Philosophie am Feuerberg 2016

Vom 12. bis zum 19 Juni werde ich am Feuerberg in Kärnten ein Seminar über „Hölderlin und Zenmeister Dogen“ halten. Das wird eine erholsame Woche mitten in der Bergwelt Kärntens bei bestem Essen in der gastlichen Atmosphäre des Hotels Feuerberg Mountain Resort. Herr Berger, der Leiter und Besitzer des Feuerbergs hat mich gebeten, einen kleinen Artikel über den „Wandel“ zu schreiben. Dem bin ich gern nachgekommen. Der Artikel ist schon eine kleine Vorschau über das Seminar.
Wer an diesem erholsamen Ferienseminar interessiert ist, kann sich gern schon an das Hotel Feuerberg wenden. Es gibt zum Seminar Sonderangebote.

Der Wandel

Leben ist Veränderung und Wandel. Wir werden geboren, reifen vom Kind zum Erwachsenen und werden alt und schwach. Leben ist ein stetes Abschiednehmen vom Gewohnten. In den Duineser Elegien schreibt Rilke:

Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.

Schopenhauer vergleicht die Welt mit einem tobenden Meer. Wir sitzen in einem winzigen und brüchigen Kahn, der nur scheinbar Sicherheit gewährt über ‚heulenden Wasserbergen‘. Wenn wir den tosenden Wechsel der Wogen über dem Abgrund erkennen, steigt ein ‚Grausen‘ auf.
Aber das ‚Wechseln und das Werden‘ im tosenden Meer des Lebens muss nicht nur Angst und Trauer hervorbringen. Es gibt auch das Glück des Schwimmers, der sich von den Wellen tragen lässt. Hölderlin ruft das Griechenmeer, den Archipelagos:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘.

Aber manchmal ergreift ‚die ‚reißende Zeit zu gewaltig das Haupt‘. Dann, so sagt Hölderlin, ‚lass der Stille mich in deiner Tiefe gedenken‘. Tief unten, weit unter der tosenden Oberfläche ist die Stille, die auch in uns wohnt. Sie ist der Ort, an dem wir den Frieden in allem Wechsel und Werden finden.

Im japanischen Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem Baum hängt. Verzweifelt klammert er sich mit den Zähnen an einen Ast, weil er keinen anderen Halt finden kann. Voller Angst klammert er, weil er nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er loslässt. In seiner Angst hält er an der altbekannten Situation fest, in der er aber weder leben noch sterben kann.

Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und und stellt ihm eine Frage. Nur wenn wir die Angst in unserem Herzen überwinden und los-lassen können, werden wir ‚das frische starke Glück‘ finden.
Antwortet der Mönch im Baum nicht, so weiß man nicht, was mit ihm geschehen wird. Aber auf Dauer kann er nicht in dieser unhaltbaren Situation verweilen. Vielleicht hängt er eines Tages dort wie eine vertrocknete Frucht, die ihre Zeit des Reifens verpasst hat. Dann ist er mitten im Leben vertrocknet und abgestorben.

Der Mönch, der unten am Baum vorbei kommt, meint es recht gut mit seiner Frage. Vermutlich hat er erkannt, dass die Angst den Mönch in seiner unhaltbaren Situation festhält. Durch seine Frage zwingt er ihn, zu antworten und loszulassen.
Vermutlich fällt er einfach nur auf den Boden, auf dem er leben kann und der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt. Den konnte er bisher nicht sehen, weil er vor lauter Angst nichts anderes als seinen Ast im Blick hatte.

Wie oft klammern wir uns an eine unhaltbare Situation aus lauter Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn wir die Veränderung nicht zulassen, müssen wir uns vielleicht am Ende fragen, ob wir denn überhaupt gelebt haben.
Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gesagt:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

PS.:
In Japan ist ‚Ukiyo‘ die fließende Welt der Veränderung.
Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Melone, die lustig auf den auf den Wellen tanzt. Dieser fließenden Welt wohnt eine eigene Schönheit inne. Der Dichter Basho gestaltet die Schönheit des Augenblickes, die zugleich lustig und traurig ist, in einem kleinen Haiku:

Da – die Hibiskusblüte!
Und schon hat sie mein Pferd gefressen.

Literatur zum Nachlesen:
Mein Buch „Im Garten der Stille – Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“ wird eine der Grundlagen für das Seminar sein.
Man kann das Buch direkt hier kaufen: Im Garten der Stille.
Auf Wunsch auch mit Kalligrafiestempel und handsigniert.

