Lied unter dem Septembermond

Meigetsu No Uta – Lied unter dem Septembermond.

Der Septembermond heißt in Japan Mei-getsu, »Namen-Mond«. Er hat deshalb einen besonderen Namen, weil der Mond im September ein ganz besonderer Mond ist. Eigentlich ist er der Chūshū no meigetsu 中秋の名月, der Mond in der Mitte des Herbstes, in der Mitte der Erntezeit. Um den 15. Tag des Monats steht der volle Mond am Himmel. Es ist der Mond des Jūgoya 十五夜, der 15. Nacht. In Japan feiert man an diesem Tag das
Tsukimi, das Mondbetrachtungsfest. Die Tokonoma wird mit den blühenden Wedeln
vom Suzuki Gras geschmückt und man isst süße Reiskugeln, die an den Vollmond
erinnern sollen.

Aber nicht nur der Septembermond, sondern auch der Oktobermond ist sehr schön.
Man sagt in Japan, das es Unglück bringt, wenn man nur einen der beiden Monde
betrachtet. Darum schaut man nicht nur den September-, sondern auch den Oktobermond
in der 15. Nacht des jeweiligen
Monats. Im Oktober isst man zur Mondschau
keine Reiskugeln, sondern braune Kastanien. Damit wird sowohl die helle als auch die
dunkle Seite des Mondes gefeiert.

Wir werden hier im Myoshinan im September und auch im Oktober um die 15. Nacht herum jeweils ein Konzert spielen. Dabei werden zwei Stücke auf der Shakuhachi
erklingen, Oborotsuki und A-Ji-Kan, die ich hier näher erläutern möchte.

Oborotsuki

Das Stück ist ein charakteristisches Lied aus dem Ichōken Tempel in Hakata. Es beginnt mit dunklen und leisen Tönen, die ganz langsam ansteigen. Sie schildern den Mond, der hinter Wolken verborgen ist und hin und wieder etwas aufscheint, um dann wieder zu verschwinden. Allmählich werden die Töne heller und klarer: Der Mond kommt langsam hinter den Wolken hervor und sein Licht leuchtet klar und rein. Nun glitzert das Licht auf den Wellen eines kleinen Baches und die Blätter der Bäume funkeln. Allmählich werden die Töne wieder dunkel – der Mond verschwindet schließlich vollkommen hinter den Wolken.

Früher einmal habe ich das Stück in Griechenland in einem weinumrankten Innenhof in einer Vollmondnacht gespielt. Der Mond selbst war nicht zu sehen, aber sein silbernes Licht schimmerte sanft durch das wirr ins Dunkle gewundene Weinlaub. Die ganze Natur schien still und stiller zu werden, nur ein paar Vogelrufe waren zu hören.
Als das Stück verklungen war, lauschte ich noch lange dem Nachklang der Stille. Unwillkürlich fiel mir eine Zeile aus den Zhuangzi ein:

„ Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?“

Das Schriftzeichen `Oboro 朧` im Titel wird mit einem Schriftzeichen geschrieben, das vorne den Mond zeigt und im hinteren Teil einen Drachen. Die Drachen leben im Wasser. Wenn sie aufsteigen, nehmen sie Dunst und Wolken mit auf ihrem Weg und bringen Regen. Man sagt: „Wo Drachen sind, sind auch Wolken.“ Geheimnisvoll und mystisch verbirgt der Drache den Mond, der selbst wie ein Drache ist.

Als Teemensch empfinde ich den verschleierten Mond als sehr verwand. Der Teemeister Murata Jukō, der große Vorläufer Sen Rikyū’s hatte einmal geschrieben:

Tsuki mo kumoma no naki wa iya nite sōrō.
Den Mond ohne vorüberziehende Wolken mag ich nicht.

Damit beschrieb Murata Jukō (ca. 1423 – 1502) ein ästhetisches Ideal Japans. Nicht das Elegante, Glatte und Leuchtende, sondern das aus dem Verborgenen Aufscheinende ist die wahre Schönheit. So sind auch unsere Shakuhachi nicht glatt und elegant, sondern eher rau und ursprünglich. Ihre Schönheit bleibt denen, die nur das Elegante erwarten, verborgen. Sie zeigt sich erst dem geübten Blick, der sich auf das Ursprüngliche einstellt. Auch ihr Ton ist eher rau und geheimnisvoll dunkel als elegant und glatt. Aber seine raue Schönheit spricht unmittelbar das Herz an.

Vor einiger Zeit habe ich einen Text gefunden, den Myōe Shonin 明惠上人 (1173-1232) über den Mond hinter Wolken geschrieben hatte.

„Vogelnest – Myōe“ meditiert in einer Baumkrone
Hängerolle aus dem Kōsanji

Myōe war als Priester des esoterischen Shingon – Buddhismus nach Kyōto gekommen, wo er in den rauen und kalten nordwestlichen Bergen den verfallenden Tempel Kōzanji wieder restaurierte, der heute ein Weltkulturerbe ist. Mitten in Wäldern von riesigen alten Zedernbäumen liegt der Kōzanji im tiefen Schatten. Es ist kühl und feucht und man spürt heute noch die einsame Lage des Tempels weit ab von der Hauptstadt.
Myōe kam in Kontakt mit Eisai, der den Zen und den Tee aus China mitgebracht hatte, und er erlernte von Eisai die Zenmeditation. Myōe war in seiner Meditationsübung so streng, dass er gern in den Gipfeln von Bäumen saß, um zu meditieren. Dies brachte ihm den Beinamen Chōka Shōnin – Vogelnest Shōnin – ein.

