Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen..

Oder:

Die Apriorität des Individuellen über das Allgemeine. – Deutung von Gedichten

Im Internet habe ich eine sehr gelehrte Seite über Rilkes Duineser Elegien gefunden.

Als Kommentar zu dem ersten Vers der Elegien steht eine Erklärung über die Ordnungen der Engel in der christlichen Tradition. Das ist so schon in Ordnung. Aber ist damit der Vers gedeutet?
Was will der Dichter überhaupt mit seinem Werk? Will er uns etwas mitteilen über die Engel und deren Ordnungen oder über den inneren Zustand und die Situation, in der sich der Herr Rilke befand, als er sich im Schloss Duino aufhielt.

Unsere Aufgabe würde im ersten Fall darin bestehen, über die Tradition der Engeldeutung nachzudenken, im zweiten Fall müßten wir die Biografie Rilkes genauer untersuchen.
Die philologische Auslegung von Werken begnügt sich damit, etwas über den Dichter und dessen Zeit herauszufinden. War der Herr Rilke vielleicht homosexuell oder hatte er etwas mit der Gräfin Soundso?

Aber warum schreibt der Herr Rilke so komplizierte Verse, wenn es nur darum geht, seinen inneren Zustand zu schildern? Kann er nicht so reden, wie jeder andere auch?

Im späten Werk Hölderlins findet sich der Satz:

„die Apriorität des Individuellen über das Allgemeine“.

Die Apriorität ist das Erste, das was ganz am Anfang da ist. Alles andere folgt danach.
Der Dichter oder der Denker kann nicht zuerst das Allgemeine sehen. Das Erste in seiner unmittelbaren Erfahrung ist das Individuelle, das ganz persönliches Schicksal.
Jeder von uns erlebt zunächst und immer nur sein eigenes Geschick und seine eigenen Erfahrungen.

Dieses Schicksal ist zugleich aber eingebettet in das Geschick einer ganze Generation, einer ganze Epoche. Mein Geschick ist – in individueller Ausprägung – zugleich das einer ganzen Epoche.
Aber auch diese Sicht ist noch zu kurz.

Rilke oder auch Hölderlin reden nicht (nur) über das Geschick ihrer Zeitgenossen, sondern über das, was allen Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen gemein ist.

Der Engel ist der Bote aus einer anderen Welt, aus der Welt der Schönheit und grenzenlosen Freiheit. Er kommt aus der offenen Weite der Unendlichkeit.
In unserer alltäglichen Beschränkung sehnen wir uns nach Offenheit und Freiheit, nach Schönheit und Unendlichkeit. Darum brechen wir immer wieder aus in Erfahrungen und Bereiche, die unsere Beschränkungen aufbrechen und das Ungeheure erfahren lassen.
Wir fliegen vielleicht auf die Malediven. Dort ist die Freiheit und das ganz Andere, das unsere alltägliche Enge ins Große und Gewaltige verändern wird.

Oder wir begeben uns auf einen Übungsweg, wie vielleicht den Teeweg. Dort ist alles ganz Anders, als im alltäglichen Leben. Dort wartet die „Erleuchtung“ auf uns.

Und was kommt dann?

Wir schrecken zurück vor dem Unbekannten. Es ist viel zu gefährlich, sich auf die neue Erfahrung einzulassen – sie könnte, nein sie müßte unsere engen Grenzen sprengen. Und was kommt dann? Die Angst vor dem Unbekannten! Und dann Ãägern wir uns lieber darüber, dass an dem neuen Ort alles ganz anders ist, als zu Hause und richten uns alles so ein, dass uns garantiert keine andersartige Erfahrung treffen kann. Rilke – und jede große Dichtung – redet nicht über das Individuelle des Dichters!

Sie spricht über UNS, uns, den Leser, der bereit ist, die Botschaft zu hören.
Dann aber ist Dichtung die Aufforderung, unser kleines, alltägliches Leben zu ändern, uns zu öffnen für das Unendliche.

Aber das macht Angst. Das Gewohnte und Gewöhnliche grenzt nicht nur eng ein, es schenkt auch Sicherheit. Nichts Ungewöhliches kann passieren, das unsere engen Grenzen sprengen könnte.

Große Dichtung ist wie ein Wink, ein Fingerzeig, der uns in das Unendliche winkt und leitet. Am Ende müssen wir die Dichtung und ihre Worte loslassen, um uns selbst auf den Weg zu begeben. In Japan sagt man, „wenn du den Mond gefunden hast, vergiss den Finger“. Der Finger ist nicht der Mond, er zeigt nur den Weg. Große Dichtung besteht nicht aus Worten. Die Worte zeigen nur. Sie sind Winke.
Aber wir müssen bereit sein, uns in unserer Existenz anreden und erschüttern zu lassen und den Weg, den die Worte zeigen selbst zu gehen. Dann ist es nicht mehr das Individuelle oder Zeitbedingte des Dichters, dann ist es unser eigener Weg.

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Ein Kommentar zu Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen..

  1. La Principessa della Torre e Tasso sagt:

    Rilkes Engel-

    die nichts mit ihren christlichen Vettern zu tun haben, sondern vielmehr Gegenbilder zum Menschen in seiner Unvollkommenheit sind und eine verabsolutierte Seelenwelt ohne Verdrängungen und Entfremdungen symbolisieren.

    So verdanken sie ihre Existenz doch bloss dem bedruckten Papier, der Tatsache, dass sie in die Verse eines grossen Dichters hineingerutscht, dass sie zu den Eckpfeilern seines poetischen Raumes, zu seinem Maßstab geworden sind, mit dem Mensch und Welt, mit dem die gesamte Problematik des von seinen geschichtlichen Bedingtheiten losgelösten Daseins vermessen wird.

    Joseph Kiermeier-Debre

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