Lied unter dem Septembermond

Meigetsu No Uta – Lied unter dem Septembermond.

Der Septembermond heißt in Japan Mei-getsu, »Namen-Mond«. Er hat deshalb einen besonderen Namen, weil der Mond im September ein ganz besonderer Mond ist. Eigentlich ist er der Chūshū no meigetsu 中秋の名月, der Mond in der Mitte des Herbstes, in der Mitte der Erntezeit. Um den 15. Tag des Monats steht der volle Mond am Himmel. Es ist der Mond des Jūgoya 十五夜, der 15. Nacht. In Japan feiert man an diesem Tag das
Tsukimi, das Mondbetrachtungsfest. Die Tokonoma wird mit den blühenden Wedeln
vom Suzuki Gras geschmückt und man isst süße Reiskugeln, die an den Vollmond
erinnern sollen.

Aber nicht nur der Septembermond, sondern auch der Oktobermond ist sehr schön.
Man sagt in Japan, das es Unglück bringt, wenn man nur einen der beiden Monde
betrachtet. Darum schaut man nicht nur den September-, sondern auch den Oktobermond
in der 15. Nacht des jeweiligen
Monats. Im Oktober isst man zur Mondschau
keine Reiskugeln, sondern braune Kastanien. Damit wird sowohl die helle als auch die
dunkle Seite des Mondes gefeiert.

Wir werden hier im Myoshinan im September und auch im Oktober um die 15. Nacht herum jeweils ein Konzert spielen. Dabei werden zwei Stücke auf der Shakuhachi
erklingen, Oborotsuki und A-Ji-Kan, die ich hier näher erläutern möchte.

Oborotsuki

Das Stück ist ein charakteristisches Lied aus dem Ichōken Tempel in Hakata. Es beginnt mit dunklen und leisen Tönen, die ganz langsam ansteigen. Sie schildern den Mond, der hinter Wolken verborgen ist und hin und wieder etwas aufscheint, um dann wieder zu verschwinden. Allmählich werden die Töne heller und klarer: Der Mond kommt langsam hinter den Wolken hervor und sein Licht leuchtet klar und rein. Nun glitzert das Licht auf den Wellen eines kleinen Baches und die Blätter der Bäume funkeln. Allmählich werden die Töne wieder dunkel – der Mond verschwindet schließlich vollkommen hinter den Wolken.

Früher einmal habe ich das Stück in Griechenland in einem weinumrankten Innenhof in einer Vollmondnacht gespielt. Der Mond selbst war nicht zu sehen, aber sein silbernes Licht schimmerte sanft durch das wirr ins Dunkle gewundene Weinlaub. Die ganze Natur schien still und stiller zu werden, nur ein paar Vogelrufe waren zu hören.
Als das Stück verklungen war, lauschte ich noch lange dem Nachklang der Stille. Unwillkürlich fiel mir eine Zeile aus den Zhuangzi ein:

„ Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?“

Das Schriftzeichen `Oboro 朧` im Titel wird mit einem Schriftzeichen geschrieben, das vorne den Mond zeigt und im hinteren Teil einen Drachen. Die Drachen leben im Wasser. Wenn sie aufsteigen, nehmen sie Dunst und Wolken mit auf ihrem Weg und bringen Regen. Man sagt: „Wo Drachen sind, sind auch Wolken.“ Geheimnisvoll und mystisch verbirgt der Drache den Mond, der selbst wie ein Drache ist.

Als Teemensch empfinde ich den verschleierten Mond als sehr verwand. Der Teemeister Murata Jukō, der große Vorläufer Sen Rikyū’s hatte einmal geschrieben:

Tsuki mo kumoma no naki wa iya nite sōrō.
Den Mond ohne vorüberziehende Wolken mag ich nicht.

Damit beschrieb Murata Jukō (ca. 1423 – 1502) ein ästhetisches Ideal Japans. Nicht das Elegante, Glatte und Leuchtende, sondern das aus dem Verborgenen Aufscheinende ist die wahre Schönheit. So sind auch unsere Shakuhachi nicht glatt und elegant, sondern eher rau und ursprünglich. Ihre Schönheit bleibt denen, die nur das Elegante erwarten, verborgen. Sie zeigt sich erst dem geübten Blick, der sich auf das Ursprüngliche einstellt. Auch ihr Ton ist eher rau und geheimnisvoll dunkel als elegant und glatt. Aber seine raue Schönheit spricht unmittelbar das Herz an.

