Stumpf werden

Nach langer Pause beschäftige ich mich einmal wieder mit Teemeister Rikyu’s Lehrgedichten zum Teeweg.
Früher habe ich einmal versucht, eine Übersetzung der Gedichte mit Interpretationen einem Verlag anzubieten. Aber man meinte, das Thema sei zu speziell und nur für Teeleute geeignet. Ich denke aber, dass zwar viele der Lehrgedichte speziell auf den Weg des Tee zielen, dass sie aber die Erfahrungen auf einem WEG allgemein wiedergeben. Darum habe ich wieder einmal angefangen, die Gedichte zu übersetzen und zu interpretieren.
Einige kurze Interpretationen finden sich auf meiner Webseite. Ein Beispiel möchte ich hier herausgreifen. Es geht um das „stumpf“ werden“, das ’namaru‘. Ein Schwert wird stumpf, dann kann man es nicht mehr zum Täten benutzen. Es wird ’nutzlos‘. Ohne Nutzen ist der buddhistische Ehrenname von Rikyu – Ruhen des Nutzens. Das ‚Stumpf Werden‘ ist das höchste Ideal im Teeweg. Hier der kurze Text:

Rikyū Hyakushū Nr 84
なまる とは 手つづき 早くまた遅くところどころのそろわぬをいう。
Namaru toha te tsuzuki o hayaku mata osoku tokorodokorono sorowanu o iu.
Namaru – Stumpf werden – der Hand, fort und fort: (das ist) früher schnell, später langsam, eins nach dem anderen. So wird gesagt.

Dieses Hyakushū ist eines der schwierigsten in der Sammlung und hat zu vielen Fehldeutungen geführt. Das Gedicht erläutert den Begriff Namaru – stumpf werden. Die Hand wird stumpf und fortwährend immer stumpfer. Das Stumpf werden ist kein Abstumpfen und somit ein Fehler, der dadurch entsteht, dass die Bewegung anfangs schnell und am Ende langsam wird. Vielmehr ist das Stumpf-werden die höchste Vollendung der Teekunst. Mein Teelehrer Yoshinori Kawasaki hatte als junger Mann wundervolle Bewegungen voller Grazie und Stil. Er ist nach einer schweren Krankheit, die ihn nie wieder verlassen hat, nach Japan zurück gekehrt. Bei den Trauerfeierlichkeiten für die Frau des Großmeisters habe ich ihn wiedergetroffen und er hat mir einen Tee bereitet. Seine Bewegungen waren ganz schlicht geworden. Keine Kunst mehr – einfach nur Tee bereiten. Aber zwischen uns ist dabei eine innige Stimmung entstanden, wie ich sie vorher bei ihm noch nie erlebt hatte. Seine Kunst hatte die vollkommene Stumpfheit erlangt. Nichts besonderes mehr! Einfach nur Tee schlagen. Das ist die höchste Kunst der Kunstlosigkeit.

Es gibt ein Papier, das als Rikyū’s Testament bezeichnet wird, das Ein-Blatt-Testament.
Es orientiert sich am Ein-Blatt-Testament von Hōnen, der den Buddhismus des reinen Landes populär gemacht hatte. Hōnen war ein hochgelehrter Meister des Tendai Buddhismus. Aber er hatte später die Meinung, dass es genügt, ein einziges Mal den Namen Amida Buddhas mit vollkommen reinem Herzen anzurufen. Das übertrifft alle Gelehrsamkeit bei Weitem.

In Rikyū’s Testament heißt es: Wer sich dem Weg (Dō oder Michi) anvertraut – mag er auch feine Geräte, sowohl einheimische als auch chinesische erworben haben – wird ein verarmter Mensch, der so ist, als würde er nicht einen einzigen geschriebenen Buchstaben kennen. Er ist ganz wie eine alte Frau, die religiöse Weisungen angenommen hat, während sie zu Hause lebt und die, ohne sich wie eine suki – Person zu gebärden, einfach mit ganzem Herzen Wasser erhitzt.
Einfach nur mit ganzem Herzen Wasser erhitzen, ohne Stolz und ohne Gelehrsamkeit.
Für einen gelehrten und hochgeübtenMenschen eine der schwersten Übungen!

Wie wird das Stumnpf-werden erreicht? Indem die Bewegung Anfangs schnell und am Ende langsam wird. Das Langsam und schnell ist im Gedicht ein einziges Wort, nämlich 早く hayaku, früh oder schnell, eilig. Osoku 遅く dagegen ist spät, langsam.Jede Bewegung hat einen Anfang und ein Ende. Bewegt man die Hand zum Teelöffel, so kann die Bewegung recht schnell beginnen. Kommt man aber in die unmittelbare Nähe des Löffels, wird die Bewegung immer langsamer und achtsamer, damit der Löffel nicht angestoßen wird und fällt. Langsam entfernt sich dann die Hand mit dem Teelöffel von der Teedose und wird schneller. Die andere Hand nähert sich zunächst schnell der Teedose und wird dann immer langsamer und vorsichtiger. Durch diesen Wechsel entsteht ein Rhythmus von schnell und langsam und der Tee beginnt zu ‚tanzen‘.

Wenn wir achtsam werden, ist diese Art der Bewegung keineswegs auf die Kunst des Teeweges beschränkt. Auch in den einfachsten alltäglichen Handlungen verfahren wir so. Wenn ich Kaffe trinke und die Tasse wieder auf ihrer Untertasse abstelle, beginnt diese Bewegung zunächst schnell und wird dann ganz langsam. Andernfalls kann es sein, dass ich die Tasse so heftig abstelle, dass der Kaffee herausspritzt oder mindestens das Geschirr laut klappert. Es sind diese ganz kleinen, kaum merklichen Veränderungen in der Geschwindigkeit, die unsere Bewegungen achtsam erden lassen und die den Geist zur Ruhe kommen lassen. Weg von der Gehetztheit des unachtsamen Alltags.

Eigentlich ist es auch nicht die Hand, die „greift“. Wir machen Tee, ohne auch nur ein Einziges Mal die Hand zu benutzen. Wenn sie „stumpf“ geworden ist, greift sie nicht mehr. Der gesamte Körper atmet, geht nach vorne und der Hand bleibt nichts anderes übrig, als mitzugehen. Wir hören auf, zu tun. Der Körper führt die Hand und der Teelöffel zieht sie förmlich an wie ein Magnet. Ohne jede Muskelspannung und ohne festzuhalten liegt der Löffel in der Hand. Und jetzt diese Hand, dann die andere, im steten Wechsel von Yin und Yang. Das ist das Nicht-Tun, das Wu-Wei des Daodejing.
Und derjenige der so den Tee tanzt, vergisst sich selbst in diesem Tanz. Er wird stumpf und verliert jede Aufmerksamkeit auf das Außen. Er ist nur noch Tee. Wie eine alte Frau, die einfach nur Wasser erhitzt.

(vergl Hyakushu Nr 9)

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2 Kommentare zu Stumpf werden

  1. „Unsere Bewegungen achtsam erden lassen“…
    Ein „Schreib-Fehler“ mit tieferem Hintergrund?… 😉 Oder Untergrund: die Erde.
    Die Erde ist immer ein guter Ort, um sich wieder zu „verwurzeln“. Bzw. zu „erden“.
    Die Erde oder in anderer („veredelter“) Form der Garten.
    Den „Tee tanzen“ oder „den Garten tanzen“…
    Beides ist gut geeignet zum achtsam (w)erden!

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