Japan zur Zeit der Kirschblüte – April 2016

Sakura – Kirschblüte

Im Frühjahr 2016 findet wieder eine Reise nach Japan mit einer kleinen Reisegruppe statt.

Maiko - Die Geisha in Kyoto

Maiko – Die Geisha in Kyoto


Wir werden unseren Hauptstandort wieder in der alten Kaiserstadt Kyoto haben, aber von dort aus immer wieder für mehrere Tage Ausflüge in das ganze Land unternehmen. Unterkünfte werden wieder wie auch bei den letzten Reisen in den traditionellen Ryokan sein.
Geplant sind die Besuche von Tempeln, Schreinen und Gärten in Kyoto, Ausflüge und kleine Wanderungen in die Umgebung und ein mehrtägiger Aufenthalt in Nara, der ersten Kaiserstadt Japans.
Hochzeit unter Kirschblüten

Hochzeit unter Kirschblüten

Bitt umgehen um Anmeldung!
In Kyoto müssen die Unterkünfte sehr erfahrungsgemäß sehr frühzeitig gebucht werden. Im Frühjahr und im Herbst sind die Unterkünfte in Kyoto meistens vollkommen ausgebucht. Wir haben noch ein paar Zimmer reserviert, die müssen aber spätestens Anfang Februar zurück gegeben werden.

Die Anmeldung verbindlich, weil wir Flüge mit Frühbucherrabatt buchen. Die Flüge werden später wesentlich teurer.

Es liegen schon viele Anmeldungen vor und es sind nur noch wenige Plätze frei!
Deshalb bitte baldigst anmelden! Die Gruppenstärke sollte 10 Teilnehmer nicht überschreiten!

Die Zimmer in Kyoto und in Nara sind reserviert.

Flugtermine:
Abflug 8. April 2016
Rückflug 22. April 2016

Auskunft und Anmeldung unter mail: staufenbiel@teeweg.de

Nachtrag:
Leider sind keine Anmeldungen mehr möglich. Die Reise ist ausgebucht.
Anfragen für Reisen im nächsten Jahr sind jedoch noch möglich.

Herbsttag: Drachengesang

Ryūgin – Gesang der Drachen
Draußen vor dem Fenster liegt dichter Nebel.
Das Dorf und die Kirche sind verschwunden, nur die Glocken klingen gedämpft und fern.
Direkt vor meinem Fenster der knorrige Stamm des toten Apfelbaumes, dahinter verhangen im Nebel die Felsenbirne mit ihrem feurig roten Herbstlaub.
Rundherum: reine Stille!
Es ist, als wäre die ganze Welt verschwunden. Ich werde still und staune!

Im Zen sagt man, dass nun die Zeit des Goldenen Windes kommt. Der Goldene Wind weht das farbige Herbstlaub zu Boden. Die reine Leere erscheint und bald stehen kahle Bäume in winterlichen Weiß. Sie gleichen toten Holzpfählen, die leblos im Nebel stehen. Hölderlin dichtet in einem kleinen Gedicht, das er als Letztes noch selbst veröffentlicht hat:

Der Winkel von Hahrdt
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.

Der Winkel von Hardt ist eine Felsformation im Wald beim Dorf Hardt, am Hang gegenüber von Hölderlins Heimatstadt Nürtingen. Wer einmal dort gewesen ist, spürt eine geradezu magische Anziehungskraft dieses versteckten, ‚gesparten‘ Ortes. Der Wald sinkt hinunter. Es ist genau die Zeit des Goldenen Windes. Langsam ziehen die Bäume ihren Lebenssaft zurück und sammeln ihre Kraft in den Wurzeln. Die Blätter werden welk und hängen ‚einwärts‘, ganz in sich zurückgezogen. Aber es ist nicht die Trauer des Abschieds oder des Todes. Sie blühen auf – ‚Blüten gleich‘ – in der vollen und atemberaubenden Schönheit des Herbstes. Bald lösen sie sich, und beim leisesten Windstoß fallen sie ganz von allein. Aber sie fallen nicht in einen bodenlosen Abgrund. Ihnen ‚blüht unten auf ein Grund‘ in prachtvollen Herbstfarben. Die blütengleichen Blätter und der aufblühende Grund neigen sich einander zu in tiefer Zu-Neigung und schenken sich gegenseitig die prachtvoll leuchtenden Farben des Herbstes. Aber es ist die Farbe des Weg-Ganges. Was bleibt, sind die kahlen Bäume des Winters und das farblose Weiß.

