Vor langer Zeit: Die Nonne Kenreimon’In

Ein neues Buch aus dem Teehaus Myoshinan


Derzeit arbeite ich an der Fertigstellung eines neuen Buches mit Geschichten und Legenden aus dem alten Japan. Ich hoffe, dass es Anfang Oktober gedruckt vorliegen wird. Das Buch kann jetzt schon bei mir vorbestellt werden. Es wird ca. 300 Seiten stark sein und ca. 20 € kosten. Vorbesteller bekommen einen guten Rabatt.
Hier ein kleiner Auszug. Es ist die Geschichte der Kenreimon-in, der Mutter des Kindkaisers Antoku. Im 12. Jahrhundert tobte ein heftiger Krieg zwischen dem Geschlecht der Minamoto / Genji und den Heike. Der Krieg endete mit eine gewaltigen Seeschlacht, bei der nahezu das gesamte Geschlecht der Heike vernichtet wurde. Nur Kenreimon-in blieb übrig.

Der Text orientiert sich nahe am Epos Heike-Monogatari und er ist erstmalig in deutscher Sprache im Buch zu finden.

Nachtrag:
Das Buch ist erschienen und kann bei mir direkt bestellt werden unter: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi

Die Nonne Kenreimon-In

Die Mutter des Kindkaisers Antoku war eine Tochter von Taira Kiyomori, dem ehrgeizigen Oberhaupt der Heike Familie. Im Alter von fünfzehn Jahren kam sie an den kaiserlichen Hof, mit sechzehn wurde sie die Gemahlin des Tennō. Im Alter von siebzehn Jahren adoptierte sie der Exkaiser Go-Shirakawa. Mit zweiundzwanzig gebar sie einen Sohn, der im Alter von zwei Jahren auf den Tennō-Thron gesetzt wurde.[Fußnote 1] Nun war sie auch die Mutter des Tennō. Das Glück schien ihr hold zu sein.

Als sie aber bei der Seeschlacht von Dan no ura miterleben musste, wie ein Schiff der Taira nach dem anderen sank, wollte sie sich zusammen mit ihrem kleinen Sohn, dem Kaiser Antoku ertränken. Aber sie wurde an ihren schönen langen Haaren wieder aus dem Meer gezogen und gerettet. Nur ihr Sohn, der Kindkaiser ertrank. Sie war eine der Wenigen aus dem Geschlecht der Taira, die den Krieg überlebt hatten.

Sie zog sich in die Einsamkeit zurück und legte die Gelübbde als Nonne ab. Sie lebte in einer Unterkunft, die einst einem Mönch gehört hatte. Das Gras wucherte im Garten und dichte Farne wuchsen am Dach. Die Schiebefenster hingen in Fetzen und gaben die Schlafkammer dem Wind und dem Regen preis. Obwohl Blumen in allen Farben wuchsen, gab es keinen Grund, sich an ihnen zu erfreuen. Obwohl das Mondlicht in die Kammer schien, gab es dort niemand, sein Schwinden in der Morgendämmerung zu bemerken. Wie traurig ist es, zu sehen, wie eine Hofdame, die Vorhänge aus Seidenbrokat in einem Jadepalast gewohnt war, in dieser ärmlichen Umgebung ihr Leben verbringt. Sie glich einem Fisch, den das Schicksal ans Land geworfen hat oder einem Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihre Gedanken weilten bei den fernen Wolken des westlichen Ozeans, weit hinter den grenzenlosen blauen Wellen. Ihre Tränen strömten, als sie im Mondlicht den moosbedeckten Garten der flüchtigen Hütte weit in den östlichen Bergen sah.

Am fünften Tag des fünften Monats schor sie sich die Haare und wurde Nonne. Aber ihr Kummer wollte nicht weichen, obwohl sie die fließende Welt verlassen und den ewigen Pfad betreten hatte. Niemals konnte sie das Antlitz ihres Sohnes, des Tennō vergessen. Niemals, wie einer ihrer Verwandten nach dem anderen in den Tiefen der wogenden See verschwand. Warum gebar ihre taugleiche Existenz solche schweren Sorgen? Sie brütete unentwegt über das grausame Schicksal und die Tränen hörten nicht auf zu fließen.

Die Nächte waren kurz, dennoch konnte sie kaum die Dämmerung erwarten. Nicht nur in ihren nächtlichen Träumen, auch in ihrem stetig schweifenden Gedanken wiederholte sie die Vergangenheit. Immer und immer wieder. Trübe schien das fade Licht der Lampe auf der Wand. Einsam klang der trostlose Regen am Fenster die ganze Nacht.

Draußen duftete die frische Blüte eines Orangenbaumes. Vielleicht hatte ein früherer Bewohner den Baum gepflanzt, weil der Duft ihn an einen geliebten Menschen aus längst vergangenen Zeiten erinnert hatte.[Fußnote 2]

»satsuki matsu/ hanatachibana no / Ka o kageba / mukashi no hito no / Sode no Ka zo suru.«
Beim Duft der Mandarinenblüte, / die auf den Wonnemonat wartet, /rieche ich den Duft des Ärmels / eines Menschen aus längst vergangenen Zeiten.

Zwei oder dreimal rief der Kuckuck seinen sehnsüchtigen Ruf und Kinreimon‘in nahm den Pinsel und schrieb in den Deckel ihres Tuschekastens:

hototogisu / hanatachibana no / Ka o tomete / naku wa mukashi no / hito ya koishiki
Kuckuck, erhebst du deine Stimme beim Duft der Tachibana,[Fußnote 3] weil du dich an einen Menschen aus
vergangen Zeiten erinnerst?

Im siebten Monat zerstörte ein Erdbeben die ziegelgedeckte Lehmmauer ihres Zufluchtsortes, und sie fühlte sich in ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit gestört. Schließlich hörte sie von dem halb verfallenen Tempel Jakkō-In weit draußen in den Bergen nahe dem Dorf Ohara.[Fußnote 4] Sie wanderte spät im neunten Monat in die Berge, um zum Tempel zu gelangen. Das Abendlicht warf dichte Schatten über die buntgefärbten Blätter der Bäume. Die Abendglocke eines entfernten Tempels in den Feldern tönte und dichter
Nebel verhüllte ihren Weg und nässte die tränengetränkten Ärmel ihres Gewandes. Ein starker Wind wirbelte die bunten Blätter herum und ein plötzlicher Regenschauer fiel aus den schwarzen Wolken des Himmels. In der Ferne schrie ein einsamer Hirsch, und die melancholische Stimmung des Ortes ergriff ihr Herz. Schließlich erreichte sie den Jakkō-In, der mit moosbedeckten Felsen die Atmosphäre einer uralten und ewigen Stille ausstrahlte. Sie betrat den Tempel und betete zu Buddha: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels[Fußnote 5] vollkommene Weisheit erlangen und möge die plötzliche Erleuchtung geschehen!«
Während sie betete, sah sie das Antlitz des Sohnes, des Kindkaisers unmittelbar vor sich. Würde sie jemals diesen Anblick vergessen können?[Fußnote 6]

Direkt unterhalb des Tempels errichtete sie eine Zehn-Fuß-im Quadrat Einsiedelei.[Fußnote 7] Dort verbrachte sie betend und meditierend ihre einsamen Tage. An einem Abend des zehnten Monats hörte sie Schritte draußen vor der Hütte. »Wer sollte sich in die Abgeschiedenheit dieser verborgenen Behausung verirren?« Aber es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog . Tränenüberströmt schrieb sie an die Schiebetür neben dem Fenster:

iwane fumi / tare wa towamu / nara no ha no / soyogu wa shika no /wataru nerikeri.
Wer sollte wohl kommen, schreitend auf Felsen nach mir rufend? Der Besucher, dessen Schritte im
Laub klangen – ach, es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog!

Allmählich erkannte sie an ihrem Ort viele Dinge, die Buddha gelehrt hatte. Die Bäume, die ihr Dach säumten, waren wie die sieben Baumkreise, die das reine Land Buddhas umsäumen, das Wasser, das sie zwischen den Felsen sammelte, erschien ihr wie das Wasser der acht Tugenden. Die Vergänglichkeit aller weltlichen Dinge glich den Blütenblättern, die der Frühlingswind zu Boden weht. Die Kürze des menschlichen Lebens schien wie der Herbstmond, der hinter dunklen Wolken verschwindet.

Nach einer Weile, im Frühjahr des zweiten Jahres hatte der Ex-Kaiser Go-Shirakawa, der Adoptivvater von Kenreimon’in, Sehnsucht nach seiner Tochter und er wünschte sie zu besuchen. Aber heftige Stürme wüteten und das kalte Wetter wollte nicht weichen. Der Schnee färbte die Berggipfel weiß und das Eis war noch nicht geschmolzen. So ging das Frühjahr vorüber und der Sommer begann. Eines Nachts, es war noch dunkel, brach der Exkaiser auf um den Jakkō-In und Kinreimon‘in zu besuchen. Obwohl er ohne Zeremonie reiste, begleiteten ihn in seinem Gefolge sechs Männer aus dem Hochadel, acht hochrangige Hofbeamte und etliche Wächter und Diener. Er besuchte zunächst mehrere prächtige Tempel, aber schließlich erwies sich eine einsame Hütte mit einem winzigen Tempel, vollkommen versteckt in den westlichen Bergen, als der gesuchte Jakkō-In.

Die weißen Wolken auf den fernen Hügeln waren nun die verstreuten Kirschbäume, die noch in den Bergen blühten. Das frische Grün der Blätter leuchtete als sicheres Zeichen, dass nun der Frühling vergangen war. Die Wipfel der Bäume waren scharf gezeichnet, wie mit einem Wimpernstift nachgezogen. Kein Maler hätte die ländliche Szene besser malen können. Es war ein erster milder Sommertag und der Ex-Kaiser, der noch niemals so weit außerhalb seines Palastes gewesen war, erkannte verwundert, dass er an einem Ort angekommen war, der nur selten von Menschen aufgesucht wurde.

