{"id":58,"date":"2008-05-11T11:53:13","date_gmt":"2008-05-11T09:53:13","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=58"},"modified":"2016-01-12T16:23:23","modified_gmt":"2016-01-12T15:23:23","slug":"denken-in-bildern-denken-in-begriffen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/denken-in-bildern-denken-in-begriffen\/","title":{"rendered":"Denken in Bildern &#8211; Denken in Begriffen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>In lieblicher Bl\u00e4ue bl\u00fchet mit metallenem Dache der Kirchturm.<\/p><\/blockquote>\n<p>H\u00f6lderlin denkt in sinnlich erfassbaren Bildern, die unmittelbar zum Herzen sprechen. Aber diese Bilder sind so reich, dass man lange dar\u00fcber nachsinnen kann. Je l\u00e4nger man nach &#8211; sinnt, desto reicher und inhaltsschwerer werden die Bilder.<br \/>\nDie Bilder erschlie\u00dfen sich umso mehr, je mehr ich sie von meiner eigenen Erfahrung und meinem eigenen Empfinden her verstehe.<br \/>\nSind dann nicht die Bilder rein subjektiv? Ist nicht objektives Begriffsdenken weitaus genauer?<\/p>\n<p>Schon ganz fr\u00fch haben die drei Freunde <strong>Hegel, Schelling und H\u00f6lderlin<\/strong> einen &#8222;Entwurf&#8220; f\u00fcr ihren k\u00fcnftigen philosophischen Lebensweg niedergeschrieben, in dem diese Problematik behandelt ist. Das Papier findet sich in der Handschrift Hegels in Hegels Papieren. Aber der leidenschaftliche Ton spricht eher daf\u00fcr, dass Hegel eine &#8222;Rede&#8220; Schellings mit geschrieben hat. Eine F\u00fclle von Gedanken in diese Papier sind aber derart &#8222;poetisch&#8220;, dass sie nur von H\u00f6lderlin stammen k\u00f6nnen. Das Papier ist als  &#8222;das \u00e4lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus&#8220; bekannt.<\/p>\n<p>In dem Papier ist die Rede von Ideen zur Natur, zum &#8222;Menschenwerk&#8220;, zum Staat (von dem es &#8222;keine Idee gibt, weil er etwas Mechanisches ist&#8220;) und der Freiheit. Dann hebt der Sprecher &#8211; Schelling ? &#8211; zum H\u00f6hepunkt seines Gedenkens an:<\/p>\n<blockquote><p>Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Sch\u00f6nheit, das Wort in h\u00f6herem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun \u00dcberzeugt, da\u00df der h\u00f6chste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfa\u00dft, ein \u00e4sthetischer Akt ist und da\u00df Wahrheit und G\u00fcte nur in der Sch\u00f6nheit verschwistert sind. Der Philosoph mu\u00df ebensoviel \u00c3\u00a4sthetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne \u00c3\u00a4sthetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine \u00c3\u00a4sthetische Philosophie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Idee der Sch\u00f6nheit vereinigt alle Ideen. Die Sch\u00f6nheit ist &#8222;\u00e4sthetisch&#8220;, das hei\u00dft w\u00f6rtlich &#8211; sinnlich&#8220;. Im Altgriechischen bedeutet Aisthesis nichts anderes als die reine Sinnlichkeit. Der Philosoph muss also &#8222;sinnlich&#8220; werden, seine Gedanken m\u00fcssen so  sein, dass sie sich nicht in der d\u00fcnnen Luft des &#8222;Geistigen&#8220; verfl\u00fcchtigen.<\/p>\n<blockquote><p>Man kann in nichts geistreich sein, &#8230;  ohne \u00e4sthetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen\u00a0 und treuherzig genug gestehen, da\u00df ihnen alles dunkel ist, sobald es \u00fcber Tabellen und Register hinausgeht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Gegensatz zum Geist &#8211; reichen &#8211; w\u00f6rtlich: reich an Geist &#8211; ist der Buchstabenphilosoph oder derjenige, der nur in Tabellen oder Registern denken kann, wie Schelling ver\u00e4chtlich sagt.<br \/>\nDieses neue, sinnliche Denken in Sch\u00f6nheit soll &#8222;befl\u00fcgelt sein, so wie Schelling auch der &#8222;langsamen, an Experimenten m\u00c3\u00bchsam schreitenden Physik&#8220; wieder Fl\u00fcgel geben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Dazu ist zuvor ein erzieherisches Werk n\u00f6tig: die Menschen m\u00fcssen wieder lernen, in Bildern zu denken. Derjenige, der in diesem Systementwurf die Aufgabe der Erziehung \u00fcbernehmen muss ist der Dichter:<\/p>\n<blockquote><p>Die Poesie bekommt dadurch eine h\u00f6here W\u00fcrde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war &#8211; Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle \u00fcbrigen Wissenschaften und K\u00fcnste \u00fcberleben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Poesie wird &#8222;Lehrerin der Menschheit&#8220;!?