Einmal fragte ein Mönch seinen Zenmeister (Tōsu Daidō 819 – 914): »Gibt es den Gesang der Drachen in den kahlen Bäumen oder nicht?« Drachen singen in kahlen Bäumen? Der Meister antwortete: »Ich sage: Es ist das Brüllen des Löwen in Totenschädeln!« Die trockenen und kahlen Bäume sind wie die Totenschädel, der Gesang des Drachen ist wie das Gebrüll des Löwen? Das ist umso verwunderlicher, als die Wendung shishi-ku, Löwengebrüll für die Predigt des Buddha gebraucht wird, mit der er die Möglichkeit der Befreiung vom Leiden kündet. Der Gesang des Drachen im kahlen Holz ist nicht anderes als die frohe Botschaft, dass es die Befreiung vom Leiden gibt?!

Zenmeister Dōgen sagt (Dōgen: Shōbōgenzō, Kapitel 65, Ryūgin.):

»Es gibt Bäume in den Bergen und Tälern, auf den Reisfeldern und in den Dörfern!
Die Bäume in den Bergen und Tälern sind Kiefern und Eichen, die Bäume auf den Reisfeldern und den Dörfern sind himmlische Wesen und Menschen.«

Auch die Menschen sind Bäume. Sie wurzeln im Boden der Tradition und der Überlieferung. Sie tragen Früchte, und die Lebenskraft fließt von den Wurzeln bis in den Himmel und lässt Blüten und Früchte wachsen. Manchmal scheint die Lebenskraft zu schwinden und der Baum wird wie trockenes Holz. Alles Leben, alle Freude scheint gewichen zu sein.
Jemand, der bewegungslos in tiefer Meditation sitzt, sieht aus wie ein lebloser trockener und toter Baum oder ein Totenschädel, der sich nicht mehr bewegt. Er ist scheinbar abgestorben und wie totes Holz oder kalte Asche. Aber wer das so sieht, hat niemals die Stille und die Kraft in der Meditation erfahren. »Solche Menschen denken, kahle Bäume seien völlig ausgetrocknet und würden den Frühling niemals mehr erleben«, sagt Dōgen. Das bewegungslose Sitzen aber ist wie die Rückkehr in die Wurzeln, der Kontakt mit dem Ursprung des Lebens. Wer so austrocknet, dass er im Frühling keine Blüten mehr treibt, der hat niemals den Gesang der Drachen vernommen.

Einst versorgte eine alte Frau einen jungen Mönch, damit er in seinen Übungen Fortschritte machen könnte. Nach 20 Jahren Übung saß er wie totes Holz oder kalte Asche. Aber die alte Frau war misstrauisch und schickte ihm eine junge schöne Frau. Die schmiegte sich wie eine blühende Ranke an ihn, während er in Meditation saß. Aber er rührte sich nicht und sprach nur die Worte:

Ein alter Baum wächst auf einem Fels im Winter.
Nirgends eine Spur von Wärme!

Als die alte Frau das hörte, wurde sie sehr zornig, ging zur Hütte des Mönches und brannte sie nieder. Wenigstens auf diese Weise kam Wärme in seine Empfindungen!
Zenmeister Ikkyū (Ikkyū Sōjun 1394 – 1481) dichtete als Antwort auf diese alte chinesische Geschichte:

Wollte sich mir / heute Nacht / eine schöne Frau versprechen, / die verdorrte Weide / würde Knospen treiben / wie im Frühling.

Die Zenmeister des alten China haben offenbar sehr oft über den Gesang der Drachen in den dürren Bäumen gesprochen. Jedenfalls überliefert der japanische Zenmeister Dōgen viele ihrer Gespräche über den Drachengesang.

Ein Mönch fragte den Meister:
»Was ist der wahre WEG?«
»In einem kahlen Baum singt ein Drache!«

Aber der Gesang der Drachen ist nicht mit den Ohren zu hören. Dōgen sagt, der Gesang der Drachen stammt nicht aus der Welt der fünf Töne. Die Fünf Töne sind die Tonleiter der pentatonischen Tonleiter. Sie bilden den gesamten Kosmos ab. Es sind keine Stimmen oder Töne, die den Gesang bilden. Eigentlich ist die Wendung Gesang nicht ganz richtig. Das Wort Gin 吟 bezeichnet vielerlei Geräusche vom Singen, Rezitieren, Ächzen, Stöhnen bis hin zum Brüllen und Heulen. Der Gesang in Noh-Theater, der für unsere westlichen Ohren nicht gerade schön und melodisch klingt, wird damit bezeichnet.

