Pflaumenblüten – Winterchrysanthemen

Rikyū’s Lehrgedicht Nr 99:

茶の湯には
梅寒菊に
黄葉み落ち
青竹枯木
あかつきの霜
chanoyu ni wa:
ume – kangiku ni
momiji miochi
aodake – kare ki
aotsuki ni shimo.

Das Gedicht beginnt mit der Zeile: chanoyu ni wa. Chanoyu, wörtlich „heißes Wasser für den Tee“ meint den Weg des Tee, den Teemenschen versuchen zu gehen. Der Partikel ni – に bezeichnet Etwas in Raum oder Zeit. Es handelt sich also nicht eigentlich um eine Bestimmung dessen, was Chanoyu ist. Dann würde das Gedicht beginnen mit chaoyu to wa – was Chanoyu anbelangt…! Es ist eine Zeit genannt, in der Chanoyu geschieht.
JETZT kommt die Zeit der Winterchrysanthemen, wörtlich im Japanischen der „Chrysanthemen der Kälte“, Kan-Kiku. Die Nebel steigen auf und der Winter kündigt sich an. Wenn sich in der Kälte der Nächte die weiße Blüte der Winterchrysantheme zu färben beginnt, dann ist es die Zeit, die Winterfeuerstelle im Teeraum zu öffnen.

Das Herbstlaub, das sich jetzt bunt färbt, wird bald im Wintersturm fallen (momiji miochi). Es ist bemerkenswert, dass im Gedicht nicht das rote Herbstlaub genannt wird, sondern das Auseinanderstieben und Fallen der Blätter. Es ist eine Stimmung des Abschiedes.

Hölderlin schildert im „Winkel von Hardt“ eine ähnliche Zeit und den abgeschiedenen „Winkel“:

Hinunter sinket der Wald,
Und, Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,

Das bunte Herbstlaub „hängt einwärts wie Knospen“. Das Laub, das sich färbt, beginnt schon sich zurückzuziehen, und beim Welken sich „einwärts“ zu ziehen. Es ist ein Bild, in dem das sterbende Laub wieder wie Knospen wird. Der Tod und das Vergehen wird wie ein verheißungsvoller neuer Anfang. Wenn die Blätter gefallen sind, „blüht unten auf ein Grund“. Vom Bild her wohl einfach der Boden unter den Bäumen, der jetzt in den bunten Herbstfarben des abgefallenen Laubs „aufblüht“. Im Sterben ist es wie ein Aufblühen und ein neues, bisher nie da gewesenes Leuchten.
Hölderlins Gedicht hat einen zweiten Teil, in dem der aufblühende „Grund“ zu einer geschichtlichen Erinnerung wird:

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,

Nicht gar unmündig
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.

Der „Grund“ blüht auf, „nicht gar unmündig“. Der Grund wird unversehens zur Usache, dem Beginn, der nicht unmündig ist, das heißt, er ist „mündig“ und beginnt zu sprechen. Er erzählt von Herzog Ulrich, der sich auf seiner Flucht 1519 hier im Winkel verborgen hatte, und von den Bauern der Umgebung mit Nahrung versorgt worden war. Später hat er diesen Bauern als Dank die Abgabe von Steuern erlassen. Das große Schicksal wurde am „übrigen Ort“ – in einem Entwurf heißt es am „gesparten Ort“ – bereitet und in Sagen und Legenden aufbewahrt, gespart. Damit begründet der Grund die Sage und Historie, die an diesem gesparten Ort immer im Herbst, wenn das bunte Laub zu Boden fällt, besonders lebendig wird.

In dem japanischen Gedicht, das Rikyū zugeschrieben wird, aber wohl viel älter ist, werden ebenfalls Gegensätze aufgezählt:

Pflaumenblüte, – Winterchrysanthemen
grüner Bambus – kahle Bäume

Ume, die kleine „Pflaume“ Japans, ist in Wahrheit eine Aprikosenart. Die Früchte werden niemals vollkommen reif. In ihrer Reifezeit, dem Juni, regnet es häufig so stark, dass die kleinen, unreifen Pflaumen, die nur noch ganz locker an den Stielen hängen, vom Regen auf den Boden geschlagen werden. Nennt man die Ume in einem poetischen Zusammenhang, so ist aber niemals die Frucht, sondern die Blüte gemeint. Die japanische Pflaume blüht früh im Jahr, wenn oft noch Schnee fällt. Ja, voller Sehnsucht kann man oft kaum das kommende Frühjahr mit seinen Pflaumenblüten erwarten:

kokorosashi/ fukaku somete shi / orikereba/kieaenu yuki no / hana to miyuramaru

Da mein Herz / von Sehnsucht tief gefärbt,/
hielt lange Zeit / für Blüten ich den Schnee, /der nicht vergehen will.

