Zum Jahr des Ochsen: Arbeit am Amazonas

Vor vielleicht 20 Jahren ist ein damals recht beachtetes Buch einer amerikanischen Anthropologin, deren Namen ich leider vergessen habe erschienen. Sie hielt sich zu Sprachstudien bei einem Indianerstamm am Amazonas auf, als sie verdutzt bemerkte, dass die Indianer kein Wort für „Arbeit“ in ihrer Sprache hatten.

Sie beobachtete, dass die Frauen jeden Tag einen mühevollen und gefährlichen Weg zu einer Quelle mit klarem, frischen Wasser zurücklegen mußten. Dabei balanzierten sie einen Wasserbehälter auf dem Kopf und stiegen den steilen und glitschigen Pfad zur Quelle herunter und wieder herauf. Oft geschah es, dass sie ausrutschen und ganz viel Wasser verschütteten, das sie vorher mühevoll geholt hatten. Dieses Mißgeschick wurde aber immer mit großem Gelächter quittiert.
Die Anthropologin schlug vor, Fördergelder zu organisieren, damit man Pumpen kaufen und eine Wasserleitung installieren konnte. Damit wäre dann das Problem der mühevollen und gefährlichen Wasserbeschaffung endlich gelöst.

Aber zu ihrer Verwunderung lehnten die Indianer – und vor allem die betroffenen Frauen entsetzt ab. Wenn man eine solche Wasserleitung installieren würde, dann wäre eines ihrer täglichen Vergnügungen verschwunden und das Leben wäre um einiges langweiliger.

Wie schön war es, jeden Tag den steilen Pfad zu meistern und seine Geschicklichkeit immer wieder neu zu bestätigen und zu genießen. Außerdem war es so wundervoll, gemeinsam zur Quelle zu gehen, dabei zu schwatzen, die neuesten Gerüchte auszutauschen, zu singen, zu lachen und auch zu tanzen. All das würde wegfallen.

Auch bei uns war früher der Besuch am Dorfbrunnen keine Arbeit. Der Dorfbrunnen war das Zentrum und die Nachrichtenzentrale des Dorfes. Abends traf man sich oft am Brunnen – am Brunnen vor dem Tore – um zu schwatzen und zu singen und zu tanzen. Heute ist unser Leben durch die Wasserleitung um einiges einfacher geworden. Aber wir erfahren nicht mehr, welch kostbare Gabe der Erde und des Himmels das Wasser ist. Zenmeister  Dôgen nennt gar das „Wasser holen“ eine „übernatürliche Kraft“. Unser Leben ist einfacher aber doch vielleicht ärmer an Erfahrungen geworden.
Was also ist „Arbeit“!? Vermutlich haben die Amazonas – Indianerinnen deshalb kein Wort für Arbeit, weil sie die Sache an sich überhaupt nicht kennen. Es ist keine Arbeit, Wasser zu holen, es ist ein Vergnügen und ein Teil des Lebens.

Für einen Künstler ist es auch keine Arbeit, wenn er an seinem Wunstwerk wirkt. Doch – manchmal ist es ene rechte Plage und ein Kampf, und am Ende ist man Müde vom Werken. Aber wenn man den Kampf um das Werk gewonnen hat, steht es in seiner vollen Schönheit da und bestätigt die Mühe des Künstlers auf seinem Weg.

Ist moderne Arbeit vielleicht deshalb so schlimm, weil sie in einer entfremdeten Welt geschieht? Weil Menschen die sich selbst fremd sind und ihre Entfremdung auf die Anderen übertragen andere zur Arbeit – was? anleiten, oder doch eher zwingen?

Arbeit ist etwas vielleicht nur dann, wenn wir ständig denken, dass wir keine Lust zu dem haben, was wir tun müssen und dass wir unsere Zeit eigentlich für etwas besseres nutzen sollten. Wenn wir ganz und gar bei der Sache sind, bei der Sache, die wir gerade tun – sei sie mühevoll und schwierig oder sei sie freudig und leicht – dann ist Arbeit keine Arbeit. Dann ist unser Tun der Weg zu uns Selbst!

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3 Kommentare zu Zum Jahr des Ochsen: Arbeit am Amazonas

  1. Utsch sagt:

    Das Buch heißt „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ und die Autorin Jean Liedloff. Sie hat damals meiner Erinnerung nach nicht vorgeschlagen, eine Wasserleitung zu installieren. Sie erläutert aber, wie ein solches für uns naheliegendes Vorgehen hier völlig seinen Zweck verfehlen würde.

  2. gs sagt:

    Danke! Genau das wars!
    Man wird zwar alt und vergisst vieles, aber die Liedloff eigentlich nie.

    Näheres zu Liedloff  bei Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Liedloff

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