Er verachtete seinen Zeitgenossen Hōnen, der meinte, ein einfaches Rezitieren des Namens Buddha’s würde zur Erleuchtung führen. Nur intensives und strenges Üben führt uns nach Myōe`s Meinung zum Licht.

Eisai schenkte seinem Freund Myōe einige Teepflanzen, die er in einem Teegarten neben dem Tempel anbaute. Später kaufte Myōe – so will es wenigstens die Legende – ein Grundstück in Uji, um dort im milderen Klima Tee für seinen Tempel anzubauen. Dies ist der Ursprung des berühmten Teeanbaus von Uji.

Myōe beschrieb die „zehn Tugenden des Tee“:

Tee hat den Segen aller Götter,
er fördert die kindliche Pietät,
verjagt die Teufel,
vertreibt die Schläfrigkeit,

hält die fünf Organe in Harmonie,
stärkt die Freundschaft,
schult Körper und Geist,
zerstört die Leidenschaften
und schenkt einen friedvollen Tod.

Besondere Beziehung hatte Myōe zum Mond. Schon sein Name 明惠 enthält vielleicht eine solche Beziehung. 明 Myō – das Leuchten, das klare Licht und 惠 e – Gnade, Gunst, Segnung. Die Wolken, die den Mond verschleiern, waren für Myōe die Illusionen und Träume, die unser ganzes Leben prägen. Der klare Mond ohne Wolken steht für den Zustand des Erwachens aus den Träumen und Illusionen.

Das alltägliche Leben vor dem Erwachen als Traum und Rausch ist ein altes buddhistisches Thema, das schon im Iroha, dem japanischen Silbenalphabet gestaltet ist, das in Gedichtform aufgeschrieben wurde:

iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui.no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu

Die Farben sind noch frisch,
doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen,

bin auch nicht berauscht.

Myōe schrieb über fast vierzig Jahre seine Träume und Visionen auf, vielleicht weil er in der Rückschau auf seine Visionen seinen persönlichen Weg ins Licht und die Klarheit zurückverfolgen wollte. Dieses Werk – Kōben Yume-no-Ki – findet heute wieder große Beachtung. Auch Psychologen interessieren sich für die Träume eines buddhistischen Mönches aus der frühen Kamakura Zeit, um Rückschlüsse auf die menschliche Natur zu ziehen.
Über den Mond und die vorüberziehenden Wolken schrieb Myōe einen Text, der mir immer wieder zu Herzen geht. Manchmal erscheint mir dieser Text fast wie die Vorlage für unser Stück Oborotsuki.

Myōe schildert, wie er in der einsamen Bergwelt seines Tempels in der Winternacht meditierte. Das Datum, das er angibt, ist sicherlich ein symbolisches Datum. Die 12. Nacht des 12. Monats des Jahres 1224, wobei der zweite Teil der Jahreszahl wieder 2 x 12 ist.
Als er aus der Meditationshalle kam, erschien der Mond hinter den Wolken, die Illusionen waren verschwunden und er hatte zur Klarheit des Erwachens gefunden. Nicht einmal das Heulen der Wölfe bereitete ihm noch Furcht. Aber der Mond verschwand wieder hinter den Wolken, als er ins alltägliche Leben im „unteren Quartier“ zurückkehrte, so wie wir in den Wirren des Alltags wieder in die Wolkenwelt eintauchen. Erst, als Myōe erneut aus den unteren Räumen ‚überwärts’ nach oben in die Meditationshalle ging, kam der Mond wieder hinter den Wolken hervor. Es ist, als würde Myōe aus den Tiefen der Träume und Illusionen hinaufsteigen in die Klarheit des Erwachens. Als er dann oben angekommen war in der Meditationshalle, verschwand der Mond endgültig hinter den Bergen um einzugehen in die endgültige Klarheit des endlosen Dunkels, ins Nicht.

Ich habe versucht, Myōe’s Text ins Deutsche zu übertragen. Ich hoffe, dass die Übersetzung nicht allzu schlecht geraten ist.

Oborotsuki – der verschleierte Mond

In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224

War der Mond hinter Wolken verborgen.
Ich saß in Zen Meditation in der Kakyu Halle.

Als die Stunde der Nachtwache um Mitternacht kam
beendete ich die Meditation, verließ die obere Halle und ging in die unteren Quartiere.

Als ich so ging,
kam der Mond hinter den Wolken hervor.

Der Schnee leuchtete auf
und der Mond war mein Wegbegleiter
und nicht einmal das Heulen des Wolfes im Tal
ließ Furcht aufkommen.

Später, als ich noch einmal aus dem unteren Quartier kam,
war der Mond wieder hinter den Wolken verborgen.

Ich ging hinauf zum Hügel
und der Mond sah mich auf meinem Weg.

Ich trat ein in die Meditationshalle,
und der Mond, die Wolken vertreibend,
versank hinter den Gipfeln.

Und es schien mir, er bewahre das Geheimnis unserer Gemeinschaft.

Dies schrieb Myōe Shōnin, Abt des Kōzanji Tempels in Kyōto

A ji Kan – Meditation auf den Laut A

Auch dieses Stück ist charakteristisch für den Ichōken Tempel in Hakata. Es verlangt
allerhöchste Konzentration, denn es beginnt mit sehr schwierig zu spielenden hohen
und ganz langen Tönen. Ist man auch nur im geringsten abgelenkt oder nicht voll beim
Spiel, so klingen diese Töne unschön, hart und falsch. Deshalb gibt es den Spruch:
»Ichi On – Busshin« »Ein Ton – Buddhaherz!« Wir sind beim Spiel vollkommen im
Augenblick ohne jeden störenden anderen Gedanken und ohne jede Ablenkung. Das ist
die Verwirklichung des Buddhaherzens.

