{"id":5224,"date":"2019-04-17T09:42:34","date_gmt":"2019-04-17T08:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=5224"},"modified":"2019-04-17T09:42:34","modified_gmt":"2019-04-17T08:42:34","slug":"mujo-nichts-ist-bestaendig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/mujo-nichts-ist-bestaendig\/","title":{"rendered":"Muj\u014d &#8211; Nichts ist best\u00e4ndig"},"content":{"rendered":"\n<p>Drau\u00dfen bl\u00fchen die Kirschb\u00e4ume, aber es ist noch empfindlich kalt. Gestern sind sogar ein paar Schneeflocken durch die Luft gewirbelt, die sich in den Fr\u00fchling verirrt haben. Der \u00dcbergang in eine neue Zeit ist oft mit Irrungen und Wirrungen verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zenmeister D\u014dgen sagt zwar, dass der Winter nicht zum Fr\u00fchling wird. Winter ist Winter, Fr\u00fchling ist Fr\u00fchling. Es ist immer JETZT.<br \/>Aber der Winter hat ein Nachher und der Fr\u00fchling ein Vorher. Und manchmal wei\u00df man nicht, ob es noch Winter oder schon Fr\u00fchling ist. Es gibt wohl auch Zeiten, in denen die Ver\u00e4nderung ganz klar in der Luft liegt, aber noch kann es sich nicht entscheiden, ob die neue Zeit schon beginnt. Aber eines ist sicher: Nichts ist best\u00e4ndig. Im japanischen Zen hei\u00dft das: Mu J\u014d.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>In dieselben Fl\u00fcsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht.<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Gedanke der steten Ver\u00e4nderung ist nicht nur im Buddhismus lebendig, auch Heraklit, der griechischen Philosoph sagt um 500 v. Chr.:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Scheinbar steigen wir in dieselben Fl\u00fcsse, aber stets flie\u00dft dort anderes Wasser. Die Best\u00e4ndigkeit ist nichts als eine Illusion. Ebenso f\u00fchlen wir, dass wir selbst immer gleich bleiben, aber in Wahrheit sind wir in jeder Situation und in jedem Alter ein Anderer. \u201eWer bin ich? Und wenn ja, wieviele?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der japanische Dichter&nbsp;<em>Kamo no Ch\u014dmei<\/em>, der um 1200 gelebt hat, in einer Zeit, in der Kriege und Naturkatastrophen das Land heimgesucht haben, gestaltet in seinen \u201eAufzeichnungen aus meiner H\u00fctte&nbsp; &#8211; Hoj\u014d ki&#8220;&nbsp; diese Ver\u00e4nderungen in ergreifender Weise:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>&#8222;Der Strom des dahinziehenden Flusses nimmt kein Ende, und doch ist es nicht das urspr\u00fcngliche Wasser. Die Schaumblasen, die auf dem seichten Wasser schwimmen, vergehen und bilden sich neu, und es gibt kein Beispiel, da\u00df sie f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit bleiben. Geradeso verh\u00e4lt es sich mit den Menschen und ihren Behausungen auf dieser Welt.<br \/>&#8230;.Am Morgen stirbt der eine, am Abend wird der andere geboren &#8211; dieses Schicksal ist den Schaumblasen auf dem Wasser f\u00fcrwahr gleich. Man wei\u00df nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen, die Menschen, die geboren werden und sterben. Und man wei\u00df nicht, um wessen willen sie ihr Herz qu\u00e4len, weshalb sie ihr Auge sich erfreuen lassen bei ihrem fl\u00fcchtigen Aufenthalt.\u00a0<br \/>Herr und Behausung wetteifern in der Verg\u00e4nglichkeit nicht anders wie Morgenwinde und Tau. Einmal f\u00e4llt der Tau zu Boden und die Bl\u00fcte bleibt. Selbst wenn ich sage, sie bleibt, so vertrocknet sie doch in der Morgensonne. Einmal verwelkt die Bl\u00fcte und der Tau zergeht nicht. Selbst, wenn ich sage, er vergeht nicht, so kommt es doch nicht vor, da\u00df er den Abend erwartet.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kamo no Ch\u014dmei hatte sich aus den Wirren seiner Zeit zur\u00fcckgezogen in eine winzige H\u00fctte in den Bergen, weitab von der Hauptstadt und ihrem Getriebe. Seine H\u00fctte ma\u00df nur \u201evier Fu\u00df im Quadrat\u201c &#8211; H\u014dj\u014d. Ein J\u014d ist die Fl\u00e4che einer Tatami. Der heute als ideal geltende Teeraum hat viereinhalb J\u014d : Yo-J\u014d-Han.