Der Drachengesang ist nicht immer schön und lieblich. Gerade die kahlen Bäume des Winters sind der Gesang der Drachen. Die Kahlheit zeigt den Rückgang zu den Wurzeln. Von außen gesehen ist es die Kargheit oder gar der Tod. Aber wer Augen hat zu sehen, weiß, dass es die Rückkehr zum Ursprung ist. Nicht nur der Rückgang in den Ursprung ist der Drachengesang. Dōgen sagt: »Das Keimen des Samens ist auch der Gesang der Drachen!« Das gesamte Leben ist Drachengesang. Auch der kleine Hund zu meinen Füßen, der im Schlaf bellt, weil er im Traum mit anderen Hunden spielt, ist Drachengesang.

Der chinesische Meister Zhuangzi beschreibt, wie der Meister Nanguo Ziqi – Meister ‚Buntgescheckt vom Südweiler‘ – in Meditation auf seine Armlehne gestützt zum Himmel aufschaut, langsam ausatmet und sich leer macht. Plötzlich war er in tiefer Meditation versunken und hatte scheinbar jedes Bewusstsein seines Ich-Begleiters, seines Ego verloren.
Meister Yan Cheng Zi-You – nach einer Übersetzung heißt er ‚Herr Wanderer von völliger Gemütsruhe – der vor ihm stand und ihm aufwartete, war erstaunt, als er den Meister sah, wie dessen Herz oder Geist »wie tote Asche oder trockenes Holz« wurde. Alle Leidenschaften und persönlichen Gefühle, Ängste und Sorgen waren von ihm abgefallen und er sprach:

Gerade habe ich mich selbst verloren. Du magst die Flöten der Menschen gehört haben, aber nicht die Flöten der Erde. Du magst die Flöten der Erde gehört haben, aber nicht die Flöten des Himmels.

Herr Wanderer verstand nicht, was die Flöten des Himmels sein sollen. Er kannte nur die Flöten der Menschen, die wie »aufgereihte Bambusrohre« sind. Je lauter diese Flöten klingen und ihren Lärm verbreiten, desto weniger vermag man die Flöten des Himmels zu vernehmen. Bevor ihm Meister Nanguo die Flöten des Himmels erklärte, schilderte er ausführlich eine andere Art von Musik, die Flöten der Erde:

Der Große Klumpen – die Erde – stößt einen Lebensatem (Ki) aus, den man Wind nennt. Solange er nicht bläst, geschieht nichts. Hebt er jedoch zu blasen an, dann beginnen Myriaden Löcher zu heulen. Hast du nie sein Seufzen gehört?
Die Spalten und Klüfte der aufsteilenden Berge, die Löcher und Hohlräume der riesigen Bäume von hundert Spannen Umfang: Sie sind wie Nasenlöcher, wie Münder, wie Ohren, wie Sockel, wie Becher, wie Mörser, wie die Kuhlen, in denen sich Pfützen und Teiche bilden. Der Wind bläst über sie hinweg und macht das Geräusch von sprudelndem Wasser, von sirrenden Pfeilen, schreiend, keuchend, rufend, weinend, lachend, grollend. Die erste Böe singt Ayii, der folgende Windstoß singt Houuu. Eine leichte Brise ruft eine kleine Antwort hervor, ein heftiger Sturm lässt einen mächtigen Chor erschallen. Verebbt das Stürmen, so sind alle Höhlungen still. Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?

Meister Nanguo beschreibt ganz offenbar den Gesang der Drachen. Der ist nicht wie der Gesang der Menschen. Aber wer die Drachen gehört hat, singt fortan anders. Dōgen sagt: »Die Menschen, die das Singen der Drachen hören, und auch selbst singen können, unterscheiden sich sowohl von einem singenden Drachen als auch von einem singenden Menschen! Die Melodie ihres Gesanges ist der Drachengesang selbst. In einem kahlen Baum und in einem Totenschädel gibt es kein Innen und kein Außen – kein Selbst und keine Anderen! Hier ist das Jetzt der Ewigkeit!« Wer den Drachengesang gehört hat, wird Eins mit Allem! Er singt fortan aus dieser Einheit, in der es keine Angst vor dem Anders-Sein, kein Misstrauen und keine Missgunst mehr gibt.

