Haikai: Haiku-Treffen

Am Samstag haben wir uns zu einem Meditations- und Einkehrtag getroffen.
Oben im Garten saßen wir im Kreis unter den Bäumen und lauschten den Klängen
eines großen Gongs und der Shakuhachi. Schließlich versammelten wir uns, um
gemeinsam Haiku zu verfassen: ein Hai-Kai, ein Haiku Treffen.
Man kann nicht mehr sagen, wer das einzelne Haiku verfasst hat, alle sind gemeinschaftlich entstanden.

Schatten der Bäume.
Still sitzen Menschen im Gras.
Die Vögel singen.

Neben dem Sitzplatz die bemooste Treppe, die langsam verfällt und nirgendwohin führt:
 
Die alte Treppe!
Seit Jahren kein Schritt auf ihr –
Verlorener Weg!

Langsam schritten wir den gesamten Garten ab und jeder tönte mit einer Klangschale in
der Hand. Der ganze Garten war erfüllt von den Tönen:

Umhüllt von Tönen
Aufsteigend in den Himmel.
Stark klingt die Stille.

Die Wiese war zur Hälfte schon abgemäht, aber es gab noch bunte Blumen und braune
Gräser im Sonnenhang

Schmetterlingsflügel
Durchwehen den Sonnenhang.
Töne klingen her.
Ranken im Sommerhimmel –
Entschwundenes Paradies.

Gemähte Wiese.
Vorbei mit vielen Blüten.
Kein Schmetterling mehr!
 

Danach saßen wir im Schatten der Bäume und lauschten der Stille.

Der Flötenspieler:
Atem beseelt den Bambus.
Nur ein Augenblick.

Sitzend im Garten:
Mein Haus fremd in der Ferne.
Mein Blick nach Innen.

Je dunkler der Abend,
Desto heller die Kerze:
Mein inneres Licht!

Der bemooste Stein
Ändert sein grünes Gesicht:
Immer der Selbe!

Allmählich zogen Wolken auf und es wurde schwül und gewittrig.

Wolken am Himmel-
Aufgeregt singen Vögel.
Bald kommt der Regen.

Die alte Kiefer
Geneigt über den Abhang
Widersteht dem Sturm.

Es macht großen Spaß, Haiku in einer Gruppe zu verfassen. Man sitzt mitten in der Natur, die viele Motive bildet. Jemand bemerkt die alte Treppe: Ah, genau fünf Silben. Aber wie geht es weiter? ‚Die Stufen dicht bemoost?‘ Nein, nur 6 Silben.
Anfangs sagen Anfänger: „Ich kann das nicht!“ Aber nach ganz kurzer Zeit fließen die Zeilen und ein Haiku nach dem anderen entsteht. Alle Beispiele oben sind in weniger als einer Stunde entstanden. Aber Vorsicht: es besteht absolute Suchtgefahr!

Schon vor langer Zeit haben wir bei einem Seminar in Griechenland gemeinsam Haiku verfasst. Hier nur ein paar Beispiele:

Stille rings umher,
gleißende Mittagssonne.
Oh, Seelengarten!

Die weißen Häuser.
Sonnenflecken im Weinlaub.
Leise spricht der Wind.

Und am Abend in der Kneipe:

Ein Kind jagt den Ball.
Abendsonne wärmt milde.
Ouzo trübt im Glas.

Wasser rauscht kraftvoll.
Platanen wehen im Wind.
Das Auto fährt fort.

Zögernde Schritte ins Dunkel
Leere Strassen voller Licht
Das Gartentor quietscht.

Haiku verfassen ist nicht nur eine poetische Tätigkeit. Wir schärfen unsere Wahrnehmung und lernen, ganz im Augenblick zu sein. Haiku verfassen ist eine Form der Zen-Meditation! Eine Meditation, die Spaß macht!

Demnächst gibt es ein Haikai mit Zenmeditation im Benediktushof: Haiku und Zen im Benediktushof

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