DAO und die Zehntausend Dinge

Dao De Jing Nr. 42

Das Kapitel 42 des Dao De Jing enthält die philosophische Deutung der Weltordnung. Der erste Teil spielt mit den Zahlen EINS, ZWEI, DREI und 10.000.
道生一。
一生二。
二生三。
三生萬物。
萬物負陰而 抱陽,
沖氣以為和。
dao sheng yi,
yi sheng er,
er sheng san,
san sheng wan wu.
wan wu fu yin er bao yang,
chong qi yi wei he.

DAO lebt EINS
EINS lebt ZWEI
ZWEI lebt DREI
DREI lebt ZEHNTAUSEND DINGE
ZEHNTAUSEND DINGE: tragend YIN, haltend YANG
Qi unendlich offen : das gewährt Harmonie

Die übliche Übersetzung der Stelle lautet:
Der WEG schuf die Einheit,
Einheit schuf Zweiheit
Zweiheit schuf Dreiheit
Dreiheit schuf die zehntausend Wesen.
Günter Debon
das Dao gebahr das eine
das eine gebahr die zweizahl
die zweizahl gebahr die dreizahl
aus der dreizahl wurde die vielzahl
Ernst Schwarz

Sengai Shibayama: Das Universum
Der Kreis steht für die EINS, das Ungeformte. ALLES: EINS
Das Dreieck ist die Form, die Differenziertheit.
Das Viereck ist die in den 10.000 Dingen voll entfaltetet Welt

Die Zahlen EINS ZWEI und DREI stehen sicher für ältere mythische Bilder. Es ist charakteristisch für das chinesische Denken, dass die mythischen Bilder sehr früh schon durch 'rationale' Muster ersetzt werden. EINS ist die Einheit des Ununterschiedenen, ZWEI die Polarität - etwa von Himmel und Erde, Hell und Dunkel, männlich und weiblich. DREI ist die beginnende Entfaltung in die Vielfältigkeit der Zehntausend Dinge. Dinge, , die 'wu' oder japanisch gelesen: butsu, motsu oder mono ist Alles, was ist. Das sind nicht nur gemachte Dinge wie Häuser, Brücken, Krüge, sondern auch Nicht-gemachtes, 'Geborenes' oder 'Entstandenes' wie Bäume, Quellen, Felsen, Berge und Flüsse oder das Meer. Aber auch die Kami, die 'Götter', die Geister, die Toten, Liebe und Hass, Neid und Missgunst, Freude und Trauer sind 'butsu', Dinge. Dao "schuf" oder nach der Übersetzung von Schwarz "gebahr". Beiden Übersetzungen ist gemeinsam, dass sie die Vergangenheitsform wählen. Damals, als Dao schuf, bzw. gebahr. Aber das ist nun schon lange her. Die Stelle wird in Analogie zum Schöpfungsbericht gelesen. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Dao ist dann so etwas wie der Schöpfer, der das EINS schafft.
Exkurs: Der Demiurg - der Schöpfer -(Gott) - Platon
Bei Platon im Timaios ist der Schöpfer der Δημιουργος (Demiurg), der zunächst auf ein Vorbild schaut, das in sich weder Anfang noch Ende hat und das vollkommen ist. Der Demiurg schaut, damit die Welt vollkommen werden kann, auf das Urbild, die ιδεα, die 'Idee' des EINEN, um dann den Kosmos zu schaffen. Auf dieses Vorbild schauend schuf er den 'Körper' der Welt als

einen glatten, ebenmäßigen und vom Mittelpunkt aus nach allen Richtungen gleichen, ganzen und vollkommenen, aus vollkommenen Körpern bestehenden Körper (σωμα).
Indem er aber in seine Mitte eine 'Seele' (ψυχη) setzte, ließ er diese das Ganze durchdringen und auch noch von außen her den Körper durchdringen, und bildete als einen im Kreis sich drehenden Kreis einen alleinigen Himmel (ενα μονον ουρανον)

