{"id":4072,"date":"2017-12-06T11:20:29","date_gmt":"2017-12-06T10:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=4072"},"modified":"2017-12-06T12:38:09","modified_gmt":"2017-12-06T11:38:09","slug":"die-reissende-zeit-und-die-stille-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/die-reissende-zeit-und-die-stille-2\/","title":{"rendered":"Die reissende Zeit und die Stille"},"content":{"rendered":"<p>(Aus dem Archiv: Monatsbrief April 2011)<\/p>\n<h3>Die Zeit der Katastrophen und der Ver&auml;nderungen: <br \/>Die reissende Zeit und die Stille<\/h3>\n<div id=\"attachment_4076\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4076\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2-1024x733.png\" alt=\"Tsunami\" width=\"640\" height=\"458\" class=\"size-large wp-image-4076\" srcset=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2-1024x733.png 1024w, http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2-300x215.png 300w, http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2.png 1889w, http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/flut2_bearbeitet-2-300x215@2x.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4076\" class=\"wp-caption-text\">Tsunami<\/p><\/div>\n<p>Eigentlich h&auml;tte es ein stilles und h&auml;usliches &#8222;Jahr des Hasen&#8220; werden sollen. Aber dann kam das seit langem bef&uuml;rchtete Erdbeben in Japan und der Tsunami.&nbsp; Und&nbsp; zu allem &Uuml;berfluss auch noch der Super &#8211; GAU in Fukushima, der Region, die w&ouml;rtlich&nbsp; &bdquo;Gl&uuml;cksinsel&ldquo; hei&szlig;t.&nbsp;<\/p>\n<p>Das Entsetzen &uuml;ber die schrecklichen Vorg&auml;nge hat uns lange stumm gemacht vor Schmerz. Unser ganzes Mitgef&uuml;hl und unsere Sorge gilt den Menschen in den Katastrophengebieten, die alles verloren&nbsp; und nur ihr eigenes Leben gerettet haben. Auf unserer Webseite gibt es ein kleines &bdquo;Tagebuch&ldquo; eines Betroffenen, der in Sendai alles verloren hat, und der zun&auml;chst die Rettung &Uuml;berlebender, die Bergung der Toten und nun den Wiederaufbau mit organisiert. N&uuml;chtern und sachlich berichtet er vom Leben in Sendai nach der Katastrophe.&nbsp;<\/p>\n<p>Kurz nach den Ereignissen war eine Schulklasse hier im Myoshinan zu Besuch, die das Thema Buddhismus und die buddhistischen K&uuml;nste im Religionsunterricht behandelt haben. Die jungen Menschen fragten ganz ersch&uuml;ttert, wie es kommt, dass die Japaner in dieser Katastrophe so ruhig und gelassen bleiben?<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es daran, dass sie schon von Kindheit an mit der Ver&auml;nderung und dem steten Wandel konfrontiert werden, anders als bei uns, die wir uns sicher vor Naturkatastropehn w&auml;hnen und die wir unser Leben rundum &#8222;versichert&#8220; haben. Nicht nur, dass die Japaner st&auml;ndige Erdbeben erleben, den Taifun im Herbst und immer wieder &#8211; wenn auch meistens kleinere &#8211; Tsunami. An vielen Orten, wie in Kagoshima oder rund um den gr&ouml;&szlig;ten Vulkan der Welt, dem Aso leben sie mit dem Vulkan und seinen &#8222;t&auml;glichen Launen&#8220;. Wenn der Vulkan in Kagoshima wieder mal zu sehr spuckt, spannt man halt Regenschirme auf, um sich vor der Asche zu sch&uuml;tzen und am Aso wird vor&uuml;bergehend die Durchfahrt gesperrt.<\/p>\n<p>Wenn die Japaner beginnen, lesen und schreiben zu lernen, so begegnen sie dem Iroha, dem japanischen &bdquo;Alphabet&ldquo;, das aus 50 Silben besteht. Aber weit entfernt davon, dass die Silben systematisch nach ihrer Logik geordnet werden, sind sie als Gedicht geschrieben, in dem jede Silbe nur ein einziges mal vorkommt. Heute noch sind z.B. die Sitze im Noh-Theater nach diesem Iroha geordnet. Wer das Gedicht nicht kennt, kann seinen Theatersitz nicht finden.&nbsp; Das Grundthema des Iroha ist die Unbest&auml;ndigkeit allen Seins. So ist jeder Japaner in seinem Alltag mit dem steten Wandel vertraut.&nbsp; Das Gedicht lautet:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">iro.ha nioedo chirinuru.o<br \/>wa.ga yo tare zo tsune naran<br \/>ui.ga yo tare zo tsune naran<br \/>ui no oku yama ky&ocirc; koete<br \/>asaki yume miji ehi.mo sezu<br \/>&nbsp;<br \/>Die Farben sind noch frisch, doch sind die Bl&auml;tter, ach, schon abgefallen!<br \/>Wer denn in unserer Welt wird unverg&auml;nglich sein?