{"id":2897,"date":"2015-05-20T12:59:19","date_gmt":"2015-05-20T11:59:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=2897"},"modified":"2015-05-20T12:59:19","modified_gmt":"2015-05-20T11:59:19","slug":"gesang-der-drachen-korea","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/gesang-der-drachen-korea\/","title":{"rendered":"Gesang der Drachen: Korea"},"content":{"rendered":"<p>Wir kommen gerade aus S\u00fcdkorea zur\u00fcck und sind noch angef\u00fcllt mit Erlebnissen und Begegnungen. Einer der eindrucksvollsten Orte, die wir besucht haben, ist der Haeinsa Tempel (sprich: Heeinsa). Der Tempel h\u00fctet als einen besonderen Schatz der gesamten Menschheit die 81.258 Druckst\u00f6cke der \u201aTripitaka koreana\u2018, der \u00e4ltesten erhaltenen buddhistischen Literatur. Sie wurden, nachdem die Originale im Krieg mit den Mongolen verbrannt waren im 13. Jhdt. erneut in Holz geschnitten. Noch heute sind diese Druckst\u00f6cke in einem Zustand, dass man noch heute mit ihnen drucken k\u00f6nnte. Aber sie werden Tag und Nacht mit \u00e4u\u00dferster Sorgfalt unterst\u00fctzt von aufw\u00e4ndigen Sicherheitseinrichtungen von einer Schar von Sicherheitsleuten bewacht.<\/p>\n<p>Der Tempel liegt in einer atemberaubenden Landschaft mitten in den Bergen, umgeben von dichten W\u00e4ldern, Schluchten und Wasserf\u00e4llen. Aber der gr\u00f6\u00dfte Schatz, den der Tempel birgt, sind die M\u00f6nche und ihr alter Lehrer.<br \/>\nWir kamen an einem regnerischen Tag am Tempel an. Die nebelverhangenen Berge leuchteten in tiefem frischen Gr\u00fcn. Der M\u00f6nch, der uns empfing, war zun\u00e4chst ein wenig ratlos. Das Templestay Programm war zu Ende und eigentlich kein Platz f\u00fcr uns. Aber wir hatten sofort einen warmherzigen menschlichen Kontakt miteinander. Er versuchte sogar, auf unseren Shakuhachi zu spielen und tats\u00e4chlich erklangen bald eine Reihe von T\u00f6nen. Schlie\u00dflich wurden wir in recht komfortablen R\u00e4umen mit Fu\u00dfbodenheizung einquartiert. Der M\u00f6nch erkl\u00e4rte uns die Sitten und Verhaltensregeln im koreanischen Tempel. Beim Betreten der Halle verbeugt man sich tief. Dann kniet man dreimal nieder, ber\u00fchrt mit der Stirn den Boden, und hebt die H\u00e4nde mit den Handfl\u00e4chen nach oben weit bis \u00fcber die Ohren. Damit wird Buddha auf den H\u00e4nden getragen und hoch erhoben. Wer will, kann diese \u00dcbung einhundertacht Mal wiederholen.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen wurden wir um drei Uhr in der Fr\u00fch geweckt. An einem dramatischen Wolkenhimmel leuchtete hell der Vollmond. Allm\u00e4hlich versammelte sich eine kleine Gruppe von Menschen um den Pavillon mit den wichtigen buddhistischen Instrumenten: der gro\u00dfen Trommel, der riesigen Glocke, dem Holzfisch und dem wolkenf\u00f6rmigen gro\u00dfen Bronzegong. Dort warteten vier M\u00f6nche, je einer aus den Gruppen der unterschiedlichen R\u00e4nge, vom Anf\u00e4nger bis zum erfahrensten, h\u00f6chsten Grad.<br \/>\nDie Trommel ist so gro\u00df, dass die M\u00f6nche, der sie spielten, mit ausgebreiteten Armen gerade den \u00e4u\u00dferen Rand der Trommel erreichen konnten. Zwei aufgemalte gewaltige Drachen winden sich um die Trommel. Die beiden Trommelfelle sind aus der Haut einer Kuh und der eines Ochsen. Sie m\u00fcssen aus Neuseeland importiert werden, denn in Korea gibt es keine derart gro\u00dfen Tiere. Der M\u00f6nch hatte uns erkl\u00e4rt, dass der Klang der Trommel wie der Gesang des Drachen ist. Er soll mit seinem Lied alle Wesen, die auf dem Erdenrund leben erwecken und vom Leid erl\u00f6sen.<br \/>\nVon oben aus dem Tempel, wo sich etwa vierzig M\u00f6nche versammelt hatten, erklang der riesige Gong und die n\u00e4chtliche Stille bebte voller Spannung.<br \/>\nUnser M\u00f6nch stieg nun auf eine kleine Bank vor der Trommel, denn anders konnte er den oberen Rand nicht erreichen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wurde die Trommel geschlagen. Zun\u00e4chst in der Mitte des Trommelfelles, dann immer wieder mit weit ausholenden Schl\u00e4gen bis an den Rand. In der Mitte, nach oben und nach unten in allen acht Himmelsrichtungen. So sollen die Wesen in allen Himmelrichtungen gerufen und erl\u00f6st werden. Vier M\u00f6nche wechselten sich beim Spiel der Trommel ab, denn es ist eine enorme physische Leistung, derart schnell und gewaltig die Trommel zu schlagen. Die Vier spielten stellvertretend f\u00fcr alle M\u00f6nche des Tempels.