Vor einiger Zeit habe ich einen Text gefunden, den Myōe Shonin 明惠上人 (1173-1232) über den Mond hinter Wolken geschrieben hatte.

„Vogelnest – Myōe“ meditiert in einer Baumkrone
Hängerolle aus dem Kōsanji

Myōe war als Priester des esoterischen Shingon – Buddhismus nach Kyōto gekommen, wo er in den rauen und kalten nordwestlichen Bergen den verfallenden Tempel Kōzanji wieder restaurierte, der heute ein Weltkulturerbe ist. Mitten in Wäldern von riesigen alten Zedernbäumen liegt der Kōzanji im tiefen Schatten. Es ist kühl und feucht und man spürt heute noch die einsame Lage des Tempels weit ab von der Hauptstadt.
Myōe kam in Kontakt mit Eisai, der den Zen und den Tee aus China mitgebracht hatte, und er erlernte von Eisai die Zenmeditation. Myōe war in seiner Meditationsübung so streng, dass er gern in den Gipfeln von Bäumen saß, um zu meditieren. Dies brachte ihm den Beinamen Chōka Shōnin – Vogelnest Shōnin – ein.

Er verachtete seinen Zeitgenossen Hōnen, der meinte, ein einfaches Rezitieren des Namens Buddha’s würde zur Erleuchtung führen. Nur intensives und strenges Üben führt uns nach Myōe`s Meinung zum Licht.

Eisai schenkte seinem Freund Myōe einige Teepflanzen, die er in einem Teegarten neben dem Tempel anbaute. Später kaufte Myōe – so will es wenigstens die Legende – ein Grundstück in Uji, um dort im milderen Klima Tee für seinen Tempel anzubauen. Dies ist der Ursprung des berühmten Teeanbaus von Uji.

Myōe beschrieb die „zehn Tugenden des Tee“:

Tee hat den Segen aller Götter,
er fördert die kindliche Pietät,
verjagt die Teufel,
vertreibt die Schläfrigkeit,

hält die fünf Organe in Harmonie,
stärkt die Freundschaft,
schult Körper und Geist,
zerstört die Leidenschaften
und schenkt einen friedvollen Tod.

Besondere Beziehung hatte Myōe zum Mond. Schon sein Name 明惠 enthält vielleicht eine solche Beziehung. 明 Myō – das Leuchten, das klare Licht und 惠 e – Gnade, Gunst, Segnung. Die Wolken, die den Mond verschleiern, waren für Myōe die Illusionen und Träume, die unser ganzes Leben prägen. Der klare Mond ohne Wolken steht für den Zustand des Erwachens aus den Träumen und Illusionen.

Das alltägliche Leben vor dem Erwachen als Traum und Rausch ist ein altes buddhistisches Thema, das schon im Iroha, dem japanischen Silbenalphabet gestaltet ist, das in Gedichtform aufgeschrieben wurde:

iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui.no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu

Die Farben sind noch frisch,
doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen,

bin auch nicht berauscht.

Myōe schrieb über fast vierzig Jahre seine Träume und Visionen auf, vielleicht weil er in der Rückschau auf seine Visionen seinen persönlichen Weg ins Licht und die Klarheit zurückverfolgen wollte. Dieses Werk – Kōben Yume-no-Ki – findet heute wieder große Beachtung. Auch Psychologen interessieren sich für die Träume eines buddhistischen Mönches aus der frühen Kamakura Zeit, um Rückschlüsse auf die menschliche Natur zu ziehen.
Über den Mond und die vorüberziehenden Wolken schrieb Myōe einen Text, der mir immer wieder zu Herzen geht. Manchmal erscheint mir dieser Text fast wie die Vorlage für unser Stück Oborotsuki.

