Sitting Seiza, der Kürbis und Boddhidharma

Seit einiger Zeit verfolge ich in einem amerikanischen Forum über Teezeremonie eine lange Diskussion über „sitting seiza“.
Das ist die Sitzposition, bei der man mit eingeschlagenen Beinen auf den Fersen sitzt.

Zugegeben, das ist für Anfänger meistens ziemlich schmerzhaft. Aber es gibt einen ganz einfachen Trick, wie man das Sitzen in dieser Position lernen kann. Eigentlich ist das ein Geheimnis, aber ich denke, in unserer heutigen Zeit sollte man auch die letzen Geheimnisse des Teeweges erläutern. Das Geheimnis:
ÜBEN!
Regelmäßig üben!
REGELMÄSSIG!
Oder noch genauer:
REGELMÄSSIG ÜBEN!

In dem Forum wurde diskutiert, welcher Teelehrer welche Meinung vertritt und ob man die Gäste auf Kissen oder auf Stühlen oder gar nicht sitzen läßt. Aber niemand fragte nach dem Sinn des Seiza. Zunächsat einmal war das früher, als es in Japan keine Stühle gab die übliche Form, auf dem Tatami-Boden zu sitzen. Niemand klagte über Schmerzen, auch die alten Leute nicht. Man hat eben das Sitzen auf den Fersen regelmäßig praktiziert.
Hier meine Antwort auf die Diskussionen in dem fraglichen Forum (natürlich übersetzt):

Ich verfolge die Diskussion über das Sitzen in Seiza mit großem Interesse.
Aber ich wundere mich, das niemad fragt, WARUM wir beim Tee in Seiza sitzen.
Ich lese nur: „mein Lehrer sagt …, in meiner Jugend haben wir, .. wir machen das so, dass …!“
In dieser Diskussion wird lediglich das Seiza als Tradition diskutiert.

Historisch gesehen haben die Samurai bei den Tee-Einladungen als Gäste niemals im Seiza gesessen, weil das damals einfach noch keine allgemeine Sitte war.
Man saß im „koreanischen Stil“, ohne Kissen auf dem Boden, ein Knie aufgestellt und angewinkelt. Die Arme konnte man um das aufrecht stehende Knie legen.
Wurde die Position unbequem, so wechselte man einfach das aufrecht stehende Knie. Das Sitzen in Seiza ist „erst“ seit etwa 200 Jahren die übliche Sitzhaltung, das heißt dass sie es zu Rikyū’s Zeiten auch nicht war.

Es gibt natürlich Unterschiede der Sitzposition für den Gastgeber und für die Gäste.
Für die Gäste ist es durchaus möglich, mit gekreuzten Beinen, auf hohen Sitzkissen, auf Schemeln oder Stühlen oder sonstwie zu sitzen. Dabei ist es nicht gerade förderllich, wenn der Gastgeber auf dem Boden und die Gäste auf hohen Stühlen sitzen, weil dadurch eine zu großer Unterschied entsteht. Aber wenn der Gastgeber auf einem Podest sitzt und die Gäste auf Stühlen in Augenhöhe mit dem Gastgeber, so stimmen die Relationen wieder.
Man muss einmal versuchen, als Gastgeber mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzend Tee zu bereiten. Das wird nahezu unmöglich!

In der späteren Meiji-Zeit wurden Teezeremonien entwickelt, die man an niedrigen Tischen auf Schemeln sitzend ausführt. Aber diese Form verändert völlig die Athmosphäre und die Empfindungen bei der Teezeremonie. Die Tische schaffen eine Art Barriere zwischen Gast und Gastgeber. Als ich das erste Mal eine solche Zeremonie übte, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass mein Schwerpunkt wie ein Kloß in der Kehle saß, kein sehr angenehmes Gefühl. Es brauchte eine lange Übung, den Schwerpunkt wieder in den Hara zurück zu bekommen. Das war für mich, auch als relativer Anfänger, beim Sitzen in Seiza viel einfacher. Aber mein Lehrer bestand darauf, dass ich auch die Form an Tischen übte.

Die Sitzposition ist nicht nur eine Sache der Tradition, sie hat auch einen gewaltigen Einfluß auf unsere Atmung und auf die Balace unseres Körpers.

Ich unterrichte nicht nur Teezeremonie, sondern auch Zen – Shakuhachi in der Tradition der Komuso-Mönche. Auch hierbei sitzen wir Seiza. Dies ist bei der Shakuhachi eine sehr „einfache“ Sitzhaltung (wenn man die möglichen Schmerzen meistert). In dieser Sitzposition bekommt man einen „guten Ton“ auf der Shakuhachi. Sitzt man auf modernen Stühlen, so stellt sich der „gute Ton“ nur sehr schwierig ein. Man kann auch mit gekreuzten Beinen auf Sitzkissen sitzen. Aber dazu ist es nötig, die richtige Sitzposition erst zu suchen.
Beim Spiel der Shakuhachi ist die richtige Sitzposition sehr wichtig, weil man sonst keinen Ton bekommt. Die Shakuhachi ist in diesem Fall unser Lehrer. Sitzt man in Seiza, so stellt sich die richtige Sitzposition fast „automatisch“ ein.

