Ein Monatsbrief entsteht

In dieser Woche kommt ein Fernsehteam und die Kabarettistin Lissi Aumeier ins Myoshinan, um einen Fernsehfilm zu drehen.
Es gibt also viel Vorbereitungen.
Im Garten muss noch Unkraut gejätet werden, die Shoji müssen repariert werden und und …
Aber dennoch ist es wieder dringend Zeit für den Monatsbrief. Also schnell hinsetzen und schreiben.
Schnell? Da geht gar nichts. Das ist eine langwierige und geduldige Arbeit.
Wie entsteht denn so ein Monatsbrief? Da gibt es die verschiedensten Phasen.

Phase 1:
Worüber schreibe ich denn dieses mal?
Da war doch letzte Woche eine Diskussion mit einem Schüler über …!
Richtig, das wird das neue Thema: „Der Geist des Teeweges“.
Phase 2:
Wie fange ich denn da an? Ach richtig, da gibt es doch bei Zen-Meister Dōgen
eine Stelle über ..
Und die passt doch wunderbar zusammen mit einer Stelle aus dem Nambōroku.
Wie war doch da die Übersetzung?

Durch all dies formen wir uns selbst nach dem Bild Buddhas und der vergangenen Meister.

Wie geht das, sich nach dem Bild formen? Das würde ja wunderbar mit der modernen Hirnforschung zusammenstimmen, dass wir ein Bild von uns selbst im Kopf haben. Also formen wir uns nach dem Vorbild Buddhas?
Ah, im Text steht: lernen duch Nachahmen. Nicht von Bild oder Vorbild.
Und wer sind die „alten Meister? Da stehen Worte, die nicht in Kanji, sondern Kana geschrieben sind. Was bedeuten denn diese Worte?
Im Text steht „ato“, aha, das heißt Nachfolger. Halt, wenn man das mit einem anderen Kanji schreibt, sind das Fußspuren. Dann stimmt doch die übliche Übersetzung überhaupt nicht.
Wir folgen nicht den Nachfolgern Buddhas, indem wir sie nachahmen, sondern wir folgen Buddha selbst, indem wir in seine Fußspuren treten und den Buddhaweg gehen. Das macht Sinn!
Aber was bedeuted dann „hi no“? Purpurrot? Was sind purpurrote Fußspuren?
Halt, die übliche Übersetzung stimmt doch so nicht, also wie kann man denn den Text nun wirklich verstehen und übersetzen.

Phase 3:
Verwirrung! Wühlen in Grammatiken und Lexika, neue Übersetzungsmöglichkeit des Textes, – ja, kann man das wirklich so übersetzen? Das gibt ja ein ganz neues Verständnis!
Zusätzliche Literatur suchen, andere Belegstellen und ähnliche Stellen suchen.
Oh jeh, jetzt wird der geschriebene Text für den Leser völlig unverständlich und ausserdem viel zu lang.
Umschreiben, kürzen, neue Gedanken tauchen auf.

Phase 4:
So, endlich ist der Text fertig.
Aber beim Durchlesen müssen viele Korrekturen angebracht werden und schon wieder ist ein neuer Text entstanden. Vielleicht sollte mal jemand anders den Text lesen?
Aber jetzt ist er endlich fertig.
Phase 5:
Nun muss der Text nur noch für HTML bearbeitet werden, damit das auch am Computer gut lesbar wird. Ach gott, da stimmen doch wieder die Zeichenkodierungen nicht. Und hier müssen wegen der Lesbarkeit noch Überschriften rein!
So jetzt muss das nur noch in das mail – Programm geschrieben werden. Oh, schon wieder abgestürzt und der ganze Text ist weg. Warum pass ich denn da auch immer nicht auf! Also nochmal das Ganze. Aber den geschriebenen Text habe ich noch gespeichert.
Phase 6:
So geschafft, jetzt nur noch verschicken. Oh nein, die Zeichen werden in der mail falsch dargestellt, also nochmal die Programmierung prüfen. So nun stimmts.
Nur noch zurücklehnen und warten, bis alle mails verschickt sind. Uff, das wars mal wieder! Hoffentlich liest das überhaupt jemand! Wahrscheinlich ist das wieder einmal viel zu schwierig geworden.
Na, Hölderlin hat einmal auf einen ähnlichen Vorwurf geschrieben: „Ich gestehe, ich kann nicht anders!“

Was, das hat schon wieder drei Wochen gedauert? Naja, man hat ja sonst nichts zu tun!

PS.:
Inzwischen ist der Monatsbrief fertig. Wieder zu schwierig und zu lang!
Ausschnitte daraus im Newsletter
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