Der einsame Ort mit einem buddhistischen Tempel weitab in den Bergen musste der Jakkō-In sein. Der geschmackvoll angelegte Garten mit dem kleinen Teich und dem alten Wäldchen zeugte von einer vornehmen Vergangenheit.

Die Dachziegeln sind zerbrochen, der Nebel bildet den ewigen Weihrauch. / Die Türen sind
gestürzt und Strahlen des Mondes leuchten als ewiges Licht.

Wucherndes Gras bedeckte den Garten, biegsame Weidenzweige wehten im Wind und die grünen Wasserlinsen auf dem Teich wirkten wie kostbarer Brokat, der gerade zum Waschen ausgelegt ist. Tiefe Stille herrschte im Tempel. Der Exkaiser rief mit lauter Stimme: »Ist niemand hier?«, aber es gab keine Antwort. Nach langer Zeit näherte sich langsam und gebeugt eine alte Nonne. »Wohin ist die kaiserliche Dame?«, fragte der Ex-Kaiser. »Sie ist in die Berge gewandert, um Blumen zu sammeln.« »Hätte das nicht jemand anders für sie besorgen können?« »Sie erträgt ihr jetziges hartes Leben, weil ihr gutes Karma zu Ende gekommen ist. Der Prinz Siddhartha verließ im Alter von neunzehn Jahren den Palast und bedeckte seine Nacktheit mit Gewändern aus Laub. Er sammelte Brennholz und er trug Wasser herbei und erlangte schließlich durch all seine Entbehrungen die vollkommene Befreiung.«

Der Ex-Kaiser betrachtete die alte Nonne genauer. Er konnte nicht erkennen, ob die Flicken auf ihrem Gewand aus abgeschabter Seide oder einem anderen billigen Material bestanden. »Es ist merkwürdig, dass eine so armselig gekleidete Person solch kluge und wohlgesetzte Worte spricht!«, dachte er und er fragte: »Wer seid ihr?«

Die alte Nonne brach in Tränen aus und konnte lange Zeit nicht sprechen. Dann begann sie: »Mein Vater war Priester am kaiserlichen Hof und meine Mutter eine Hofdame des zweiten Ranges. Mein Name ist Awa-no-naishi und Ihr seid früher, als ich noch im Palast lebte, immer sehr gütig zu mir gewesen!« Nicht nur der Kaiser, sondern auch die Begleiter des Hochadels waren erschüttert: »Niemals hätte eine einfache Nonne solch wohlgesetzten Worte sprechen können! Aber nun erweist sich, dass sie das Leben am kaiserlichen Hof gewohnt war! Sehr wohl erinnern wir uns an ihre liebe Gestalt. Aber in dieser ärmlichen Gewandung hätte sie wohl niemand mehr erkannt«.

Der Ex-Kaiser begann nun einen Rundgang durch den Tempel. Der erste Raum war gestaltet wie die winzige Zehn-Fuß-im Quadrat-Hütte Vimalakirtis, die aber trotz ihrer Beengtheit Platz für zweiunddreißigtausend Buddhas bot. In ihm war ein Bild des Fugen Bosatsu aufgehängt, der auf seinem Elefanten mit sechs Stoßzähnen ritt. Darunter lagen die acht Schriftrollen des Lotos-Sutra[Fußnote 8] und eine Sammlung von Lehrschriften berühmter Meister.

In der Schlafkammer sah er eine schlichte Robe aus Hanf. An Bambusstangen hing eine Zudecke aus Papier. Es schien wie ein Traum, dass die Bewohnerin einst in Seide und kostbarem Brokat gelebt hatte.

Oben auf dem steinigen Pfad, der vom Gipfel des Berges zum Tempel führte, erschienen zwei Nonnen in schichten schwarzen Roben. »Wer sind diese beiden Nonnen?«, fragte der Exkaiser. Die alte Nonne versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken: »Die eine, die in einem Korb Bergazaleen trägt, ist die kaiserliche Dame, diejenige, die das Feuerholz auf ihrem Rücken trägt, ist die ehemalige kaiserliche Amme.« Als die kaiserliche Nonne näher kam und ihren Adoptivvater erblickte, wäre sie vor Scham fast verschwunden. Nonne oder nicht, es war zu erbärmlich, dass der Ex-Kaiser sie in dieser ärmlichen Umgebung sah. Sie stand hilflos und schockiert und die Tränen flossen reichlich. Weder konnte sie die Einsiedelei betreten noch zurück in die Berge fliehen. Verzweifelt versuchte sie, ihre tränennassen Ärmel zu verbergen, die sie erst in der nächtlichen Zeremonie des Wasserschöpfens und dann im morgendlichen Tau auf den Bergpfaden durchnässt hatte.

Nach einem langen Gespräch über die Vergänglichkeit der Dinge und die mögliche Erlösung in Gebet und Übung verließ der Exkaiser Kinreimon’in und ihre hochadligen Mit-Nonnen.

Der dunkle und mächtige Klang der Glocke des Jakkō-In kündigte den Abend an. Unter Tränen nahmen der Ex-Kaiser und die Nonne Abschied voneinander: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels
und die Totengeister der gefallenen Heike-Krieger die vollkommene Weisheit und die plötzliche Befreiung erlangen. Dafür werde ich beten bis an mein Ende!« Damit verabschiedete sie sich vom
Exkaiser, der in seinen Palast zurückkehrte. Kinreimon’in aber blieb im Tempel bis ans Ende ihres Lebens.

Schließlich wurde sie krank und rezitierte den ganzen Tag und die ganze Nacht die Anrufungen Buddhas. Zu ihrer Rechten und zur Linken saßen die beiden kaiserlichen Mit-Nonnen und beteten: »Tathagata! Namu Amida Butsu[Fußnote 9] – Herr des westlichen Reinen Landes! Geleite mich hinüber in das westliche Paradies!«. Als ihre Stimmen von den Rezitationen müde und schwach geworden waren, erhob sich im Westen eine purpurfarbene Wolke. Köstlicher Duft durchströmte die Kammer und wunderbare Musik
ertönte vom Himmel her. Das menschliche Leben ist endlich wie ein Tautropfen am Gras bei den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Im zweiten Monat des zweiten Jahres Kenkyū[Fußnote 10] verließ Kenreimon’in diese Welt.

Die beiden Nonnen waren niemals in ihrem Leben von ihrer Seite gewichen. Sie wussten nun nicht, wohin sie sich wenden sollten. So blieben sie im Tempel und verrichteten die Gedenkfeiern bis zu ihrem Ende. Die Bewohner des Dorfes berichteten, dass sie Beiden schließlich friedlich in das reine Land hinübergegangen
waren.

Nachtrag:

Ich habe den kleinen Tempel Jakkō-In oft besucht. Früher lebte dort noch eine alte Nonne, die in direkter Linie von Kenreimon-In abstammte. Wenn Besucher in den Tempel kamen, sang sie mit ihren neunzig Jahren immer noch begeistert mit ihrer brüchigen Stimme die Geschichte der Kenreimon-In aus dem Heike monogatari. Eines Nachts im Mai zweitausend achtete sie wohl nicht auf das Feuer und der Tempel brannte völlig nieder. Vielleicht war es auch nicht ihre Unachtsamkeit, sondern eine Brandstiftung.

Auch die uralte Statue des Jizo – Buddha, die noch aus der Nara-Zeit stammen soll, verbrannte fast völlig. Dabei kamen Unmengen winziger Buddhastatuetten zum Vorschein, die im Inneren des großen Buddha verborgen lagen. Deshalb hieß die Statue die Rokumantai-Jizoson, die Sechzigtausend Jizo Statue. In einem Seitenschrein stand die Figur der Kenreimon’in, die des Antoku und die der Awa-no-naishi, deren Gewand noch von Kenreimon’in stammen sollte. Ihr Umschlagtuch soll das Tuch gewesen sein, in dem der Kindkaiser Antoku einst getragen wurde. Auch das ist im Feuer verbrannt.

Auch der uralte Gingkobaum auf der Vorderseite des Tempels, den Kenraimon-In noch gesehen hatte, verbrannte. Er schlug wunderbarerweise noch ein paarmal im Frühling aus, aber schließlich starb er endgültig. Sein toter Stamm steht noch heute vor dem Tempel und erinnert an die alten Zeiten.
Mujō -Nichts ist beständig!

Der Tempel ist wieder aufgebaut worden und der Jizo neu angefertigt. Er strahlt in farbigem Glanz, so wie er wohl schon zur Zeit der Kenreimon’in nicht mehr gestrahlt hat. Immer noch erzählt man im Tempel die Geschichte aus dem Heike Monogatari.

[Fußnote 1] Antoku, so der kaiserliche Name des Kindes, war der zweitjüngste Tennō Japans. Der Tennō sollte kultisch rein sein und
durfte deshalb keine politische Macht ausüben. Es war deshalb oft das Bestreben des amtierenden Tennō, sich so bald
als möglich aus dem Amt zurückzuziehen und ein Kind auf den Thron zu setzen. Als Ex-Kaiser konnte er dann im
Namen des amtierenden Kindkaisers Politik betreiben. So handelte auch Go-Shirakawa.

[Fußnote 2] Anspielung auf ein Gedicht aus dem Kokin wakashū Nr 139. Satsuki ist der fünfte Monat, der ‚Wonnemond‘. Er wurde
als zweiter Sommermonat gerechnet.

[Fußnote 3] Tachibana ist eine kleine Orange, ähnlich der Mandarine. Sie wurde wegen ihrer duftenden Blüten geschätzt.

[Fußnote 4] Die Abgeschiedenheit des Bergtales von Ohara hatte schon viele Adlige jener Zeit angezogen. Sie flohen dorthin aus
dem Getriebe der Kaiserstadt, vor den Intrigen und den Kriegswirren, um dort in einer Art mönchischem Leben ihre
Übungen in Meditation oder den Künsten zu pflegen.

[Fußnote 5] Sohn des Himmels: Tennō

[Fußnote 6] Noch heute stehen im Tempel die Figuren von Kinreimon’in und Antoku.