Der 'Körper' des Kosmos ist ein vollkommen rundes EINS, das aber von einer Psyche, einer 'Seele' durchdrungen ist und zwar so, dass der Körper und die Seele eine untrennbare Einheit bilden. Im platonischen Denken ist der Körper - Soma (σωμα) das Tote, die Psyche (ψυχη) das Lebendige. In der alten griechischen Sprache zur Zeit Homers ist Psyche einfach nur der Lebensatem. Wenn der Mensch stirbt, verläßt ihn der Lebensatem mit dem letzten Atemhauch, übrig bleibt der Soma, der Leichnam. Ein lebendiger Mensch hat keinen Soma, er IST Achilles oder Patroklos. Weil Platon Psyche und Soma getrennt denkt, muss er den Weltkörper wieder mit einer Psyche beleben, die den Körper ganz und gar durchdringt und sogar noch von außer herum wieder einhüllt. Dadurch wird der Weltkörper durch und durch belebt.

Diese EINE ist in Platons Denken aber aus einer Dreiheit zusammengesetzt. Der Weltkörper, der geschaffen ist, muss, weil er geschaffen wurde, auch wieder vergehen. Damit er vollkommen ist, muss er aber nach dem Vorbild des Unvergänglichen geschaffen sein. Dieses wiederum kann sich nicht und niemals verändern, sonst wäre es nicht vollkommen. Also muss das NICHTS als Zweiter Bereich hinzukommen. Alle Körper sind dann konstituiert als eine Dreiheit, dem SEIN, dem NICHTS und dem daraus gemischten WERDEN -VERGEHEN. Auch hier findet sich also wieder die Einheit, die aus einer Dreiheit besteht.

Der Demiurg ist so etwas wie ein Handwerker. In der alten griechischen Sprache ist der Demiurg derjenige, der für den Dêmos, die Gemeinde oder das Dorf die öffentlich wichtigen Arbeiten durchführen kann. Er baut Häuser oder Schiffe, weil er sich mit den "Werken", den 'erga' auskennt. Nachdem er sein Werk verrichtet hat, hat er keine Verbindung mehr zu dem Geschaffenen. Ja, der Demiurg ist so verschieden von dem Geschaffenen, dass er ihm quasi gegenübersteht, auf ein vollkommenes Vorbild schaut, das nicht entstanden ist und deshalb auch nicht vergehen kann und so schauend schafft er ein ihm vollkommen Anderes. Die große philosophische Frage, die sich hier stellt, ist: "Wo ist der Demiurg, wenn er nicht gerade schafft und was tut er, wenn er nicht schafft."

Im Gegensatz zum Demiurg ist DAO nicht etwas ganz anderes, das den 10.000 Dingen fremd gegenüber steht. Es ist auch nicht 'unvergänglich' im platonischen Sinne, denn für Platon kann sich das Unvergängliche auch selbst niemals ändern. DAO ist aber geradezu schlechthin das ständig neu sich Ändernde. Es IST, weil es sich stets ändert. Die Unvergänglichkeit des DAO ist die unaufhörliche Änderung.

Auch im Schöpfungsbericht der Bibel scheint der Schöpfer wie ein Demiurg gedacht zu sein. Gott "macht" Adam" aus dem Adamas", dem Acker. Er formt den Menschen, so wie ein Töpfer seine Gefäße formt, um sie, wenn ihm die Gefäße nicht mehr gefallen, zu zerschlagen. Damit ist der Schöpfergott nicht nur ein Demiurg. Er ist auch ein zorniger Gott, der die Geschöpfe, wenn sie seinen Zorn erwecken, jederzeit nach seinem Willen wieder zerstören kann.
DAO hat kein "Interessen" an den 10.000 Dingen. keines der Zehntausend ist benachteiligt, keines vorgezogen. In dem DAO die Zehntausend 'lebt', entstehen und vergehen die Dinge nach der Zeit.

Werden und Vergehen - Schicksal
Niemand, auch der Weise, der im Einklang mit dem DAO steht, kann dem Schicksal des Vergehens entkommen.