Myōe schildert, wie er in der einsamen Bergwelt seines Tempels in der Winternacht meditierte. Das Datum, das er angibt, ist sicherlich ein symbolisches Datum. Die 12. Nacht des 12. Monats des Jahres 1224, wobei der zweite Teil der Jahreszahl wieder 2 x 12 ist.
Als er aus der Meditationshalle kam, erschien der Mond hinter den Wolken, die Illusionen waren verschwunden und er hatte zur Klarheit des Erwachens gefunden. Nicht einmal das Heulen der Wölfe bereitete ihm noch Furcht. Aber der Mond verschwand wieder hinter den Wolken, als er ins alltägliche Leben im „unteren Quartier“ zurückkehrte, so wie wir in den Wirren des Alltags wieder in die Wolkenwelt eintauchen. Erst, als Myōe erneut aus den unteren Räumen ‚überwärts’ nach oben in die Meditationshalle ging, kam der Mond wieder hinter den Wolken hervor. Es ist, als würde Myōe aus den Tiefen der Träume und Illusionen hinaufsteigen in die Klarheit des Erwachens. Als er dann oben angekommen war in der Meditationshalle, verschwand der Mond endgültig hinter den Bergen um einzugehen in die endgültige Klarheit des endlosen Dunkels, ins Nicht.

Ich habe versucht, Myōe’s Text ins Deutsche zu übertragen. Ich hoffe, dass die Übersetzung nicht allzu schlecht geraten ist.

Oborotsuki – der verschleierte Mond

In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224

War der Mond hinter Wolken verborgen.
Ich saß in Zen Meditation in der Kakyu Halle.

Als die Stunde der Nachtwache um Mitternacht kam
beendete ich die Meditation, verließ die obere Halle und ging in die unteren Quartiere.

Als ich so ging,
kam der Mond hinter den Wolken hervor.

Der Schnee leuchtete auf
und der Mond war mein Wegbegleiter
und nicht einmal das Heulen des Wolfes im Tal
ließ Furcht aufkommen.

Später, als ich noch einmal aus dem unteren Quartier kam,
war der Mond wieder hinter den Wolken verborgen.

Ich ging hinauf zum Hügel
und der Mond sah mich auf meinem Weg.

Ich trat ein in die Meditationshalle,
und der Mond, die Wolken vertreibend,
versank hinter den Gipfeln.

Und es schien mir, er bewahre das Geheimnis unserer Gemeinschaft.

Dies schrieb Myōe Shōnin, Abt des Kōzanji Tempels in Kyōto

A ji Kan – Meditation auf den Laut A

Auch dieses Stück ist charakteristisch für den Ichōken Tempel in Hakata. Es verlangt
allerhöchste Konzentration, denn es beginnt mit sehr schwierig zu spielenden hohen
und ganz langen Tönen. Ist man auch nur im geringsten abgelenkt oder nicht voll beim
Spiel, so klingen diese Töne unschön, hart und falsch. Deshalb gibt es den Spruch:
»Ichi On – Busshin« »Ein Ton – Buddhaherz!« Wir sind beim Spiel vollkommen im
Augenblick ohne jeden störenden anderen Gedanken und ohne jede Ablenkung. Das ist
die Verwirklichung des Buddhaherzens.

Man kann den Zusammenhang mit dem Mond bei diesem Stück nicht unmittelbar
erkennen, dazu ist weiteres Wissen nötig. A-Ji-kan ist eine alte Meditationsmethode aus dem Shingon Buddhismus.

`A` ist der erste Buchstabe `Ji` aus dem Sanskrit Alphabet. Er steht für die Schöpfung
und den gesamten Kosmos. Im Shingon meditiert man auf diesen Laut, indem man ein
Bild des Sanskritbuchstaben betrachtet, das über einem Lotos schwebt und dabei den
Laut rezitiert. Dieser Lotos wieder ist mitten in einem Kreis, der den vollen Mond darstellt.

Es gibt eine sehr alte Meditation auf den vollen Mond. Es wird empfohlen, sich in die
Einsamkeit der Berge zurückzuziehen. Wenn man ganz zur Ruhe gekommen ist,
betrachtet man den Vollmond und schließt dann langsam die Augen. Das helle, klare
und milde Licht des Mondes beginnt dann, mitten in unserem Herzen zu strahlen, und
wir werden so klar und rein, wie der Mond. Nicht nur verliebte Pärchen werden vom
milden Mondlicht verzaubert.

