{"id":6437,"date":"2019-08-29T15:35:20","date_gmt":"2019-08-29T13:35:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=6437"},"modified":"2019-08-29T18:15:48","modified_gmt":"2019-08-29T16:15:48","slug":"einfach-nur-ein-hund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/einfach-nur-ein-hund\/","title":{"rendered":"Einfach nur ein Hund"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war einmal ein kleiner Hund mit dem Namen Kin. Das bedeutet auf Japanisch \u201eGold\u201c. Eigentlich hie\u00df er nicht KIN, sondern Kin-Taro nach Erz\u00e4hlungen von einer ber\u00fchmten Gestalt, die jedes japanische Kind kennt. Die handeln vom Kin-Taro, dem tapferen Gold &#8211; Knaben, der auf seinem Hemdchen ein eingeschriebenes Zeichen KIN &#8211; Gold tr\u00e4gt. Kintaro ist tapfer und selbstbewusst. Niemals hat er Angst, immer ist er mutig und stark. Manchmal ringt er mit einem B\u00e4ren, manchmal reitet er auf einem riesigen Karpfen durch die wilden Gew\u00e4sser der japanischen Berge. Jeder japanische Knabe hat Kintaro als Vorbild f\u00fcr sein Leben. Jeder m\u00f6chte so werden wie Kintaro.<\/p>\n\n\n\n<p>Kintaro war ein tapferer kleiner Hund, der niemals Angst hatte. Oder doch? Als er ganz frisch bei mir eingezogen war, begegnete er vor dem Gartentor einem gro\u00dfen Hund. Auf der Stelle drehte er sich um und floh in meine Arme. \u201eWas willst du hier? Geh und setz dich selbst mit dem gro\u00dfen Hund auseinander!\u201c Kintaro stellte sich dem gro\u00dfen Hund, der ganz vorsichtig und liebevoll das Hundebaby beschn\u00fcffelte. Von da an hatte Kintaro niemals mehr Angst vor gro\u00dfen Hunden. Selbst geifernde Kampfhunde mussten von ihren Herren an die kurze Leine genommen werden, weil Kintaro freudig auf sie zusprang. Er hatte niemals eine b\u00f6se Erfahrung machen m\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>\nEinmal besuchten wir Leute, bei denen eine gro\u00dfe Herde von Pferden frei durch den Wald lief. So als w\u00fcrde er st\u00e4ndig mit Pferden leben, wuselte Kin v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich zwischen ihren Hufen durch den Wald. Und die Pferde akzeptierten den kleinen Hund als ihren Kameraden. Oben im Wald lebten Kamele unter einem Schutzdach. Neugierig sprang Kin auf die Kamele zu und wollte in den Stall. Im letzten Augenblick konnte ich ihn zur\u00fcckhalten. Der Kamelbulle h\u00e4tte ihn als Konkurrent gesehen und mit einem einzigen Fu\u00dftritt zertrampelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich sollte er \u201aKintaro Sama\u2018 &#8211; ehrw\u00fcrdiger Herr Kin hei\u00dfen. Aber ehrw\u00fcrdig war er so ganz und gar nicht. Er war ein kleiner Spa\u00dfmacher und Gauner und so \u00fcberhaupt nicht ehrw\u00fcrdig. Also fiel das Sama &#8211; ehrw\u00fcrdiger Herr &#8211; weg. Schlie\u00dflich hie\u00df nur noch Kin-Chan &#8211; Kumpel Kin und sp\u00e4ter einfach nur noch Kin.<\/p>\n\n\n\n<p>Kin freute sich \u00fcber jeden Besuch, den er st\u00fcrmisch begr\u00fc\u00dfte. Selbst Menschen, die Angst vor Hunden hatten, waren von seiner freundlichen Begr\u00fc\u00dfung ger\u00fchrt und jeder hatte den kleinen Gauner wirklich lieb. Er ging so gerne im Wald spazieren, aber ich hatte nicht immer Zeit daf\u00fcr. So bettelte er bei jedem Besucher: \u201eKomm, lass uns in den Wald gehen!\u201c Aber bevor er bellend vor Freude mitging, kam er fragend zu mir: \u201eDarf ich?