Die Zeit
Aber schon Martin Buber macht darauf aufmerksam, dass im Schöpfungsbericht in der hebräischen Sprache eine Zeitform gewählt ist, die im Deutschen nicht existiert. Gott "schuf" nicht irgend wann einmal in der Vergangenheit, um dann sein Werk abzuschließen. Die Zeitform zeigt etwas an, das zwar in der Vergangenheit begann, aber immer noch fort wirkt. "Gott sprach: 'Licht werde! - Licht ward". Dies hat nicht irgendwann einmal begonnen, es geschieht immer noch. Jeden Tag, wenn sich die Sonne erhebt ist es die Wirklichkeit, dass das Licht wird! In der jüdischen Kabbala wird das Schöpfungsgeschehen so verstanden. Jeden Tag, wenn sich die Sonne erhebt, werde ich selbst Zeuge dessen, dass das Licht 'ward'. Der Schöpfungsbericht ist keine historische Berichterstattung. Er spricht davon, was sich in der mythischen oder auch der mystischen Weltsicht ständig neu vollzieht.

Im chinesischen Text des Dao De Jing ist überhaupt keine Zeitform erkennbar.
Das Wort "sheng" (japanische Lesung "sei") kann sehr verschiedene Bedeutungen haben.

Entwicklung des Schriftzeichens Sheng
Sheng zeigt eine Pflanze, die austreibt und Blätter entwickelt.

Es kann durchaus "Gebären" heißen, wie es Schwarz übersetzt. Dao 'gebar' EINS. Auch hier ist eine Trennung von Dao und dem EINS gedacht. Nachdem der Vorgang des Gebärens abgeschlossen ist, sind Dao und das EINS voneinander getrennt. Aber die Geburt wird genauer bezeichnet als 出生. Das Wort Sei ist genauer "leben". Sen-sei 先生 ist derjenige, der früher oder voraus 'lebt' und deshalb auf seinem Lebensweg mehr Erfahrung gesammelt hat als sein Sei-To 生徒, der ihm -nachfolgend 'lebt', sein Schüler. 一生 Isshou (ichi sei) bedeutet: ein Leben, das ganze Leben. Man könnte dann den ersten Vers übersetzen:

道生一 DAO LEBT EINS

Dao und EINS sind überhaupt nicht unterschieden. EINS ist, indem DAO lebt - Dao lebt, indem EINS ist. EINS ist die Entfaltung von DAO, das 'lebt'. Aber EINS kann nicht leben, ohne sich zu entfalten zu ZWEI und ZWEI entfaltet sich, indem es lebt zu DREI und die wieder zu den zehntausend Dingen. Es ist nicht so, dass irgendwo und irgendwann DAO war, das über den Umweg des EINS, der ZWEI und der DREI die Zehntausend Dinge 'geschaffen' oder 'gezeugt' oder 'geboren' hätte. Die Zehntausend Dinge sind DAO, sie sind 'LEBEN' des DAO.

Im Fragment 50 von Heraklit heißt es:
σοφον εστιν εν παντα ειναι
das Weise: (σοφον)
WEISE IST: EINS - ALLES (εν παντα)

Dieser Spuch Heraklits wird häufig in vereinfachender Weise gelesen als:
Es ist weise zu sagen, dass Alles Eins ist.
Aber "SOPHON σοφον " ist für Heraklit ein Grundwort für das Unnennbare. Ein anderes Worte, mit denen Heraklit dieses Unennbare bezeichnet ist: Physis (Natur, das ständige aus dem Verborgenen hervor - Gehen, Wachsen, Welken und wieder Vergehen), Polemos (das stets miteinander Ringende, in dem jeweils Zwei miteinander das werden, was sie sind - Herr oder Knecht, Sterblich oder Unsterblich), Pyr - Feuer (das stets Aufleuchtende und wieder Verglimmende, das alles hell werden lässt, aber auch wieder in die Dunkelheit zurück birgt).

Wenn SOPHON, das WEISE IST, dann gilt: EINS - ALLES.
Damit zeigt sich eine verblüffende Nähe des Denkens von Heraklit zu Laotse.