Man kann den Zusammenhang mit dem Mond bei diesem Stück nicht unmittelbar
erkennen, dazu ist weiteres Wissen nötig. A-Ji-kan ist eine alte Meditationsmethode aus dem Shingon Buddhismus.

`A` ist der erste Buchstabe `Ji` aus dem Sanskrit Alphabet. Er steht für die Schöpfung
und den gesamten Kosmos. Im Shingon meditiert man auf diesen Laut, indem man ein
Bild des Sanskritbuchstaben betrachtet, das über einem Lotos schwebt und dabei den
Laut rezitiert. Dieser Lotos wieder ist mitten in einem Kreis, der den vollen Mond darstellt.

Es gibt eine sehr alte Meditation auf den vollen Mond. Es wird empfohlen, sich in die
Einsamkeit der Berge zurückzuziehen. Wenn man ganz zur Ruhe gekommen ist,
betrachtet man den Vollmond und schließt dann langsam die Augen. Das helle, klare
und milde Licht des Mondes beginnt dann, mitten in unserem Herzen zu strahlen, und
wir werden so klar und rein, wie der Mond. Nicht nur verliebte Pärchen werden vom
milden Mondlicht verzaubert.

Bei der Meditation auf den Laut ‚A‘ sitzt man zunächst still, zum Beispiel in der Meditationshaltung des Zen. Im Shingon betrachtet man ein Bild des A auf dem Lotos
und schließt die Augen. Nun beginnt man, das ‚A‘ zu rezitieren. Laut oder leise, hoch
oder tief, ganz so wie es sich gut anfühlt. Wir versuchen, den Laut so lange wie möglich
zu rezitieren. Dadurch wird der Atem ganz tief und wir atmen bis tief in den Unterbauch.
Man spürt die Resonanz dieses Lautes im Brustkorb in der Höhe des Herzens. Durch
das Bild des Lotos im Mond, das wir in diese Meditation mit hineingenommen haben,
spüren wir, wie das helle und sanfte Mondlicht unser Herz erfrischt und klar werden
lässt. Alle Sorgen und alle Beschränkungen verschwinden. Nach einiger Zeit der
Rezitation hören wir nur noch die Stille in uns. Es wird eine wunderbare und tiefe
Meditation.

Im Shingon gibt es einen kleinen Text, mit dem man diese Meditation beschreibt:

A-ji no ko ga a-ji no furusato tachi ide,
Mata tachikaeru a-ji no furusato.
A-ji no ko ga hasu no utena ni nori no fune,
Tsuki no miyako ni ima kaeru nari.

Das Kind von Aji-kan: ursprüngliche Heimat der Sehnsucht
Und die Rückkehr in die verlorene Heimat.

Die Frucht von Aji-Kan:
Wie die Blüte des Lotus in einem Boot aus Seetang
Jetzt: Rückkehr in die klare Helle des Mondes.

Das »Kind« des A-Ji-Kan entsteht in unserem Herzen, in das wir den Samen der Sehnsucht gesät haben. Furosato ist die alte Heimat, die wir verlassen haben. Aber die
Sehnsucht nach dieser ursprünglichen Heimat bleibt immer im Herzen. Diese ursprüngliche
Heimat ist nicht nur ein realer Ort, es ist vielmehr unsere ursprüngliche Ganzheit,
die wir schon mit der Geburt verloren haben. Es ist die unstillbare Sehnsucht nach
Ganzheit und Heilung zu unserem ursprünglichen Wesen.

So wie sich der Lotos rein und unbefleckt aus dem Seetang oder aus dem Schlamm
erhebt, so kann plötzlich unser ursprüngliches Wesen aufscheinen.

Die Wendung Tsuki no miyako heißt wörtlich: `Hauptstadt des Mondes`. Wir kehren
zurück in die Hauptstadt des Mondes?

Diese Wendung bezieht sich auf eine der ältesten Legenden Japan, die von einem unbekannten
Autor in unbekannt früher Zeit aufgeschrieben wurde. Jedes Kind in Japan kennt die
Geschichte vom Taketori, vom Bambussammler, der in einem Bambus ein winziges,
wunderschönes und leuchtendes Mädchen findet. Er nimmt sie mit nach Hause, wo sie
zu einer wunderschönen Frau heranwächst. Alle Männer verlieben sich in sie, schließlich
hält sogar der Tenno um ihre Hand an. Aber da kommen auf den Strahlen des
Mondlichtes himmlische Wesen und holen das Mädchen aus dem Bambus zurück in
ihre Heimat in die Hauptstadt des Mondes. Sie war wegen einer schlechten Tat nur für eine kurze Zeit auf die Erde verbannt worden, nun wird sie von ihrem Volk wieder in die Heimat auf dem Mond zurückgeholt.

Termine

Konzert: Lied unter dem Septembermond
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Sonntag, 18. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf, Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5

Konzert: Blüten und Einsichten
Gerhardt Staufenbiel / Micheal Mihaljevic: Shakuhachi und Teezeremonie
Carola Catoni: Texte und Lyrik
Samstag, 24. September 2016
Beginn: 18.00 Uhr

Ort: Bad Brückenau

Herbstkonzert des Ensembles Drachengesang
Gerhardt Staufenbiel, Rainer Rabus, Winfried Lernet
Samstag, 22. Oktober 2016
Beginn: 19:00 Uhr Ende gegen 21.00 Uhr

Ort: Myōshinan Teehaus, Igensdorf / Oberrüsselbach
Am Rosenberg 5
Eintrittskarten online

Seminar am Feuerberg, Kärnten
zusammen mit Carola Catoni und Sigrun Wunderlich:
Wege zum Glück
Einweihung des Teeraumes am Feuerberg
Mein Schüler Richard Bürger, der regelmäßig über Skype bei mir Unterricht erhält, führt dort regelmäßig Teezeremonie vor.