So hatte auch Meister Nanguo seinen Ich-Begleiter, sein Selbst verloren. Er war Eins geworden mit dem Hören der Töne des Himmels. Aber die sind noch anders als das Tönen der Erde, die er vorher beschrieben hatte. Die Flöten des Himmels klingen unhörbar und tonlos! Der Herr Wanderer, der dem Meister Nanguo Ziqi aufwartete, fragte denn auch noch einmal nach:

Die Töne der Erde – di lai – sind keine anderen als all jene Höhlungen, die ihr beschrieben habt. Die Töne der Menschen – ren lai – sind die der aufgereihten Bambusröhren. Darf ich fragen, was die Töne des Himmels – tien lai – sind?

Das Leer-Werden ist die Voraussetzung dafür, dass die Töne in dieser Leere klingen können. Sind die Höhlungen und Öffnungen der Erde angefüllt, so klingen sie nicht. Die Töne der Erde sind die Geräusche, die der Lebensatem, der Wind erzeugt, wenn er über die Höhlungen fährt. Die Frage ist, welche Höhlungen tönen, wenn es um die Musik des Himmels geht. Die Wendung tien lai wird auch für wunderschöne Poesie verwendet. Die Poesie ist wie der Gesang des Lebensatems, des Windes am Himmel. Der Meister Nanguo Ziqi beantwortet die Frage nach dem Ursprung der Himmels-Töne mit einer entscheidenden Wendung:

Die Töne des Himmels – tien lai – blasen auf 10 000 verschiedene Weise und sie bewirken sich selbst – zi ji. All dies ergibt sich selbst – zi qu, wer sollte dies betreiben?

Die Töne des Himmels sind von selbst so! Da ist niemand und nichts, was sie erzeugen oder betreiben würde, sie sind einfach. Die Töne der Erde sind die Antwort auf den Lebensatem, die Töne des Himmels sind einfach da. Eigentlich sind die Töne des Himmels auch überhaupt nicht hörbar. Wir hören immer nur die Töne des Menschen, die oft so laut sind, dass sie alles andere übertönen. Verstummen die Töne des Menschen, so fliehen wir oft in das laute Getön des alltäglichen Getriebes, weil wir die Stille, die sich dann auftut, nicht mehr ertragen können. Die Stille spricht nicht mehr zu uns, weil wir durch das tägliche Getöse taub geworden sind.

Im Gesang »Der Archipelagos« schildert Hölderlin, wie die Menschen in rastlosem Treiben gefangen sind und sich selbst in gewaltigem Lärm des rastlosen Machen-Müssens betäuben:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Die Menschen sind ‚allein‘ also ausschließlich ans eigene Treiben geschmiedet und dadurch ‚allein‘ und einsam. Sie sind unfrei und ausschließlich an ihr rastloses Treiben gekettet. Dadurch sind sie allein, ohne echte Bindung an die Anderen oder das Göttliche. Der tosende Lärm der rastlos tobenden Werkstatt übertönt nicht nur die Töne der Erde, sondern auch die unhörbaren Töne des Himmels. Wie sollten die Menschen da in der Lage sein, das Singen des Drachen zu vernehmen?
So fragte auch einst ein Mönch ganz besorgt den Meister Sōzan:

»Ich frage mich, ob es einen Menschen gibt, der das Singen des Drachen hören kann!«
Sōzan antwortete:
»Auf der ganzen Erde gibt es niemanden, der es nicht hört!«

Erstaunlich! Wenn die Menschen mit ihrem eigenen Getöse die tonlosen Töne des Himmels und des Drachengesanges übertönen, gibt es dennoch nicht einen einzigen Menschen, der den Drachengesang nicht hört? So erstaunlich das klingen mag, aber der Gesang des Drachen ist das Strömen des Atems und das Fließen des Blutes. Bei einer Gelegenheit antwortete ein Meister auf die Frage:

»Was ist das Singen des Drachen in einem kahlen Baum?«
»Das Blut des Lebens versiegt niemals!«

Wieder ein anderer Mönch fragte:
»Was singt der Drache in einem kahlen Baum?«
»Immer mehr Freude!«

Das Singen der Drachen ist das natürliche Wirken von Wasser und Wolken, das Fließen des Lebens und die Luft, die durch die Nasenlöcher strömt. Die zehntausend Melodien, die der Drache singt, sind nicht ein Reden über Prinzipien und die Wahrheit, es ist »das Quaken der Frösche, dass Freude bleibt und das Singen der Würmer, dass es ein Wissen gibt. Das Singen der Drachen ist immer und überall, aber wir können es nur wirklich mit unserem ganzen Wesen hören, wenn wir zuvor den Schritt zurück aus dem rasenden Machen in die Stille wagen.

