Eigene Weisheit?

Kürzlich bin ich gefragt worden, ob ich einen Beitrag leisten kann über meine eigene Weisheit.
Zitat:

Weisheit kann vor Irrtümern in der Lebensführung bewahren. Sie kann vielleicht sogar den „richtigen“ Weg ins Leben weisen und dadurch zu Zufriedenheit und Glück führen.

Aber anders als in früheren Kulturen, die eine Weisheitskultur hatten, ist Weisheit heute nicht mehr definiert und kein Teil mehr der politischen Kultur. Die Werte haben sich verändert. Im Grunde muss jeder Mensch, der Interesse an Erkenntnis hat, Weisheit für sich neu erfinden.

Meine Antwort dazu:

Lieber Johannes,

es ehrt mich, dass du vermutest, ich sei im Besitze einer persönlichen Weisheit.
Aber ist das so?
Im Museum in Ulm habe ich einmal einen Kachelofen aus dem Barock gesehen, auf dem die Lebensalter mit Kommentaren abgebildet waren. Da stand:
Mit fünfzig – würdiger Greis!
Ich werde jetzt 76, aber ich empfinde mich weder als würdig noch als Greis.
Was über die Siebzig- oder Achtzigjährigen stand, habe ich vergessen, aber immerhin ging aber die Skala bis hundert.
Die Fünfzig habe ich mir gemerkt, denn damals war ich ein unwürdiger Fünfziger, weit entfernt von würdig oder vom Greis.
So haben sich die Zeiten geändert.
Und genau das hast du ja auch geschrieben.
Es gibt heute keine allgemeinverbindlichen Weisheiten. Und vielleicht hat es sie nie gegeben. Aber es gab und gibt immer noch selbsternannte Weisheitslehrer oder solche, die es Kraft ihres Amtes sind oder meinen, es sein zu müssen.
Dazu gehöre ich nicht.
Weder bin ich ein Weisheitslehrer, noch bin ich dazu berufen oder beamtet.
Ich bin einfach nur ein alter Mann, der noch ein wenig Teezeremonie und Zen unterrichtet.
Das sind vielleicht alte Weisheiten, aber sind die heute noch allgemeingültig?
Und meine eigene Weisheit?
Es stimmt, ich habe weiße Haare, aber besitze ich eine eigene Weisheit?
Ich lebe halt und ich freue mich meines Lebens. Das ist alles.

Viele Grüße

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4 Kommentare zu Eigene Weisheit?

  1. Muone sagt:

    Naja, man muß das mit der Weisheit ja nicht ganz so hoch ansiedeln – als „allgemeinverbindliche“ „Erkenntnis“ eines „richtigen“ Weges, den man „lehren“ könnte…

    Läßt sich nicht einfach das, was jemand im Laufe eines Lebens für sich gelernt hat (oder vielleicht auch nur gelernt zu haben glaubt), als die „eigene“ Weisheit bezeichnen, nach der du gefragt wurdest? Sozusagen das, was einer nach einer langen Reihe von Versuch und Irrtum als Richtung zu erkennen meint?

    Wieviel Weisheit tatsächlich – in den Augen anderer – darin steckt ist, sei mal dahingestellt. Immerhin aber müßte irgendeine Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten stattgefunden haben, eine Verknüpfung von den eigenen Erfahrungen mit ihrer Einordnung in das eigene Wertesystem. Niemand kann das ja völlig vermeiden, selbst wenn es vielleicht einige geben sollte, die das gerne täten. So gesehen „weiß“ man doch mit 76 zumindest etwas mehr als mit 26. Möglicherweise nicht viel, aber doch mehr als 50 Jahre vorher – oder nicht?

    Andererseits kann man außer lernen natürlich auch ver-lernen, d. h. etwas vergessen oder aufgeben, was man mal gewußt hat. Das kann auch eine Form von Weisheit sein. Oder man sammelt zwar viel Material, lernt aber nicht sichtbar, nach Art eines Schwarzen Loches: Es gehen alle Eindrücke rein und Schluß. Wenn es sowas (außer bei schwarzen Panthern) wirklich gibt, muß es wohl auch als eine Variante von Weisheit gelten.

    Das bedeutet: Wie man es auch dreht und wendet, man kann gar nicht umhin, weise zu werden, wenn man älter wird – in der einen oder anderen Art. Auch du!

    Und ich behaupte sogar: Man kann gar nicht umhin, davon anderen Menschen etwas mitzuteilen.