Im Dao De Jing Nr. 1 heißt es:

無 名 天 地 之 始  wu ming tian di zhi shi.
有 名 萬 物 之 母  you ming wan wu zhi mou
Ohne Namen: Himmel Erde Ursprung
Haben Namen: 10.000 Dinge Mutter

Das, was keinen Namen hat, ist der Ursprung, der Anfang von Himmel und Erde ( 天 地 ). Himmel und Erde sind nicht einfach nur die beiden Gegensätze, sie sind die ZWEI. Zwischen Himmel und Erde können die zehntausend Dinge ihren Raum und ihre Zeit finden. Sie selbst sind nicht 'geboren' oder gezeugt, sie haben keine 'Mutter' wie die 10.000 Dinge. Im griechischen Mythos sind Himmel und Erde Vater und Mutter von allem, was ist. Der Himmel zeugt mit der Erde die Berge, das Meer, die Götter, die Menschen und alles, was belebt und unbelebt zwischen Himmel und Erde ist. Im chinesischen ist der Mythos bereits sehr früh verschwunden und hat einer 'rationalen' Weltbetrachtung Platz gemacht. Der Himmel ist das, was sich über dem Kopf des Menschen ausspannt. Das Schriftzeichen für Himmel zeigt einen Menschen, der mit weit ausgestreckten Armen da steht. Der oberste Strich ist das, was sich über seinem Kopf ausdehnt. Mit den Füßen steht der Mensch auf der Erde, die ihn trägt und nährt. Damit ist der Mensch das Wesen schlechthin, das ZWISCHEN Himmel und Erde steht. Die drei Ebenen Erde, Mensch, Himmel bilden die Grund-Dreiheit des Kosmos. Die Trigramme mit dem Platz für die Erde, den Menschen und den Himmel bilden die Grundlage des I Ging, einer der Überlieferungen Chinas, die in die ältesten Schichten zurück reicht.

Nicht nur in Ostasien ist diese Dreiheit eine Grund-Struktur. Auch Hölderlin fragt:

Darf, wenn lauter Mühe das Leben ein Mensch aufschaun und sagen:
so will ich auch sein?

Die Zehntausend Dinge und YIN und YANG

Die nächste Zeile lautet:

萬物負陰而 抱陽  wan wu fu yin er bao yang
Zehntausend Dinge tragen YIN und halten im Arm Yang

Yin, das Dunkle, der Rücken
Yin und Yang sind die zwei Urprinzipien, in denen der gesamte Kosmos zweigeteilt ist. Yin ist dunkel, Yang ist hell.
Es ist nicht klar, ob der Satz aktiv oder passiv zu lesen ist. Tragen die Dinge Yin und Yang oder trägt Yin und Yang die Dinge?
Das Wort für tragen zeigt eine Trompeten-Muschel , die etwas auf der Schulter oder dem Rücken trägt. Ausdrücklich betont wird das Tragen auf dem Rücken mit der Kombination 背負 (rückwärts, umwenden, hinten und tragen). Aber das Getragene muss nicht nur eine physische Last sein. Die Kombination von Tragen mit 'Selbst' 自負 ergibt die Selbstzweifel, aber auch den (übertriebenen) Stolz.
Im griechischen Mythos ist es Atlas, der trägt. Er trägt im Mythos den Himmel auf seinem Rücken. Sein Tragen eröffnet die Weite zwischen Himmel und Erde. In alten Darstellungen auf Vasenbildern aus Sparta wird Atlas gezeigt, der mit dem Rücken an eine Säule gebunden steht und eine schwere Last, offenbar das Himmelsgewölbe auf den Schultern trägt. Schon der Name Atlas zeigt ihn als den Tragenden. Die Wurzel *tlao ist das Tragen, die Vorsilbe a- verstärkt das Tragen. Atlas ist das Bild des Menschen, der sein Leben 'trägt'. In der Depression wird die Last des Tragens so stark, dass sich der Rücken beugt und der Mensch in sich zusammensinkt. Die Säule, an die Atlas untrennbar gebunden ist, kann durchaus auch die Wirbelsäule sein. Sie ist es, die den Menschen trägt und aufrecht stehen lässt, so dass der Kopf in den Himmel ragt und die Füße auf der Erde aufruhen. Heidegger spricht in "Sein und Zeit" vom Lastcharakter des Daseins. Wir sind es, die unser Sein zu tragen haben. Manchmal, wenn die Last zu stark wird, rundet sich der Rücken, die Arme sinken und die Schultern beugen sich nach innen, so dass das Herz eingeschnürt und eng wird.
Auch die Muschel ist mit ihrem Gehäuse stark, aber sie birgt in ihrem Inneren den weichen Kern, der so geschützt ist. Die Dinge 'Tragen das YIN' 負陰, aber sie 'bergen in den Armen das Yang 抱陽. Das Schriftzeichen zeigt als radikal die Hand. Das Helle Yang wird nicht im Rücken lokalisiert, sondern ist in den Armen geborgen. Damit sind die zwei Seiten des Menschen genannt.