Die Pflaumenblüten stehen für die tiefe Sehnsucht nach dem Ende der Kälte und dem Neubeginn.

Der Dichter Michizane, der Minister am Hofe des Tennō war, und der wegen einer Intrige nach Kyushu verbannt wurde, liebte einen Pflaumenbaum an seinem Haus so sehr, dass er dichtete:

東風吹かば にほひおこせよ 梅の花 主なしとて 春を忘るな
Kochi Fuka ba / Nioi koyoseyo / Ume no Hana / Hariji nashi tote / Haruna Warure so.

Wenn der Wind aus dem Osten weht, dann schicke  Deinen Duft,
meine liebe Pflaumeblüte, an Deinem Herrn, damit ich nicht vergesse,
dass schon Frühling ist.

Die Legende will, dass der Pflaumenbaum der Bitte entsprach und sofort nach Kyushu zu seinem ehemaligen Besitzer flog. Heute noch kann man in Kyushu am Dazaifu Tenmangu Schrein, dem Gedenkschrein für Michizane die Tobiume, den „Fliegenden Pflaumenbaum“ sehen, der nach Kyushu geflogen kam.

Das Gegenstück zur Ume ist Kan-Kiku, die „Kalte Chrysantheme“, die Winterchrysantheme. Noch ist der Winter nicht da, aber es wird kalt. Die weiß blühende Chrysantheme beginnt, sich in den kalten Nächten rot zu verfärben. Das ist dann die Zeit, in der man früher die Winterfeuerstelle im Teeraum öffnete. Es war also kein Datum im Kalender, sondern die Farbveränderung der weißen Chrysantheme, die den Winter im Teeraum vermeldete.

Ume steht für die tiefe Sehnsucht nach dem Neuanfang, die Kan-Kiku für den Einkehr in die Stille. Beide Zeiten sind Zwischenzeiten: es ist nicht mehr Winter und es ist noch nicht Winter.

Das fallende Herbstaub bezeichnet nicht die Pracht der Herbstfärbung des Ahorn, der Tausende von Japanern in die Berge lockt, um die Pracht der Herbstfarben zu genießen. Es ist die Zeit der Stille und des Abschiedes vom aller Pracht. Das fallende Herbstlaub ist die Stimmung des wabi, der schlichten Einkehr und der Abwendung von der Pracht des Lebens im Palast. Darum ist auch nicht die Kirschblüte genannt. Die ist viel zu prächtig und aufdringlich. Für Rikyu war das berühmte Gedicht aus dem Shin-Kokinwakashu der perfekte Ausdruck des wabi:

miwataseba So weit man schaut:
hana mo momiji mo weder Kirschblüten noch roten Ahorn
nakarikeri gibt es da
ura no tomaya no bei der Schilfhütte an der Bucht
aki no yûgure in herbstlicher Abenddämmerung

Die Pflaumenblüte ist viel bescheidener als die Kirschblüte. Zwar ist in dem berühmten Gedicht nur „hana“ – Blüte genannt, aber das meint immer die Kirschblüte. Wer einmal die explosive Pracht der Kirschblüte in der alten Kaiserstadt Kyōto erlebt hat, weiß, dass es ein berauschendes, die Sinne völlig betörendes Erlebnis ist, wenn die Kirschen blühen. Das ist nicht die Stimmung für Chanoyu, die durch das Fehlen von Kirschblüten und den strahlenden Farben des leuchtenden Herbstlaubes geprägt ist. Die schlichte Hütte am Strand ist auch nicht eine „strohgedeckte Hütte“ sondern die toma-ya, die Hütte für einen Tag, also gerade eine Unterkunft für den flüchtigen Verbleib, die gerade gegen Wind und Wetter schützt. Genau dieser Stimmung entspricht der Teeraum, der ein Toma-ya, eine Hütte eben gerade für einen Tag ist. Im Namboroku heißt es:

Sich an der großartigen Konstruktion eines Hauses und an dem Geschmack erlesener Speisen zu freuen, ist eine sehr weltliche Angelegenheit.
Uns genügt ein Haus, durch dessen Dach es nicht regnet, und ein Mahl, bei dem gerade der Hunger gestillt ist.

Nur die bescheidene, kleine weiße Pflaumenblüte, die wie leichte Schneeflocken auf den Zweigen sitzt, und mit ihrem Duft die Sehnsucht erweckt, kann für den Tee stehen. So ist es auch nicht zufällig, dass Rikyū sich die Pflaumenblüte als Wappen erwählt hat.

Das zweite Gedicht, das für Rikyū der Ausdruck des wabi ist, zeigt eine ähnliche Stimmung:

hana wo nomi
matsubaran hito ni
yamazato no
yuki ma no kusa no
haru wo miseba ya.
Zeigte man doch den nur die Kirschblüten
erwartenden Menschen
den Frühling
der Gräser im tauenden Schnee
des Bergdorfes!

