Tokyo: Stadt mit vielen Gesichtern

Wir sind gerade aus Japan zurückgekehrt und noch voll von vielen Erinnerungen.
Normalerweise reisen wir nach Kyoto, der alten Kaiserstadt mit einer Fülle von historischen Erinnerungen und voller Kunstschätze.
Nach langer Zeit wollte ich doch wieder einmal die neue Hauptstadt Tokyo besuchen, von der die Kyoto-Leute voller Verachtung sagen, dass es dort keine Kultur gibt.

Unser traditionelles Ryokan im Stadteil Chu-O, also mitten im „Zentrum“ von Tokyo strahlte noch ganz den Glanz der längst vergangen Edo-Zeit aus und wird wohl in den dreißiger Jahren erbaut worden sein.
Dier Schoji – die papierbespannten Schiebefenster – waren nicht wie in Kyoto einfach aus wagerechten und senkrechten Stäben geformt. Quer über das Fenster zogen sich Muster von Blüten und Blättern an knorrigen Ästen, die aus dunklem Holz ausgesägt und in das Fenster eingefügt waren.
Unweit des Ryokan die ehrwürdige Tōdai Universität, die ein eigenes Stadtviertel bildet. Man betritt den Campus durch das Akamon, das Rote Tor, das noch aus der Zeit stammt, als der Campus im Besitzt der Daimyo-Familie der Maeda aus der Provinz Kaga, heute Ishikawa war.

Todai Akamon
Die Universität wurde zwar erst unter Kaiser Meiji gegründet, die Wurzeln reichen aber zurück bis in die Zeit des Shogunates, wo unter anderem hier das Regierungsamt zur Übersetzung westlicher Bücher untergebracht war. Der Campus mit seinen an alten westlichen Vorbildern orientierten Gebäuden erweckt ein wenig den Eindruck von Cambridge. Am anderen Ende des Campus gegenüber des Akamon ist die medizinische Fakultät mit seinen Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen. Der Unterricht in westlicher Medizin war eine der wichtigsten Aufgaben der Meiji – Tōdai.
Mitten im Campus der Co-Op Laden, in dem man alles kaufen kann, was der Student braucht – von Bleistift und Radiergummi über Lebensmittel und Kitsch bis hin zur „Uniform“ der ‚Salaryman‘ und der ‚Career-Lady‘. Diese Uniform ist ein schwarzer Anzug bzw. Kostüm mit passenden Schuhen, Aktentasche und einer Gebrauchsanweisung, wie man korrekt gekleidet als Salaryman oder Career-Lady auftritt.

Verläßt man die Universität gegenüber des Akamon, so betritt man eine vollkommen andere Welt, die Welt von Ueno mit dem Ueno-Park und dem Shinobazu Teich mit vielen Lotosblumen und gesäumt von Kirschbäumen.

Ueno-Benten-Do
Ueno war das Shitamachi, die „Untere Stadt“ der kleinen Handwerker und Händler. An dem Morgen, als wir an den See kamen, regnete es in Strömen und nur wenige Menschen waren unterwegs. Nur ein Mann mit Fahrrad, das hoch bepackt war mit – Müll. Fein sortiertem Müll von Konservendosen. Am Rande des Sees unter den Kirschbäumen unter blauen Plastikplanen weiterer Müll, offenbar genauestens sortiert nach Kategorien: Konservendosen, Plastikflaschen, Glasflaschen etc. Die Plastikplanen zogen sich am ganzen See entlang und wirkten trotz all des Mülls sehr aufgeräumt und ordentlich. Aber kann den soviel Müll auf so engem Raum angesammelt werden? Wo bleibt denn da die Müllabfuhr?

Plötzlich bewegte sich eine der Plastikplanen und vorsichtig lugte ein Mann darunter hervor, offenbar der Herr eben dieses Müllhaufens. Und noch einer und noch einer. Hier lebt der Müll der modernen Großstadtgesellschaft. Fein säuberlich unter  immer den gleichen blauen Plastikplanen unter denen sich all die Habe des menschlichen Mülls von spezialisiert gesammeltem Müll befindet. Es sind nicht nur alte, kranke und gebrechliche Menschen, die dort in der Müllstadt mitten in der modernen Großstadt leben, man sieht durchaus auch junge Gestrandete, die in der modernen Großstadt keinen Platz als Salaryman oder Career-Lady gefunden haben oder die ihn verloren haben, weil ihr Arbeitsplatz weggefallen ist.

Auf der anderen Seite des Sees eine Alle von bereits abgeblühten Kirschbäumen. Und plötzlich wird uns klar, dass wir uns an der Stelle befinden, an der Rudi Angermeier aus dem Film Hanami von Doris Dörrie seine japanische Freundin Yu trifft, die dort jeden Tag Butoh tanzt und die genau in einem solchen „Haus“ aus blauen Plastikplanen am Rande des Ueno Parks lebt. Der Film beschreibt also genau die Realität des Lebens in der Shitamachi, der Gegenwelt der Salaryman und der Career Ladys.
Wir würden erwarten, dass diese Welt des meschlichen Großstadtmülls von den „anständigen Bürgern“ gemieden wird, aber weit gefehlt. Am nächten Morgen, der Regen hatte aufgehört, gingen wir durch den Ueno Park und den Zoo zum Nationalmuseeum. Entlang des ganzen Weges die „Siedlung“ aus PLastikplanen. Und mitten auf den Wegen die jungen Mütter mit Kinderwagen, die es geschafft haben, ihre Rolle als Office- oder Career-Lady gegen die Rolle der Mutter und Hausfrau auszutauschen. Friedlich existieren hier die Welt der Müllmenschen und die heile Welt der Hausfrauen mit Kindern nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu stören. Niemand nimmt Notiz von den Gestrandeten der modernen Zeit. Das gehört genauso zum Leben, wie Kariere und Kinder.

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