Geist und Buddhanatur

Der Geist und die Buddhanatur

Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dōgen

Gerade sind wir zurückgekehrt aus Kärnten.
Im Hotelresort Feuerberg haben wir zu dritt eine Woche lang Seminare gegeben. Wir haben meditiert, Teezeremonien vorgeführt und unterrichtet und über Hölderlin und Dogen philosophiert. Das Hotel liegt auf fast 1800 Metern Höhe auf dem Gerlitzen Berg.
Das altslawische Wort gorelice bedeutet ‚brennen‘. Man hat früher oben am Berg weithin sichtbare Feuer angezündet. Es gibt Funde aus keltischer Zeit, die darauf hindeuten, dass hier Opferzeremonien stattgefunden haben. Aber Herr Berger, der Besitzer des Hotels ‚brennt‘ noch immer voller Leidenschaft für sein Hotel und den geistigen Gehalt im Hause.
Wir haben dort oben einen originalen japanischen Teeraum mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht und auf den Namen Horai-An getauft. Der Horai-San ist der Berg, auf dem die Glücksgötter wohnen. ‚An‘ ist eine kleine Klause des Rückzuges, in der man zur Besinnung kommt und den inneren Frieden finden kann.
An den Vormittagen haben wir über Hölderlin gesprochen und am Nachmittag über Zenmeister Dogen. Vermutlich werden sich die Germanisten mit Grausen abwenden, wenn sie hören, dass da jemand Hölderlin mit einem Zenmeister in Verbindung bringt. Immerhin hat Dogen um das Jahr 1200 in Japan gelebt und Hölderlin im 18. Jhdt. in Deutschland. Wo sollten da Verbindungspunkte sein? Ja, ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, in dem ich mich mit dem Verständnis der Zeit bei Hölderlin und Dōgen befasse: Im Garten der Stille. Natürlich sind beide völlig unabhängig voneinander. Hölderlin hat niemals vom Zenmeister Dōgen gehört. Aber beide denken den Menschen aus seinem innersten Wesen heraus ganz und gar menschlich. Und die Menschen hatten um 1200 dieselben Sehnsüchte und Hoffnungen wie noch heute. Zu allen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Nähe und Geborgenheit nach Ganzheit und inneren Frieden.

In einer theoretischen Schrift, die Hölderlin nicht zur Veröffentlichung gedacht hatte, in der er aber versuchte, für sich selbst seine Gedanken zu ordnen, schreibt er über den Geist. Der Text, der sich als ein einziger Satz über fast 2 Seiten hinzieht, beginnt:

»Wenn einmal der Dichter des Geistes mächtig …«

Der Geist ist kein Gespenst, das körperlos und abgehoben über allem Materiellen schwebt. Er ist nicht das ‚Ganz-Andere‘, abgehoben und abgetrennt von der Wirklichkeit des Materiellen. Wir alle SIND Geist, und zwar ganz und gar. Auch dieser `rote Klumpen Fleisch hier` wie Dōgen sagt.

Für Hölderlins Studienfreund Hegel verwirklicht sich der Geist selbst im Gang der Geschichte. ALLES ist Geist. Am ‚Anfang‘, der aber nicht historisch war sondern immer ist, ruht der Geist in sich selbst. Theologisch gesprochen ist das der Zustand im Paradies. Gott, Mensch und Natur sind Eins. Aber in einem stetigen Prozess tritt die Entfremdung ein. Mann und Frau werden getrennt. Ihnen gegenüber steht Gott, fremd und furchtbar mit seinem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Aber Adam und Eva müssen notwendig vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie Menschen werden. Und sie sahen, dass sie nackt waren. So werden sie sich selbst entfremdet und schließlich aus dem Paradies vertrieben.
Am Anfang ist der Embryo geschützt und geborgen im Mutterleib. Aber er muss heraus in die kalte Welt des Getrennt-Seins. Der Säugling ist noch ganz eins mit der Mutter. Aber später erkennt er die anderen Menschen als fremd und erlebt sie als Bedrohung. Und spätestens in der Pubertät kämpfen wir mit den Eltern, um uns aus der ‚unerträglichen‘ Nähe zu befreien und wir selbst zu werden. Aber selbst in der Entfremdung zu den Eltern bleiben wir innig miteinander verbunden: Wir tragen dieselben Gene in uns.

Aber die Sehnsucht nach dem Eins-Sein und dem Paradies sitzt uns Menschen unauslöschlich im Herzen. Kleist hat in seiner Erzählung über das Marionettentheater geschrieben, dass wir trotz aller Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit und dem Paradies nicht wieder zurückkönnen in den Urzustand. Der Eingang zum Paradies ist von dem Engel mit dem Flammenschwert versperrt. Der Säugling kann, selbst wenn er es wollte, nicht wieder zurück in die dunkle Geborgenheit des Mutterleibes. Wir alle müssen – aus dem Paradies der Kindheit vertrieben – im Schweiße unseres Angesichtes unser Leben verdienen. Aber vielleicht ist ja die längst verlorene Geborgenheit der Kindheit auch nur ein Traum?
Kleist sagt, dass es vielleicht eine Hintertür zum Paradies gibt, die noch offen steht. Die können wir nur erreichen, wenn wir immer weiter vorwärtsgehen, und so irgendwann wieder die Einheit gewinnen.