<br \/>Die Berge fernab von den Wechself&auml;llen (des Lebens) heute &uuml;berschreitend,<br \/>Werde ich keinen seichten Traum mehr tr&auml;umen, bin auch nicht berauscht.<\/p>\n<p>Es sind zwei gro&szlig;e Themen, die in dem Gedicht behandelt werden: die stete Verg&auml;nglichkeit aller Dinge und das Erwachen aus dem Traum, in dem wir uns von den Wechself&auml;llen des Lebens als sicher w&auml;hnen.<br \/>&nbsp;<br \/>Iro ha &#8230; : die Farben sind noch frisch, doch die Bl&auml;tter sind schon abgefallen! Die Klage &uuml;ber die Verg&auml;nglichkeit, die aber bei aller Trauer zugleich eine innere Sch&ouml;nheit in sich birgt. Es gibt den Begriff des mono no aware, der eigentlich ein &Uuml;berraschungsruf ist: Aware! <br \/>Da! im Herbstgras die Schnepfe &#8211; und schon ist sie wieder verschwunden. <br \/>Basho dichtet: &bdquo;Da am Wegesrand die Hibiskusbl&uuml;te: Und schon hat sie mein Pferd gefressen!&ldquo;<br \/>Die Erfahrung der Verg&auml;nglichkeit durchzieht die gesamte japanische Kultur und auch das buddhistische Denken. In Japan sieht man eine schmerzvolle und wehm&uuml;tige Sch&ouml;nheit in der Verg&auml;nglichkeit der Dinge.<\/p>\n<p> Aber nicht immer ist die Verg&auml;nglichkeit nur sch&ouml;n, oft, gerade wenn es unser eigenes Geschick betrifft, ist es ein schmerzliches Erwachen aus dem Traum, der uns vorspiegelt, dass wir unser Leben in Sicherheit hinbringen. Dieses Erwachen erzeugt zun&auml;chst Entsetzen, Schmerz und Angst.<\/p>\n<p>Das gro&szlig;e mittelalterliche Epos Heike monogatari, das den Aufstieg und Fall der Heike &#8211; Sippe und vom Krieg zwischen den Heike und den Genji&nbsp; erz&auml;hlt, beginnt mit den klagenden Worten:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Gion sh\u014dja no kane no koe <br \/>sh\u014dgy\u014d muj\u014d no hibiki ari.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Shara souju no hana no iro <br \/>jousha hissui no kotowari o arawasu.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Ogoreru hito mo hisashikarazu, <br \/>Tada haru no yo no yume no gotoshi. <br \/>Takeki mono mo tsui ni horobinu.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Hitoe ni kaze no mae no chiri ni onaji.<\/p>\n<p>Der Gion Sh\u014dja Glocken Klang<br \/>ist das Echo der Verg&auml;nglichkeit aller Dinge. <\/p>\n<p>die Farbe der Sala Bl&uuml;te offenbart, <br \/>dass die Erfolgreichen fallen m&uuml;ssen. <\/p>\n<p>Die &Uuml;berm&uuml;tigen sind nicht von Dauer, <br \/>sie gleichen dem Traum in einer Fr&uuml;hlingsnacht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die M&auml;chtigen fallen zuletzt, sie sind wie Staub vor dem Wind.&#8220;<\/p>\n<p>Schon bevor die Erz&auml;hlung die Geschichte vom Aufstieg der Heike Sippe beginnt, wird mit den einleitenden Worten klar, dass der Aufstieg unweigerlich in den Abgrund und das Ende f&uuml;hren wird.<\/p>\n<p>Mit den Glocken von Gion Sh\u014dja ist nicht das Gion-Viertel in Kyoto gemeint, sondern das Kloster Gion sh\u014dja oder Jetavana in Indien, dem Lieblingsort Buddhas, an den er sich immer w&auml;hrend der Regenzeit zur&uuml;ck gezogen hatte,&nbsp; um dort zu lehren.&nbsp; Wir h&ouml;ren nicht mehr die Glocken des Jetavana, die sind l&auml;ngst schon zerfallen, so wie auch die Heike zerfallen werden. Es ist nur noch das Echo aus fernen und vergangenen Zeiten. Es ist das Echo der Lehre Buddhas von der Verg&auml;nglichkeit aller Dinge und dem Leiden, das aus der Illusion der Best&auml;ndigkeit entsteht.<\/p>\n<p>Die Farbe der Sala-Bl&uuml;te offenbart die Verg&auml;nglichkeit, so wie es auch im Iroha hei&szlig;t: <br \/>&#8222;Die Farben sind noch frisch, aber ach, die Bl&uuml;ten sind schon abgefallen&#8220;. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vollkommen verwelkt und verschwunden sind.<\/p>\n<p>Der Sala-Baum wird in buddhistischen Schriften sehr oft erw&auml;hnt. Im Sala-Hain von Lumbini wurde der Prinz Siddharta, der sp&auml;ter Buddha werden sollte, geboren, indem sich seine Mutter an einen Sala-Baum anlehnte, der im Augenblick der Geburt Bl&uuml;ten regnen lie&szlig;. Im Maha-parinibbana Sutta des Pali Kanon wird berichtet, wie sich der Buddha in den letzten Tagen seines Lebens m&uuml;de unter zwei kleinen Sala-B&auml;umen niederlegte um zu ruhen. Pl&ouml;tzlich bl&uuml;hten die B&auml;ume auf, obwohl es nicht die Zeit war, und es regnete Bl&uuml;ten auf den schlafenden Buddha nieder. Hier unter dem Sala-Baum im Bl&uuml;tenregen ging er ein ins endg&uuml;ltige Nirvana.