Bei der Meditation auf den Laut ‚A‘ sitzt man zunächst still, zum Beispiel in der Meditationshaltung des Zen. Im Shingon betrachtet man ein Bild des A auf dem Lotos
und schließt die Augen. Nun beginnt man, das ‚A‘ zu rezitieren. Laut oder leise, hoch
oder tief, ganz so wie es sich gut anfühlt. Wir versuchen, den Laut so lange wie möglich
zu rezitieren. Dadurch wird der Atem ganz tief und wir atmen bis tief in den Unterbauch.
Man spürt die Resonanz dieses Lautes im Brustkorb in der Höhe des Herzens. Durch
das Bild des Lotos im Mond, das wir in diese Meditation mit hineingenommen haben,
spüren wir, wie das helle und sanfte Mondlicht unser Herz erfrischt und klar werden
lässt. Alle Sorgen und alle Beschränkungen verschwinden. Nach einiger Zeit der
Rezitation hören wir nur noch die Stille in uns. Es wird eine wunderbare und tiefe
Meditation.

Im Shingon gibt es einen kleinen Text, mit dem man diese Meditation beschreibt:

A-ji no ko ga a-ji no furusato tachi ide,
Mata tachikaeru a-ji no furusato.
A-ji no ko ga hasu no utena ni nori no fune,
Tsuki no miyako ni ima kaeru nari.

Das Kind von Aji-kan: ursprüngliche Heimat der Sehnsucht
Und die Rückkehr in die verlorene Heimat.

Die Frucht von Aji-Kan:
Wie die Blüte des Lotus in einem Boot aus Seetang
Jetzt: Rückkehr in die klare Helle des Mondes.

Das »Kind« des A-Ji-Kan entsteht in unserem Herzen, in das wir den Samen der Sehnsucht gesät haben. Furosato ist die alte Heimat, die wir verlassen haben. Aber die
Sehnsucht nach dieser ursprünglichen Heimat bleibt immer im Herzen. Diese ursprüngliche
Heimat ist nicht nur ein realer Ort, es ist vielmehr unsere ursprüngliche Ganzheit,
die wir schon mit der Geburt verloren haben. Es ist die unstillbare Sehnsucht nach
Ganzheit und Heilung zu unserem ursprünglichen Wesen.

So wie sich der Lotos rein und unbefleckt aus dem Seetang oder aus dem Schlamm
erhebt, so kann plötzlich unser ursprüngliches Wesen aufscheinen.

Die Wendung Tsuki no miyako heißt wörtlich: `Hauptstadt des Mondes`. Wir kehren
zurück in die Hauptstadt des Mondes?

Diese Wendung bezieht sich auf eine der ältesten Legenden Japan, die von einem unbekannten
Autor in unbekannt früher Zeit aufgeschrieben wurde. Jedes Kind in Japan kennt die
Geschichte vom Taketori, vom Bambussammler, der in einem Bambus ein winziges,
wunderschönes und leuchtendes Mädchen findet. Er nimmt sie mit nach Hause, wo sie
zu einer wunderschönen Frau heranwächst. Alle Männer verlieben sich in sie, schließlich
hält sogar der Tenno um ihre Hand an. Aber da kommen auf den Strahlen des
Mondlichtes himmlische Wesen und holen das Mädchen aus dem Bambus zurück in
ihre Heimat in die Hauptstadt des Mondes. Sie war wegen einer schlechten Tat nur für eine kurze Zeit auf die Erde verbannt worden, nun wird sie von ihrem Volk wieder in die Heimat auf dem Mond zurückgeholt.

Termine

Konzert: Lied unter dem Septembermond
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Sonntag, 18. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf, Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5

Konzert: Blüten und Einsichten
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi und Teezeremonie
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Samstag, 24. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Bad Brückenau

Herbstkonzert des Ensembles Drachengesang
Gerhardt Staufenbiel, Rainer Rabus, Winfried Lernet
Samstag, 22. Oktober 2016
Beginn: 19:00 Uhr Ende gegen 21.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf / Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5
Eintrittskarten online

Seminar am Feuerberg, Kärnten
zusammen mit Carola Catoni und Sigrun Wunderlich:
Wege zum Glück
Einweihung des Teeraumes am Feuerberg
Mein Schüler Richard Bürger, der regelmäßig über Skype bei mir Unterricht erhält, führt dort regelmäßig Teezeremonie vor.