In der Nachfolge Hegels hat der dänische Philosoph Kierkegaard gesagt: »Der Mensch ist Geist.« Und er fragt sofort:

»Was aber ist der Geist? Der Geist ist das Selbst! Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.«

Das Selbst ist keine feste Größe, ein für allemal unveränderlich. Wir verhalten uns zu uns selbst und indem wir uns so zu uns verhalten, sind wir: Selbst. Meistens – so Kierkegaard – versuchen wir verzweifelt, Selbst zu sein. Wir spüren, dass etwas fehlt, um wirklich ganz und eins mit uns zu sein. Wir sind ver-zwei-felt und mit uns selbst ent-zweit. Wir sind uns selbst fremd.
Die Verzweiflung sieht nicht so aus, dass wir uns die Haare raufen, das Gewand zerreißen und heulend am Boden wälzen. Es ist eine ‚stille Verzweiflung‘, die sich meistens hinter einer Munterkeit verbirgt. Kierkegaard erzählt von Jonathan Swift, der als alter Mann in demselben Irrenhaus lebte, das er einmal gestiftet hatte. Den ganzen Tag stand der vor dem Spiegel, betrachtete sein Bild und sagt vor sich hin:

„Armer alter Mann! Da gehst du in einer stillen Verzweiflung!“

Swift ist `irre` geworden. Er erkennt sich selbst in der Reflexion des Spiegelbildes nicht mehr. So wie wir alle uns nicht wirklich kennen. Wir betrachten uns wie einen Fremden ohne uns zu erkennen. Manchmal versuchen wir verzweifelt, uns selbst zu verwirklichen, indem wir uns ein Auto kaufen, ein Haus bauen, viel Geld verdienen oder ein ehrenvolles Amt anstreben. Immer aber bleibt ganz tief im Herzen das Wissen, dass dies alles nicht genügt. Vielleicht geht es uns allen so wie Swift, der in seinem eigenen Irrenhaus lebt?
Die Verzweiflung nennt Kierkegaard die ‚Krankheit zum Tode‘. Diese Krankheit ist nicht tödlich, aber sie begleitet uns bis zum Tod. Es gibt kein endgültiges Heilmittel, nur die stete Bemühung, uns selbst immer wieder neu zu verwirklichen.

Im alten China gibt es die Geschichte vom Hirten, der seinen Ochsen verloren hat. Sie wird in einer Folge von Bildern, den Ochsenbildern  erzählt und ist auch in Korea und in Japan sehr bekannt. Verzweifelt sucht der Hirt nach dem Ochsen, aber er kann ihn nirgendwo da draußen in der Welt finden. Der Ochse ist das verlorene Selbst. Erst nachdem der Hirte gelernt hat, den Ochsen nicht mehr draußen zu suchen, findet er ihn endlich und bringt ihn nach Hause. Aber dann merkt er, dass er überhaupt keinen Ochsen mehr braucht: Er ist zu Hause, bei sich. Was hat sich dann für uns verändert? Eine japanische Teemeisterin hat die Geschichte vom Hirten so interpretiert: »Am Ende meiner Bemühungen bin ich erwacht und ich merke, dass ich derselbe Idiot bin wie zuvor. Aber es macht mir nichts mehr aus!«

»Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat, …«

Der Geist ist die gemeinschaftliche Seele, die allen gemein ist. Mit Seele meint Hölderlin die Empfindung, das lebendige Gefühl. Sie ist allem gemein und jedem eigen. Die Seele muss offenbar erst angeeignet, gefühlt werden, um ihrer sicher zu sein. Man muss sie festhalten und sich ihrer versichern, man muss sie wissen, damit sie ganz zu eigen wird. Warum muss man sich ihrer versichern und sie sich aneignen, wenn sie ohnehin all-gemein ist?
Aber wie oft weichen wir den eigenen Empfindungen aus, die uns den Fehl anzeigen und betäuben uns mit dem Lärm der alltäglichen Besorgungen! Erst wenn wir die gemeinschaftliche Seele gefühlt und uns zugeeignet haben, sind wir ihrer sicher.

Zenmeister Dōgen sagt, indem er Buddha selbst zitiert:

»Alle Wesen haben voll und ganz die Buddhanatur.«

Im Chinesischen und Japanischen bedeutet das Wort ‚Haben‘ zugleich auch Sein. Wir können den Satz deshalb auch lesen als »Alle Wesen SIND Buddhanatur.« Das Schriftzeichen 有 zeigt eine Hand, die den Halbmond hält. Es ist eine Illusion, dass wir den Mond greifen und festhalten könnten. Selbst wenn wir die Hand so halten, dass sie scheinbar den vollen Mond greift, so ändert sich der Mond dennoch ständig, ja, manchmal scheint er völlig zu verschwinden. So ist es eine Illusion, dass wir immer die Selben sind und uns niemals verändern. Ebenso ist es eine Illusion, dass wir durch Besitz die Beständigkeit unseres Selbst sichern könnten. 

Wir SIND was wir HABEN? In einer Weise schon. Ein Reicher mit einem schönen Hause, einem großen Garten, einem schicken Auto und einer schönen Frau und Kindern ist anders als der Landstreicher auf der Straße. Jemand mit einem wichtigen öffentlichen Amt wird von seinem Amt geprägt, genauso wie der Landstreicher von seiner Situation geprägt wird. Aber unabhängig davon können beide entweder glücklich oder unglücklich sein. Und in beiden ist die Sehnsucht nach der Ganzheit.

Für Dōgen erhebt sich die Frage, wozu wir üben müssen, wenn doch ohnehin alles Buddhanatur ist. Genauso haben alle Menschen die Fähigkeit, zur Quelle zu gehen und Wasser zu schöpfen so wie sie die Buddhanatur `haben`. Aber wir müssen unsere Wesen verwirklichen und es TUN! Wenn wir nicht zur Quelle gehen, bleibt diese Fähigkeit ungenutzt und wir erfahren niemals das Glück, frisches Wasser aus der Quelle zu trinken. Alle Menschen SIND Buddhanatur, aber wir müssen sie leben!