[Fußnote 7] Zehn Fuß im Quadrat: Hō-jō ist nach dem Vorbild der Hütte von Vimalakirti errichtet. Vimalakirte war ein Kaufmann zur
Zeit Shakyamuni Buddhas. Er zog sich in die Berge in eine winzige Hütte zurück. Nachdem er erwacht war, ging er
zurück in die Stadt und lebte sein Leben als Kaufmann. Er ist das Vorbild für den erwachten Buddhisten, der den Alltag
leben kann.Auch Kamo no Chōmei hatte sich eine solche Hütte errichtet. Dort schrieb er die Aufzeichnungen aus der
Hütte, die Hō Jō Ki. Diese Hütte wird später das Vorbild für das japanische Teehaus für die Teezeremonie.

[Fußnote 8] Fugen Bosatsu, der Boddhisattva der guten Praxis und des Mitleids. Er schützt besonders das Lotos-Sutra, das im
Tendai Buddhismus, zu dem der Jakkō-In gehört, studiert wird. Er erscheint den Menschen, die inbrünstig das
Lotossutra rezitieren. Dafür müssen sie in besonderer Weise die sechs Sinne (Augen, Ohren, Nase, Geschmack, Leib
und Gedanken) reinigen. Er erlöst auch Frauen – was im alten Buddhismus nicht selbstverständlich war. Er erscheint oft
auf einem weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen, die für die sechs Sinne stehen.

[Fußnote 9] Namu Amida Butsu – etwa: Vertrauen auf Amida Buddha. Amida herrscht im reinen Land. Ruft man ihn mit reinem
Herzen im Sterben an, so erscheint er und holt den Sterbenden ins Reine Land.

[Fußnote 10] Die japanische Zeitrechnung richtet sich nach Nengō, Devisen, die vom Kaiser ausgegeben werden. Das 2. Jahr Kenkyū
ist das Jahr 1191.

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Koch Ding und der Tee-Tanz

茶禅一味 Cha Chan yi wei

Tee und Zen – ein Geschmack

Hier ein Vortrag, den ich in China im Dezember 2015 bei einer Tagung in einem Zen – Tempel und in verschiedenen Universitäten gehalten habe, u.a. einer buddhistischen und einer öffentlichen Universität in Hangzhou, der alten Teestadt Chinas und im Jaoshan Tempel (Schneeflocken am Yoashan). Deshalb ist für die originalen Texte in der Regel die chinesische und nicht die Japanische Aussprache gewählt.

Ich komme aus Deutschland. Ich lebe in einem kleinen Dorf in den Bergen, abseits von jeder größeren Stadt. Dort unterrichte ich den japanischen Teeweg, Zenmeditation und japanische Shakuhachi. Dort diskutiere ich mit meinen Schülern über das Hekiganroku, Zhuangzi, Laotsi oder auch Heidegger oder Hölderlin.
In meinem Teeraum hängt eine Schriftrolle: 茶禅一味 Cha Zen ichi mi – Cha Chan yiwei. Sie wurde von einem koreanischen Meister geschrieben.
So begegnen sich in meinem Bergdorf in der kleinen Hütte rund um die Feuerstelle für den Tee die geistigen Welten Deutschlands, Chinas, Japans und Koreas: SEN RI DŌ FU – 千里 同風 – qian li tong feng – tausend Meilen überall derselbe Wind. Oder »Reiner Wind ums Erdenrund – wo fände er ein Ende?
(Biyänlu 1. Beispiel) (清風匝地有何極)(*FN* Biyänlu, jap. Hekiganroku, 1. Beispiel. Übersetzung: Gundert)

Sehr gerne übe ich auch die ganz alten komplexen Formen der Teebereitung, wie sie ähnlich um 1200 aus China nach Japan gekommen sind. Sie wurden von den japanischen Teemeistern nach strengen Regeln formalisiert. Aber für mich sind sie reine Zenmeditation und kein System von Regeln.

In Japan höre ich oft: Tee ist Tee und Zen ist Zen. Aber das ist nicht mein Verständnis. Es gibt unterschiedliche Wege Zen zu üben. Man kann still auf dem Kissen sitzen und einfach nur atmen, man kann die Zen-Shakuhachi spielen oder auch eine Schale Tee in strenger Form zubereiten. Alles ist Zen. Auch das Waschen von Reis oder das Putzen von Gemüse in der Küche kann – wenn es im rechten Geist getan wird – Zen sein. Für Zenmeister Dōgen ist das ganze Leben ‚Sitzen im Zen‘. Sogar wenn ich am Computer arbeite und diesen Aufsatz schreibe, kann das Zen sein.

Lange bevor ich anfing, mich mit dem japanischen Teeweg zu beschäftigen, war ich vom chinesischen Denken und vom Chan fasziniert. Noch während meines Physikstudiums sah ich eines Tages ein Buch mit dem Text 太一金華宗旨 ‚Taiyi jinhua zongzhi‘ aus der Drachentorschule. (Die Übersetzung von Richard Wilhelm ist unter den Titel »Geheimnis der goldenen Blüte« erschienen. In meinem Buch »Heilige Drachen« wird der Text ausführlich besprochen.) Damals konnte ich nur die Übersetzung von Richard Wilhelm lesen. Ich war sofort von diesem Buch gefangen, obwohl ich kaum etwas davon verstand. Weil ich in Deutschland nirgendwo einen Lehrer des Zen und der Meditation finden konnte, begann ich für mich allein zu üben.

Die Arbeit in der physikalischen Forschung genügte mir bald nicht mehr und ich studierte zusätzlich noch Philosophie. Mein Schwerpunkt des Studiums waren die abendländischen Philosophen, immer aber war ich vom chinesischen Denken fasziniert. Besonders hat mich das Bi yän lu berührt. Später arbeitete ich mit einem Inder zusammen und unterrichtete angehende Yogalehrer in Philosophie. In dieser Zeit lernte ich sehr viel über die Atmung im Yoga. Als ich später meinen Teelehrer nach der Atmung fragte, meinte er, dass sie sehr wichtig sei. Aber er konnte mir keine Hinweise auf die richtige Atmung geben. Er meinte, das ergibt sich mit den Jahren des Übens von allein. Heute weiß ich, dass es der Atem ist, der die Übungen des Teeweges zur Zenmeditation werden lässt. Das richtige Atmen ist heute das Erste, was ich meinen Schülern zeige. Dann werden die unterschiedlichen Formen der Teebereitung fast von allein gelernt.

1972 stiftete Hounsai, der Großmeister der Urasenke ein japanisches Teehaus im Englischen Garten in München. Bei einer Vorführung der Teezeremonie war ich sofort so gefesselt, dass ich noch am nächsten Tag mit dem Unterricht im Teeweg begann. Die Bewegungen des Teemeisters erinnerten mich an die Kunst von Koch Ding (Zhuangzi, Buch 3,3), der die Ochsen für den König Hui von Wen zerlegte:

Wo immer seine Hand hingriff, wo immer seine Schulter sich anlehnte, wo immer sein Fuß hintrat, gegen was auch immer er sein Knie stemmte, da fiel, ritschratsch, das Fleisch von den Knochen. All dies geschah so rhythmisch wie in einer Melodie, es wirkte wie der „Tanz des Maulbeerbaumhains“ oder wie der Takt der Melodie „Jingshou“. „Wunderbar“, sagte der König, „wie kommt es, dass deine Kunst des Zerlegens der Ochsen einen so hohen Grad erreicht hat?“

Anfangs machten mir die wunderschönen Bewegungen im Teeweg große Freude. Es war die Freude und das Glück des Anfängers, der Anfängergeist Shōshin oder shu xin 初心. Aber allmählich wurden die Formen immer schwieriger, und bald stand ich ratlos da wie der Koch Ding, als er das erste Mal vor einem Ochsen stand. Weit entfernt von der eleganten Schönheit, mit der er den Ochsen später zerlegte wie in einer Melodie oder in einem Tanz, sah ich nur noch ein gewaltiges System von Regeln und Vorschriften. Wie sollte das jemals bewältigt werden? Eines Tages saß ich vor der Tür des Teeraumes und gestand meinem Lehrer, dass ich keine Ahnung hatte, wie die ganze Zeremonie abläuft und womit ich beginnen sollte.

»Das ist gut so! Wenn du ganz leer bist, dann kannst du einfach anfangen und von Schritt zu Schritt, von Augenblick zu Augenblick zu gehen!«

Und so begann ich – wie der Koch Ding – nicht mehr den ganzen Ochsen zu sehen, sondern die Form Schritt für Schritt zu gehen:

Als ich mit dem Zerlegen begann, sah ich nichts als den Ochsen.
Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile.

Wie der Koch Ding bewege ich mich nun von einem Augenblick zum anderen, ohne die ganze Form im Blick zu haben. JETZT nehme ich den Teelöffel, JETZT die Teedose, JETZT fülle ich den Tee in die Schale, JETZT gebe ich heißes Wasser dazu. Die Form wird wie ein Fluss, der die Zeit vorgibt. Ich saß wie in einem Boot und ließ mich treiben. Nur von Zeit zu Zeit mussten das Steuer oder das Ruder bewegt werden. Zenmeister Dōgen vergleicht das Leben mit einer Bootsfahrt. Der Fluss trägt uns und er gibt vor, wohin wir treiben. Je mehr wir den Fluss vergessen, desto mehr sind wir bei uns selbst. Dann können wir ganz bei dem Boot sein. Aber wir können das Boot nur dann richtig steuern, wenn wir niemals den Fluss vergessen. So werden Fluss, Boot und wir selbst EINS.

Je mehr ich mich in die Form fallen lasse und je weniger ich tue, desto intensiver und wacher erlebe ich mich selbst. Ich erlebe mich, indem ich mich völlig selbst vergesse und in der Form verliere. Nehme ich den Teelöffel, so werde ich ganz zum Teelöffel. Alles Andere um mich herum wird unwichtig und verschwindet förmlich. Ich vergesse mich vollkommen, weil ich ganz beim Teelöffel bin. Dann nehme ich die Teedose und bin ganz und gar bei der Teedose. Schritt für Schritt lasse ich mich von der Form tragen, vergesse mich selbst und bin gerade dadurch ganz bei mir.