\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in stiller Zenmeditation sa\u00dfen, wollte er unbedingt dabei sein. Erst schn\u00fcffelte er herum, aber dann lag er still und friedlich auf seinem Kissen und meditierte gemeinsam mit uns allen. <br \/>\nAuch bei der Teezeremonie schaute er gerne zu. Aber wenn G\u00e4ste da waren, mit denen ich eine stille meditative Zeremonie machte, wartete Kin ganz still und geduldig vor der T\u00fcr. Wenn dann die Zeremonie vorbei war, kam er angetobt: \u201eLass uns im Wald spazieren gehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Von Zeit zu Zeit machte sich Kin selbstst\u00e4ndig und ging auf gro\u00dfe Entdeckungsreise. Also kaufte ich ihm einen GPS Anh\u00e4nger f\u00fcr das Halsband. Als er wieder einmal auf Reise gegangen war, entdeckte ich seinen Spaziergang auf einer Stra\u00dfe oberhalb des Waldes auf dem Display des Smartphones. Wir fuhren mit dem Auto den Berg hoch, aber Kin erkannte sofort das Motorger\u00e4usch meines Wagens. Er versteckte sich im Geb\u00fcsch und wartete ganz still. So w\u00fcrden wir ihn ganz sicher nicht finden. Mein Freund stieg aus und rief ihn beim Namen. Auf frischer Tat ertapp drehte er sich wie vom Blitz getroffen um und rannte den Berg herunter zum Haus. Aber mit dem Auto waren wir schneller und erwischten ihn noch, wie er gerade durch eine L\u00fccke im Zaun wieder im Garten verschwinden wollte. Sp\u00e4ter h\u00e4tte er gesagt: \u201eWas wollt ihr denn, ich war doch immer hier! Ihr habt mich nur nicht gesehen!\u201c Hunde k\u00f6nnen ja soo gut l\u00fcgen! Kin hat niemals verstanden, wie ich seinen Ausflug so genau verfolgen konnte. Ich musste ganz einfach \u00fcber \u00fcbernat\u00fcrliche F\u00e4higkeiten verf\u00fcgen!<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal h\u00fctete ich einen anderen Hund. Jeder der Beiden war bem\u00fcht, die erste Rolle zu spielen. Aber der andere Hund war so recht ein r\u00fccksichtsloser R\u00fcpel. Obwohl Kin eindeutig das Hausrecht hatte, dr\u00e4ngte er sich vorlaut vor. Einmal kam Kin zu mir und er gab deutlich zu verstehen: \u201eDer Typ ist weg!\u201c Und er f\u00fchrte mich zu einem Loch im Zaun. Da stand er, zuckte f\u00f6rmlich mit der Schulter und gab zu verstehen: \u201eDa ist der raus! Kann man nichts machen! Jetzt ist er weg! Ich hab ja gleich gesagt, dass der nichts taugt!\u201c Aber es war ganz klar, dass Kin dem Konkurrenten das Loch im Zaun gezeigt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter bekam ich zwei kleine Katzen geschenkt. Eigentlich wollte ich keine Katzen und wenn, dann nur eine. Denn drau\u00dfen auf der Terrasse im Schrank tummelten sich immer wieder Feldm\u00e4use. Aber nun waren die beiden Katzengeschwister da und so sollten sie hier auch eine Heimat finden. Kin war begeistert, aber die beiden Kleinen fauchten und machten gewaltige Katzenbuckel. Kin sa\u00df ganz still und aufmerksam vor den Beiden: \u201eIhr braucht doch keine Angst haben. Ich bin ganz lieb!