Die Buddhanatur ist ebenso wie der Geist bei Hölderlin ‚allem gemein und jedem zu-eigen‘. Nicht nur ein kleiner Teil davon, sondern der volle Geist und die volle Buddhanatur. Dōgen erzählt die Geschichte eines chinesischen Beamten, der einen Zenmeister fragt:

»Ein Regenwurm wurde entzweigeschnitten. Beide Teile bewegen sich. Ich frage mich, in welchem Teil nun die Buddhanatur ist!«

Ist die Buddhanatur nur in einem der beiden Hälften oder ist in jedem nur die halbe Buddhanatur? Dōgen erklärt, dass der Regenwurm nicht ursprünglich aus einem Teil und nun aus zwei Teilen besteht. Er ist immer EINS und die Buddhanatur ist ungeteilt in Allem.

Im Kapitel Genjokōan hat Dōgen ein wunderbares Beispiel für das Erwachen:

Der Mensch erlangt Erwachen, so wie sich der Mond im Wasser aufhält. Der Mond wird nicht nass, das Wasser nicht gebrochen. … Der ganze Mond und auch der volle Himmel halten sich auf im Tau am Gras und auch in einem Tropfen Wasser.

Der Mond ist das Bild für die Buddhanatur. Es ist immer der ganze Mond im Tautropfen und nicht nur ein winziger Teil davon. Und selbst in einer schmutzigen Wasserpfütze ist der Mond, ohne dass er beschmutzt wird. So ist auch im Verbrecher die Buddhanatur, ohne dass sie davon beschmutzt würde. Sogar unser Nachbar oder Arbeitskollege, der den ganzen Tag nervt ist Buddhanatur! Wir können niemanden verachten, aber wir können ihm aber helfen, seine Buddhanatur zu leben. Aber zuvor müssen wir selbst die Buddhanatur verwirklichen, indem wir üben. Wir üben nicht, um Buddha zu werden, sondern um die Buddhanatur in ständigem Vollzug zu leben. 

Das meint auch Hölderlin in seinem Text ‚wenn einmal der Dichter ..‘:

» … wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat …

Es ist also offenbar nötig, sich des Geistes zu versichern nachdem man ihn ‚gefühlt und zugeeignet hat. Im weiteren Text spricht Hölderlin davon, dass es einen steten Prozess gibt, in dem der Geist sich verwirklicht und notwendig wieder in die Trennung geht. Dieser Wechsel ist ein stetiger Prozess, der sich immer wiederholt. Es ist nicht so, dass der Geist, einmal angeeignet ein für alle mal mein eigen ist. Er muss immer wieder angeeignet werden.

Dōgen beendet das Kapitel Genjokōan mit einer Geschichte: Ein Mönch fragte seinen Meister, warum der seinen Fächer benutzt wo es doch die Natur der Luft ist, dass sie ohnehin überall ist. Der Meister antwortet wortlos, indem er seinen Fächer benutzt!

Wird fortgesetzt.

Termine

Übersicht über die nächsten Termine und Veranstaltungen:

Tanabata
Nach alter Tradition feiern wir wie jedes Jahr das Tanabatafest mit vielen Vorführungen und Gästen. Eigene Beiträge sind willkommen.
Tanabata Sternenfest

Myoshinan Teehaus 09.07.2016

Taiko – Japanische Trommeln – Workshop
Taiko Workshop
Rainer Rabus, Gerhardt Staufenbiel
Myoshinan Teehaus 10.07.2016

Meditatives Konzert mit Shakuhachi und Rezitationen: Blüten und Einsichten
Blüten und Einsichten
Shakuhachi: Gerhardt Staufenbiel, Texte und Rezitationen: Carola Catoni
Myoshinan Teehaus 24.07.2016

Haiku und Zen – Wege zur Achtsamkeit
Seminar am Benediktushof
Benediktushof Holzkirchen
15.07. – 17. 07. 2016

Japanreise Frühjahr 2017
Auch im nächsten Frühjahr zur Kirschblüte wird es wieder eine Reise nach Japan geben. Schwerpunkte sind die alten Kaiserstädte Kyoto und Nara und deren Umgebung. Es liegen bereits jetzt Anmeldungen vor. Kyoto ist zu dieser Zeit völlig ausgebucht, deshalb habe ich schon jetzt Unterkünfte reserviert. Aber es gibt nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen. Bitte frühzeitig buchen!

Unterricht über Internet
Es besteht die Möglichkeit, Unterricht in Shakuhachi und / oder Teezeremonie über Internet zu bekommen. Einige Schüler, die weit vom Myoshinan entfernt wohnen, nutzen diese Möglichkeit bereits. Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.

Herbsttag: Drachengesang

Ryūgin – Gesang der Drachen
Draußen vor dem Fenster liegt dichter Nebel.
Das Dorf und die Kirche sind verschwunden, nur die Glocken klingen gedämpft und fern.
Direkt vor meinem Fenster der knorrige Stamm des toten Apfelbaumes, dahinter verhangen im Nebel die Felsenbirne mit ihrem feurig roten Herbstlaub.
Rundherum: reine Stille!
Es ist, als wäre die ganze Welt verschwunden. Ich werde still und staune!

Im Zen sagt man, dass nun die Zeit des Goldenen Windes kommt. Der Goldene Wind weht das farbige Herbstlaub zu Boden. Die reine Leere erscheint und bald stehen kahle Bäume in winterlichen Weiß. Sie gleichen toten Holzpfählen, die leblos im Nebel stehen. Hölderlin dichtet in einem kleinen Gedicht, das er als Letztes noch selbst veröffentlicht hat:

Der Winkel von Hahrdt
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.