Zenmeister Dōgen sagt:

Den Buddha-Weg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen.
仏道をならふといわは、自己をならふ也。
自己を ならふといふは、自己をわするるなり。
(Dōgen, Shōbōgenzō, Genjokōan) (Shōbōgenzō, Genjokōan).

Aber ich vergesse mich nicht so, wie ich mich im Tiefschlaf vergesse. Im Tiefschlaf ist kein Bewusstsein mehr von mir selbst. In der Teemeditation gibt es in meinem Geist (Shen) ein Bewusstsein, das WEISS, dass ich mich vergesse. Dieses Bewusstsein ist fast wie ein Beobachter, der mich ständig im Blick hat. Je mehr ich mich selbst vergesse und bei den Dingen bin, desto intensiver erlebe ich mich und den Augenblick.
Zhuangzi schildert, wie Meister Nan-guo Zi-Qi 南郭子綦 ausatmet und sich selbst vergisst.(Zhuangzi, Buch 2.1) Aber er weiß, dass er sich vergisst.

Es gibt offenbar eine formlose Instanz im Geist (Shen), die mich wissen lässt, dass ich bin, obwohl ich mich verloren habe.

若有真宰,而特不得其眹。可行已信,而不見其形,有情而無形
Es scheint, als gäbe es einen wahren Herrscher, doch für ihn gibt es keinen Beweis. Wir dürfen vertrauen auf sein Wirken, aber können seine Form nicht erkennen. Zwar hat er Eigenschaften aber keine Form.

Wir vergessen uns selbst bei Tee, weil wir ganz bei den Dingen sind. In einem Lehrgedicht Rikyū’s (Rikyū Hyakushū, einhundert Lehrgedichte, die traditionell dem Teemesiter Sen no Rikyū *1522 +1591 zugeschrieben. Vermutlich sind die Gedichte weitaus älter und stellen eine Sammlung von Erfahrungen unterschiedlicher Teemeister dar.) über den Teeweg heißt es, dass man die Dinge so ablegen soll, als würde man eine geliebte Person verlassen.

何にても置き付けかへる手離れは 恋しき人にわかるゝと知れ
Nani nitemo oki tsuke kaeru tebanare wa koishiki hitoni wakaruru to shire.

Entsprechend gilt auch, dass man jedes Ding so nimmt, als würde man sich auf eine geliebte Person hinbewegen. Freudig nähert man sich dem Ding, wird allmählich immer langsamer und zärtlicher, bis endlich der Gegenstand achtsam berührt wird. Legt man ihn ab, so ist es ein langsamer Abschied. Nur allmählich entfernt man sich, bis sich die Bewegung auf den nächsten Gegenstand richtet. Dadurch wird der Geist vollkommen wachsam und konzentriert. Man verliert jeden störenden Gedanken und ist nur noch bei dem jeweiligen Gegenstand.

Das ist die Übung der Achtsamkeit, die Buddha im SATIPATTHᾹNA Sutra lehrt. Die erste und wichtigste Achtsamkeit im Sutra ist die Achtsamkeit auf den Atem: »Wenn der Mönch langsam ausatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam aus!‘ Wenn der Mönch langsam einatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam ein!‘ So atme ich auch beim Tee. Langsam und achtsam atme ich aus, beuge mich gleichzeitig vor, während die Hand zum Teelöffel geführt wird. Behutsam liegt der Löffel in der Hand. Nun atme ich langsam ein und richte den Körper wieder auf. Dadurch wird der Geist vollkommen auf den Ablauf gerichtet. Alles Störende verschwindet. Das ist 悟 – Satori im Tee.

Dōgen sprach davon, dass den Buddhaweg erlernen das Sich-Selbst-erlenen ist. Das Sich selbst erlernen ist sich selbst vergessen. Und er fährt fort: (Dōgen, Shōbōgenzō, Genjokōan)

Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma von selbst erwiesen werden. Durch die zehntausend Dharma von selbst erwiesen werden heißt, Leib und Geist (Shinjin – ) meiner selbst (jiko) sowie Leib und Geist der Anderen fallen zu lassen.
自己をわするるといふは、萬法に謹せらるるなり。満法に謹せらるるといふは、自己の身心および他己の身心をし とつら〈ごしぞ〈 て脱落せしむるなり。

Die zehntausend Dharma 萬法 sind hier einfach die zehnthausend Dinge, die ganze Wirklichkeit. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sagt, dass es zwei Weisen gibt, wie wir mit den Dingen umgehen oder wie die Dinge auf uns wirken. Einmal drängen die Dinge auf mich ein und wollen erledigt werden. Sie reißen mich aus meiner Mitte heraus, weil ich in der alltäglichen Hast eile und die Dinge ‚besorge‘. So werde ich von Ding zu Ding gerissen und gerate in den Strudel des Machen-müssens. Dieses Machen-müssen ist die Not unserer heutigen Zeit. Erst ein Schritt zurück in die Gelassenheit befreit von diesem rasenden Getriebe.
(Im Frühwerk Heideggers »Sein und Zeit« unterscheidet Heidegger die Eigentlichkeit und das man. In der Eigentlichkeit ist der Umgang mit den Dingen aus der Sorge um das Gelingen meines Selbst. In der Weise des ‚Man‘ wird dieser Umgang zum ‚Be-sorgen‘ In seinen späten Vorträgen »Bauen wohnen Denken« und vor allem im Aufsatz »Das Ding« versteht er das Ding als die Versammlung von Göttern, Mensch, Himmel und Erde. Das Ding ereignet das Spiegel Spiel, in dem sich die Vier jeweils ihr Wesen zuspiegeln. Dieser Denkansatz stammt aus der Auseinandersetzung mit Hölderlin und dem Daodejing. Später verwendet Heidegger für dieses Spiegelspiel das Wort Er-Eignis. Das Er-Eignis ist ein Geschehen, in dem ich im Umgang mit den digen mich selbst finde, mir zu eigen werde.)

In der anderen Art des Umganges mit den Dingen versammeln mich die Dinge in andächtigem Tun. Das Ding ereignet ein Spiegel-Spiel, in dem sich alles in allem spiegelt und jedes sein eigenes Wesen gewinnt. Das Ding ist das ‚Gering‘. Es ist wie ein Ring, der alles versammelt, und es ist unscheinbar, klein, alltäglich. Es ist einfach nur eine Schöpfkelle, mit der ich heißes Wasser für den Tee fasse.
Ich spüre den Unterschied, wenn ich mit der Schöpfkelle kaltes Wasser oder heißes Wasser schöpfe. Ich höre den Unterschied des Klanges, den kaltes oder heißes Wasser in der Teeschale macht. Das kalte Wasser klingt wie ein klarer frischer Wasserfall in den Bergen. Erfrischend und rein ist sein Ton, klar wie eine Glocke. Die Sinne überspringen ihre Grenzen: Ich höre die Temperatur des Wassers! Ich spüre die Weichheit des heißen Wassers beim Einschenken, und ich fühle die klare Frische des kalten Wassers, wenn ich seinen Klang höre. So wie Koch Ding nicht mehr seine Sinne benutzt, sondern den Geist (shen) wenn er den Ochsen zerlegt, so nehmen wir die Wirklichkeit im Teerau mit dem Geist wahr. Die Sinne werden so wach, dass sie ihre Beschränkungen verlieren. Der kleine Teeraum weitet sich und ich erlebe die gesamte Natur um mich herum und in mir.

Das heiße Wasser im Teekessel singt wie der Wind in den Kiefern. Vom Teemeister Murata Jukō (村田珠光, 1423–1502) wurde gesagt, dass ‚das Singen seines Teekessels den Wind in den Kiefern beneidete‘.(YAMANOUE NO SÔJI (1544 – 1590) schildert in seiner Schrift Yamanoue Sōji no ki: wie der Dôbusha NÔAMI, den Shōgun Yoshimasa auf Murata Jukō aufmerksam macht:

»Das Singen des siedenden Wasserkessels beneidet den Wind in den Kiefern, und (Tee) bietet zu allen Jahreszeiten abwechslungsreiches Vergnügen. Neuerdings hört man von einem gewissen SHUKÔ vom Shômyô-ji in Nara, der sich mit dreißig Jahren ganz dem Tee gewidmet hat, in dieser Kunst (道 – michi) äußerst bewandert ist und ebenso die Lehre des Konfuzius studiert hat.»
Übersetzung: Siegfried hennemann in: Chashō

)
Das Singen des Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern, weil der Wind von selbst so singt, wie er singt. Es ist von Natur aus so, niemand hat ihn gemacht. Dagegen ist es die Kunst der Menschen, das Wasser im Teekessel singen zu lassen.

Der Wind in den Kiefern ist der Gesang des Himmels, der von selbst so ist (ziran). Aber es ist die hohe Kunst der Menschen, diesen Gesang im Teekessel nachzuahmen. So weitet sich der kleine Teeraum und der Gesang des Himmels ist mitten unter den Menschen. Wir lauschen diesem Gesang und werden still.
(Zhuangzi berichtet, wie Meister Nan-guo Zi-Qi die Flöten des Himmel und die Flöten des Menschen unterscheidet. Die Flöten der Menschen ist der Lärm des Alltags, der alle Stille übertönt. Die Flöten der Erde ist das Singen und Heulen des Windes in den Höhlungen und Felsen. Es ist der Lebensatem des »großen Klumpens«, der Erde. Die Flöten des Himmels sind unhörbar und sie klingen von selbst so.)