Die Wirbelsäule hat eine natürliche Krümmung in S-Form. Am Becken bildet sich ein leichtes Hohlkreuz, der Rücken ist zwischen den Schultern leicht nach vorn gebeugt.
Auf modernen Stühlen ist es nahezu unmöglich, in einer „entspannten“ Sitzhaltung diese natürliche Form der Wirbelsäule zu finden. Man rutscht tief in die Sitzfläche und der Rücken wird insgesamt rund und die Schultern fallen nach vorn. Das Zwerchfell wird eingeklemmt und kann sich nicht frei bewegen. Die Atmung wird flach und unfrei. Nach einiger Zeit verspannt sich die Schulterpartie und der Nacken und man bekommt Kopf- und Rückenschmerzen.
Sitz man auf einem einfachen Schemel mit flacher Sitzfläche, nur auf der Vorderkante des Schemels und richtet den Rücken auf, so findet die Wirbelsäule ihre natürliche S-Form und die Atmung wird frei. Kippt man das Becken leicht nach vorn, so daß ein Hohlkreuz entsteht, sitzt man automatisch zentriert im Becken, das Zwerchfell wird frei und die Atmung fließt bis tief in den Bauch.
Atmet man auf diese Weise, so zentrieren wir den Körper in der Region etwa eine Handbreit unterhalb des „Omphalos“.
Im antiken Griechenland war der Omphalos der Nabel der Erde, das Zentrum der Erde. Wenn wir in dieser Weise sitzen, zentrieren wir uns im Omphalos und unser Nabel wird zum „Zentrum der Erde“.
Sitzt man im Seiza mit der Wibelsäule in der natürlichen S-Form, so fühlt man sich nach einiger Zeit (wenn man die Schmerzen gemeistert hat) wie ein dicker Kürbis, der fest und schwer auf der Erde aufruht. Nichts kann ihn umwerfen!
Daruma
Wir fühlen uns wie Daruma (man muss ja nicht gleich so grimmig schauen!) Daruma, wie er in Japan heißt, oder Boddhidharma in Indien, hatte, so will es die Legende, Arme und Beine verloren, nachdem er zehn Jahre mit dem Gesicht zur Wand meditiert hatte. In Japan fertigt man Daruma – Puppen, die als Stehaufmännchen niemals umzuwerfen sind, eben weil sie keine Arme und Beine haben. Die sind es, die uns aus unserer Mitte werfen.
Die Darumas sind ein Vorbild für alle Kinder: Könnten wir doch so stabil und sicher in unserer Mitte sitzen wir Daruma.

Während wir so im Seiza sitzen, bewegen wir die gesamte Wirbelsäule vom Becken an aufwärts nach vorn und hinten. Wenn wir etwa die Teeschale nehmen, geht der Körper leicht nach vorn ohne die Form der Wirbelsäule zu verändern, so wie ein Taschenmesser einklappt. Die Arme werden nicht ausgestreckt, sondern der gesamte Körper bringt die Hand zur Teeschale und nimmt sie vom Boden auf. So machen wir Tee, „ohne auch nur ein einziges Mal die Hände zu benutzen“.
Dabei ist es ganz natürlich, dass wir ausatmen, wenn wir den Körper nach vorn bewegen und einatmen, wenn wir uns wieder aufrichten.
Weil durch die leichte Vorwärtshaltung die Bauchdecke etwas eingedrückt wird, können wir nicht mehr, wie man das in vielen Meditationsanleitungen liest „mit dem Bauch“ atmen. Wir beginnen, automatisch mit dem Becken und dem Rücken in der Nierengegend zu atmen. Durch die Bewegung und die Atmung entsteht eine Art von „Massage“ des Iliosakralgelenkes und des Becken- und Nierenbereiches, nach Sicht der traditionellen chinesischen Medizin der Ort, an dem die Lebensenergie Ki oder Chi produziert wird. Dieses Ki beginnt zu fließen und sich im gesamten Körper zu verteilen. Man spürt das Ki im Becken, im Rücken, in den Händen und – im Herzen. Das Herz wird leicht, frei und offen. So „reinigen“ wir unser Herz von Depression, Sorgen und Nöten. All das ist eine der Voraussetzungen für das Erleben von Samadhi im Tee.
Wenn auch die Gäste in der entsprechenden Weise sitzen und atmen, spüren sowohl Gast als auch Gastgeber die selbe Energie fließen. Es ist nicht MEINE Lebensenergie, sondern diejenige, die in ALLEN Dingen fließt. Das ist die Harmonie, von der im Daodejing die Rede ist. Die Harmonie läßt die Ernergie des Lebens in allen Dingen fließen und wir können sie in unserem Körper spüren. In diesem Sinne werden Gast und Gastgeber „EINS“.

Uchiyama Rōshi aus dem Tempel Eiheiji Dōgen’s hat einmal in einem Buch etwa folgendes geschrieben:

Wenn wir im Sazen (Meditation im Sitzen) sitzen, beginnen wir plötzlich, uns wie ein dicker Kürbis zu fühlen. Das Sitzkissen unter uns rundet sich und wird zur gesamten Erdkugel. Plötzlich spürt man, wie oben am Kopf etwas zu wachsen beginnt, wie eine Ranke, an der der Kürbis hängt. Man spürt, wie die Ranke weiter wächst und dort andere Kürbisse daran hängen, und wie sich die Energie zwischen den Kürbissen über die Ranke austauscht.

Wenn wir so Tee üben, dann ist das Tee und Zen, dann werden Gast und Gastgeber EINS.

Warum übe ich den Teeweg?
Es ist faszinierend, all die Schönheit und Ästhetik im Teraum zu erleben, Es ist eine wundervolle Erfahrung eines gemeinsamen Tuns, eines ganz alltäglichen Tuns wie „Wasser holen, Feuer anzünden, Tee schlagen und mit Anderen teilen“ und des EINS werdens mit allen Dingen.

Samadhi im Tee bei ganz alltäglichen Verrichtungen!

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