Der Winkel von Hardt ist eine Felsformation im Wald beim Dorf Hardt, am Hang gegenüber von Hölderlins Heimatstadt Nürtingen. Wer einmal dort gewesen ist, spürt eine geradezu magische Anziehungskraft dieses versteckten, ‚gesparten‘ Ortes. Der Wald sinkt hinunter. Es ist genau die Zeit des Goldenen Windes. Langsam ziehen die Bäume ihren Lebenssaft zurück und sammeln ihre Kraft in den Wurzeln. Die Blätter werden welk und hängen ‚einwärts‘, ganz in sich zurückgezogen. Aber es ist nicht die Trauer des Abschieds oder des Todes. Sie blühen auf – ‚Blüten gleich‘ – in der vollen und atemberaubenden Schönheit des Herbstes. Bald lösen sie sich, und beim leisesten Windstoß fallen sie ganz von allein. Aber sie fallen nicht in einen bodenlosen Abgrund. Ihnen ‚blüht unten auf ein Grund‘ in prachtvollen Herbstfarben. Die blütengleichen Blätter und der aufblühende Grund neigen sich einander zu in tiefer Zu-Neigung und schenken sich gegenseitig die prachtvoll leuchtenden Farben des Herbstes. Aber es ist die Farbe des Weg-Ganges. Was bleibt, sind die kahlen Bäume des Winters und das farblose Weiß.

Einmal fragte ein Mönch seinen Zenmeister (Tōsu Daidō 819 – 914): »Gibt es den Gesang der Drachen in den kahlen Bäumen oder nicht?« Drachen singen in kahlen Bäumen? Der Meister antwortete: »Ich sage: Es ist das Brüllen des Löwen in Totenschädeln!« Die trockenen und kahlen Bäume sind wie die Totenschädel, der Gesang des Drachen ist wie das Gebrüll des Löwen? Das ist umso verwunderlicher, als die Wendung shishi-ku, Löwengebrüll für die Predigt des Buddha gebraucht wird, mit der er die Möglichkeit der Befreiung vom Leiden kündet. Der Gesang des Drachen im kahlen Holz ist nicht anderes als die frohe Botschaft, dass es die Befreiung vom Leiden gibt?!

Zenmeister Dōgen sagt (Dōgen: Shōbōgenzō, Kapitel 65, Ryūgin.):

»Es gibt Bäume in den Bergen und Tälern, auf den Reisfeldern und in den Dörfern!
Die Bäume in den Bergen und Tälern sind Kiefern und Eichen, die Bäume auf den Reisfeldern und den Dörfern sind himmlische Wesen und Menschen.«

Auch die Menschen sind Bäume. Sie wurzeln im Boden der Tradition und der Überlieferung. Sie tragen Früchte, und die Lebenskraft fließt von den Wurzeln bis in den Himmel und lässt Blüten und Früchte wachsen. Manchmal scheint die Lebenskraft zu schwinden und der Baum wird wie trockenes Holz. Alles Leben, alle Freude scheint gewichen zu sein.
Jemand, der bewegungslos in tiefer Meditation sitzt, sieht aus wie ein lebloser trockener und toter Baum oder ein Totenschädel, der sich nicht mehr bewegt. Er ist scheinbar abgestorben und wie totes Holz oder kalte Asche. Aber wer das so sieht, hat niemals die Stille und die Kraft in der Meditation erfahren. »Solche Menschen denken, kahle Bäume seien völlig ausgetrocknet und würden den Frühling niemals mehr erleben«, sagt Dōgen. Das bewegungslose Sitzen aber ist wie die Rückkehr in die Wurzeln, der Kontakt mit dem Ursprung des Lebens. Wer so austrocknet, dass er im Frühling keine Blüten mehr treibt, der hat niemals den Gesang der Drachen vernommen.

Einst versorgte eine alte Frau einen jungen Mönch, damit er in seinen Übungen Fortschritte machen könnte. Nach 20 Jahren Übung saß er wie totes Holz oder kalte Asche. Aber die alte Frau war misstrauisch und schickte ihm eine junge schöne Frau. Die schmiegte sich wie eine blühende Ranke an ihn, während er in Meditation saß. Aber er rührte sich nicht und sprach nur die Worte:

Ein alter Baum wächst auf einem Fels im Winter.
Nirgends eine Spur von Wärme!

Als die alte Frau das hörte, wurde sie sehr zornig, ging zur Hütte des Mönches und brannte sie nieder. Wenigstens auf diese Weise kam Wärme in seine Empfindungen!
Zenmeister Ikkyū (Ikkyū Sōjun 1394 – 1481) dichtete als Antwort auf diese alte chinesische Geschichte:

Wollte sich mir / heute Nacht / eine schöne Frau versprechen, / die verdorrte Weide / würde Knospen treiben / wie im Frühling.

Die Zenmeister des alten China haben offenbar sehr oft über den Gesang der Drachen in den dürren Bäumen gesprochen. Jedenfalls überliefert der japanische Zenmeister Dōgen viele ihrer Gespräche über den Drachengesang.

Ein Mönch fragte den Meister:
»Was ist der wahre WEG?«
»In einem kahlen Baum singt ein Drache!«

Aber der Gesang der Drachen ist nicht mit den Ohren zu hören. Dōgen sagt, der Gesang der Drachen stammt nicht aus der Welt der fünf Töne. Die Fünf Töne sind die Tonleiter der pentatonischen Tonleiter. Sie bilden den gesamten Kosmos ab. Es sind keine Stimmen oder Töne, die den Gesang bilden. Eigentlich ist die Wendung Gesang nicht ganz richtig. Das Wort Gin 吟 bezeichnet vielerlei Geräusche vom Singen, Rezitieren, Ächzen, Stöhnen bis hin zum Brüllen und Heulen. Der Gesang in Noh-Theater, der für unsere westlichen Ohren nicht gerade schön und melodisch klingt, wird damit bezeichnet.