Der Rücken ist dunkel. Alle Sinnesorgane sind auf der Vorderseite, jede Aktivität geht nach vorn. Die Hände sind vorn, wir gehen nach vorn. Damit ist die Vorderseite die helle, die erleuchtete Seite des Menschen. Aber der (dunkle) Rücken ist es, der den Menschen trägt. Dort ist die Wirbelsäule und die Muskulatur, die die Wirbelsäule trägt und stützt. Alle Haltungsprobleme des Menschen, Bandscheiben-Probleme usw. sind im Rücken lokalisiert. Im Teeweg klagen Anfänger häufig über Schmerzen in den Füßen oder Knien, wenn sie am Boden im Seiza sitzen. Aber die Schmerzen entstehen in der Regel durch Fehlhaltungen, die im Rücken verfestigt sind. Werden die Rückenprobleme gelöst, lösen sich auch die Schmerzen in den Knien. Nach der medizinischen Denkweise Chinas führen ja alle Meridiane durch die Knie. Wenn irgendwo eine Blockade oder ein Stau auftritt, machen sich diese Probleme in den Knien bemerkbar, wie sie beim Seiza stark gedehnt werden. Wenn es gelingt, den Rücken weich und geschmeidig zu bekommen, beginnt die Energie, das Ki (chinesisch qi) zu fließen. Im Yoga gibt es eine Übung, die Paschimottanasana, die Asana, die 'den Rücken erleuchtet'. Der Rücken trägt und schützt den Menschen, so wie die Muschelschale schützt. Aber die Verletzungen, Demütigungen oder Ängste sind im Rücken gespeichert. Der Bereich zwischen den Schulterblättern wird hart wie ein Panzer und der Rücken wird rund und hart und die Schultern fallen nach vorn. Im indischen Ayurveda kennt man die 'Stanarohitas', die Stellen an der Vorderseite des Körpers, die einfallen, wenn die Schultern nach vorn heruntersinken. Wenn die Stanarohitas weit und gefüllt sind, empfindet der Mensch Freude, sind sie eingesunken, zeugt das von einer deprimierten Stimmung. Die Ängste und Verletzungen, die im Rücken verfestigt sind, blockieren die Öffnung des Herzens an der Vorderseite, der Mensch kann sich nicht richtig freuen. Im Teeweg ist es also die erste Aufgabe, den Rücken zu öffnen und die Freude zu befreien. Dabei muss sehr behutsam vorgegangen werden. Werden die Blockaden im Rücken gewaltsam geöffnet, bricht die Angst vor Verletzungen durch. Diese kann zu Aggressionen führen, weil man versucht, die vermeintliche Schutzlosigkeit durch vorsorglichen Angriff abzuwehren. Ist der dunkle Rücken von den Blockaden befreit und "erhellt", so trägt nicht der Rücken das Yin, sondern das Yin den Rücken. Der Rücken wird lebendig und warm und gewinnt die Kraft, den ganzen Menschen mühelos zu tragen. Der 'Sitz' der Kraft, die keine starre Gewalt sondern eine fließende Lebendigkeit wird, sitzt im Iliosakralgelenk, der Stelle im Rücken, wo die Wirbelsäule auf dem Becken aufsitzt. Hier liegt in der chinesischen Medizin der "Purpurbrokat", der Sitz der Lebenskraft.