    • Weiß man mit 76 mehr als mit 26?
      Vielleicht. Aber ist mehr wissen auch gleich Weisheit?
      Mit 26 ‚weiß‘ man anders als mit 76.
      Aber vielleicht ist das ‚Wissen‘ mit 26 genau dem Alter entsprechend.
      Was kann einer mit 76 einem mit 26 sagen?
      Nicht viel, oder vielleicht überhaupt nichts.
      Es ist eine andere Zeit und es sind andere Umstände.
      Wie könnte sich ein alter Mensch anmaßen, einem jungen Menschen einer völlig anderen Zeit Maßregeln und ‚Weisheiten‘ zu vermitteln?
      Oder: Vielleicht ist es weise, Anderen keinen Maßregeln mitgeben zu wollen?
      Wissen wir, ob unsere Erfahrungen in der heutigen Zeit überhaupt noch irgend eine Gültigkeit für diese Zeit haben?
      Und: Man kann niemandem sagen, dass er eine heiße Herdplatte nicht anfassen soll.
      Er wird es erst dann glauben, wenn er seine eigene Erfahrung gemacht hat.
      Aber sind Erfahrungen aus der Zeit von Kriegen und es Nachkrieges in unserer heutigen Zeit überhaupt von Wert?

      Ist es weise, Anderen etwas mitzuteilen?
      Zhuangzi hat in etwa geschrieben:
      ‚Wer weiß, redet nicht, wer redet, weiß nicht!‘
      Aber wir reden und reden!

      Was hat Heidegger einmal geschrieben?
      Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens!
      Vielleicht ist es Weisheit, auch mit 76 noch fragend zu bleiben?!

      • Muone sagt:

        „Wie könnte sich ein alter Mensch anmaßen, einem jungen Menschen einer völlig anderen Zeit Maßregeln und ‚Weisheiten‘ zu vermitteln?“ Eben drum: Weil er einen anderen Erfahrungshorizont hat, kann er dem jungen Menschen etwas erzählen. Und der wiederum ihm. Vielleicht bildet sich so sogar eine gemeinsame Weisheit heraus. Natürlich ist die temporär, aber aus je mehr Erfahrungen sie sich zusammensetzt bzw. mit je mehr anderen Blickwinkeln sie sich auseinandergesetzt hat, desto belastbarer wird sie sein.
        Um es noch mal zu wiederholen: Weisheit muß kein „Maßregeln“ zur Folge haben. Und „Wissen“ hat insofern schon was mit Weisheit zu tun, als es eine notwendige Voraussetzung dafür ist. Allerdings ist nicht jedes Wissen schon Weisheit, da stimme ich zu.
        „Fragen“ ist immer gut, natürlich, ob mit 26 oder mit 76. Aber keine Frage hängt beziehungslos in der Luft, nicht ganz umsonst heißt es: „Die Frage stellen, heißt, sie beantworten.“ Jede Frage ist mit einer Haltung verbunden, und diese Haltung ist ja schon selbst eine Aussage.
        „Wer weiß, redet nicht, wer redet, weiß nicht!“ Klingt gut, aber wer spricht denn von „reden“? Als ob man nur mit Worten etwas mitteilen könnte! Watzlawick drückt es so aus: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“
        Selbst wenn du die letzten 76 Jahre immer nur „halt gelebt und dich deines Lebens gefreut“ haben solltest, würden sich zwei oder drei Leute vermutlich dafür interessieren, wie das wohl so geht. Das gilt erst recht, wenn immerwährende Freude nicht deine einzige Lebens-Erfahrung gewesen sein sollte. Und noch viel mehr gilt es, wenn jemand einen so großen Teil seines 76jährigen Lebens damit zugebracht hat, andere Menschen ihre eigenen Lebenserfahrungen mit ein paar passenden Fragen verknüpfen zu lassen, wie du das getan hast.
        Ob du „eine eigene Weisheit besitzt“? Das sei jetzt aber dem Leser als Übungsaufgabe überlassen!

        • Vielleicht ist es ganz einfach weise, wenn man nicht mit erhobenen Fahnen herumläuft und kräht: Achtung, ich bin weise!?

          Fragen heißt nicht immer, auch antworten. Es ist die „Frömmigkeit des Denkens“, wenn man fragend bleibt.
          Und reden ist mehr als nur heiße Luft ausstoßen. Aber diese Art der Kommunikation ist eben nicht über das Internet möglich.
          Oder vielleicht doch, aber nicht in einem Forum Weisheit.
          Aber dennoch weigere ich mich, mit der Attitüde des Weisheitslehrer aufzutreten.

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