Versucht man, das heiße Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Kessel zu schöpfen, so spürt man, wie die Hitze des Wassers sich gegen die Schöpfkelle stemmt. Habe ich eine Kelle voll mit heißem Wasser geschöpft, so spüre ich genau, dass es viel leichter ist als das kalte Wasser.
Der Wasserdampf steigt auf, und in den Wolken scheinen die Drachen zum Himmel emporzusteigen und von dort ihre Gabe nieder zu senden. Das Wasser klingt weich und samtig in der Teeschale wie die Gabe der Drachen. Plötzlich erfüllt der Teeduft den ganzen Raum – ja, er scheint das ganze Erdenrund zu füllen.
Allmählich spüre ich, wie die Schöpfkelle scheinbar völlig verschwindet. Sie passt sich vollkommen an die entspannte Hand an und man braucht überhaupt keine Kraft mehr, um das Wasser zu schöpfen. Alles geht ganz von allein, so als würde man das Wasser mit der hohlen Hand direkt aus der reinen Quelle schöpfen. Das Werkzeug ist verschwunden: Schöpfkelle und Hand werden EINS. Das ist der Ring des Dinges, den Heidegger meint.
Ich hatte eine Schülerin, die an einem Gehirntumor erkrankte. Kurz vor ihrem Tod lud sie mich zu einer Schale Tee ein. Sie hatte die Form völlig vergessen. Aber der Klang des Wassers, das sie in die Teeschale goss, verzauberte sie. Immer und immer wieder schöpfte sie Wasser und goss es in die Teeschale. Ganz verzückt und versunken sagte sie still vor sich hin: »Das ist so schön!« Sie erlebte eine Art Satori im Schöpfen von Wasser.

Auf meinem Weg der Teeübungen verschwanden die strengen Formen der Teebereitung und ich verstand allmählich, dass die scheinbaren Regeln überhaupt keine Regeln waren. Sie folgen der Natur der Teegeräte, der Natur des Wassers und der Natur des Tees. Die ‚Regeln‘ sind lediglich eine Hilfe für den Anfänger auf dem Weg. Hat man den Weg erfasst, verschwinden die Regeln von ganz allein. Sie werden zu einer himmlischen Ordnung (tianli 天理) , wie sie auch Koch Ding erfährt.

Der Koch Ding begann nach einiger Übung, den Ochsen nicht mehr mit den Augen zu sehen:

Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile. Heute sehe ich ihn nicht mehr mit den Augen, sondern nur noch mit dem Geist (sh 神). Ich arbeite nicht mehr mit den Sinnesorganen, sondern mit der Intuition (shen). Mein Messer verlässt sich auf die himmlische Ordnung (tianli), es schlüpft in die Spalten und lässt sich von den Öffnungen führen. Da ich mich also in das Gefüge des Ochsens einfüge, bin ich so weit gekommen, dass mein Messer niemals ein Band oder eine Sehne berührt, geschweige denn einen Knochen.
Dadurch, dass Koch Ding sein Messer behutsam den Linien des Ochsen folgen lässt, nutzt es sich nicht ab. Sogar nach 19 Jahren ist es scharf wie am ersten Tag. »Ich benutze dieses Messer seit 19 Jahren, und ich habe damit mehrere tausend Ochsen zerlegt. Die Klinge ist aber so scharf, als ob sie gerade vom Schleifstein käme …«

Bewegung und Atmung werden bei der Teezubereitung Eins. Die Atmung wird immer tiefer und wir atmen nur noch mit dem Becken. Vom Teemeister Rikyu sagte man, dass er mit den Fersen atmete. Auch Zhuangzi spricht davon, dass der ‚wahre Mensch des Altertums‘ »von den Fersen aufwärts atmete, der gewöhnliche Mensch dagegen atmet nur aus dem Brustkorb.« (Zhuangzi Buch 6,1) Diese tiefe Atmung, die scheinbar aus den Fersen kommt, lässt uns förmlich im Boden Wurzeln schlagen und der Sitz wird fest und ruhig wie ein Berg.

Wir hören auf, die Hände zu benutzen. Jede Bewegung kommt wie ein Tanz und völlig ohne jede Anstrengung oder Kraft ganz aus der Körpermitte. Sie werden wie der Tanz, den auch Koch Ding tanzt, wenn er den Ochsen zerlegt. Eines Tages hatte ich einen japanischen Musiker und Shamisen Spieler zu Gast beim Tee. Verlegen gestand er, dass er ‚die Regeln nicht kennt‘. Er beobachtete einfach nur, wie ich ihm eine Schale Tee bereitete. Plötzlich sagte er: »Jetzt verstehe ich den Tee! Es ist Musik!« Es ist die tonlose Musik des Tanzes, den auch Koch Ding tanzt. Tee ist wie Tai-Chi oder Qigong. Aber jede Musik folgt strengen Regeln! Die Ordnung der fünf Töne ist genau festgelegt. Aber sie folgt der Ordnung des Körpers mit seinen fünf Organen. So bringen die fünf Töne die fünf Organe des Körpers in Harmonie. Eine Melodie braucht Strukturen, damit sie schön ist. Die Spannung zwischen hohen und tiefen Tönen, zwischen laut und leise, zwischen langsam und schnell macht die Schönheit der Melodie. Auch der Tanz folgt festen Regeln. Aber solange ich angestrengt auf die Füße schaue, kann ich mich nicht in den Tanz einfügen. Erst wenn ich die Regeln vergesse und ganz in der Melodie und in Rhythmus aufgehe, werde ich zum Tanz. Ich tanze selbstvergessen, einfach nur so, ganz von selbst.

Auch die Zubereitung des Tees ist ein solcher Tanz. Geschmeidig und sanft gleiten die Bewegungen ohne jede Kraft. Aber plötzlich spürt man, wie die Lebenskraft Chi erwacht. Sie steigt vom hinteren Dantien im Becken und den Nieren empor wie ein Drache, füllt den ganzen Körper, strömt durch die Hände und erfüllt das Herz mit einer stillen Freude.
Die Teegeräte werden nicht mehr mit den Händen bewegt, sie folgen nur noch dem Chi oder japanisch KI 気, das durch die Hände strömt. Und plötzlich ergreift der Tanz der Bewegungen auch die Zuschauer und Gäste beim Tee. Sie spüren dieselbe Energie und denselben Rhythmus in sich. Gemeinsam tanzen Gast und Gastgeber den Tee und werden EINS.

Wie Yan Hui, der die Riten und die Musik vergessen hatte, sitzen und vergessen wir.

Zhuangzi 6.9
顏回曰:「回益矣。」仲尼曰:「何謂也?」曰:「回忘仁義矣。」曰:「可矣,猶未也。」他日復見,曰:「回益矣。」曰:「何謂也?」曰:「回忘禮樂矣。」曰:「可矣,猶未也。」他日復見,曰:「回益矣。」曰:「何謂也?」曰:「回坐忘矣。」仲尼蹴然曰:「何謂坐忘?」顏回曰:「墮肢體,黜聰明,離形去知,同於大通,此謂坐忘。」仲尼曰:「同則無好也,化則無常也。而果其賢乎!丘也請從而後也。」),

Wir vergessen die Regeln 坐忘 und wir vergessen uns selbst. Es ist nichts Besonderes, es ist einfach nur Tee.
Das ist offene Weite, Nichts Heiliges.
廓然無聖( Bi yän lu, Beispiel 1)Es ist nichts Heiliges, einfach nur Wasser erhitzen, Tee bereiten und trinken. Das ist alles!
(Rikyū hyakushū 茶の湯とは 只湯を沸し 茶を立て 呑むばかり成る 事と知るべし
Chanoyu to wa tada Yu o wakashii cha o tate nomu bagari naru koto o shiru beshi)

Lied unter dem Septembermond

Meigetsu No Uta – Lied unter dem Septembermond.

Der Septembermond heißt in Japan Mei-getsu, »Namen-Mond«. Er hat deshalb einen besonderen Namen, weil der Mond im September ein ganz besonderer Mond ist. Eigentlich ist er der Chūshū no meigetsu 中秋の名月, der Mond in der Mitte des Herbstes, in der Mitte der Erntezeit. Um den 15. Tag des Monats steht der volle Mond am Himmel. Es ist der Mond des Jūgoya 十五夜, der 15. Nacht. In Japan feiert man an diesem Tag das
Tsukimi, das Mondbetrachtungsfest. Die Tokonoma wird mit den blühenden Wedeln
vom Suzuki Gras geschmückt und man isst süße Reiskugeln, die an den Vollmond
erinnern sollen.

Aber nicht nur der Septembermond, sondern auch der Oktobermond ist sehr schön.
Man sagt in Japan, das es Unglück bringt, wenn man nur einen der beiden Monde
betrachtet. Darum schaut man nicht nur den September-, sondern auch den Oktobermond
in der 15. Nacht des jeweiligen
Monats. Im Oktober isst man zur Mondschau
keine Reiskugeln, sondern braune Kastanien. Damit wird sowohl die helle als auch die
dunkle Seite des Mondes gefeiert.

Wir werden hier im Myoshinan im September und auch im Oktober um die 15. Nacht herum jeweils ein Konzert spielen. Dabei werden zwei Stücke auf der Shakuhachi
erklingen, Oborotsuki und A-Ji-Kan, die ich hier näher erläutern möchte.

Oborotsuki

Das Stück ist ein charakteristisches Lied aus dem Ichōken Tempel in Hakata. Es beginnt mit dunklen und leisen Tönen, die ganz langsam ansteigen. Sie schildern den Mond, der hinter Wolken verborgen ist und hin und wieder etwas aufscheint, um dann wieder zu verschwinden. Allmählich werden die Töne heller und klarer: Der Mond kommt langsam hinter den Wolken hervor und sein Licht leuchtet klar und rein. Nun glitzert das Licht auf den Wellen eines kleinen Baches und die Blätter der Bäume funkeln. Allmählich werden die Töne wieder dunkel – der Mond verschwindet schließlich vollkommen hinter den Wolken.