Veröffentlicht unter Allgemein, Japan, Konzerte, Monatsbrief | 1 Kommentar

Haiku am Sommermorgen

Die Folgen eines Haiku Seminars sind manchmal schauerlich lustig.
Heute Früh gab es ein kleines Haiku – Duell über e-mail:

Auf Baumstamm ruhend
Sommermorgen genießend.
Autsch! Der Hintern schmerzt!

Antwort:

Morgenfrühe!
warmes Sommerlicht fällt durch –
das Loch im Socken!

Und wieder:

Morgenheiterkeit.
Lachen schallt durch das stille Dorf.
Guter Wochenstart!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Shakuhachi ohne Ende

Gerade eben habe ich eine Shakuhachi fertig gebaut. Sie muss nur noch mit einem Siegels gestempelt werden, dann geht sie ab auf die Post. Und genau jetzt habe ich eine mail über das vergangene Haiku – Seminar im Benediktushof bekommen. Christine schickt mir ein paar Bilder vom Seminar.
shaku-benediktus
Harald hatte dazu ein paar Haiku geschrieben:

Flötenklang, klagend
weht er durch den Zen-Garten.
Seh ich dich wieder?

Die Töne hören
völlig in sich aufnehmen
verklingen lassen.

Susanne hat sich ihre Flöte schon hier abgeholt. Elisabeth bekommt ihre dann mit der Post.

PS.: Habe ich da etwas falsch gemacht?
Ein Haiku Seminar und nun wollen alle Shakuhachi lernen?

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Kalter Augustregen

Es ist fast Mitte August.
Aber ein eiskalter Regen fällt und der Himmel ist dunkel und düster.

Dennoch habe ich von Carola eine Mail bekommen:

Regentropfen feiern den August
tanzend mit dem Sommerwind.

Zypressen schütteln sich vor Freude.
Die dicke Fichte tänzelt lächelnd.
Das Gesicht des Scheunendachs
erstrahlt in lieblich rotem Glanz.
Frisch glitzert der Garten im Sonnenlicht.
Wasserperlen wippen fröhlich von Blatt zu Blatt.
Der Kater träumt vom Sonnenschein.
Die warme Suppe wärmt den Bauch
und der Blick ins helle Grau das Herz.

Toll!
Aber mit freiem Zengeist sieht man die Dinge nicht nur positiv.
Wenn es mitten im August fast wie Winter ist, dann ist es eben kalt!

Kalter Sommerregen!
Der alte Teemeister
schüttelt sich vor Kälte!
Der Hund weigert sich und schläft am Ofen.

Glitschig kaltes und nasses Gras
läßt die Füße erschauern.
Sogar die Schnecken bleiben zu Hause!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Viereinhalb Matten

Über den Teeraum und das neue Schwimmbad am Feuerberg habe ich eine kleine Meditation geschrieben. Hier der Text:

Viereinhalb Matten.
Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han

Der Herbst kommt heran.
Das Herz erfüllt von Sehnsucht:
Viereinhalb Matten

Der japanische Dichter Bashō, der sein Leben dem Zen und der Haiku- Dichtung geweiht hatte, schrieb dieses kleine Meisterwerk. In den knappen 5 / 7 / 5 Silben eines Haiku beschwört er die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden.
Sein Leben war eine stete Wanderschaft. Er lebte dieses Wanderleben, um zu zeigen, dass unser aller Leben nichts ist als eine Wanderung zwischen Geburt und Tod. Aber die Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe wohnt tief in unserem Herzen.