\u201c Es dauerte nicht lang, und die drei wurden gute Freunde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>\nDie beiden Katzen hie\u00dfen Yuki und Fuki. Yuki &#8211; Schnee nach den schneewei\u00dfen Pfoten und Fuki &#8211; nach Fuku, Gl\u00fcck, weil sie eine dreifarbige Gl\u00fcckskatze war. Yuki war eine ganz spezielle Freundin von Kin. Morgens, wenn Yuki von ihren n\u00e4chtlichen Ausfl\u00fcgen wieder nach Haus kam, begann eine wilde Jagd. Yuki rannte weg und Kin hinterher. Dann warf er sie auf den Boden und Yuki w\u00e4lzte sich. Unter furchterregendem Knurren biss Kin der kleinen Katze in den Hals, zerrte an ihren Ohren und biss in die Pfoten. Wenn es Yuki zu bunt wurde, gab sie ihm einen Stubser auf die Nase und f\u00fcr eine Weile war wieder Ruhe. So tobten die beiden bis zur Ersch\u00f6pfung durch die Wohnung. Dann lagen sie friedlich nebeneinander und ruhten Arm in Arm. Wenn Besucher kamen, hatte Kin fr\u00fcher sein Spielzeug stolz durch den Garten getragen und vorgezeigt: \u201eDa schau her was ich f\u00fcr sch\u00f6nes Spielzeug habe!\u201c Aber nun jagte er knurrend hinter Yuki her und zeigte voller Stolz: \u201eDa schau her! Ich hab eine Katze!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Yuki war eine gute J\u00e4gerin. Mit Vorliebe fing sie M\u00e4use, brachte sie in die Wohnung und lie\u00df sie frei. Dann war es ein gro\u00dfer Spa\u00df, die Maus zu jagen, die sich unter Sch\u00e4nken und Regalen versteckte. Kin schaute dem Treiben ein wenig irritiert zu. Aber nach einiger Zeit begann Yuki damit, Kin im M\u00e4usefangen zu unterrichten. Gemeinsam sa\u00dfen sie vor dem Schrank und starrten gespannt, ob sich nicht doch die Maus wieder unter einen anderen Schrank fl\u00fcchten w\u00fcrde. Dann begann die wilde Jagd durch das Zimmer. Langsam wurde Kin durch den Unterricht immer besser in der M\u00e4usejagd. Aber er jagte nur M\u00e4use, die Yuki ihm mit ins Zimmer gebracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><br \/> Fr\u00fcher, als keine Katzen im Haus waren, hatte ich niemals M\u00e4use im Zimmer. Aber nun waren sie st\u00e4ndig ungebetene G\u00e4ste. Und Kin, der nie zuvor gejagt hatte, entwickelte sich zum ge\u00fcbten M\u00e4usef\u00e4nger.<\/p>\n\n\n\n<p>Kin bekam Hundefutter und die Katzen Katzenfutter. Aber das Hundefutter war bei ihnen viel beliebter. Kaum hatte ich Kin seinen Napf hingestellt, schon st\u00fcrzten sich die Katzen darauf. Eine Weile schaute Kin irritiert zu, aber dann schob er die Katzen knurrend zur Seite. Aber eigentlich fra\u00df er den Katzen viel lieber ihr Futter weg. Es w\u00fcrde wohl nicht mehr lange dauern, bis er auch noch das Miauen lernen w\u00fcrde. Vielleicht w\u00fcrde er auch irgendwann ganz zur Katze mutieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Im April waren wir zusammen nach Griechenland geflogen. Kin wurde in eine Tragetasche gepackt. Die stand im Flieger direkt an meinen F\u00fc\u00dfen. Mit v\u00f6lliger Ruhe und Gelassenheit lag er dort, den Kopf ganz nahe an meinen F\u00fc\u00dfen und hatte weder beim Start noch beim Landen Angst. Herrchen war ja nahe. Da kann nichts passieren. Am Flughafen in Griechenland dann durfte er die Tasche verlassen. Freudig begr\u00fc\u00dfte er die anderen Passagiere, die auf ihr Gep\u00e4ck warteten. \u201eNein, da war ja ein Hund im Flieger! Mein Gott ist der s\u00fc\u00df!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Seminar mit der Zenfl\u00f6te genoss er sichtlich. \u00dcberall wurde gefl\u00f6tet und Kin liebte diese Kl\u00e4nge. Zu seiner Freude war da auch noch eine l\u00e4ufige H\u00fcndin in der N\u00e4her und Kin ging \u00f6fter mal auf Brautschau. Aber diese Zicke war so \u00e4ngstlich, dass er entt\u00e4uscht wider nach Hause kam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dann begann der Umzug. Es war reiner Stress. Kisten wurden gepackt und der geliebte Teeraum zerlegt. Verst\u00f6rt schaute Kin bei all diesen Ver\u00e4nderungen zu. Kiste um Kiste wurde herausgetragen und verladen. Langsam l\u00f6ste sich sein altes Heim im Umzugschaos auf. Dann wurde auch noch seine geliebte Yuki, mit der er immer gespielt hatte abgeholt. Sie ging ganz still, aber Kin war tagelang verst\u00f6rt. Als die zweite Katze abgeholt wurde, schrie sie ganz j\u00e4mmerlich in ihrem Korb. Kin verstand die Welt nicht mehr!