Hölderlin is it vruckt gwehn!

Hölderlin is it vruckt gwehn! Ich bin schon lange nicht mehr in Tübingen gewesen, um den Hölderlinturm zu besuchen. Im Internet habe ich ein Bild gefunden bei den Stocherkähnen aus Tübingen.

http://www.tuepps.de/stocherkahn.html

Man sieht das gelbe Haus des Schreinermeisters Zimmern, der Hölderlin beherbergt und gepflegt hat. Hölderlins Zimmer war oben im Turm, von wo aus er einen wunderbaren Blick über den Neckar und die damals noch unverbauten Berge gegenüber hatte. Dort war der „wahnsinnige“ Dichter laut rufend in seinem Zimmer hin und her gerannt, so dass der arme Schreinermeister, damit endlich Ruhe einkehre, dem Dichte alles beschreibbare Papier und die Federn wegnahm. Nur dann war der Dichter still.

Kein Wunder. Hölderlin hatte schon in seiner Zeit im Stift seine Zimmernachbarn schier zum Wahnsinn getrieben. Wenn er Gedichte schrieb, so musste er immer laut schreiend und gestikulierend mit gewaltigen Schritten im Zimmer auf und ab gehen. Nur so konnte er den Rhythmus der Sprache mit seinem Körper erleben.

Hat Hölderlin etwa im Turm noch gedichtet? Waiblinger schreibt ja von Phaeton – Hölderlin:

Alles, was er bekommen konnte von Papier, überschrieb er in dieser Zeit. Hier sind einige Blätter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemütes geben. In der Urschrift sind sie abgeteilt wie Verse nach pindarischer Weise.

Als ich das letzt mal den Turm besuchte, hatte jemand mit einer Sprühdose an die Wand des Turmes geschrieben:

Hölderlin is it vruckt gwehn!

Naja, verrückt im Sinne von wahnsinnig war er wohl nicht. Aber ver – rückt war er schon. Wer solche Texte wie „In lieblicher Bläue“ schreiben kann – vielleicht auch wer so etwas interpretiert oder sogar schon wer sowas liest, der muss schon ein wenig ver – rückt sein, verrückt aus dem alltäglichen Leben, das nur lauter Mühe ist. Darf, wenn lauter Mühe das Leben ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Das ist doch ver-rückt? Oder?

Oh du mein Schreck! Was ist denn das für ein hohes Gebäude im Hintergrund?
Das war einmal die berühmte Authenrietsche Klinik, in der Hölderlin mit der autenrietschen Maske behandelt worden ist.

Der Herr Doktor Authenrieth hatte dieses wunderbare medizinische Hilfsmittel erfunden, um Tobsuchtsanfälle seiner Patienten zu behandeln. Die Maske war eine Zwangsjacke, in die man den „Patienten“ einschnürte. Weil die dann aber oft so laut schreien, dass der Herr Doktor fürchterlich bei seiner Arbeit gestört wurde, ergänzte er die Zwangsjacke mit einem Lederknebel, der dem Patienten in den Mund auf die Zunge geschoben und dann ganz fest verschnürt wurde. Interessanterweise waren dann die Patienten nach ein paar Tagen der Behandlung ganz still.
Das ist wahrer medizinischer Fortschritt!
Un dieses Gebäude hatte der arme Hölderlin stets im Nacken!

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