&nbsp;<\/p>\n<p>Der Salabaum mit seinen Bl&uuml;ten steht f&uuml;r den Anfang und das Ende, das Werden und das Vergehen.<\/p>\n<p>Die Glocken des Gion Sh\u014dya und die Salabl&uuml;ten zeigen die Zentralbotschaft der Lehre des Buddha:<\/p>\n<p> \u8af8\u884c\u7121\u5e38 sh\u016bj\u014d muj\u014d &bdquo;alle Dinge sind ohne Bestand&ldquo;.<\/p>\n<p>Selbst die Schreibung f&uuml;r das Wort &bdquo;alle Dinge&ldquo; enth&auml;lt schon den steten Wandel. Sh\u016bj\u014d wird gebildet aus dem Wort-Teil f&uuml;r ,alles&lsquo; und dem Zeichen f&uuml;r &#8222;gehen, sich ver&auml;ndern, unterwegs sein&#8220;. Eigentlich sind es keine &bdquo;Dinge&ldquo;, die eine Illusion der Best&auml;ndigkeit erzeugen, sondern Wandlungszust&auml;nde. Etwas ist gerade jetzt in diesem oder jenem Zustand befindlich. Im Abendland haben wir die Vorstellung von Ewigkeit und Unver&auml;nderlichkeit. Im Osten ist das einzig Ewige und Best&auml;ndige der stete Wandel. Aber auch dem gro&szlig;en griechischen Denker Heraklit, der etwa um die Zeit des Buddha in Ephesus lebte und lehrte, wird das Wort &bdquo;Alles flie&szlig;t&ldquo; zugeschrieben. Auch Heraklit denkt den ewigen Wandel als das einzig Best&auml;ndige.<\/p>\n<p>Im Iroha, dem japanischen Alphabet ist auch die Rede vom Traum und dem Rausch, aus dem man erwacht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die Berge fernab von den Wechself&auml;llen (des Lebens) heute &uuml;berschreitend,<br \/>Werde ich keinen seichten Traum mehr tr&auml;umen, bin auch nicht berauscht.<\/p>\n<p>Es ist das Wach &#8211; werden aus dem Traum, dass die Dinge Best&auml;ndigkeit haben, und das Ankommen in der n&uuml;chternen Erkenntnis der steten Ver&auml;nderung.&nbsp; Der Sprecher ist auf dem Weg heraus aus den Niederungen, in denen man von der Best&auml;ndigkeit tr&auml;umt, hinauf in die Klarheit der Berge. Dort verabschiedet er sich von jedem Traum und Rausch.<\/p>\n<p>Jede Vorstellung einer Sicherheit, die ihren Ursprung in der scheinbaren Best&auml;ndigkeit hat, ist Traum. Auch im Heike monogatari ist vom Traum die Rede:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Die &Uuml;berm&uuml;tigen &#8230; gleichen dem Traum in einer Fr&uuml;hlingsnacht. \/Sie fallen zuletzt und sind wie Staub vor dem Wind.<\/p>\n<p>Die laue Fr&uuml;hlingsnacht mit ihrer Bl&uuml;tenpracht und dem Duft, der die ganze Luft erf&uuml;llt, weckt die Illusion, dass alles so bleibt, wie es in dieser rauschhaften Sch&ouml;nheit des Augenblickes ist. Aber es ist nur ein Traum und das Aufwachen tut oft sehr weh. Darum wollen wir es gern vermeiden, aus dem Traum aufzuwachen und die n&uuml;chterne Realit&auml;t des sh\u016bj\u014d muj\u014d &#8211; der Unbest&auml;ndigkeit alles sich Wandelnden zu erkennen.<\/p>\n<p>Schopenhauer hat einmal das Bild eines Kahnes gebraucht, der mitten im tosenden Meer von den Wogen auf und ab geworfen wird. Das Meer ist die ganze, weite und unendliche Wirklichkeit, die sich an der Oberfl&auml;che st&auml;ndig ver&auml;ndert. Es wirft aus seiner unendlichen Tiefe eine Woge nach der anderen, um sie dann wieder zur&uuml;ck zu rei&szlig;en. Die Wogen sind wie die Erscheinungen der Dinge und der Zust&auml;nde unserer Wirklichkeit. Aber die Sicherheit, mit der wir uns von der Woge tragen lassen ist nach Schopenhauer nur eine Scheinsicherheit. Wir blenden die volle Wahrheit der reissenden Ver&auml;nderung aus, weil sie Angst macht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; width: 550px;\">Denn wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegr&auml;nzt, heulend Wasserberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeuge vertrauend; so sitzt inmitten einer Welt voll Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gest&uuml;tzt und vertrauend auf das principium individuationis. Die unbegr&auml;nzte Welt, voll Leiden &uuml;berall, .. ist ihm fremd: seine verschwindende (im Vergleich zum All unendlich kleine) Person, seine ausdehnungslose Gegenwart, sein augenblickliches Behagen, dies allein hat Wirklichkeit f&uuml;r ihn.