<\/p>\n\n\n\n<p>Von da fing Kin an zu husten. Erst dachte ich, dass er etwas Falsches gefressen hatte. Aber das Husten wurde nicht besser. Schlie\u00dflich besuchten wir am neuen Wohnort in der Rh\u00f6n eine Tierklinik. Kin\u2018s Herz war so vergr\u00f6\u00dfert, dass es auf die Luftr\u00f6hre dr\u00fcckte. Und auch die Leber war schon stark geschwollen. \u201eMit Medikamenten kann er durchaus noch ein oder zwei Jahre durchhalten!\u201c So ein Bl\u00f6dsinn! DER wird zwanzig Jahre alt. Aber er sollte keine acht Wochen mehr haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br \/> Der Umzugsstress ging immer noch weiter und das Husten wurde schlimmer. Aber Kin genoss die Spazierg\u00e4nge in den wunderbaren W\u00e4ldern seiner neuen Heimat. Begeistert half er auch beim Zeitungsaustragen. Da waren so viele interessante Leute in sch\u00f6nen G\u00e4rten. Und alle riefen: \u201eAch was f\u00fcr ein s\u00fc\u00dfer Hund!\u201c Manchmal war er verschwunden und sa\u00df bei fremden Leuten auf der Terrasse. Er genoss ganz sichtlich die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wurde. Nur an hei\u00dfen Tagen mochte er nicht weit laufen. Er wurde ganz langsam und wollte manchmal sogar getragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich waren die letzten Umzugskisten angekommen und m\u00fchsam ausgepackt. Nun konnte wieder Ruhe einkehren und nach einer kleinen Pause ein neuer Meditations- und Teeraum gebaut werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht &#8211; es sollte seine letzte werden &#8211; sprang Kin auf mein Bett. Ganz z\u00e4rtlich dr\u00fcckte er sich an mich. So z\u00e4rtlich und liebebed\u00fcrftig war er noch niemals zuvor gewesen. Ich musste ihn streicheln und er genoss die Ber\u00fchrungen. Er hatte zwar in der letzten Zeit mit Vorliebe Katzenfutter gefressen, aber das Schnurren hatte er immer noch nicht gelernt. Schlie\u00dflich war er ein Hund. Aber fast konnte ich sein Schnurren sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Morgen hustete er sehr viel. Ich gab ihm seine Medizin, vielleicht w\u00fcrde es dann besser. Gespannt schaute er zu, wie ich die Tabletten zu Pulver zerrieb, im Wasser aufl\u00f6ste und auf eine Spritze zog. Dann sprang er mir auf den Scho\u00df, hob den Kopf hoch zum Himmel und wartete, dass ich ihm die L\u00f6sung zwischen die Z\u00e4hne ins Maul spritzte. Aber nun auf zum Waldspaziergang.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><br \/>\nFreudig lief er in den Hausflur und wartete. Ich musste noch einmal in mein Zimmer. Als ich die Treppe herunterkam, lag Kin ganz still im Flur. Er lag auf der Seite, die Pfoten weggestreckt. So hatte er noch nie dagelegen! Gew\u00f6hnlich lag er auf dem Bauch, den Kopf ganz flach auf dem Boden und schaute frech zu mir auf. Auf der Seite lag er nur, wenn er in seinem K\u00f6rbchen eingeringelt schlief. Aber nun war sein K\u00f6rper ausgestreckt und lag flach auf der Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendetwas war jetzt anders: Er atmete nicht. Bewegungslos lag er da! \u201eNein, das kann nicht wahr sein! Er ist tot!