<br \/>\nMenschheit meint hier in Schellings Sprachgebrauch nicht die Menschen insgesamt, sondern die Menschlichkeit. Die Poesie wird zu der Lehrerin, die den Menschen hin zu mehr Menschheit f\u00fchrt, damit er wieder im echten Sinne ein Mensch sei. Nun, da seine Gedanken im \u00dcberschwang der Be-Geisterung fliegen, kann Schelling auch die Religion erneuern.\u00a0 Die neue Religion, die er fordert ist eine Religion der Sinnlichkeit. Gott und das G\u00f6ttliche m\u00fcssen f\u00fcr ihn sinnlich erfahrbar sein. Dann kann jeder Mensch Gott selbst erfahren und die Priester verlieren ihre Funktion. Im echten revolution\u00e4ren Pathos hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Zu gleicher Zeit h\u00f6ren wir so oft, der gro\u00dfe Haufen m\u00dfsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der gro\u00dfe Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist&#8217;s, was wir bed\u00fcrfen!<\/p><\/blockquote>\n<p>Monotheismus der Vernunft und des Herzens gegen Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst? H\u00f6lderlin spricht jedenfalls in seinen Gedichten von Gott und von den &#8222;Himmlischen&#8220;, also von vielen G\u00f6ttern. F\u00fcr ihn steht Christus gleichberechtigt neben Herakles oder Dionysos. Christus ist f\u00fcr ihn der letzte der antiken G\u00f6tter. Nun gilt es, aus der heimatlichen Natur das G\u00f6ttliche neu zu erfahren &#8211; sinnlich zu erfahren.<\/p>\n<blockquote><p>Innnen aus Verschiedenem entsteht ein ernster<br \/>\nGeist. So sehr einf\u00e4ltig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, da\u00df<br \/>\nman wirklich oft f\u00fcrchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber,<br \/>\ndie immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und<br \/>\nFreude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter M\u00fche<br \/>\ndas Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch seyn?<br \/>\nJa. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert,<br \/>\nmisset nicht ungl\u00fcklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbe-<br \/>\nkannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaub&#8216; ich eher.<br \/>\nDes Menschen Maa\u00df ist&#8217;s.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gott ist offenbar wie der Himmel!?<br \/>\nDer Himmel zeigt sich in &#8222;lieblicher Bl\u00e4ue&#8220; oder verdeckt mit &#8222;Gesangeswolken&#8220;.<br \/>\nWechselt die Ansicht Gottes, so wie die Anblicke des Himmels wechseln in den Zeiten und Wettern? Die liebliche Bl\u00e4ue ist dann das &#8222;monotheistische&#8220; des Himmels. Sie ist der offene, klare Himmel, der sich rein und unverh\u00fcllt zeigt. Aber er ist damit auch zugleich die reine lichte Leere, oder wie man im Buddhismus sagt, das Ku &#8211; die Leere des Himmels.<br \/>\nDer n\u00e4chtliche Himmel dagegen ist nicht leer, gerade auch, wenn er rein und klar sich zeigt. Mit seinen Sternen und dem Gang des Mondes, des &#8222;Schattens der Erde&#8220; gibt gerade er das Ma\u00df der Zeit.<\/p>\n<p>In dem Systementwurf f\u00e4hrt Schelling mit einem neuen Gedanken fort:<\/p>\n<blockquote><p>Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich wei\u00df, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist :\u00a0 wir m\u00fcssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber mu\u00df im Dienste der Ideen stehen, sie mu\u00df eine Mythologie der Vernunft werden.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Ehe wir die Ideen \u00e4sthetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie f\u00fcr das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vern\u00fcnftig ist, mu\u00df sich der Philosoph ihrer sch\u00e4men.