Am Sonntag den 25. Oktober spielt das Trio Drachengesang bei einer Sonntagsmatinee unter anderen das Stück „Ryugin Koku – Gesang der Drachen im leeren Himmel“. Eintrittskarten Myoshinan – Eintrittskarten

Der Gesang des Phönix – Programm

Programm für das Konzert im Kunstmuseum Bayreuth am Samstag, 28. Februar 2015

1. Intro: Improvisation mit Klangschalen; Winfried Lernet (wl)
2. Einzug: Hontechoshi; Shakuhachi: Gerhardt Staufenbiel (gs) und Michael Michaljewich
3. Teezeremonie gs
4. Hifumi: Eins – Zwei – drei und Hachigaeshi: Rückgabe des Dankes
Es gibt drei Tore zum Erwachen, die wir gemeinsam durchschreiten wollen.
Dreimal hören wir Hi-Fu-Mi, dann läuten die Glocken des Tempels.
Voller Dankbarkeit öffnen wir unsere Herzen und geben den Dank zurück an alle, die uns auf unseren Wegen begleiten.
Shakuhachi gs + mm
5. Hoo kyoo koku – Gesang des Phönix im leeren Himmel
Der Vogel Hoo singt sein Lied, bevor er sich auf die Erde niederlässt.
Dann verwandelt sich die ganze Welt in ein Paradies und alle Menschen sind erlöst vom Leid.
Shakuhachi (gs) und Klangschalen (wl)
6. Shinya – tiefe Nacht und Oborotsuki – der verschleierte Mond
Es ist tiefe Nacht, nur noch der Wind ist wach.
Dann steigt der Mond hinter den Wolken empor.
Sein Licht spiegelt sich glitzernd auf den Wellen des kleinen Sees.
Hakuin auf seinem Boot zeigt mit dem Finger zum Mond.
Dann wird er selbst ganz eins mit dem Mond.
Das Erwachen ist wie der Mond im Tautropfen:
Er ist voll und ganz im Tropfen, aber er wird nicht nass!

Langsam ziehen Wolken auf und der Mond verschwindet.

Stille!

Shinya: Klangschalen (wl) und Shakuhachi (gs)
Oborotsuki Shakuhachi (gs)

7. Chikusen sashi
Kanon – der Buddha des Mitleids erscheint.
In seiner Gegenwart verschwindet jedes Leid und alle Wesen sind erlöst
Shakuhachi (gs) Klangschalen (wl)
8. Tamuke – Hände erheben zum Gebet
Wir rufen die Toten und erheben die Hände zum Gebet.
Sie weinen und klagen, dass sie so früh gehen mussten.
Wir danken für ihre Werke die sie uns hinterlassen haben
und sprechen ihnenTrost zu.
Sie gehen zurück in ihr Reich,
von dort schicken sie ihren Segen
Shakuhachi (gs)

9.Hakuin Zazen Wasan

HAKUIN ZENJI ZAZEN WASAN
Zenmeister Hakuin: Lobpreisung der Meditation
(Übersetzung im Auszug)
Die Menschen sind in ihrem tiefsten Wesen Buddha;
es ist wie Wasser und Eis:
kein Eis ohne Wasser,
kein Mensch ohne Buddhanatur.

Wehe den Menschen, die in weiter Ferne suchen
und nicht wissen, wie nahe die Wahrheit ist.
Sie gleichen denen, die mitten im Wasser stehen
und doch nach Wasser schreien.
Sie sind Kinder aus reichem Haus,
die in Armut und Elend ihren Weg verloren haben.
Irrend durchwandern sie alle Welten,
verstrickt im Finstern ihrer Unwissenheit.
Wie könnten sie je frei werden von Geburt und Tod,
wenn sie endlos im Dunkel des Irrtums suchen?

Weit öffnet sich das Tor der Einheit von Ursache und Wirkung
und der einzige Weg tut sich auf:
Geradeaus hin, kein Zweiter und dritter.

Der Himmel des Erwachens ist grenzenlos und frei,
es leuchtet der volle Mond der vierfachen Weisheit.

In diesem Augenblick: Was fehlte da noch,
wo sich Erwachen verwirklicht?
Hier und jetzt das reine Lotusland,
und dieser Leib hier ist nichts anderes als Buddha.

Rezitation des japanischen Textes: Alle mit Publikum