\u201c Sein K\u00f6rper war noch warm und das Fell weich und seidig. Aber beim Streicheln kam von ihm nichts mehr zur\u00fcck. Da lag nur ein warmes, weiches bewegungsloses Etwas.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann das sein? Eben noch ein Hund, der freudig auf den Spaziergang wartet. Nur ein Fingerschnippen sp\u00e4ter: Nichts mehr! Ist das Leben derart fl\u00fcchtig? Kann es von einem Atemzug zum n\u00e4chsten zu Ende sein? Der K\u00f6rper ist noch warm und weich. Aber es ist keine K\u00f6rperspannung mehr da. Es f\u00fchlt sich an, als w\u00fcrde man versuchen, ein warmes Handtuch hochzuheben. Da lag kein Hund mehr, sondern nur ein lebloser Haufen Fleisch mit einem weichen Fell bedeckt. Wie Nietzsches Zarathustra zum Seilt\u00e4nzer sprach, als der bei seinen Kunstst\u00fccken abgest\u00fcrzt war: \u201eDeine Seele wird noch schneller todt sein als dein Leib: f\u00fcrchte nun Nichts mehr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Noch war der K\u00f6rper warm und weich. Ich trug ihn in seinem Bettchen an den Platz in meinem Zimmer, an dem er so gerne gelegen und mir bei der Arbeit am PC zugeschaut hatte. So hatte er mich immer im Blick, selbst wenn ihm die Augen im Schlaf zufielen. Da lag er nun und schaute mit offenen Augen auf mein Treiben. Ich baute einen kleinen Altar mit Buddha als Begleiter. M\u00f6ge ihn Amida Buddha mit ins westliche Paradies nehmen. Mit brechender Stimme rezitierte ich f\u00fcr ihn das Herzsutra. Dann spielte ich, soweit ich dazu \u00fcberhaupt in der Lage war, das Shakuhachist\u00fcck Shizuo no Kyoku &#8211; Hafen der Stille. Das St\u00fcck hatten fr\u00fcher die Samurai als Vorbereitung auf ihren Tod gespielt. <br \/>Kin hatte die Shakuhachi immer geliebt. Wenn jemand das Instrument spielte, kam er ganz nahe heran und lauschte. Noch im April in Griechenland lag er immer neben dem jeweiligen Spieler und lauschte. Egal ob Anf\u00e4nger oder Fortgeschrittene. Hauptsache die&nbsp; Shakuhachi sang. Heute schrie und klagte sie eher, als dass sie sang. Aber es schien, als w\u00fcrde Kin wieder atmen und l\u00e4cheln. Scheinbar hob und senkte sich sein Fell. Die leicht ge\u00f6ffneten Augen blitzten und das Maul schien zu einem L\u00e4cheln ge\u00f6ffnet. Aber vermutlich waren es nur die Tr\u00e4nen, die den Blick tr\u00fcbten oder das Flackern der Kerzen erzeugte mit den tanzenden Schatten die Illusion von Leben. So nahmen wir uns ein paar Stunden Zeit f\u00fcr den Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam war der kleine K\u00f6rper starr und kalt geworden. Die gro\u00dfe Verwandlung hatte schon eingesetzt. Die schwarze Hundenase war ganz trocken und kleine Schaumblasen traten aus. Die halbge\u00f6ffneten Augen wurden tr\u00fcb. Sein Kopf, der vorher leblos herunterhing, war schon starr geworden, die Pfoten lie\u00dfen sich nicht mehr bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir begannen, im Garten ein kleines Grab f\u00fcr ihn auszuheben. Aber der Boden war durch die lange Trockenheit hart wie Stein. Nach stundenlanger harter Arbeit war das Grab endlich tief genug. Dort wurde der kleine K\u00f6rper &#8211; nun schon ganz kalt und starr &#8211; in seiner Decke eingeh\u00fcllt dem gro\u00dfen Mysterium \u00fcbergeben. Niemand wei\u00df, was nun in der geheimnisvollen Verwandlung geschieht. Der alte persische Weise Zarathustra &#8211; nicht Nietzsches