Schneeflocken am Yaoshan Tempel

Wir sind nun schon wieder einige Zeit zurück von unserer aufregenden Reise nach China. Es war meine erste Reise nach China, aber manchmal war es fast eine Wiederkehr. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich immer wieder mit dem Bi Yan Lu, der Niederschrift vor der smaragdenen Felswand. Auf dieser Reise standen wir schließlich direkt vor der smaragdenen Felswand in der Nähe des Jiashan Tempels in der Provinz Hunan. Es ist schon ein eigenartiges Erlebnis, an solch einem historischen Ort zu stehen, denn hier ist wohl die erste Zen-Schrift entstanden. Der Chan – Meister Yuan Wu (1063 – 1135) hatte 100 alte Zen-Geschichten gesammelt und aufgeschrieben. Von seinem Tempel aus konnte er eine smaragdfarbene Felswand sehen. Daher der Titel seiner Schrift. An der Felswand hängt ein Bild von Meister Yuan Wu. Davor klingt leise aus dem Lautsprechen „Om mani padme Hum“. Eine einfache Bäurin verneigte sich vor dem Bild, rezitierte den Text mit und legte einen Blumenstrauss nieder.

Bi Yan - die smaragdgrüne Felswand des Bi Yan Lu

Bi Yan – die smaragdgrüne Felswand des Bi Yan Lu


Der Jiashan Tempel hatte zu der Tagung über `Tee und Zen – Ein Geschmack` eingeladen. In der benachbarten Stadt fand im Kongresszentrum die Tagung mit vielen Vorträgen statt. Im Tempel waren dann einen ganzen Tag lang Vorführungen rund um den Tee. Viele Menschen hatten einen kleinen Stand aufgebaut und führten ihre Art der Teezeremonie vor. Es waren viele rührende und auch ganz beachtliche Versuche, die Teezeremonie in China wieder zum Leben zu erwecken. Sogar eine Urasenke Gruppe aus der Nähe von Peking führte eine Zeremonie vor. Sie bestanden darauf, dass ich ihr Gast war.

Wir fuhren dann weiter zum Yaoshan Tempel, der für chinesische Verhältnisse ganz in der Nähe liegt – etwa eine Stunde Autofahrt. Der Yaoshan shi, der Medizinkraut Berg Tempel – ist ein sehr alter und bedeutender Tempel. Der berühmteste Meister dieses Tempel nannte sich nach dem Berg, an dem dieser Tempel liegt Yaoshan. Er ist immer wieder bei dem japanischen Zenmeister Dogen erwähnt. In meinem Buch über Dogen und Hölderlin (Im Garten der Stille) wird das Gedicht eines `alten Buddha` zitiert:

Ein alter Buddha sagt:

Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen, hohen Berggipfel stehen, zu einer Zeit auf dem tiefen, tiefen Meeresgrund gehen. Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott, zu einer Zeit der bald sechzehn Fuß und bald acht Fuß große Buddha. Zu einer Zeit Stab und Wedel, zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne, zu einer Zeit Hinz und Kunz, zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Dieser `alte Buddha` ist niemand anders als Yakusan Igen wie er auf japanisch heißt oder mit seinem chinesischen Namen Meister Yaoshan, der seinen Namen vom Yaoshan Tempel hat.

Eines Tages saß Yaoshan auf einem Stein. Ein Mönch kam vorüber und fragte: „Was tust du da?“ Yaoshan antwortete: „Ich tue nichts!“
„Aber du sitzt doch dort auf dem Stein!“„Auf dem Stein sitzen ist: etwas tun!“ Was meinst du denn dann mit ‚Nichts tun‘? „Wenn du alle Weisen der Vergangenheit fragen würdest, sie könnten es nicht erklären!“
„Jemand der einfach nichts tut, läßt alles ganz natürlich und ohne Absicht aus sich selbst geschehen. Die Weisen der Vergangenheit könnten es nicht erklären, gewöhnliche Menschen werden es niemals verstehen!“

Dogen erwähnt den Meister Yaoshan immer wieder mit einer Geschichte, die sein Verständnis der Zen-Meditation erhellt.

Eines Tages saß Meister Yaoshan / Yakusan auf seinem Meditationssitz. Ein Mönch fragte ihn: „Was denkst du wenn du so wie ein ehrwürdiger Berg da sitzt?“ „Ich denke das Nicht-denken!“ „Wie denkst du das Nicht-Denken?“ „(Indem ich) Nicht-denke!“

Der Yaoshan Tempel bestand einst aus einer ganzen Reihe von prächtigen Gebäuden, die sich über zwei Berge hinzogen. In der Kulturrevolution unter Mao wurden der Tempel vollkommen zerstört. Heute existiert nur noch eine einzige Steinstele mit einer alten Inschrift. In den achtziger Jahren hat die Gemeinde recht hilflos versucht, den Tempel wieder aufzubauen. Davon zeugt nur noch ein brüchiger Betonbau, der mühselig versucht, wie ein Tempel auszusehen. Nichteinmal ein Dach war auf der Bauruine. Hinter einem notdürftig aus alten Holzbalken und Bambus zusammengenagelten Tor liegen ein paar primitive Betonbauten. In unserem Schlafsaal waren immerhin Heizdecken auf den Matratzen. Wenn wir im Teeraum beim Tee saßen und mit Meister Mingying diskutierten, sagte er oft: „Lass uns nach draussen gehen, es ist zu kalt!“ Draussen schien immerhin die Wintersonne.

