Der Ruf des Phönix im leeren Himmel – Hō kyō koku

Gerade sind wir aus Japan zurückgekehrt. Jeder, der einmal in Kyoto war ‚muss‘ den goldenen Pavillon gesehen haben. Aber wir waren dieses mal ganz bewusst nicht dort. Wir haben die Menschenmassen gemieden und haben lieber in dem stillen Garten der Nene, der Witwe Hideyoshi gesessen, die Stille und den schönen Garten genossen und Tee getrunken. Obwohl das Teehaus ein Nationalschatz ist, durften wir ‚ganz heimlich‘ den Raum betreten und genau studieren. Aber nach fast einer halben Stunde wurden die Hüter des Raumes ein wenig nervös und wir mussten den Teeraum wieder verlassen. Es ist eben doch manchmal von Vorteil, wenn man Teelehrer ist.

Der Goldene Pavillon mit dem Hō

Auf dem Dach des goldenen Pavillons, setzt gerade der Phönix zum Landeanflug an. Nein, in Wirklichkeit ist das kein Phönix, sondern der rote Vogel Hō. Vor vielen Jahren kam mir einmal eine junge Schweizerin ganz aufgeregt entgegen:

„Ist es nicht wunderbar, wie die Motive der Märchen sich auf der ganzen Welt wiederfinden? Sogar die goldene Gans gibt es in Japan oben auf dem Dach“.

Die ‚goldene Gans‘ – oder das was die junge Dame dafür gehalten hatte – war eben der Vogel Hō, den wieder die meisten Menschen für einen Phönix halten. Kein Wunder, denn alle meinen, man müsse den Namen des Hō mit Phönix übersetzen. Aber der Phönix ist ein Vogel der westlichen Mythologie, der in Ostasien unbekannt ist.

Der Phönix in der westlichen Mythologie ist ein Symbol der Erneuerung, aber vor der Erneuerung steht zunächst die Zerstörung. In einem alten griechischen Text „Physiologus“ von 200 n.Chr. heißt es vom Phönix:

Es ist ein Vogel in Indien, Phönix genannt. Nach fünfhundert Jahren fliegt er in die Wälder des Libanon (also „Phöniziens“) und füllt seine Schwingen mit aromatischen Essenzen und zeigt sich dem Priester von Heliopolis
(„Sonnenstadt“) im neuen Monat. Der Priester, dem er sich gezeigt hat, kommt und füllt den Altar mit Holz von
Weinstöcken an. Der Vogel aber fliegt nach Heliopolis, beladen mit den aromatischen Essenzen, und steigt auf den Altar und entzündet für sich das Feuer und verbrennt sich selbst.

Aus der Asche des Vogels, der sich selbst verbrennt, entsteht schließlich ein neuer Phönix, der wiederum fünfhundert Jahre lebt, bis er sich ebenfalls wieder verbrennt. Im Frühchristentum wird der Phönix ein Symbol für den auferstandenen Christus, der in den Tod gegangen ist und glorreich und in einer höheren Form wiederkehrt. Diese Geschichte vom Phönix, der aus der Asche wieder neu entsteht, ist in China und Japan unbekannt. Eigentlich sollte man den Namen des Vogels Hō nicht mit Phönix übersetzen, weil sich dann ganz andere Vorstellungen einschleichen. Im Westen gibt es keine mythische Gestalt, die mit dem Vogel Hō verwandt wäre.

In der chinesischen Mythologie gibt es den Vogel Hō schon seit der neolithischen Zeit vor 8000 Jahren. Dort heißt der rote Vogel „roter Spatz“ Zhuo-Quiao. Er gehört zur Sonne und zum Süden.

Ein anderer Name für den „roten Spatz“ Zhuo-Quiao ist 鳳凰 Feng – Huang, wobei Feng der männliche und Huang der weibliche Vogel ist. In Japan heißt der männliche Vogel und der weibliche Ō. Der Feng ist mit Yang und der Sonne verbunden, die Huang mit Yin und dem Mond. Die Verbindung mit der Sonne und dem dem Neuanfang hat er mit dem westlichen Phönix gemeinsam. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten beendet.

Der Vogel Feng – Huang oder Hō – Ō erscheint nur in Zeiten des Friedens und des Neuanfangs. Der weibliche Huang erscheint sehr oft zusammen mit dem männlichen Drachen. Auch das chinesische Kaiserpaar wird als Drache und Phönix gesehen, wobei natürlich der Kaiser der Drache ist und die Kaiserin der – oder eigentlich die – Phönix. Die rote Farbe hat der Feng-Huang Phönix, weil er mit dem Süden, der Sonne und dem Feuer verbunden ist. Dieses Feuer ist einer der fünf Elemente oder Wandlungszustände.

feng shui

Die Tiere des Feng Shui

Der Ho ist nicht einfach nur rot. Sein Gefieder leuchtet in fünf bunten Farben. Diese fünf Farben des Hō zugleich die Farben der fünf Elemente, die den gesamten Kosmos bilden. Der Hō ist nichts anderes als eine Erscheinungsweise des gesamten Kosmos! Im Fengshui ist der Hō das Tier des Südens. Er leibt die Sonne, das Licht und die offene Weite. Im Westen hütet der azurblaue Drache die Richtung des Sonnenaufgangs, im Westen streift der Tiger durch das hohe Gras. Der Norden wird durch die schwarze Schildkröte geschützt, die in der Form eines niedrigen Berges erscheint.