&nbsp; Bis dahin lebt blo&szlig; in der innersten Tiefe seines Bewu&szlig;tseyns die ganz dunkle Ahndung&#8230; (um den Abgrund).<br \/>Aus dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen gemeinsame Grausen, das sie pl&ouml;tzlich ergreift, wenn sie, durch irgend einen Zufall irre werden &#8230;<\/p>\n<p>Der Zufall, durch den die Menschen irre werden, ist das unerwartete Eintreffen eines schmerzlichen Verlustes, der ganz unmittelbar das &bdquo;Behagen&ldquo; zerst&ouml;rt und das &bdquo;Grausen&ldquo; vor dem Abgrund wach werden l&auml;&szlig;t.<\/p>\n<p>Schopenhauer spricht vom biedermeierlichen &bdquo;Behagen&ldquo; mit dem wir uns in der tosenden Welt der Ver&auml;nderungen einrichten. Wenn aber pl&ouml;tzlich der kleine Kahn, in dem wir uns behaglich eingerichtet haben in Gefahr ger&auml;t, dann kommt das Grausen, die Angst vor dem Abgrund, der Alles in sich weg rei&szlig;t.<\/p>\n<p>Das &bdquo;Behagen&ldquo; ist meisten aber kein wirkliches Wohl-sein, es ist mehr oder weniger ein Sich &#8211; Abfinden mit der scheinbaren Sicherheit des Allt&auml;glichen. Vor vielen Jahren gab es einmal ein kleines Erdbeben, das sogar in M&uuml;nchen zu sp&uuml;ren war. Es war eine laue Sommernacht und alle Fenster standen offen. Im Hof wurde gefeiert, als pl&ouml;tzlich die deutlich sp&uuml;rbaren Erdst&ouml;&szlig;e auftraten. Die ersten Reaktionen waren Entsetzensschreie und dann rief jemand laut:<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &bdquo;Ein Erdbeben, ruft sofort die Polizei!&ldquo;<br \/>Ein Erdbeben ist scheinbar eine Ordnungswidrigkeit, die ein sofortiges Eingreifen der Polizei erfordert, die dann die &ouml;ffentliche Ordnung wieder herstellt. Was geschehen war ist, dass ganz pl&ouml;tzlich die scheinbare Sicherheit, in dem wir &bdquo;behaglich&ldquo; dahin leben, gest&ouml;rt war und der Abgrund sichtbar wurde, der uns jederzeit, auch ohne ein Erdbeben, dahinraffen kann. Was ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt, wir den vermeintlich sicheren Job verlieren oder uns der Partner verl&auml;sst? Dann kommt das Grauen &uuml;ber die prinzipielle Unsicherheit unseres Seins, und mit H&ouml;lderlin fragen wir uns beirrt und voll Angst: &#8222;Wohin denn ich?&#8220;<\/p>\n<p>Friedrich H&ouml;lderlin hat eine wunderbare Hymne &uuml;ber das Griechenmeer &#8211; den Archipelagos &#8211; geschrieben, in der er die Erfahrung der &bdquo;reissenden Zeit&ldquo; und des Abgrundes verarbeitet, aber zugleich auch L&ouml;sungen zeigt. Er ruft den Meer-Gott&nbsp; an mit der Bitte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">wenn die rei&szlig;ende Zeit mir<br \/>Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal<br \/>Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben ersch&uuml;ttert,<br \/>La&szlig; der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.<\/p>\n<p>In einem Gespr&auml;ch, das ich vor vielen Jahren mit D.E. Sattler, dem Herausgeber der historisch kritischen H&ouml;lderlin Ausgabe hatte, erkl&auml;rte mir Sattler, dass dieser Hymnus &bdquo;nur&ldquo; historisch sei. Historisch ist er insofern, als er die Verg&auml;nglichkeit und die &bdquo;reissende Zeit&ldquo; am Beispiel des antiken Griechenland schildert, die alles Bestehende weg rei&szlig;t. Genau genommen bezeichnet &#8222;Archipelagos&#8220; nur die Gruppe der griechischen Inseln vor der kleinasiatischen K&uuml;ste. Aber H&ouml;lderlin gebraucht den Namen f&uuml;r das gesamte Griechenmeer. Der Name Archipelagos ist aus zwei Bestandteilen gebildet:&nbsp; &#8222;Arche&#8220; ist die Herrschaft, &#8222;Pelagos&#8220; das Meer als das, was sich stetig bewegt und ver&auml;ndert. Archipelagos ist die Herrschaft der st&auml;ndigen Ver&auml;nderung und des Wechsels. H&ouml;lderlin bezeichnet das &bdquo;Wechseln und Werden&ldquo; als die &#8222;Sprache der G&ouml;tter&#8220;.<\/p>\n<p>Thema der Hymne ist die st&auml;ndige Ver&auml;nderung, das Entstehen und der Untergang, nicht nur einzelner Menschen, sondern ganzer Kulturen. Wohin ist das antike Griechenland mit den gro&szlig;en St&auml;dten Athen, Korinth oder Sparta, wohin sind die griechischen G&ouml;tter wie Zeus oder Hera, wohin all die antiken Helden, die &bdquo;gemeinsam mit den G&ouml;ttern&ldquo; an den Tafeln sa&szlig;en und speisten? Auch G&ouml;tter haben ihre Zeiten, in denen sie vergehen! In der Hymne Brot und Wein hei&szlig;t es:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,<br \/>&nbsp; &nbsp; Also ist wahr, was einst wir in der Jugend geh&ouml;rt?