Der Yaoshan heute - lange nach der Kulturrevolution

Der Yaoshan heute – lange nach der Kulturrevolution

An einem Tag führte uns Meister Mingying vor den Tempel auf die Reisfelder. Dort bauen er und die Mönche den eigenen Reis und das eigene Gemüse an. Alles ohne Chemie und ganz natürlich. Das Essen im Tempel war einfach aber immer köstlich. Weit hinter dem Reisfeld lagen die ersten Häuser der kleinen Stadt. Mingying erklärte uns: „Dort wo die Ortschaft beginnt, war früher das Tempeltor. Dort freute sich der ehrwürdige Laienbruder Pang an den fallenden Schneeflocken! In naher Zukunft werden wir dort wieder das neue Tempeltor bauen.“

Die Begegnung von Meister Yaoshan mit dem Laienbruder Pang wird im 42. Beispiel des Bi Yan Lu erzählt. Pang war einige Tage im Tempel zu Besuch gewesen. Meister Yaoshan schickte zehn Mönche zu seiner ehrenvollen Begleitung. Als sie am Tempeltor ankamen, fielen wunderschöne Schneeflocken vom Himmel. Pang zeigte auf die Schneeflocken, die durch die Luft wirbelten und rief: „(Diese) schönen Schneeflocken! (Sie) Fallen nicht an einen anderen Ort!“

Der Laienbruder Pang war hoch angesehen. Er verkehrte mit den berühmtesten Chan – Meistern seiner Zeit, so auch mit Shi Tou, der auch ein Lehrer von Yaoshan gewesen war. Nach einem Gesoräch mit Shi Tou schrieb Pang sein berühmtes Gedicht, das auch im Teeweg oft zitiert wird. Shi Tou hatte Pang nach seinen Tätigkeiten gefragt, die er vor ihrer Begegnung ausübte. Pang schämte sich ein wenig und meinte, dass er nur ganz alltägliches getan hatte. Plötzlich erwachte er und schrieb sein berühmtes Gedicht, in dem er die `alltäglichen Verrichtungen` geradezu als `göttlich` bezeichnete (神通 jap. jinzu).

Mein alltägliches Tun: nichts Ungewönliches.
Aber ich bin in Harmonie damit.
Nichts begehrend nichts ablehnend.
Überall weder Hindernis noch Streit
Wozu purpur und rot.
Blaue Berge ohne den geringsten Schmutz und Staub.
Übernatürliche Kräfte und wunderbares Tun:
Wasser holen und Brennholz sammeln.

Der Laienbruder Pang lehnte jedes öffentliche Amt ab obwohl er sehr gebildet war. Purpur und rot sind die Farben der kaiserlichen Beamten. Sie waren zwar wohlhabend und einflussreich, aber immer auch Striet und Neid ausgesetzt. Pang zog ein einfaches Leben in der Natur vor. Ihm genügten die ganz alltäglichen Verrichtungen: Wasser holen und Brennholz sammeln. Mit dieser Auffassung wurde er zum Vorbild für die japanischen Teemeister, die den Teeweg aus dem Geist des Zen üben wollten.

Auch Yaoshan hatte ein Gespräch mit dem Meister Shi Tou. Im nördlichen Zen studierte man die Sutren und hoffte dadurch, zum Erwachen zu kommen. Yaoshan war damit nicht zufrieden, denn er hatte vom plötzlichen Erwachen in der südlichen Schule gehört. Shi Tou empfahl ihm, den Meister Ma Tsu zu sprechen. Wir waren ein paar Tage vorher im Tempel des Ma-Tsu gewesen und hatten sein Grabmahl zusammen mit zwei Zen-Meistern, die uns begleiteten dreimal ehrfürchtig umschritten. Dogen berichtet von Ma-Tsu, der sich in die Berge zurückgezogen hatte um dort den ganzen Tag mit der Zenmeditation im Sitzen zu verbringen. Sein Meister besuchte ihn und fragte, wozu er denn so angestrengt im Sitzen meditiere. „Ich will durch Sitzen ein Buddha werden!“ Der Meister nahm einen Ziegelstein und begann, ihn am Felsen zu reiben. Verwundert fragte Ma-Tsu: „Was tust du da?“ „Ich poliere den Stein um daraus einen Spiegel zu machen!“ „Man kann doch nicht durch polieren aus einem simplen Stein einen Spiegel machen!“ „Und du kannst nicht durch Sitzen zu einem Buddha werden!“

Ma-Tsu's Grab - Nach der Kulturrevolution aus den Bruchstücken wieder zusammen gefügt.

