern stehn\u00ab. F\u00fcr Moritz ist der zweite P\u00e4on dissonant, da er in den abtaktigen zwei Senken doppelt abf\u00e4llt. Damit verliert die zweite Strophe wegen der leicht nachverschobenen Versz\u00e4sur an Schwung und f\u00e4llt wiederholt in sich zusammen und damit in die Leere der Z\u00e4sur zu-r\u00fcck. Umso deutlicher tritt sodann der akephale Pherekrateus \u00bbUnd Schatten der Erde\u00ab hervor. Er steht parallel zum gleich rhythmisierten f\u00fcnften Vers der ersten Strophe \u00bbUnd trunken von K\u00fcssen\u00ab und verweist auf die Oralit\u00e4t, auf das gesprochene Wort. Im Gegensatz dazu \u00bbstehn\u00ab die blo\u00dfen Schriftzeichen \u00bbsprachlos\u00ab, und die \u00bbBlumen\u00ab der Rhetorik sind in der blo\u00dfen Schriftlichkeit in visuellen Zeichen erstarrt. Die \u00bbSchatten der Erde\u00ab werden so alsSchrift zum Ort der Zeitlichkeit, der trunkenen verg\u00e4nglichen Dichtung, was erst durch die eigenrhythmische R\u00fcckbez\u00fcglichkeit und Entfaltung m\u00f6glich wird. Doch nur der Ort, das \u00bbDort\u00ab der Schrift kann die Mehrdeutigkeit, die durch die Z\u00e4sur zustande kommt, aufzeigen und so das Wort in seiner Bewegung lebendig halten. Damit erh\u00e4lt die vormals erstarrte Schriftlichkeit eine Umwertung. Denn erst sie beinhaltet das ganze Potential des gesprochenen Worts. Die \u00e4olischen Periodisierungen in der ersten H\u00e4lfte des Gedichts sind durchwegs in einer antiken Quantit\u00e4tsrhythmik gehalten, w\u00e4hrend die kata-metron-Passagen der zweiten H\u00e4lfte sich st\u00e4rker an eine deutsche Taktrhythmik anlehnen.&#8220;<\/p><cite>Zitat aus: Boris Previ\u0161i\u0107 H\u00f6lderlins Rhythmus<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Alles klar?<br \/>Wie gut, dass es Wissenschaft gibt!<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_11903_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_11903_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_11903_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_11903_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(11903, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 55\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_11903_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_11903_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/sprachlos-und-kalt\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit fast zehn Monaten sitze ich jetzt an meinem Buch \u00fcber H\u00f6lderlin. 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