Yang, das Helle, in den Armen tragen
Im Gegensatz zum Yin, das mit dem Rücken und dem Tragen verbunden ist steht das Yang: 抱陽 bao yang.
Das Schriftzeichen zeigt vorne als Radikal eine Hand. Die Vorderseite des Menschen ist die aktive Seite. Alle Sinnesorgane zeigen nach vorn und sind nach vorn gerichtet. Die Hände greifen nach vorn, wir gehen nach vorn. Jeder Kontakt zu den Mitmenschen und zu der Welt wird über die Vorderseite aufgenommen und aufrecht erhalten. Damit sind die zwei Seiten des Körpers deutlich voneinander unterschieden. Weil alle Sinnesorgane und alle Gliedmassen nach vorne gerichtet sind, ist die Vorderseite hell und klar. Sie ist YANG. Wenn das Tragen und das Umfangen zusammenkommen, entsteht 抱負, hôfu (jap.). Hôfu ist die Bestrebung, das Sehnen, die Ambition, der Anspruch. Das Sehnen ist nach vorn gerichtet, auf das Andere, aber es ist getragen (vom Rücken). Ohne dass der Mensch in sich ruht und in sich getragen ist, kann das Sehnen und die Ambition nicht wirklich gelingen. Nur wenn beide Seiten, das Yin und das Yang, der unbewusste, dunkle Rücken und die helle, bewusste Vorderseite im Gleichgewicht stehen, kann ein vollkommener Mensch in sich stehen. Erst, wenn Yin den Rücken trägt und nicht der Rücken Yin, kann sich das Herz öffnen und der Mensch die Dinge umarmen. Ist der Rücken hart, kann man zwar auch dir Dinge in den Arm nehmen, aber das ist von Gewalt und Festhalten-Wollen geprägt. Der Text des Dao De Jing sagt dies nicht nur für den Menschen, sondern für alle die 10.000 Dinge.

Stets und jeden Augenblick: EINS, ZWEI, ZEHNTAUSEND
In dem Jedes Yin im Rücken und Yang im Arm hat, 'lebt' jedes Einzelne, jedes EINS die ZWEI. Wird die ZWEI gelebt, so öffnet das den Austausch mit den Zehntausend. "DAO lebt EINS, EINS lebt ZWEI" ist kein Satz, der von der Weltenstehung spricht, die irgend wann einmal geschehen ist. Es sagt das, was sich stets und ständig neu wieder vollzieht. Der Zen Meister Zuzuki hat in einem Lehrvortrag über den Meditationssitz gesprochen. Wir schlagen den rechten Fuß über das linke Bein und den linken Fuß über das rechte Bein. Wenn wir so sitzen, können wir nicht mehr unterscheiden, was rechts und was links ist. Beide Seiten werden EINS. Wenn man aber meint, man sei EINS und nicht Zwei, so irrt man. Wir sind sowohl Eins als auch Zwei. Die Eins lebt die Zwei.

Die zehntausend Dinge und das Qi

Die zehntausend Dinge habe jedes für sich eine feste Form. Sie unterscheiden sich voneinander und sie streben auseinander, weil jedes es Selbst sein will. Aber es gibt dennoch etwas, das sie EINT, das QI, oder wie die Japaner sagen, das KI .

沖氣以為和。 chong qi yi wei he

Unendliches Ki schafft Harmonie.
 