Ma-Tsu’s Grab – Nach der Kulturrevolution aus den Bruchstücken wieder zusammen gefügt.


Ma-Tsu hat offenbar einen würdigen Nachfolger bekommen. Der Zenmeister des Tempels zeigt uns hinter der Tempelmauer, direkt gegenüber vom Grabmahl des Ma-Tsu eine kleine Hütte. „Dort lebt ein Mönch, der den ganzen Tag meditiert. Wir haben ihn seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Wir stellen ihm Essen hin und holen das leere Geschirr wieder ab. Also muss er wohl noch dort sein!“

Ma-Tsu pflegte seine Schüler mit unerwarteten Aktionen zu überraschen um damit ein plötzliches Erwachen zu erreichen. Einmal packte er den Schüler an der Nase und drehte sie herum. Oft stieß er laute Schreie aus. Sein Aussehen muss sehr merkwürdig gewesen sein. In einer alten Chronik wird er beschrieben:
„Er schritt einher wie ein Ochse und schaute herum wie ein Tiger. Wenn er die Zunge ausstreckte, reichte sie ihm bis über die Nase hinaus. Den Fußsohlen waren zwei Kreise eingeprägt.“ Yaoshan fragte Ma-Tsu nach dem plötzlichen Erwachen. Der antwortete: „Manchmal bitte ich Jemanden, die Augenbrauen hochzuziehen, manchmal mit den Augenliedern zu zwinken und manchmal tue ich das nicht. Manchmal ist das richtig und manchmal nicht.“ Yaoshan verstand und verließ Ma-Tsu.

Mit Meister Minying am Stausee

Mit Meister Mingying am Stausee


Im Yaoshan Tempel baut Meister Mingying derzeit oben in den Bergen mitten in dichten Bambuswäldern ein neues Meditations- und Studienzentrum. Die Gebäude liegen oberhalb eines Sees mit klarem Wasser. Ein größerer Saal ist schon fertig. Dort haben wir stundenlang Tee getrunken und über Zen diskutiert. Von dort aus sind wir immer wieder zu kleinen Spaziergängen durch den Bambuswald aufgebrochen um uns nach den langen Gesprächen wieder ein wenig zu erholen. Mingying meinte, dass es für die Zenstudien absolut wichtig ist, nicht nur zu üben, sondern auch die Schriften zu studieren und zu verstehen. Er erzählte, dass er sehr gerne auf dem Feld arbeitet und Reis und Gemüse anbaut. Aber als Zenmeister hat er dazu nicht allzuviel Zeit. Er muss Vorträge halten und auch die Menschen im Ort, die keine Mönche sind mit seinen Lehrreden erreichen.
Ich hatte dann die Ehre, oben im neuen Zentrum einen Vortrag über meine Zen-Erfahrungen aus dem Geist des Teeweges zu halten und mit Michael Teezeremonie vorzuführen. Die Bürger aus dem Ort aber auch Gäste, die bis von Peking angereist kamen waren dort um den „Physiker und Meister des japanischen Teeweges aus dem Heimatland von Karl Marx“ über Zen sprechen zu hören. Anschließend gab es heiße Diskussionen über das Verhältnis von Wissenschaft und Chan / Zen. Man spürt den Hunger der Chinesen nach geistigen Wegen, die aus der Sackgasse des Konsums, des ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums herausführen. „Wir bewegen uns in einem rasend schnellen Aufzug in die neue Zeit!“ Auch die Bürgermeisterin war dort. Nach dem Vortrag war sie ganz begeistert und erklärte, dass sie den Chan und den Tempel für absolut wichtig für ihre Stadt hält. Sie wird die Entwicklung des Tempels in Zukunft nach Kräften fördern. Ein junger Mönch war so fasziniert von der Shakuhachi, dass er unbedingt das Spiel auf dieser Zen-Flöte lernen will. Ich werde ihm eine Shakuhachi bauen und nach China schicken.

Der Chan / Zen in China ist mitten in einem neuen Aufbruch. Wir haben so viele liebe und freundliche Menschen getroffen, fröhliche Zenmeiter und liebenswerte Mönchen und Laien. Wir sind nicht zum letzten mal in China gewesen!
Und zwei von den Chinesinnen, die wir getroffen haben und die uns durch China geleitet haben, werden uns auf unserer nächsten Japanreise begleiten. Aber dieses mal bin ich der Führer. In Japan kenn ich mich halt besser aus als sie.

Bildquellen

  • bi yan Smaragdgrüne Felswand: Gerhardt Staufenbiel
  • yaoshan: Gerhardt Staufenbiel
  • ma-tsu-grab: Gerhardt Staufenbiel
  • mingyinn-am stausee: Gerhardt Staufenbiel
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