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schelling f\u00fchrt den Gedanken nicht weiter aus. Was ist das &#8222;Mythologische&#8220;? Der Mythos fasst die Erfahrungen der G\u00f6tter in Geschichten, die sinnlich erfassbar und nachvollziehbar sind. Die Erfahrung des G\u00fcttlichen wird nicht in abstrakte Gedanken oder Systeme gefasst. Aber die Mythologie, die Schelling meint, muss eine neue Mythologie werden. Die Zeit der alten G\u00f6tter ist endg\u00fcltig vorbei. Aber da beginnt ein nahezu un\u00fcberwindliches Problem. In &#8222;Heimkunft&#8220; schreibt H\u00f6lderlin:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir<br \/>\nRuhn vom Leben des Tags, saget, wie bring ich den Dank?<br \/>\nNenn ich den Hohen dabei? &#8230;.<br \/>\nSchweigen m\u00fcssen wir oft; es fehlen heilige Namen,<br \/>\nHerzen schlagen und doch bleibet die Rede zur\u00fcck?<\/p><\/blockquote>\n<p>Die alten Namen tragen nicht mehr, aber neue Namen fehlen. Wie soll man dann den Dank sprechen?<br \/>\nAber vielleicht gen\u00fcgt eine einfache Geste. In der Teezeremonie verbeugen wird uns mit der Teeschale in der Hand als Zeichen des Dankes, bevor wir den Tee trinken. Dank f\u00fcr wen? F\u00fcr Gott, f\u00fcr das Wetter, f\u00fcr die Sonne, die den Tee reifen lie\u00df? Da fehlen die Worte. Aber die einfache Geste geht tief zu Herzen, wenn sie mit echter Aufrichtigkeit ausgef\u00fchrt und nicht nur ein einfaches, unverstandenes Ritual ist. H\u00f6lderlin gibt einen L\u00f6sungsansatz, der in eine \u00e4hnliche Richtung geht:<\/p>\n<blockquote><p>Aber ein Seitenspiel leihet jeder Stunde die T\u00f6ne,<br \/>\nUnd erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr den alten Meister Kong, den wir meistens als Konfutius kennen, war es gleichg\u00fcltig, ob es die G\u00f6ttlichen gibt oder nicht, welche Namen sie haben oder wie sie in ihren eigentlichen Wesen sind. Wichtig war ihm, dass die Menschen die G\u00f6ttlichen in Ritualen, Musik und Tanz verehren. Diese Verehrung stiftet Rituale und Br\u00c3\u00a4uche, die Rituale und Br\u00e4uche stiften Gemeinschaft unter den Menschen. Damit stiften die G\u00f6ttlichen, wer oder was auch immer sie seine, gleichg\u00fcltig ob sie existieren oder nicht, Gemeinschaft un Harmonie unter den Menschen.<br \/>\nH\u00f6lderlin, der Poet, dessen Poesie Lehrerin der Menschheit sein soll, sieht die Probleme der Namenlosigkeit und er sucht nach neuen Ans\u00e4tzen. Als Poet hat er eine herausragende Stellung:<\/p>\n<blockquote><p>Sorgen wie diese, mu\u00df, gern oder nicht, in der Seele<br \/>\nTragen ein S\u00e4nger und oft, aber die anderen nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der &#8222;S\u00e4nger&#8220; muss Sorge tragen, dass sein Gesang rein ist und nicht durch pers\u00f6nliches gef\u00e4rbt. Wie oft sind Revolutionen getragen von pers\u00f6nlichem Hass oder Leiden, das auf die Allgemeinheit \u00fcbertragen wird. Der S\u00e4nger muss rein sein, aber er hat nicht die Aufgabe des Priesters oder Weisen, der das Volk von oben her belehrt. Er fasst seine Erfahrung in reine Bilder und gibt sie an die Menschen weiter, die so ebenfalls sinnlich die Erfahrung des G\u00f6ttlichen nachvollziehen k\u00f6nnen. Der Systementwurf endet:<\/p>\n<blockquote><p>Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kr\u00e4fte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdr\u00fcckt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!\u00a0 Ein h\u00f6herer Geist, vom Himmel gesandt, mu\u00df diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, gr\u00f6\u00dfte Werk der Menschheit sein.<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_58_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_58_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_58_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_58_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(58, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 2\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_58_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_58_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/denken-in-bildern-denken-in-begriffen\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In lieblicher Bl\u00e4ue bl\u00fchet mit metallenem Dache der Kirchturm. 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