Entwicklung des Radikals QI
Das Zeichen zeigt Wasser, auf das die Sonne oder Hitze einwirkt. Dadurch entsteht DAMPF


Qi oder in der neueren Schreibweise ist ein zentraler Begriff, nicht nur in der chinesischen Medizin. Das Schriftzeichen kommt in einer ungeheuren Fülle von Komposita vor. Sehr viele Zeichen stammen aus dem Bereich der Luft und des Wetters. 天気 Tenki ist das Ki des Himmels, das Wetter. Alle atmosphärischen Erscheinungen hängen mit Ki zusammen. Wenn es Herbst wird, spürt man 秋気 Shô-ki, Herbst - Ki, der Frost ist 寒気 Kan - Ki, kaltes Ki.
Das Zeichen zeigt ursprünglich Wasser, auf das die Sonne oder Hitze einwirkt. So entsteht Dampf. Dampf kann in sichtbarer Form aufsteigen, er kann aber auch weitgehend unsichtbar bleiben, etwa in einer feuchten Atmosphäre. Bei feuchtem Wetter ist der Dampf überall anwesend, er durchdringt alles und dringt durch die kleinste Ritze. Man kann ihn fühlen, aber nicht sehen. So ist auch Qi überall anwesend, Alles ist durchdrungen von Qi, aber man kann es nicht sehen oder isolieren. Dampf, der isoliert wird, ist kein Dampf mehr. Qi, das das isoliert würde und nicht durch Alles strömt und sich überallhin verteilt, ist kein Qi mehr.

Auch im Bereich der psychischen Erscheinungen spielt Ki eine Rolle. Wenn Ki von jemanden ausgeht und den anderen anspricht, ist das 愛習氣 aiji-ki, Liebe, dunkles oder Yin -Ki dagegen 陰気 In - Ki ist die Melancholie. Genki 元気, ursprüngliche Energie ist die Gesundheit. Man fragt in Japan, o genki desu ka, wie ist ihr 'Genki', wie geht es ihrem ursprünglichen Ki.

Jedem Wesen ist nur eine bestimmte Menge Qi mitgegeben. Wenn Qi aufgebraucht ist, tritt der Tod ein. Ki kann aber auch noch nachträglich, wenn auch in beschränkter Menge wieder aufgenommen werden. Die wichtigste Quelle für Qi ist die Luft, die mit der Atmung neues Ki zuführt. Darum sind im Daoismus Atemübungen so wichtig, weil sie eine der wichtigsten Quellen für neue Energie ist.
Ki kann auch von Person zu Person übertragen werden, darum ist Re-Ki eine wichtige Methode. Mit etwas Sensibilität kann jeder spüren, wie gutes oder schlechtes Ki von Mensch zu Mensch übertragen wird.
Auch mit der Nahrung kann Ki wieder aufgenommen werden, allerdings wird der größerer Teil wieder ausgeschieden. Der Nachteil bei der Nahrung ist, dass negative Einflüsse, die mit der Nahrung aufgenommen werden, zu Stauungen und Blockierungen führen können. Wichtig ist es aber, das Ki offen und frei 'fließen' kann. Dieses Fließen kann geübt werden. wird Ki in Fluss gebracht. Qi das stockt, verursacht an der Stauungs-Stelle Krankheiten.
Qi ist schwer zu erklären. Häufig wird es als 'Energie' verstanden. Energie ist aus der griechischen Philosophie entlehnt. Aber auch bei Aristoteles, bei dem der Begriff sehr wichtig ist, bleibt weitgehend ungeklärt, was die energeia ενεργεια ist. Was ist das Lebens-Ki?