<br \/>Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge<br \/>&nbsp; &nbsp; Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!<\/p>\n<p>Ist es eine romantische R&uuml;ckbesinnung auf das antike Griechenland und eine jugendliche Schw&auml;rmerei des Dichters? Es scheint, als w&uuml;rde der Dichter in Erinnerungen an eine gro&szlig;e Zeit der F&uuml;lle schwelgen und dar&uuml;ber die Wirklichkeit vertr&auml;umen. Seine Erinnerungen an Griechenland klingen wie die Klage, die wir oft h&ouml;ren oder selber aussprechen: &bdquo;Ja, fr&uuml;her, da war alles gut!&ldquo;<br \/>Nach dem schw&auml;rmerischen Lobgesang auf die alten Zeiten kommt beim Dichter sofort die Klage:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gef&auml;&szlig;e,<br \/>&nbsp; &nbsp; Wo mit Nektar gef&uuml;llt, G&ouml;ttern zu Lust der Gesang?<br \/>Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Spr&uuml;che?<br \/>&nbsp; &nbsp; Delphi schlummert und wo t&ouml;net das gro&szlig;e Geschick?<\/p>\n<p>Und warum endete die Zeit des gro&szlig;en, alten Griechenland? F&uuml;r H&ouml;lderlin ist das Ende der alten romantischen Zeit eine geschichtliche und f&uuml;r uns Menschen eine existentielle Notwendigkeit. Diese Zeit musste enden, weil sich die Menschen in der allt&auml;glichen Behaglichkeit eingerichtet hatten:<\/p>\n<p>gewohnt werden die Menschen des Gl&uuml;cks<br \/>Und des Tags<\/p>\n<p>und zu schaun die Offenbaren, das Antlitz<br \/>&nbsp; &nbsp; Derer, welche schon l&auml;ngst Eines und Alles genannt.<\/p>\n<p>So geht es uns eigentlich immer. Wenn die Zeit des Gl&uuml;ckes da ist, wird das Gl&uuml;ck allm&auml;hlich zum Gewohnten und damit zum Gew&ouml;hnlichen. Das Gew&ouml;hnliche aber nehmen wir &uuml;berhaupt nicht mehr wahr. Es wird &bdquo;unempfunden&ldquo;, weil wir in den allt&auml;gliche Trott des gleichm&auml;&szlig;ig ablaufenden Tages verfallen, und meinen, alles bleibt selbstverst&auml;ndlich immer so, wie es ist und wie es war. Das Gl&uuml;ck stumpft ab zum schopenhauerischen &#8222;Behagen&#8220; oder gar zu einem nicht empfundenen Zustand oder gar der &#8211; Langeweile. Damit stumpfen wir ab und verfallen in den Alltagstrott, aus dem wir erst herausgerissen werden, wenn ein Ungl&uuml;ck, eine Trennung oder ein Todesfall eintritt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben<br \/>&nbsp; &nbsp; Selber ein Gott f&uuml;r ihn, kennet und sieht er es nicht<br \/>Tragen mu&szlig; er, zuvor;<\/p>\n<p>Tragen muss der Mensch das Gl&uuml;ck und das Leid, so wie H&ouml;lderlin an anderer Stelle sagt: &#8222;auf den Schultern aber wie eine Last von Scheitern&#8220;. Auch Atlas tr&auml;gt auf seinen Schultern die Last des gesamten Himmels, aber er ist ein Titan. F&uuml;r uns Sterbliche ist oft die Last, die wir tragen m&uuml;ssen zu gro&szlig;, so da&szlig; sich unsere Schultern beugen, der Blick zu Boden geht und wir die offene Weite des Himmels nicht mehr erkennen k&ouml;nnen. Wir Menschen sind auch ein wenig wie Atlas: unsere Wirbels&auml;ule muss den K&ouml;rper aufrecht tragen zwischen Iliosakralgelenk am Becken und dem&nbsp; &#8222;Atlasgelenk&#8220; , das den Kopf tr&auml;gt. Wird die Last, die wir zu tragen haben zu gro&szlig;, beugt sich der Kopf nach unten und unter der Last sinken die Schultern ein. So wird der Blick voller Schwere auf dem Boden fixiert und wir k&ouml;nnen nicht mehr frei atmen oder zum Himmel aufschauen. So tragen wir jeden Tag unser Geschick, aber dieses Tragen wird erst deutlich, wenn uns die Last zu schwer wird und uns niederbeugt. Im allt&auml;glichen Dahinbringen unseres Daseins wird oft noch nicht einmal das Lasthafte bewu&szlig;t, es bleibt nur ein unbestimmtes Empfinden von Ungen&uuml;gen und Leere.