Zarathustra &#8211; hatte in seinen Gathas geschrieben, dass die Lebewesen aus sterblichen und unsterblichen Bestandteilen eine Einheit bilden. Die sterblichen Teile, die am schnellsten verschwinden, sind Seele und Geist. Wenn wir aufh\u00f6ren zu atmen oder das Herz still steht, ist der Geist auch schon verfl\u00fcchtigt. Etwas l\u00e4nger besteht der K\u00f6rper. Aber auch der geht in die gro\u00dfe Verwandlung ein. Bakterien und W\u00fcrmer zersetzen ihn. Aber er verschwindet nicht so einfach, er wandelt sich. Vielleicht geht Kin ja in die Rose \u00fcber, die auf seinem Grab gepflanzt wurde. Aber ein Hund ist ein Hund und eine Rose ist eine Rose. Kin wird nie mehr sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einst war da ein Zusammentreffen und aus dem Nichts entstand ein kleiner Hund, der sp\u00e4ter zu Kin wurde. Kin lebte, trieb seinen Unfug und war ein treuer Begleiter und Kamerad. Dann kam wieder eine Zeit, in der die Lebensenergie verschwand. Und da war kein Kin mehr. Nur noch ein Haufen toter Materie, die am Anfang noch so \u00e4hnlich aussah, wie einst Kin ausgesehen hatte. <br \/>\nIm geheimnisvollen Dunkel des tiefen Grabes geschieht nun die Verwandlung, die niemand st\u00f6ren darf. Aber Kin wird nie wieder sein! Dennoch geht nichts von ihm verloren. Der K\u00f6rper verwandelt sich und verschwindet, aber die Knochen bleiben f\u00fcr lange Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht wird dermaleinst ein Arch\u00e4ologe auf das Grab sto\u00dfen. Dort wurde wohl ein Hund begraben. Seine Knochen sind unverletzt. Scheinbar wurde er liebevoll bestattet. Offenbar waren schon damals Hunde und Menschen Gef\u00e4hrten, die einander in Leben und Tod begleiteten. Eine kleine Platte aus Metall wurde dem Hund mit ins Grab gelegt. Aber niemand kann die merkw\u00fcrdigen Zeichen drauf deuten. Erst jahrelange Forschung von Philologen ergaben, dass dort der Schriftzug KIN stand. Aber die Bedeutung ist v\u00f6llig unklar. Daneben noch eine Reihe von Zahlen, die vielleicht magische Bedeutung hatten. Mit ihnen konnte man wohl den Hund beschw\u00f6ren, dass er wieder erschien, wenn er weggelaufen war. Niemand wei\u00df zu der Zeit mehr, dass die Menschen damals Telefone benutzt haben. Aber dass sie liebevoll mit Hunden zusammengelebt haben, scheint v\u00f6llig gesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war einfach nur ein Hund. <br \/> Nichts weiter!<\/p>\n\n\n\n\n\n<p><strong>Nachtrag: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kin war so sehr mit dem alten Myoshinan verbunden, dass es nur folgerichtig war, wenn er gegangen ist. Nun, nachdem das alte Myoshinan nicht mehr existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat er mit seinem Tod meinen Kummer getragen.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_6437_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_6437_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_6437_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_6437_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(6437, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 174\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_6437_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_6437_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/einfach-nur-ein-hund\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein kleiner Hund mit dem Namen Kin. 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