Meer von Ki - 沖氣 und die Harmonie

Aber im Text geht es nicht um ein individuelles Ki. Das Ki, von dem der Text spricht, ist 沖氣 chong qi (chû ki jap.). Das Schriftzeichen besteht aus zwei Wurzelzeichen. Vorn ist das Wasser, dahinter steht die Mitte. Zusammen bedeuten diese beiden Zeichen 'Mitte Wasser', der grenzenlose, offene, weite Ozean. Nirgendwo ist eine Begrenzung zu sehen, überall ist: KI! Die 10.000 Dinge fallen deshalb nicht in eine unzusammenhängende formlose und beliebige Vielzahl auseinander, weil sie mitten im unendlichen Ki sind. Dieses unendliche Ki bringt die Dinge zusammen in Harmonie . Es ist das selbe Ki, das wie das weite, offene Meer in allen den zehntausend Dingen fließt. In seltenen Augenblicken kann man spüren, wie die ALLE in mir anwesend sind oder wie ich in den Allen anwesen.
Nicht sich in seiner Individualität einkapseln und von den Anderen absondern bringt das allgemeine Qi zum fließen, sondern die Offenheit, in der die 10.000 Dinge alle in mir anwesend sind. Dann ist die Lebensenergie ohne Grenzen in allen Wesen zugleich. In der Mongolei heißt der Schamane, der sowohl in die andere Welt eingehen als auch die Leiden der Menschen heilen kann der Mann der 10.000 Dinge. Er hat seine besonderen Fähigkeiten deshalb, weil er als Einzelner die Harmonie und das EINS - Sein der 10.000 Dinge verwirklichen kann.

Im Fragment 51 von Heraklit heißt es:

διαφερομενον εωυτι ομολογεει
παλιντροπος -αρμονιη ωκοσπερ τοξου και λυρης

das Auseinander-getragene mit sich selbst zusammenstimmend:
rückwendige Harmonie wie bei Bogen und Leier.

Heraklit denkt die Dinge, die ta Panta τε παντα in ihrer Vielzahl. Ta Panta ist ein Plural, eigentlich 'die Alle'. Sie streben auseinander, jedes will es selbst in seinen eigenen Grenzen sein. Man wόrde denken, dass sie entweder überhaupt keine Einheit bilden oder aber in eine beliebige Vielzahl auseinander fallen. Dagegen steht aber der Spruch Heraklits von Hen - Panta, Eins - Alle(s). Vielleicht sogar kämpfen die 'Alle' sogar gegeneinander in ihrem Bestreben, das jeweils Besondere zu sein. Aber auch der Krieg, der polemos πολεμος ist eine, wenn auch schmerzliche Weise, wie das Auseinanderstrebende zusammen kommt. Erfreuliches aber ist die Leier. Auch sie kann nur klingen, wenn die Saiten unter Spannung stehen, also auseinander streben. Wenn diese Spannung aber gerade das rechte Maß erreicht, entspringt daraus die Harmonie der Töne. Ohne Spannung klingt keine Leier. Im Klang der Leier kommen die Unterschiedenen zusammen, um im Lied und Tanz Eins zu werden. Alles kommt darauf an, dass die 'Alle' in der rechten Weise zusammenkommen. entweder entsteht der Kampf und das Leid oder die Freude und Innigkeit im Lied und Tanz. Wenn die Dinge ihr EINS-SEIN Tanzen können, fügt sich der ganze Kosmos zu einer Melodie der Freude.

Harmonie
Im Griechischen stammt das Wort Harmonie, mit dem das chinesische wei (wa) übersetzt wird keineswegs zunächst aus der Musik. Bei einem echten Gewölbe ist der Schlussstein die Harmonie. Erst wenn dieser Schlussstein eingesetzt ist, bleibt der Gewölbebogen stehen, weil alle Steine des Gewölbes durch die Spannung und den Druck, die sie auf die 'Harmonie' ausüben als Ganzes stehen. Fehlt die Harmonie, kann das Gewölbe oder der Bogen nicht mehr stehen, das Bauwerk fällt zusammen. Erst die Harmonie zwischen den Teilen lässt ein Ganzes entstehen. Heidegger übersetzt daher Harmonie mit Fug. In einem Sprachspiel setzt er Harmonie als maskulin, DER Fug. Fehlt die Harmonie, so ist dies der Un-Fug.

Das chinesische Schriftzeichen für Harmonie zeigt als vorderen Teil ein Gras mit einem Samenkorn, also Reis und hinten einen Mund. Reisanbau setzt ein gut funktionierendes Sozialsystem voraus. Nur wenn die Menschen in Harmonie zusammenarbeiten, ist es möglich, das komplizierte Bewässerungssystem, das für den Reisanbau nötig ist aufzubauen und zu erhalten. Ohne Harmonie und gutes Zusammenwirken Aller gibt es keinen Reis zu essen.



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