Es geht nicht darum, sich nach der Pracht der Kirschblüte zu sehnen. Das Bild, das hier gezeichnet ist, ist ein völlig vom Schnee bedecktes einsames Bergdorf. Die Farbe ist: WEISS. Es ist die Farblosigkeit des erwachten Menschen. Im Gedicht wird das neue Gras erwartet, das im „Yuki ma“ sich verbirgt. Yuki ma ist der Zwischenraum zwischen dem Schnee. Es ist also eine Zeit, in der der Schnee langsam zu schmelzen beginnt. Die Luft ist erfüllt vom kaum wahnehmbaren Duft von schmelzendem Schnee. Vielleicht ist der Zwischenraum auch noch nicht einmal, weil der Schnee schwindet und nur noch vereinzelte Stellen bedeckt, vielleicht ist es auch einfach nur der Zwischenraum UNTER dem Schnee, den das Schmelzwasser erzeugt. Die Gräser sind auch nocht nicht erschienen: man spürt und erahnt eher das beginnende Wachstum, als dass man es sehen könnte.

Aodake – karaki ist der Gegensatz von „blauem“ (frisch grünem) Bambus, der im Frühjahr vom Lebenssaft strotzt und dem trockenen Baum, der leer von Laub im Herbst- und Winterabend steht. Bashō dichtet:

Auf dem dürren Ast
hockt eine Krähe
Herbstabend.

Der trockene Baum – kara Ki ist nicht nur die Zeit des Todes, sondern die Zeit der Einkehr und Stille. Wenn die Pracht des Herbstlaubes verschwunden ist, dann kommt das „reine Wesen“, das NICHT zum Vorschein, das zuvor von den 10.000 Dingen mit all ihrer Pracht und Schönheit verdeckt war. Im Daodejing heißt es, „Wünsche habend sieht man die Begrenzung, die Außenseite der Dinge, Wunschlos sieht man das NICHT. Das NICHT ist nicht die nichtige Leere, sondern der Urgrund, aus dem alles her-kommt und in den alles hin-geht.

Die Zeit des Überganges wird auch durch die letzte Zeile deutlich: aotsuki ni shimo – Raureif im frühen Morgen. Diese Zeile bildet den Abschluß des Gedichtes und ist damit eine Art Höhepunkt des Gedankenganges. Der Rauhreif erscheint im späten Herbst, wenn die Feuchtigkeit der Nacht in der Kälte des frühen Morgens friert und das Gras und die Blätter mit einem weißen, kalten Belag überzieht. Weiß ist die Farbe des Alters, das die Haare weiß färbt. Wenn aber der weiße Raureif auf den Blättern erscheint, bringt er die Vielfalt der Herbstfarben hervor:

Weißer Tau / hat nur eine Farbe –
wie kann er denn / das Herbstlaub / in tausend Farben tauchen?

Der weiße Raureif erscheint in einer Zeit, wenn es noch nicht Winter ist. Er liegt nur in der Morgenfrühe, wenn der Mond fahl und rötlich am Himmel steht (ao-tsuki) über den Wiesen und Bäumen. Sofort, wenn die Sonne hervorkommt, verschwindet er, aber er hinterläßt die tausendfältigen Farben des Herbstes. Wie kann die Farblosigkeit die 10.000 Farben hervorbringen?
Hier ist nicht das Phänomen gemeint, dass die erste Kälte der Herbstnacht ds Laub färbt, es ist der Wechsel zwischen der Farblosigkeit des NICHT und den 10.000 Farben der Dinge der Welt gemeint. Dieser Wechsel ist das hin und Her gehen zwischen den Bereichen der Wünsche und der Wunschlosigkeit, wie es im Daodejing beschrieben ist. Es ist nicht der Mensch, der alt und müde und dessen Haare weiß geworden sind. Die Einkehr in die Stille des Teeraumes läßt uns die Leere sehen. Zurückgekehrt in den Alltag erscheint uns die Welt wieder in den 10.000 Farben.
Wieder? Nein, vor der Erfahrung der Stille im Teeraum war die Welt nicht farbig, eher grau und trostlos, eben „alltäglich“ und nicht lebenswert. Erst die Erfahrung der Stille bringt die Farbigkeit der Welt hervor, so wie der weiße und farblose Rauhreif die leuchtende Farbigkeit des Herbstlaubes hervor bringt, die uns in ihrer Schönheit förmlich den Atem rauben kann. Wer die Stille nie erfahren hat, für den ist die Welt leicht grau und farblos, aber dann eben sinnlos und leer. Die Schönheit der Dinge kommt erst zum Leuchten, wenn man die Farblosigkeit, die Stille und die LEERE des NICHT erfahren hat.

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