Früher einmal habe ich das Stück in Griechenland in einem weinumrankten Innenhof in einer Vollmondnacht gespielt. Der Mond selbst war nicht zu sehen, aber sein silbernes Licht schimmerte sanft durch das wirr ins Dunkle gewundene Weinlaub. Die ganze Natur schien still und stiller zu werden, nur ein paar Vogelrufe waren zu hören.
Als das Stück verklungen war, lauschte ich noch lange dem Nachklang der Stille. Unwillkürlich fiel mir eine Zeile aus den Zhuangzi ein:

„ Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?“

Das Schriftzeichen `Oboro 朧` im Titel wird mit einem Schriftzeichen geschrieben, das vorne den Mond zeigt und im hinteren Teil einen Drachen. Die Drachen leben im Wasser. Wenn sie aufsteigen, nehmen sie Dunst und Wolken mit auf ihrem Weg und bringen Regen. Man sagt: „Wo Drachen sind, sind auch Wolken.“ Geheimnisvoll und mystisch verbirgt der Drache den Mond, der selbst wie ein Drache ist.

Als Teemensch empfinde ich den verschleierten Mond als sehr verwand. Der Teemeister Murata Jukō, der große Vorläufer Sen Rikyū’s hatte einmal geschrieben:

Tsuki mo kumoma no naki wa iya nite sōrō.
Den Mond ohne vorüberziehende Wolken mag ich nicht.

Damit beschrieb Murata Jukō (ca. 1423 – 1502) ein ästhetisches Ideal Japans. Nicht das Elegante, Glatte und Leuchtende, sondern das aus dem Verborgenen Aufscheinende ist die wahre Schönheit. So sind auch unsere Shakuhachi nicht glatt und elegant, sondern eher rau und ursprünglich. Ihre Schönheit bleibt denen, die nur das Elegante erwarten, verborgen. Sie zeigt sich erst dem geübten Blick, der sich auf das Ursprüngliche einstellt. Auch ihr Ton ist eher rau und geheimnisvoll dunkel als elegant und glatt. Aber seine raue Schönheit spricht unmittelbar das Herz an.

Vor einiger Zeit habe ich einen Text gefunden, den Myōe Shonin 明惠上人 (1173-1232) über den Mond hinter Wolken geschrieben hatte.

„Vogelnest – Myōe“ meditiert in einer Baumkrone
Hängerolle aus dem Kōsanji

Myōe war als Priester des esoterischen Shingon – Buddhismus nach Kyōto gekommen, wo er in den rauen und kalten nordwestlichen Bergen den verfallenden Tempel Kōzanji wieder restaurierte, der heute ein Weltkulturerbe ist. Mitten in Wäldern von riesigen alten Zedernbäumen liegt der Kōzanji im tiefen Schatten. Es ist kühl und feucht und man spürt heute noch die einsame Lage des Tempels weit ab von der Hauptstadt.
Myōe kam in Kontakt mit Eisai, der den Zen und den Tee aus China mitgebracht hatte, und er erlernte von Eisai die Zenmeditation. Myōe war in seiner Meditationsübung so streng, dass er gern in den Gipfeln von Bäumen saß, um zu meditieren. Dies brachte ihm den Beinamen Chōka Shōnin – Vogelnest Shōnin – ein.

Er verachtete seinen Zeitgenossen Hōnen, der meinte, ein einfaches Rezitieren des Namens Buddha’s würde zur Erleuchtung führen. Nur intensives und strenges Üben führt uns nach Myōe`s Meinung zum Licht.

Eisai schenkte seinem Freund Myōe einige Teepflanzen, die er in einem Teegarten neben dem Tempel anbaute. Später kaufte Myōe – so will es wenigstens die Legende – ein Grundstück in Uji, um dort im milderen Klima Tee für seinen Tempel anzubauen. Dies ist der Ursprung des berühmten Teeanbaus von Uji.

Myōe beschrieb die „zehn Tugenden des Tee“:

Tee hat den Segen aller Götter,
er fördert die kindliche Pietät,
verjagt die Teufel,
vertreibt die Schläfrigkeit,

hält die fünf Organe in Harmonie,
stärkt die Freundschaft,
schult Körper und Geist,
zerstört die Leidenschaften
und schenkt einen friedvollen Tod.

Besondere Beziehung hatte Myōe zum Mond. Schon sein Name 明惠 enthält vielleicht eine solche Beziehung. 明 Myō – das Leuchten, das klare Licht und 惠 e – Gnade, Gunst, Segnung. Die Wolken, die den Mond verschleiern, waren für Myōe die Illusionen und Träume, die unser ganzes Leben prägen. Der klare Mond ohne Wolken steht für den Zustand des Erwachens aus den Träumen und Illusionen.

Das alltägliche Leben vor dem Erwachen als Traum und Rausch ist ein altes buddhistisches Thema, das schon im Iroha, dem japanischen Silbenalphabet gestaltet ist, das in Gedichtform aufgeschrieben wurde:

iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui.no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu

Die Farben sind noch frisch,
doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen,

bin auch nicht berauscht.

Myōe schrieb über fast vierzig Jahre seine Träume und Visionen auf, vielleicht weil er in der Rückschau auf seine Visionen seinen persönlichen Weg ins Licht und die Klarheit zurückverfolgen wollte. Dieses Werk – Kōben Yume-no-Ki – findet heute wieder große Beachtung. Auch Psychologen interessieren sich für die Träume eines buddhistischen Mönches aus der frühen Kamakura Zeit, um Rückschlüsse auf die menschliche Natur zu ziehen.
Über den Mond und die vorüberziehenden Wolken schrieb Myōe einen Text, der mir immer wieder zu Herzen geht. Manchmal erscheint mir dieser Text fast wie die Vorlage für unser Stück Oborotsuki.

Myōe schildert, wie er in der einsamen Bergwelt seines Tempels in der Winternacht meditierte. Das Datum, das er angibt, ist sicherlich ein symbolisches Datum. Die 12. Nacht des 12. Monats des Jahres 1224, wobei der zweite Teil der Jahreszahl wieder 2 x 12 ist.
Als er aus der Meditationshalle kam, erschien der Mond hinter den Wolken, die Illusionen waren verschwunden und er hatte zur Klarheit des Erwachens gefunden. Nicht einmal das Heulen der Wölfe bereitete ihm noch Furcht. Aber der Mond verschwand wieder hinter den Wolken, als er ins alltägliche Leben im „unteren Quartier“ zurückkehrte, so wie wir in den Wirren des Alltags wieder in die Wolkenwelt eintauchen. Erst, als Myōe erneut aus den unteren Räumen ‚überwärts’ nach oben in die Meditationshalle ging, kam der Mond wieder hinter den Wolken hervor. Es ist, als würde Myōe aus den Tiefen der Träume und Illusionen hinaufsteigen in die Klarheit des Erwachens. Als er dann oben angekommen war in der Meditationshalle, verschwand der Mond endgültig hinter den Bergen um einzugehen in die endgültige Klarheit des endlosen Dunkels, ins Nicht.

Ich habe versucht, Myōe’s Text ins Deutsche zu übertragen. Ich hoffe, dass die Übersetzung nicht allzu schlecht geraten ist.

Oborotsuki – der verschleierte Mond

In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224

War der Mond hinter Wolken verborgen.
Ich saß in Zen Meditation in der Kakyu Halle.

Als die Stunde der Nachtwache um Mitternacht kam
beendete ich die Meditation, verließ die obere Halle und ging in die unteren Quartiere.

Als ich so ging,
kam der Mond hinter den Wolken hervor.

Der Schnee leuchtete auf
und der Mond war mein Wegbegleiter
und nicht einmal das Heulen des Wolfes im Tal
ließ Furcht aufkommen.

Später, als ich noch einmal aus dem unteren Quartier kam,
war der Mond wieder hinter den Wolken verborgen.

Ich ging hinauf zum Hügel
und der Mond sah mich auf meinem Weg.

Ich trat ein in die Meditationshalle,
und der Mond, die Wolken vertreibend,
versank hinter den Gipfeln.

Und es schien mir, er bewahre das Geheimnis unserer Gemeinschaft.

Dies schrieb Myōe Shōnin, Abt des Kōzanji Tempels in Kyōto

A ji Kan – Meditation auf den Laut A

Auch dieses Stück ist charakteristisch für den Ichōken Tempel in Hakata. Es verlangt
allerhöchste Konzentration, denn es beginnt mit sehr schwierig zu spielenden hohen
und ganz langen Tönen. Ist man auch nur im geringsten abgelenkt oder nicht voll beim
Spiel, so klingen diese Töne unschön, hart und falsch. Deshalb gibt es den Spruch:
»Ichi On – Busshin« »Ein Ton – Buddhaherz!« Wir sind beim Spiel vollkommen im
Augenblick ohne jeden störenden anderen Gedanken und ohne jede Ablenkung. Das ist
die Verwirklichung des Buddhaherzens.

Man kann den Zusammenhang mit dem Mond bei diesem Stück nicht unmittelbar
erkennen, dazu ist weiteres Wissen nötig. A-Ji-kan ist eine alte Meditationsmethode aus dem Shingon Buddhismus.

`A` ist der erste Buchstabe `Ji` aus dem Sanskrit Alphabet. Er steht für die Schöpfung
und den gesamten Kosmos. Im Shingon meditiert man auf diesen Laut, indem man ein
Bild des Sanskritbuchstaben betrachtet, das über einem Lotos schwebt und dabei den
Laut rezitiert. Dieser Lotos wieder ist mitten in einem Kreis, der den vollen Mond darstellt.

Es gibt eine sehr alte Meditation auf den vollen Mond. Es wird empfohlen, sich in die
Einsamkeit der Berge zurückzuziehen. Wenn man ganz zur Ruhe gekommen ist,
betrachtet man den Vollmond und schließt dann langsam die Augen. Das helle, klare
und milde Licht des Mondes beginnt dann, mitten in unserem Herzen zu strahlen, und
wir werden so klar und rein, wie der Mond. Nicht nur verliebte Pärchen werden vom
milden Mondlicht verzaubert.