<\/p>\n<p>In H&ouml;lderlins Philosophie ist das Erwachen aus dem Traum und das Durchleben des &bdquo;Fehls&ldquo; ein notwendiger Vorgang, der uns dazu bringt, wieder wach und stark zu werden:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Aber das Irrsal<br \/>&nbsp; &nbsp; Hilft, wie Schlummer und stark machet die Not und die Nacht,<br \/>Bis da&szlig; Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,<br \/>&nbsp; &nbsp; Herzen an Kraft<\/p>\n<p>Wenn der Schmerz aufbricht, kann auch der Schlaf Linderung bringen. Die Schwachen k&ouml;nnen sich in den Schlaf weinen, wie Kinder. Der Schlaf lindert. Aber oft ist der Schmerz zu gro&szlig; und er verweigert uns den tr&ouml;stenden Schlaf. Nur die Starken bleiben wach in der Nacht, um den Schmerz auszutragen und das Neue zu erwarten. Aber das ist auch ein schmerzlichen Leiden und ein Aushalten der Angst vor dem unbekannten Neuen.<\/p>\n<p>Der Untergang des Alten ist f&uuml;r H&ouml;lderlin ein notwendiger Prozess der Erneuerung, ja, ein Prozess, der uns aus dem Gewohnten, das zum Gew&ouml;hnlichen geworden ist, herausrei&szlig;t. Dann kommt zun&auml;chst der Schmerz, aber das ist ein Schmerz, der uns erwachen l&auml;sst und der uns zwingt, wach und offen dem Neuen zu begegnen. Im Gedicht Patmos sagt H&ouml;lderlin:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Wo aber Gefahr ist, w&auml;chst das Rettende auch!<\/p>\n<p>Das Rettende ist nichts Anderes, als die Gefahr selber, die uns aus dem allt&auml;glichen Trott herausreisst und zum Nachdenken und zum Wach-Werden zwingt. Die Gefahr birgt die Chance des Erwachens in sich. Musste erst die Atomkatastrophe in Fukushima geschehen, damit die Menschheit aufwacht aus dem Traum der Machbarkeit und der bequemen und beliebigen Verf&uuml;gbarkeit?<\/p>\n<p>Schlaf ist eine Seite, aber Helden erwachsen nur aus dem Schmerz und dem Leiden, wie H&ouml;lderlin sagt. Aber was tun wir, wenn uns ein Verlust ergreift? Wir tr&auml;umen uns hinweg in fr&uuml;here Paradiese oder bet&auml;uben uns mit Schlaf oder Ablenkung oder wir st&uuml;rzen uns in hektische und ziellose Aktivit&auml;ten, nur um uns zu bet&auml;uben, damit wir den Schmerz nicht aushalten m&uuml;ssen. So hei&szlig;t es auch im Archipelagos:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,<br \/>Ohne G&ouml;ttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben<br \/>Sind sie geschmiedet allein und <strong>sich<\/strong> in der tosenden Werkstatt<br \/>H&ouml;ret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden<br \/>Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer<br \/>Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die M&uuml;he der Armen.<\/p>\n<p>Unser Geschlecht, das Geschlecht der Menschen ist rastlos und ohne den Blick f&uuml;r den offenen Himmel und die Weite des Seins. Wir sind wie mit Ketten ans eigene Treiben geschmiedet, unfrei und getrieben. Ich w&uuml;rde ja gern zu mir selbst kommen, aber leider habe ich keine Zeit dazu! Der Job, die Familie, das Vergn&uuml;gen, und dann muss ja auch noch der Urlaub geplant werden!<\/p>\n<p>&bdquo;Viel arbeiten die Wilden&ldquo;, aber all ihr Bem&uuml;hen bleibt fruchtlos und unfruchtbar, weil es in vollkommener Bet&auml;ubung ohne Ziel ist. Nach der Katastrophe in Japan kam oft die Frage: Was kann man tun? Jetzt und hier: Nichts! Still werden und den Blick frei bekommen auf das Wesentliche. Das wird, wenn die Menschheit endlich zur Besinnung kommt, vieles, wenn nicht gar Alles &auml;ndern! Was kann man tun, wenn pl&ouml;tzlich der Partner verschwindet oder ein lieber Mensch fort geht? Den Schmerz nutzen und still werden! Und sich nicht sofort und besinnungslos in eine neue, ungekl&auml;rte Beziehung fl&uuml;chten, die irgendwann genau so enden wird.<\/p>\n<p>Das Ziel kann nur aus dem Blick ins Offene gewonnen werden, aber dazu bleibt in dem Getriebe keine Zeit. &bdquo;Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet allein&ldquo;.&nbsp; Dieses ,allein&lsquo; hat eine doppelte Bedeutung. Sie sind lediglich, also <strong>nur<\/strong> &#8211; allein &#8211; an das eigene Treiben geschmiedet, also unfrei und gefesselt.&nbsp; In diesem gefesselten Getriebe sind sie zugleich &#8211; allein, Einsam. In all dem L&auml;rm des Machens und Machen-M&uuml;ssens h&ouml;rt niemand auf den Anderen, jeder ist f&uuml;r sich, eben allein und einsam. &#8222;SICH in der tosenden Werkstatt h&ouml;ret Jeglicher nur!&#8220; Je mehr wir uns in das Machen st&uuml;rzen, desto mehr versuchen wir, den Schmerz des Allein-Seins zu unterdr&uuml;cken und desto mehr st&uuml;rzen wir uns in den L&auml;rm des Machens.