<br \/>\nDann wurde die gewaltige Glocke geschlagen. Ein seitlich aufgeh\u00e4ngter Baumstamm wird gegen die Glocke geschwungen und ihr Dr\u00f6hnen erf\u00fcllt den gesamten Raum. Oben auf der Glocke windet sich ein Bronzedrache: Er ist es, dessen Stimme den Raum zwischen Himmel und Erde zum Schwingen bringt und alle Wesen wach ruft.<br \/>\nDer gewaltige Holzfisch, der eigentlich auch ein Drache ist, wird mit Schlagst\u00f6cken in einer \u00d6ffnung am unteren Bauch des Fisches geschlagen. Sein Klang soll die Wesen, die im Wasser leben erl\u00f6sen. Zum Schluss ert\u00f6nt der wolkenf\u00f6rmige Gong, der die Wesen in der Luft und im Himmel retten soll. <\/p>\n<p>Inzwischen waren wir in den Tempel gegangen, wie die M\u00f6nche still auf ihren Sitzkissen sa\u00dfen und dem Konzert der Drachen in tiefer Konzentration lauschten. Nach den letzten T\u00f6nen von drau\u00dfen wurde der riesige Gong im Tempel geschlagen und dann begann nach dem T\u00f6nen des Gongs die Rezitation, vorgetragen von vierzig ge\u00fcbten M\u00f6nchen. Zuerst Anrufungen Buddhas <\/p>\n<p>Nach dieser tief ersch\u00fctternden Erfahrung wurden wir in einem Raum gef\u00fchrt, der direkt neben einem Wasserfall liegt. Dort wurden wir uns selbst f\u00fcr die Zenmeditation \u00fcberlassen. Eine tiefe Stille erf\u00fcllte den Raum. Sie war umso tiefer als der Wasserfall mit gewaltigem Rauschen t\u00f6nte. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rte uns der M\u00f6nche, dass der Wasserfall ein Sinnbild des menschlichen Lebens ist. Wir fallen immerfort, mitgerissen von der Zeit. Erst wenn wir ganz unten angekommen sind, wo sich das Wasser in der Stille eines Sees sammelt, sind wir in unserem eigentlichen Wesen angekommen. Der M\u00f6nch war \u00fcberrascht, als ich ihm erkl\u00e4rte, dass ich genau dieses Thema in meinem neuen Buch \u00fcber H\u00f6lderlin und Dogen aufgegriffen hatte.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag wurden wir von dem alten M\u00f6nch und Lehrer eingeladen. Er lebt in einem abgeschlossenen Bereich der Tempelanlage, die f\u00fcr Besucher nicht zug\u00e4nglich ist. In einem kleinen Raum, der bis unter die Decke mit B\u00fcchern vollgestopft war, sa\u00df er still auf dem Boden, umgeben von B\u00fccherstapeln. Er hatte zehn Jahre in Japan gelebt. Mit w\u00fcrdevollen Bewegungen bereitete er den Tee. Und wir plauderten \u00fcber den Tee, den Buddhismus, den Zen und \u00fcber die Methoder der Koan, die auch in diesem Tempel ge\u00fcbt wird. Verwundert wollte er wissen, warum ich mich mit Zenmeister Dogen befasste und er las mit Begeisterung aus meinem Buch die Dogenzitate in chinesischer Schrift. Dann holte er einen k\u00f6stlichen japanischen Macha hervor, den wir hier nur zu besonderen Gelegenheiten trinken. Es war Unkaku &#8211; Wolkenkranich von Koyamaen, mein Lieblingstee.<br \/>\nDer Abschied vom Tempel ist uns schwergefallen! Aber auch der M\u00f6nch schien recht traurig.<\/p>\n<p>Doch uns ist gegeben,<br \/>\n    Auf keiner St\u00e4tte zu ruhn,<br \/>\n        Es schwinden, es fallen<br \/>\n            Die leidenden Menschen<br \/>\n               Blindlings von einer<br \/>\n                    Stunde zur andern,<br \/>\n                        Wie Wasser von Klippe<br \/>\n                            Zu Klippe geworfen,<br \/>\n                               Jahr lang ins Ungewisse hinab.<br \/>\n\t\tH\u00f6lderlin: Hyperions Schicksalslied<\/p>\n<p><strong>An H\u00f6lderlin<\/strong><br \/>\nVERWEILUNG, auch am Vertrautesten nicht,<br \/>\nist uns gegeben; aus den erf\u00fcllten<br \/>\nBildern st\u00fcrzt der Geist zu pl\u00f6tzlich zu f\u00fcllenden; Seeen<br \/>\nsind erst im Ewigen. Hier ist Fallen<br \/>\ndas T\u00fcchtigste. Aus dem gekonnten Gef\u00fchl<br \/>\n\u00fcberfallen hinab ins geahndete, weiter.<\/p>\n<p>Rainer Maria Rilke<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_2897_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_2897_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_2897_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_2897_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(2897, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 9\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_2897_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_2897_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/gesang-der-drachen-korea\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir kommen gerade aus S\u00fcdkorea zur\u00fcck und sind noch angef\u00fcllt mit Erlebnissen und Begegnungen. 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