Bei der Meditation auf den Laut ‚A‘ sitzt man zunächst still, zum Beispiel in der Meditationshaltung des Zen. Im Shingon betrachtet man ein Bild des A auf dem Lotos
und schließt die Augen. Nun beginnt man, das ‚A‘ zu rezitieren. Laut oder leise, hoch
oder tief, ganz so wie es sich gut anfühlt. Wir versuchen, den Laut so lange wie möglich
zu rezitieren. Dadurch wird der Atem ganz tief und wir atmen bis tief in den Unterbauch.
Man spürt die Resonanz dieses Lautes im Brustkorb in der Höhe des Herzens. Durch
das Bild des Lotos im Mond, das wir in diese Meditation mit hineingenommen haben,
spüren wir, wie das helle und sanfte Mondlicht unser Herz erfrischt und klar werden
lässt. Alle Sorgen und alle Beschränkungen verschwinden. Nach einiger Zeit der
Rezitation hören wir nur noch die Stille in uns. Es wird eine wunderbare und tiefe
Meditation.

Im Shingon gibt es einen kleinen Text, mit dem man diese Meditation beschreibt:

A-ji no ko ga a-ji no furusato tachi ide,
Mata tachikaeru a-ji no furusato.
A-ji no ko ga hasu no utena ni nori no fune,
Tsuki no miyako ni ima kaeru nari.

Das Kind von Aji-kan: ursprüngliche Heimat der Sehnsucht
Und die Rückkehr in die verlorene Heimat.

Die Frucht von Aji-Kan:
Wie die Blüte des Lotus in einem Boot aus Seetang
Jetzt: Rückkehr in die klare Helle des Mondes.

Das »Kind« des A-Ji-Kan entsteht in unserem Herzen, in das wir den Samen der Sehnsucht gesät haben. Furosato ist die alte Heimat, die wir verlassen haben. Aber die
Sehnsucht nach dieser ursprünglichen Heimat bleibt immer im Herzen. Diese ursprüngliche
Heimat ist nicht nur ein realer Ort, es ist vielmehr unsere ursprüngliche Ganzheit,
die wir schon mit der Geburt verloren haben. Es ist die unstillbare Sehnsucht nach
Ganzheit und Heilung zu unserem ursprünglichen Wesen.

So wie sich der Lotos rein und unbefleckt aus dem Seetang oder aus dem Schlamm
erhebt, so kann plötzlich unser ursprüngliches Wesen aufscheinen.

Die Wendung Tsuki no miyako heißt wörtlich: `Hauptstadt des Mondes`. Wir kehren
zurück in die Hauptstadt des Mondes?

Diese Wendung bezieht sich auf eine der ältesten Legenden Japan, die von einem unbekannten
Autor in unbekannt früher Zeit aufgeschrieben wurde. Jedes Kind in Japan kennt die
Geschichte vom Taketori, vom Bambussammler, der in einem Bambus ein winziges,
wunderschönes und leuchtendes Mädchen findet. Er nimmt sie mit nach Hause, wo sie
zu einer wunderschönen Frau heranwächst. Alle Männer verlieben sich in sie, schließlich
hält sogar der Tenno um ihre Hand an. Aber da kommen auf den Strahlen des
Mondlichtes himmlische Wesen und holen das Mädchen aus dem Bambus zurück in
ihre Heimat in die Hauptstadt des Mondes. Sie war wegen einer schlechten Tat nur für eine kurze Zeit auf die Erde verbannt worden, nun wird sie von ihrem Volk wieder in die Heimat auf dem Mond zurückgeholt.

Termine

Konzert: Lied unter dem Septembermond
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Sonntag, 18. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf, Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5

Konzert: Blüten und Einsichten
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi und Teezeremonie
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Samstag, 24. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Bad Brückenau

Herbstkonzert des Ensembles Drachengesang
Gerhardt Staufenbiel, Rainer Rabus, Winfried Lernet
Samstag, 22. Oktober 2016
Beginn: 19:00 Uhr Ende gegen 21.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf / Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5
Eintrittskarten online

Seminar am Feuerberg, Kärnten
zusammen mit Carola Catoni und Sigrun Wunderlich:
Wege zum Glück
Einweihung des Teeraumes am Feuerberg
Mein Schüler Richard Bürger, der regelmäßig über Skype bei mir Unterricht erhält, führt dort regelmäßig Teezeremonie vor.


Geist und Buddhanatur

Der Geist und die Buddhanatur

Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dōgen

Gerade sind wir zurückgekehrt aus Kärnten.
Im Hotelresort Feuerberg haben wir zu dritt eine Woche lang Seminare gegeben. Wir haben meditiert, Teezeremonien vorgeführt und unterrichtet und über Hölderlin und Dogen philosophiert. Das Hotel liegt auf fast 1800 Metern Höhe auf dem Gerlitzen Berg.
Das altslawische Wort gorelice bedeutet ‚brennen‘. Man hat früher oben am Berg weithin sichtbare Feuer angezündet. Es gibt Funde aus keltischer Zeit, die darauf hindeuten, dass hier Opferzeremonien stattgefunden haben. Aber Herr Berger, der Besitzer des Hotels ‚brennt‘ noch immer voller Leidenschaft für sein Hotel und den geistigen Gehalt im Hause.
Wir haben dort oben einen originalen japanischen Teeraum mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht und auf den Namen Horai-An getauft. Der Horai-San ist der Berg, auf dem die Glücksgötter wohnen. ‚An‘ ist eine kleine Klause des Rückzuges, in der man zur Besinnung kommt und den inneren Frieden finden kann.
An den Vormittagen haben wir über Hölderlin gesprochen und am Nachmittag über Zenmeister Dogen. Vermutlich werden sich die Germanisten mit Grausen abwenden, wenn sie hören, dass da jemand Hölderlin mit einem Zenmeister in Verbindung bringt. Immerhin hat Dogen um das Jahr 1200 in Japan gelebt und Hölderlin im 18. Jhdt. in Deutschland. Wo sollten da Verbindungspunkte sein? Ja, ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, in dem ich mich mit dem Verständnis der Zeit bei Hölderlin und Dōgen befasse: Im Garten der Stille. Natürlich sind beide völlig unabhängig voneinander. Hölderlin hat niemals vom Zenmeister Dōgen gehört. Aber beide denken den Menschen aus seinem innersten Wesen heraus ganz und gar menschlich. Und die Menschen hatten um 1200 dieselben Sehnsüchte und Hoffnungen wie noch heute. Zu allen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Nähe und Geborgenheit nach Ganzheit und inneren Frieden.

In einer theoretischen Schrift, die Hölderlin nicht zur Veröffentlichung gedacht hatte, in der er aber versuchte, für sich selbst seine Gedanken zu ordnen, schreibt er über den Geist. Der Text, der sich als ein einziger Satz über fast 2 Seiten hinzieht, beginnt:

»Wenn einmal der Dichter des Geistes mächtig …«

Der Geist ist kein Gespenst, das körperlos und abgehoben über allem Materiellen schwebt. Er ist nicht das ‚Ganz-Andere‘, abgehoben und abgetrennt von der Wirklichkeit des Materiellen. Wir alle SIND Geist, und zwar ganz und gar. Auch dieser `rote Klumpen Fleisch hier` wie Dōgen sagt.

Für Hölderlins Studienfreund Hegel verwirklicht sich der Geist selbst im Gang der Geschichte. ALLES ist Geist. Am ‚Anfang‘, der aber nicht historisch war sondern immer ist, ruht der Geist in sich selbst. Theologisch gesprochen ist das der Zustand im Paradies. Gott, Mensch und Natur sind Eins. Aber in einem stetigen Prozess tritt die Entfremdung ein. Mann und Frau werden getrennt. Ihnen gegenüber steht Gott, fremd und furchtbar mit seinem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Aber Adam und Eva müssen notwendig vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie Menschen werden. Und sie sahen, dass sie nackt waren. So werden sie sich selbst entfremdet und schließlich aus dem Paradies vertrieben.
Am Anfang ist der Embryo geschützt und geborgen im Mutterleib. Aber er muss heraus in die kalte Welt des Getrennt-Seins. Der Säugling ist noch ganz eins mit der Mutter. Aber später erkennt er die anderen Menschen als fremd und erlebt sie als Bedrohung. Und spätestens in der Pubertät kämpfen wir mit den Eltern, um uns aus der ‚unerträglichen‘ Nähe zu befreien und wir selbst zu werden. Aber selbst in der Entfremdung zu den Eltern bleiben wir innig miteinander verbunden: Wir tragen dieselben Gene in uns.

Aber die Sehnsucht nach dem Eins-Sein und dem Paradies sitzt uns Menschen unauslöschlich im Herzen. Kleist hat in seiner Erzählung über das Marionettentheater geschrieben, dass wir trotz aller Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit und dem Paradies nicht wieder zurückkönnen in den Urzustand. Der Eingang zum Paradies ist von dem Engel mit dem Flammenschwert versperrt. Der Säugling kann, selbst wenn er es wollte, nicht wieder zurück in die dunkle Geborgenheit des Mutterleibes. Wir alle müssen – aus dem Paradies der Kindheit vertrieben – im Schweiße unseres Angesichtes unser Leben verdienen. Aber vielleicht ist ja die längst verlorene Geborgenheit der Kindheit auch nur ein Traum?
Kleist sagt, dass es vielleicht eine Hintertür zum Paradies gibt, die noch offen steht. Die können wir nur erreichen, wenn wir immer weiter vorwärtsgehen, und so irgendwann wieder die Einheit gewinnen.