&nbsp; Vielleicht suchen wir auch die &#8222;Gesellschaft Anderer&#8220;, die aber oft, auf der Flucht vor der eigenen Angst und dem Allein- Sein, jeder vor sich hin l&auml;rmen. Niemand h&ouml;rt vor lauter L&auml;rm den Anderen. Je tiefer der Absturz in unser Ungl&uuml;ck, desto intensiver st&uuml;rzen wir uns in das Getriebe und desto einsamer werden wir.<\/p>\n<p>Wir wissen dann nicht mehr, wohin uns unser Weg f&uuml;hrt. H&ouml;lderlin nennt dies die Not und das Irrsal. Das Wort &#8222;das Irrsal&#8220; ist gebildet wie &bdquo;das Schicksal&ldquo;. Irrsal ist nicht einfach nur das Irre &#8211; werden. Wenn wir an einer Weggabelung stehen, kann es geschehen, dass wir nicht mehr wissen, wohin uns der Weg f&uuml;hren wird. Das ist mehr als nur eine kleine Beirrung, es ist entscheidend f&uuml;r unser gesamtes Schicksal, welchen Weg wir gehen. Das Irrsal l&auml;sst uns zur&uuml;ck in der Not und dem Leiden: &bdquo;Was wird aus mir?&ldquo; Oder wie H&ouml;lderlin sagt: &#8222;Wohin denn ich?&#8220; Das Irrsal ist Schmerz und tiefstes Leiden an der Weglosigkeit und Orientierungslosigkeit.<\/p>\n<p>Das Einzige, was helfen kann, ist die Stille in der Tiefe, der Schritt zur&uuml;ck aus dem Machen und dem sich Bet&auml;uben:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Bis erwacht vom &auml;ngstigen Traum, die Seele den Menschen<br \/>Aufgeht, jugendlichfroh, und der Liebe segnender Othem<br \/>Wieder, wie vormals,&nbsp; &#8230; wehet.<\/p>\n<p>Die Stille im Teeraum kann helfen loszulassen, und den Schritt zur&uuml;ck aus dem Getriebe des besinnungslosen Machens zu tun. Fern vom getriebenen Machen-M&uuml;ssen gehen wir jeden Schritt bei der Bereitung des Tee aus der Stille: JETZT dies, JETZT das. Dieses achtsame Tund des ganz allt&auml;glichen &#8222;Wasser holen, Feuer machen, Tee schlagen und Trinken&#8220; schenkt Ruhe und Stille im in sich gesammelten Tun. Aber manchmal ist der Schmerz sogar dazu zu gro&szlig;. Wir brauchen ein gewisses Ma&szlig; an Kraft, um die Bewegungen und den Atem des Tee zu tragen.&nbsp; Im tiefen Schmerz kann es sein, dass unsere Kraft nicht reicht, weil uns die Last von Scheitern den R&uuml;cken beugt. In den Lehrgedichten Rikyus hei&szlig;t es im sechsten Gedicht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">In der Tenmae tue alle Schw&auml;che beiseite und sei stark.<\/p>\n<p>Aber manchmal ist die Last auf unseren Schultern zu gro&szlig;, um noch bei der Tenmae stark zu sein. Wenn wir einfach nur m&uuml;de sind, kann es helfen, sich ganz auf den Tee zu konzentrieren. Aus der &auml;u&szlig;eren Haltung der St&auml;rke erw&auml;chst dann eine innere St&auml;rke, die uns frisch macht und wieder zur Ruhe kommen l&auml;&szlig;t. Aber wenn der Bruch, den wir gerade erleben, das Irrsal und die Not zu gro&szlig; ist, dann hilft auch der Tee nicht mehr.<\/p>\n<p>Dann hilft vielleicht nur noch, still zu werden, einfach nur in Meditation zu sitzen und zu unserem Atem zu finden. Das bringt uns in Kontakt mit der gro&szlig;en Stille, die &uuml;berall ist und die sich auch tief innen in unserer Mitte findet.<\/p>\n<p>H&ouml;lderlin endet den Gesang &uuml;ber das Griechenmeer mit einer Bitte an den Meergott. Die alten Zeiten sind vergangen, weil sie vergehen mussten, denn die &bdquo;G&ouml;ttersprache&ldquo; ist das Wechseln und Werden. Die alten G&ouml;tter und die romantischen Zeiten des alten Gl&uuml;cks sind vergangen, nur die Natur ist so, wie sie immer war: &bdquo;Aber droben das Licht, es spricht noch heute zu Menschen&ldquo; so wie es seit Urbeginn gesprochen hat. Nur wir haben es nicht mehr wahr genommen, weil wir, wie in der Zeit der Griechen, uns den Blick vom romantischen Bild der G&ouml;tter tr&uuml;ben lie&szlig;en. Jetzt gilt es, die Natur und uns selbst ganz unverkl&auml;rt zu sehen und wahr zu nehmen. Wahr nehmen hei&szlig;t nicht, irgendwie bemerken, dass etwas ist. Wahr nehmen hei&szlig;t, etwas inst&auml;ndig in die Wahr, in die Hut zu nehmen, es innig zu bewahren im Herzen. Nehmen wir die Natur noch wahr? Nicht die &bdquo;Natur&ldquo;, die man ausbeuten kann auf Energie oder Rohstoff, sondern die Natur, die unser innerstes Wesen ist, die uns tr&auml;gt und lebt? Nehmen wir uns selbst wahr, wie wir ohne den Bezug auf unser Machen und unsere Rolle in der Gesellschaft sind?