&nbsp;<br \/>Kamo hatte ein fr\u00fches Vorbild f\u00fcr seine winzige H\u00fctte. Der Kaufmann Vimalakirte, ein Zeitgenosse Buddhas, hatte sich eine solche H\u00fctte in den Bergen errichtet und sich dorthin zur Meditation zur\u00fcckgezogen. Nachdem er erwacht war, kehrte er zur\u00fcck in sein Leben als Kaufmann. Damit war er ein Vorbild, denn er konnte als Erwachter mitten im t\u00e4tigen Leben das Erwachtsein verwirklichen. Als er erkrankte, wollte Buddha einen Sch\u00fcler zu ihm schicken, aber alle weigerten sich. Sie waren seiner nicht w\u00fcrdig, denn sie konnten das Erwachtsein nur in der Abgeschiedenheit leben.&nbsp;<br \/>Sp\u00e4ter errichteten sich die Teemenschen in Japan nach dem Vorbild von Kamo no Chomei mitten in der Hauptstadt ihre kleinen Teeh\u00fctten, um sich dort zeitweise vom Getriebe der Welt zur\u00fcckzuziehen und zum Erwachen zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Kamo hatte seinen Teeraum nicht f\u00fcr die Ewigkeit gebaut. Es war nur eine notd\u00fcrftig errichtete H\u00fctte, die er jederzeit an einem anderen Ort wieder aufbauen konnte:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Sollte mir hier etwas missfallen, so k\u00f6nnte ich ohne weiteres jederzeit umziehen. Was sollte es f\u00fcr eine M\u00fche sein, diese H\u00fctte wieder aufzubauen? Es bed\u00fcrfte nur zweier Karrenladungen, um das gesamte H\u00e4uschen zu transportieren, und au\u00dfer des Entgelts f\u00fcr den Wagenf\u00fchrer entst\u00fcnden keine weiteren Kosten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wir haben oft das Gef\u00fchl, dass wir uns f\u00fcr die Ewigkeit einrichten und wir suchen Sicherheit und Dauerhaftigkeit. Ja, wir schlie\u00dfen sogar Lebensversicherungen ab, weil wir Best\u00e4ndigkeit suchen. Aber wer k\u00f6nnte das Leben versichern?<br \/>\u00a0Wenn immer alles gleich bliebe, so w\u00fcrde sich doch sicher die Langeweile einstellen. Das Gewohnte wird zum Gew\u00f6hnlichen und wir sehnen uns nach frischem Leben und Er-leben.\u00a0<br \/>Der Ver\u00e4nderung wohnt ja auch eine gro\u00dfe Sch\u00f6nheit inne. In Japan gibt es das Wort vom \u201amono no aware\u2018, der Sch\u00f6nheit der Verg\u00e4nglichkeit. Aware ist ein Ausruf, der sich recht gut ins Bayerische \u00fcbertragen l\u00e4sst: Ui &#8211; do schaug her! (Oder einfach nur: Ui!) Mono ist eine Sache, die den erstaunten Ruf \u201aAware\u2018 erzeugt. Der Dichter Basho schrieb einst ein Haiku:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><br \/>Da &#8211; am Wegesrand \/ die Hibiskusbl\u00fcte &#8211; \/ <\/p><p>und schon hat sie mein Pferd gefressen.\u00a0<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In der Edozeit entstand der Begriff des Ukiyo &#8211; der flie\u00dfenden Welt. Uki ist eine schwimmende Boje, urspr\u00fcnglich eine Melone, die auf den Wellen eines Flusses tanzend davongetragen wird. Das zeigt zwar deutlich die Verg\u00e4nglichkeit, aber der Anblick ist auch lustig. So st\u00fcrzte man sich mit vollen Z\u00fcgen in die flie\u00dfende Welt und genoss das Leben, das ohnehin nur von kurzer Dauer ist. Die Freudenviertel der Edozeit, in denen man die \u201aflie\u00dfende Welt\u2018 feierte, lagen oft an kleinen Fl\u00fcssen, die mit Kirschb\u00e4umen ges\u00e4umt waren. Besonders sch\u00f6n ist es dann, wenn zur Zeit der Kirschbl\u00fcte jeder Windsto\u00df und jeder Regenschauer die Bl\u00fctenbl\u00e4tter wie einen Schneesturm durch die Luft wirbelt und wenn das flie\u00dfende Wasser die Bl\u00fctenbl\u00e4tter davontr\u00e4gt.\u00a0\u00a0<br \/>Aber der Abschied vom Gewohnten f\u00e4llt dennoch oft schwer. Kamo liebte seine fl\u00fcchtige H\u00fctte und deren Umgebung so sehr, dass er f\u00fcrchtete, dass ihm diese Liebe ein Hindernis werden k\u00f6nnte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><br \/>Mein Leben neigt sich nun gleich dem Mond am Nachthimmel, nur wenig noch und er wird hinter dm Rand der Berge versinken. Schon bald werde ich mich anschicken, in die Finsternis der drei Wege einzutreten. &#8230; So gereicht es mir wohl zum Fehler, dass ich jetzt meine H\u00fctte liebe. Und es mag f\u00fcr mich auch ein Hindernis f\u00fcr die Erleuchtung werden. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch Bash\u014d liebte seine H\u00fctte an der Bananenstaude (Bash\u014d). Als er sich wieder einmal auf eine lange Wanderschaft begab, verlie\u00df er zusammen mit seinen Freunden die H\u00fctte mit dem Boot. Im Ort Senju, das f\u00fcr seinen Fischmarkt ber\u00fchmt war, ging er an Land und verabschiedete sich mit bitteren Tr\u00e4nen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><br \/>yuku haru ya          Scheidender Fr\u00fchling <br \/>Tori naki uo no      V\u00f6gel klagen und Fische<br \/>me wa namida      vergiessen Tr\u00e4nen.<\/p><cite> <\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eigentlich wei\u00df man bei diesem Haiku nicht so recht, ob man ebenfalls vor Trauer weinen oder \u00fcber die witzige Vorstellung von weinenden Fischen Tr\u00e4nen vor Lachen vergie\u00dfen soll.&nbsp;<br \/>So ist es oft. Das Alte geht und erf\u00fcllt uns mit Wehmut, aber das Neue wartet schon und erf\u00fcllt uns mit freudiger und gespannter Erwartung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier im Myoshinan sind wir in einer Zeit des Abschieds und des Wandels. Im Juni \/ Juli werden wir mit dem Teehaus umziehen in die Rh\u00f6n in den kleinen Ort Waldfenster mitten im B\u00e4dereck zwischen Bad Kissingen, Bad Br\u00fcckenau und Bad Bocklet, im&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/swm_mail\/link.php?link=01_02_04_01_4\">Biosph\u00e4renreservat Rh\u00f6n<\/a>.&nbsp; In einem alten Forsthaus wird dort zusammen mit&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/swm_mail\/link.php?link=01_02_04_01_5\">Carola Catoni<\/a>&nbsp;ein neues Zentrum entstehen mit zwei Teer\u00e4umen. Einem kleinen wie bisher und einem formalen viereinhalb Matten Raum. Sp\u00e4ter wird dann auch noch im Garten ein eigenes Teehaus gebaut werden. Au\u00dferdem gibt es dort noch einen eigenen Raum f\u00fcr Meditationen. Carola wird sich um Menschen mit Burnout k\u00fcmmern und Meditationen anleiten. Im Haus werden wir auch \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr G\u00e4ste haben. Man kann dann in den Teer\u00e4umen mit Schlafsack oder auf Futon \u00fcbernachten. Aber es wird auch ein eigenes G\u00e4stezimmer geben.&nbsp;<br \/>Mein Sch\u00fcler Michael wird in den&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/swm_mail\/link.php?link=01_02_04_01_6\">Schnackenhof nach R\u00f6thenbach<\/a>&nbsp;an der Pegnitz ziehen. Dort wird er einen Teeraum bauen, der auch f\u00fcr Menschen aus N\u00fcrnberg und Umgebung gut erreichbar ist. Auch dort gibt es ein G\u00e4stezimmer. Ich werde dann in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden am Schnackenhof sein und den Teeweg, Zen &#8211; Shakuhachi und Philosophie unterrichten. Als Erstes wird es wohl einen Arbeitskreis \u00fcber H\u00f6lderlin geben. Selbstverst\u00e4ndlich wird auch Reinhard Knodt, der den Schnackenhof als Begegnunszentrum aufgebaut hat, dort weiter regelm\u00e4\u00dfig seine Veranstaltungen halten. Damit wird der Schnackenhof seiner Aufgabe als Vermittler zwischen Ost und West gerecht.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_5224_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5224_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5224_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5224_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(5224, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 139\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_5224_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_5224_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/mujo-nichts-ist-bestaendig\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen bl\u00fchen die Kirschb\u00e4ume, aber es ist noch empfindlich kalt. 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