In der Nachfolge Hegels hat der dänische Philosoph Kierkegaard gesagt: »Der Mensch ist Geist.« Und er fragt sofort:

»Was aber ist der Geist? Der Geist ist das Selbst! Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.«

Das Selbst ist keine feste Größe, ein für allemal unveränderlich. Wir verhalten uns zu uns selbst und indem wir uns so zu uns verhalten, sind wir: Selbst. Meistens – so Kierkegaard – versuchen wir verzweifelt, Selbst zu sein. Wir spüren, dass etwas fehlt, um wirklich ganz und eins mit uns zu sein. Wir sind ver-zwei-felt und mit uns selbst ent-zweit. Wir sind uns selbst fremd.
Die Verzweiflung sieht nicht so aus, dass wir uns die Haare raufen, das Gewand zerreißen und heulend am Boden wälzen. Es ist eine ‚stille Verzweiflung‘, die sich meistens hinter einer Munterkeit verbirgt. Kierkegaard erzählt von Jonathan Swift, der als alter Mann in demselben Irrenhaus lebte, das er einmal gestiftet hatte. Den ganzen Tag stand der vor dem Spiegel, betrachtete sein Bild und sagt vor sich hin:

„Armer alter Mann! Da gehst du in einer stillen Verzweiflung!“

Swift ist `irre` geworden. Er erkennt sich selbst in der Reflexion des Spiegelbildes nicht mehr. So wie wir alle uns nicht wirklich kennen. Wir betrachten uns wie einen Fremden ohne uns zu erkennen. Manchmal versuchen wir verzweifelt, uns selbst zu verwirklichen, indem wir uns ein Auto kaufen, ein Haus bauen, viel Geld verdienen oder ein ehrenvolles Amt anstreben. Immer aber bleibt ganz tief im Herzen das Wissen, dass dies alles nicht genügt. Vielleicht geht es uns allen so wie Swift, der in seinem eigenen Irrenhaus lebt?
Die Verzweiflung nennt Kierkegaard die ‚Krankheit zum Tode‘. Diese Krankheit ist nicht tödlich, aber sie begleitet uns bis zum Tod. Es gibt kein endgültiges Heilmittel, nur die stete Bemühung, uns selbst immer wieder neu zu verwirklichen.

Im alten China gibt es die Geschichte vom Hirten, der seinen Ochsen verloren hat. Sie wird in einer Folge von Bildern, den Ochsenbildern  erzählt und ist auch in Korea und in Japan sehr bekannt. Verzweifelt sucht der Hirt nach dem Ochsen, aber er kann ihn nirgendwo da draußen in der Welt finden. Der Ochse ist das verlorene Selbst. Erst nachdem der Hirte gelernt hat, den Ochsen nicht mehr draußen zu suchen, findet er ihn endlich und bringt ihn nach Hause. Aber dann merkt er, dass er überhaupt keinen Ochsen mehr braucht: Er ist zu Hause, bei sich. Was hat sich dann für uns verändert? Eine japanische Teemeisterin hat die Geschichte vom Hirten so interpretiert: »Am Ende meiner Bemühungen bin ich erwacht und ich merke, dass ich derselbe Idiot bin wie zuvor. Aber es macht mir nichts mehr aus!«

»Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat, …«

Der Geist ist die gemeinschaftliche Seele, die allen gemein ist. Mit Seele meint Hölderlin die Empfindung, das lebendige Gefühl. Sie ist allem gemein und jedem eigen. Die Seele muss offenbar erst angeeignet, gefühlt werden, um ihrer sicher zu sein. Man muss sie festhalten und sich ihrer versichern, man muss sie wissen, damit sie ganz zu eigen wird. Warum muss man sich ihrer versichern und sie sich aneignen, wenn sie ohnehin all-gemein ist?
Aber wie oft weichen wir den eigenen Empfindungen aus, die uns den Fehl anzeigen und betäuben uns mit dem Lärm der alltäglichen Besorgungen! Erst wenn wir die gemeinschaftliche Seele gefühlt und uns zugeeignet haben, sind wir ihrer sicher.

Zenmeister Dōgen sagt, indem er Buddha selbst zitiert:

»Alle Wesen haben voll und ganz die Buddhanatur.«

Im Chinesischen und Japanischen bedeutet das Wort ‚Haben‘ zugleich auch Sein. Wir können den Satz deshalb auch lesen als »Alle Wesen SIND Buddhanatur.« Das Schriftzeichen 有 zeigt eine Hand, die den Halbmond hält. Es ist eine Illusion, dass wir den Mond greifen und festhalten könnten. Selbst wenn wir die Hand so halten, dass sie scheinbar den vollen Mond greift, so ändert sich der Mond dennoch ständig, ja, manchmal scheint er völlig zu verschwinden. So ist es eine Illusion, dass wir immer die Selben sind und uns niemals verändern. Ebenso ist es eine Illusion, dass wir durch Besitz die Beständigkeit unseres Selbst sichern könnten. 

Wir SIND was wir HABEN? In einer Weise schon. Ein Reicher mit einem schönen Hause, einem großen Garten, einem schicken Auto und einer schönen Frau und Kindern ist anders als der Landstreicher auf der Straße. Jemand mit einem wichtigen öffentlichen Amt wird von seinem Amt geprägt, genauso wie der Landstreicher von seiner Situation geprägt wird. Aber unabhängig davon können beide entweder glücklich oder unglücklich sein. Und in beiden ist die Sehnsucht nach der Ganzheit.

Für Dōgen erhebt sich die Frage, wozu wir üben müssen, wenn doch ohnehin alles Buddhanatur ist. Genauso haben alle Menschen die Fähigkeit, zur Quelle zu gehen und Wasser zu schöpfen so wie sie die Buddhanatur `haben`. Aber wir müssen unsere Wesen verwirklichen und es TUN! Wenn wir nicht zur Quelle gehen, bleibt diese Fähigkeit ungenutzt und wir erfahren niemals das Glück, frisches Wasser aus der Quelle zu trinken. Alle Menschen SIND Buddhanatur, aber wir müssen sie leben!

Die Buddhanatur ist ebenso wie der Geist bei Hölderlin ‚allem gemein und jedem zu-eigen‘. Nicht nur ein kleiner Teil davon, sondern der volle Geist und die volle Buddhanatur. Dōgen erzählt die Geschichte eines chinesischen Beamten, der einen Zenmeister fragt:

»Ein Regenwurm wurde entzweigeschnitten. Beide Teile bewegen sich. Ich frage mich, in welchem Teil nun die Buddhanatur ist!«

Ist die Buddhanatur nur in einem der beiden Hälften oder ist in jedem nur die halbe Buddhanatur? Dōgen erklärt, dass der Regenwurm nicht ursprünglich aus einem Teil und nun aus zwei Teilen besteht. Er ist immer EINS und die Buddhanatur ist ungeteilt in Allem.

Im Kapitel Genjokōan hat Dōgen ein wunderbares Beispiel für das Erwachen:

Der Mensch erlangt Erwachen, so wie sich der Mond im Wasser aufhält. Der Mond wird nicht nass, das Wasser nicht gebrochen. … Der ganze Mond und auch der volle Himmel halten sich auf im Tau am Gras und auch in einem Tropfen Wasser.

Der Mond ist das Bild für die Buddhanatur. Es ist immer der ganze Mond im Tautropfen und nicht nur ein winziger Teil davon. Und selbst in einer schmutzigen Wasserpfütze ist der Mond, ohne dass er beschmutzt wird. So ist auch im Verbrecher die Buddhanatur, ohne dass sie davon beschmutzt würde. Sogar unser Nachbar oder Arbeitskollege, der den ganzen Tag nervt ist Buddhanatur! Wir können niemanden verachten, aber wir können ihm aber helfen, seine Buddhanatur zu leben. Aber zuvor müssen wir selbst die Buddhanatur verwirklichen, indem wir üben. Wir üben nicht, um Buddha zu werden, sondern um die Buddhanatur in ständigem Vollzug zu leben. 

Das meint auch Hölderlin in seinem Text ‚wenn einmal der Dichter ..‘:

» … wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat …

Es ist also offenbar nötig, sich des Geistes zu versichern nachdem man ihn ‚gefühlt und zugeeignet hat. Im weiteren Text spricht Hölderlin davon, dass es einen steten Prozess gibt, in dem der Geist sich verwirklicht und notwendig wieder in die Trennung geht. Dieser Wechsel ist ein stetiger Prozess, der sich immer wiederholt. Es ist nicht so, dass der Geist, einmal angeeignet ein für alle mal mein eigen ist. Er muss immer wieder angeeignet werden.

Dōgen beendet das Kapitel Genjokōan mit einer Geschichte: Ein Mönch fragte seinen Meister, warum der seinen Fächer benutzt wo es doch die Natur der Luft ist, dass sie ohnehin überall ist. Der Meister antwortet wortlos, indem er seinen Fächer benutzt!

Wird fortgesetzt.

Termine

Übersicht über die nächsten Termine und Veranstaltungen:

Tanabata
Nach alter Tradition feiern wir wie jedes Jahr das Tanabatafest mit vielen Vorführungen und Gästen. Eigene Beiträge sind willkommen.
Tanabata Sternenfest

Myoshinan Teehaus 09.07.2016

Taiko – Japanische Trommeln – Workshop
Taiko Workshop
Rainer Rabus, Gerhardt Staufenbiel
Myoshinan Teehaus 10.07.2016

Meditatives Konzert mit Shakuhachi und Rezitationen: Blüten und Einsichten
Blüten und Einsichten
Shakuhachi: Gerhardt Staufenbiel, Texte und Rezitationen: Carola Catoni
Myoshinan Teehaus 24.07.2016

Haiku und Zen – Wege zur Achtsamkeit
Seminar am Benediktushof
Benediktushof Holzkirchen
15.07. – 17. 07. 2016

Japanreise Frühjahr 2017
Auch im nächsten Frühjahr zur Kirschblüte wird es wieder eine Reise nach Japan geben. Schwerpunkte sind die alten Kaiserstädte Kyoto und Nara und deren Umgebung. Es liegen bereits jetzt Anmeldungen vor. Kyoto ist zu dieser Zeit völlig ausgebucht, deshalb habe ich schon jetzt Unterkünfte reserviert. Aber es gibt nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen. Bitte frühzeitig buchen!

Unterricht über Internet
Es besteht die Möglichkeit, Unterricht in Shakuhachi und / oder Teezeremonie über Internet zu bekommen. Einige Schüler, die weit vom Myoshinan entfernt wohnen, nutzen diese Möglichkeit bereits. Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.