<\/p>\n<p>Darum ruft H&ouml;lderlin das Meer der Griechen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">T&ouml;ne mir in die Seele noch oft, da&szlig; &uuml;ber den Wassern<br \/>Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken<br \/>Frischem Gl&uuml;cke sich &uuml;b` und die G&ouml;ttersprache das Wechseln<br \/>Und das Werden versteh`<\/p>\n<p>Zu Zeiten ist unser Geist &bdquo;furchtlos rege&ldquo; wie der Schwimmer, der sich in den Wogen des Meeres tummelt und das Gl&uuml;ck in allem Wechseln und Werden genie&szlig;t. Das ist die Kraft und das Gl&uuml;ck, die uns geschenkt ist, wenn wir auf den Wogen der Zeit tanzen. Aber wir tanzen immer &uuml;ber dem unendlichen Abgrund, der uns dann aber nicht mehr &auml;ngstigt, sondern Kraft verleiht und wir geniessen das Gl&uuml;ck des Schmimmers, der oben auf den Wellen schmimmt und der zugleich um den Abgrund wei&szlig;, ohne dass ihn die Angst starr macht.<\/p>\n<p>&nbsp;H&ouml;lderlin spricht nicht vom &bdquo;Behagen&ldquo; des unbewu&szlig;t in seinem Nachen dahin D&auml;mmernden, wie Schopenhauer. Er spricht vom Gl&uuml;ck Dessen, der um den Abgrund wei&szlig; und dennoch an der Oberfl&auml;che in den Wellen des Wechselns und Werdens schwimmt, in dem starken frischen Gl&uuml;ck, dem Schwimmer gleich.&nbsp; Aber wenn die Not zu gro&szlig; ist und<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">wenn die rei&szlig;ende Zeit mir<br \/>Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal<br \/>Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben ersch&uuml;ttert,<br \/>La&szlig; der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.<\/p>\n<p>Wir m&uuml;ssen nicht ans Griechenmeer fahren, um diese Stille in der Tiefe zu erleben: sie ruht unmittelbar in uns, wenn wir nur den L&auml;rm der Not und der Angst ausschalten k&ouml;nnen.<br \/>Es gen&uuml;gt, wenn wir uns still hinsetzen, wer kann im Lotos- oder Schneidersitz, wem das bequemer ist, auf der Kante eines Stuhles. Lassen wir zun&auml;chst die Schultern sinken von der Last, die wir zu tragen haben, solange, bis der R&uuml;cken rund und gebeugt ist. Der Blick geht dann ganz ins Innere, aber er kann nicht frei werden. Dann drehen wir langsam und aufmerksam vom Iliosakralgelenk her das Becken nach vorn, bis sich ein leichtes Hohlkreuz bildet und atmen zugleich tief bis in das Becken ein. Von ganz allein wird der R&uuml;cken wieder gerade und aufrecht und die Schultern bleiben locker und unverkrampft. Nicht mehr WIR sind es, die den Kopf tragen m&uuml;ssen, der Atem tr&auml;gt. Der Kopf sitzt sicher auf dem Atlasgelenk, ohne jedoch stolz und &uuml;berheblich nach oben zu schauen. Schlie&szlig;en wir die Augen und beobachten den Atem. Wenn wir uns mit geradem R&uuml;cken ein ganz klein wenig nach vorne beugen, sp&uuml;ren wir den Atem tief unten im Becken. Wir sp&uuml;ren, wie mit jedem Ausatmen der Dantien, der Raum in der tiefsten Tiefe unseres Leibes&nbsp; etwas unterhalb des Nabels immer weiter wird und wie er sich mit Kraft f&uuml;llt. Die Stille und die Kraft des Archipelagos ist nicht draussen, sie ist tief in uns. Langsam sp&uuml;ren wir die wachsende Kraft, die aus der Tiefe kommt und wir werden stark und st&auml;rker.<\/p>\n<p>Sicher wird uns der Schmerz noch immer wieder besuchen, aber allm&auml;hllich lernen wir das Urvertrauen auf die Kraft in uns, und wir werden Eins mit Allem, oder wie H&ouml;lderlin sagt All-ein. Dann sind wir nicht mehr allein, sondern geborgen im Geschick, Eins mit Allem.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_4072_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_4072_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_4072_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_4072_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(4072, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 70\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_4072_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_4072_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/die-reissende-zeit-und-die-stille-2\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Aus dem Archiv: Monatsbrief April 2011) Die Zeit der Katastrophen und der Ver&auml;nderungen: Die reissende Zeit und die Stille Eigentlich h&auml;tte es ein stilles und h&auml;usliches &#8222;Jahr des Hasen&#8220; werden sollen. 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