Die viereinhalb Matten sind der Teeraum in seiner idealen »Größe«.
Draußen beginnen die Herbststürme zu toben. Aber drinnen glüht das sanfte Holzkohlenfeuer und das Singen des Teekessels wärmt das Herz. Der Tee duftet und alle Sinne werden erfrischt und klar. Der enge Raum weitet sich und die ganze Welt ist versammelt in einer Schale Tee.
Yo-Jo Han ist ursprünglich nicht der Teeraum, sondern ein Flächenmaß von kaum 10 Quadratmetern. Aber dieser winzige Raum ist so weit wie der offene Himmel.
»Das Singen des Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern«, so hatte im 15. Jahrhundert einmal ein Berater des Shogun Yoshimasa gesagt. Der Wind in den Kiefern streift frei durch die offene Weite des Himmels und das Singen des Teekessels bringt diese Weite in den kleinen Raum. Selbst der mächtigste Mann Japans sehnte sich nach der Stille und dem Frieden im Teeraum.

Zur Zeit Buddhas lebte ein Mann mit dem Namen Vimalakirti. Er war in die Berge gegangen und hatte dort zurückgezogen in einer Hütte von genau Yo-Jo Han – 10 Fuß im Quadrat – meditiert und war zum Buddha geworden. Seine Buddhaschaft aber lebte er tätig mitten im Leben eines reichen und wohltätigen Kaufmannes. Als er krank wurde, wollte Buddha einen seiner Jünger zu Vimalakirti schicken. Aber einer nach dem anderen lehnte ab. Sie waren nicht würdig, denn sie konnten ihre Buddhaschaft nur in der Einsamkeit oder der Geborgenheit eines Klosters verwirklichen, aber nicht wie Vimalakirti mitten im tätigen Leben.

Der japanische Dichter Kamo hatte sich im 13. Jahrhundert nach dem Vorbild Vimalakirtis in eine solch kleine Hütte in den Bergen zurückgezogen. Der Teeraum in seiner schlichten Gestaltung und Größe folgt dem Vorbild Kamo’s. Seine Hütte »war kaum größer als der Kokon einer Seidenraupe«. Aber die Seidenraupe verwandelt sich im Kokon zu einem wunderschönen Schmetterling. So schenkt auch die Enge des Teeraumes eine solche stille Verwandlung.

In der chinesischen Mythologie gibt es irgendwo weit im Ostmeer eine Insel der Götter. Sie ist genau 10-tausend Fuß im Quadrat. Der Teeraum mit seinen 10 Fuß im Quadrat ist wie ein Spiegel dieser Götterinsel. Dort empfangen alle Götter ihre ‚Urkunde des Lebensursprungs‘. Der Name dieser Insel lautet auf Japanisch Ho-Jo. Der Lebensursprung spiegelt sich im Teeraum und im Herzen der Menschen. Das offene Herz ist genauso weit wie die riesige Götterinsel. Wahre Größe hat ihren Ursprung im Herzen, nicht in der Größe und Pracht gewaltiger Räume.

Der indische Prinz Boddhidharma hatte den Zen nach China gebracht. Auf seinem Weg begegnete er dem Kaiser Wu Di. Der fragte ihn nach der höchsten Wahrheit des Buddhismus. Boddhidharma antwortete nur: »Offene Weite. Nichts Heiliges.«
Später saß er neun Jahre mit dem Gesicht zur Wand in einer Höhle und meditierte. Als er müde wurde und ihm die Augen zufielen, riss er sich die Lieder ab und warf sie zu Boden. Daraus entstand der Teestrauch. Seine Blätter helfen nun, bei der Meditation wach zu bleiben. Nach neun Jahren verließ Boddhidharma seine Höhle. Nun war er verwandelt wie der Embryo im Mutterleib.

Die offene Weite verwirklicht sich nicht nur in weiten und großen Räumen oder an ‚heiligen‘ Orten. Vielleicht gerade in der Konzentration eines schlichten Teeraumes gibt es die offene Weite. Die offene Weite kann man aber auch im neuen Schwimmbad erleben.
Man erlebt die Weite des Himmels und sieht die Wolken ziehen, zehntausend Fuß über der Menschheit‘. Die offene Weite ist nicht außen, sondern im Herzen. Alle Sorgen verschwinden und ziehen weiter wie die Wolken. Das Herz wird frei und leicht wie ein Vogel. Das ist Zen mitten im Leben.

Veröffentlicht unter Allgemein, Basho und Haiku, Stille, Teeweg, Zen und Tee | Hinterlasse einen Kommentar