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Die Körperteile des Hō – Ō wurden im chinesischen Konfuzianismus mit den fünf Tugenden verbunden: Der Kopf ist die ‚Tugend‘, das DE des Dao-De Jing. Die Flügel stehen für YI, die Menschlichkeit und rechtschaffene Praxis. LI – oft als Riten übersetzt – steht für die Gesamtheit guter Umgangsformen, die einen rechtschaffenen Menschen ausmachen. Der Leib vertritt die Glaubwürdigkeit und die Brust steht für REN, Mitgefühl und Menschlichkeit.

Wenn sich der Vogel Hō – Ō vom Himmel kommend auf die Erde niederlässt, dann verwandelt sich die Erde in ein Paradies und alles wird zu reinem Gold. Auf der Dachspitze des Goldenen Pavillons, des Kinkakuji aus dem 14. Jahrhundert, steht ein Ho, der gerade im Begriff ist, sich auf die Erde niederzulassen. Seine Flügel sind noch ausgebreitet, das heißt, er ist noch nicht ganz auf der Erde angekommen. Darum sind nur die beiden oberen Stockwerke schon ganz in Gold, das Erdgeschoss ist noch nicht verwandelt. Das oberste Stockwerk ist im „indischen“ Stil gebaut mit Fenstern, die wie die Blütenblätter des Lotus geformt sind, das zweite Stockwerk ist chinesisch, auch ganz in Gold und das Erdgeschoss ohne jedes Gold ist im japanischen Stil. Damit soll gezeigt werden, dass Buddha, der von Indien her über China nach Japan kam, die Erde in ein Paradies verwandeln wird. Noch ist diese Verwandlung nicht vollkommen in Japan angekommen.

Ein anderer Tempel in Japan, der wie der goldene Pavillon ein Nationalschatz ist, der Byodo-In in Uji aus dem 12. Jahrhundert, ist im Stil eines chinesischen Palastes gebaut. Das gesamte Gebäude sieht von oben gesehen aus wie ein Hō mit ausgebreiteten Flügeln, oben auf dem Dach sind zwei landende Hō dargestellt. Der Tempel steht auf einer kleinen Insel, die das westliche Paradies darstellt. Das Gebäude ist nach Westen ausgerichtet. Im Inneren sitz der große Buddha Amithaba umgben von himmlischen Wesen, die ein ganzes Hoforchester bilden. Die Wände waren mit zermahlenem Perlmutt bemalt. Wenn die Abendsonne durch ein kleines Fenster auf den Kopf des Buddha fiel, dann leuchtete der Bergkristall an seiner Stirn auf und die Strahlen erhellten im warmen abendlichen Licht den ganzen Tempel. So konnten die Betenden sich in das westliche Paradies versetzt fühlen.

In der Zen – Tradition unseres Shakuhachi Zentempels in Hakata gibt es einen ganzen Satz von Stücken, die heilige Tiere beschreiben. Es gibt den Ryugin no Koku, den Gesang der Drachen im leeren Himmel und es gibt den Ruf des Hō-Ō im leeren Himmel, den  
Hō-kyō no koku

Beide Stücke sind bei unserem Konzert zum Muttertag in neuen Interpretationen zu hören. Die Melodie spielt die traditionelle Shakuhachi, aber sie wird begleitet von Klangschalen, Gongs und anderen Instrumenten.

Konzert der Gruppe Drachengesang

Sonntag, 14. Mai 2017
Beginn: 17.00 Uhr. Ende gegen 20.30

Eintrittskarten online

TERMINE:

  • Zen – Klang und Stille
    Benediktushof
    Gerhardt Staufenbiel, Winfried Lernet
    Beginn: Freitag, 26.05.2017, um 18:00 Uhr
    Ende: Sonntag, 28.05.2017, um 13:00 Uhr
  • Philosophie und Teeweg am Feuerberg – Rainer Maria Rilke
    Hotel Feuerberg / Kärnten
    28.05. bis 04.06.2017
    mit Gerhardt Staufenbiel, Michael Mihaljevic und Carola Catoni
  • Haiku und Zen
    Gerhardt Staufenbiel, Michael Mihaljevic (Teezeremonie u. Shakuhachi)
    Benediktushof
    Beginn:    Freitag, 11.08.2017, um 18:00 Uhr
    Ende:       Sonntag, 13.08.2017, um 13:00 Uhr

Unterricht im Teeweg oder Shakuhachi auch online jederzeit nach Vereinbarung.


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Bildquellen

  • Kinkakuji: Gerhardt Staufenbiel
  • fengshui-tiere: Gerhardt Staufenbiel
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