Der Drachengesang ist nicht immer schön und lieblich. Gerade die kahlen Bäume des Winters sind der Gesang der Drachen. Die Kahlheit zeigt den Rückgang zu den Wurzeln. Von außen gesehen ist es die Kargheit oder gar der Tod. Aber wer Augen hat zu sehen, weiß, dass es die Rückkehr zum Ursprung ist. Nicht nur der Rückgang in den Ursprung ist der Drachengesang. Dōgen sagt: »Das Keimen des Samens ist auch der Gesang der Drachen!« Das gesamte Leben ist Drachengesang. Auch der kleine Hund zu meinen Füßen, der im Schlaf bellt, weil er im Traum mit anderen Hunden spielt, ist Drachengesang.

Der chinesische Meister Zhuangzi beschreibt, wie der Meister Nanguo Ziqi – Meister ‚Buntgescheckt vom Südweiler‘ – in Meditation auf seine Armlehne gestützt zum Himmel aufschaut, langsam ausatmet und sich leer macht. Plötzlich war er in tiefer Meditation versunken und hatte scheinbar jedes Bewusstsein seines Ich-Begleiters, seines Ego verloren.
Meister Yan Cheng Zi-You – nach einer Übersetzung heißt er ‚Herr Wanderer von völliger Gemütsruhe – der vor ihm stand und ihm aufwartete, war erstaunt, als er den Meister sah, wie dessen Herz oder Geist »wie tote Asche oder trockenes Holz« wurde. Alle Leidenschaften und persönlichen Gefühle, Ängste und Sorgen waren von ihm abgefallen und er sprach:

Gerade habe ich mich selbst verloren. Du magst die Flöten der Menschen gehört haben, aber nicht die Flöten der Erde. Du magst die Flöten der Erde gehört haben, aber nicht die Flöten des Himmels.

Herr Wanderer verstand nicht, was die Flöten des Himmels sein sollen. Er kannte nur die Flöten der Menschen, die wie »aufgereihte Bambusrohre« sind. Je lauter diese Flöten klingen und ihren Lärm verbreiten, desto weniger vermag man die Flöten des Himmels zu vernehmen. Bevor ihm Meister Nanguo die Flöten des Himmels erklärte, schilderte er ausführlich eine andere Art von Musik, die Flöten der Erde:

Der Große Klumpen – die Erde – stößt einen Lebensatem (Ki) aus, den man Wind nennt. Solange er nicht bläst, geschieht nichts. Hebt er jedoch zu blasen an, dann beginnen Myriaden Löcher zu heulen. Hast du nie sein Seufzen gehört?
Die Spalten und Klüfte der aufsteilenden Berge, die Löcher und Hohlräume der riesigen Bäume von hundert Spannen Umfang: Sie sind wie Nasenlöcher, wie Münder, wie Ohren, wie Sockel, wie Becher, wie Mörser, wie die Kuhlen, in denen sich Pfützen und Teiche bilden. Der Wind bläst über sie hinweg und macht das Geräusch von sprudelndem Wasser, von sirrenden Pfeilen, schreiend, keuchend, rufend, weinend, lachend, grollend. Die erste Böe singt Ayii, der folgende Windstoß singt Houuu. Eine leichte Brise ruft eine kleine Antwort hervor, ein heftiger Sturm lässt einen mächtigen Chor erschallen. Verebbt das Stürmen, so sind alle Höhlungen still. Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?

Meister Nanguo beschreibt ganz offenbar den Gesang der Drachen. Der ist nicht wie der Gesang der Menschen. Aber wer die Drachen gehört hat, singt fortan anders. Dōgen sagt: »Die Menschen, die das Singen der Drachen hören, und auch selbst singen können, unterscheiden sich sowohl von einem singenden Drachen als auch von einem singenden Menschen! Die Melodie ihres Gesanges ist der Drachengesang selbst. In einem kahlen Baum und in einem Totenschädel gibt es kein Innen und kein Außen – kein Selbst und keine Anderen! Hier ist das Jetzt der Ewigkeit!« Wer den Drachengesang gehört hat, wird Eins mit Allem! Er singt fortan aus dieser Einheit, in der es keine Angst vor dem Anders-Sein, kein Misstrauen und keine Missgunst mehr gibt.

So hatte auch Meister Nanguo seinen Ich-Begleiter, sein Selbst verloren. Er war Eins geworden mit dem Hören der Töne des Himmels. Aber die sind noch anders als das Tönen der Erde, die er vorher beschrieben hatte. Die Flöten des Himmels klingen unhörbar und tonlos! Der Herr Wanderer, der dem Meister Nanguo Ziqi aufwartete, fragte denn auch noch einmal nach:

Die Töne der Erde – di lai – sind keine anderen als all jene Höhlungen, die ihr beschrieben habt. Die Töne der Menschen – ren lai – sind die der aufgereihten Bambusröhren. Darf ich fragen, was die Töne des Himmels – tien lai – sind?

Das Leer-Werden ist die Voraussetzung dafür, dass die Töne in dieser Leere klingen können. Sind die Höhlungen und Öffnungen der Erde angefüllt, so klingen sie nicht. Die Töne der Erde sind die Geräusche, die der Lebensatem, der Wind erzeugt, wenn er über die Höhlungen fährt. Die Frage ist, welche Höhlungen tönen, wenn es um die Musik des Himmels geht. Die Wendung tien lai wird auch für wunderschöne Poesie verwendet. Die Poesie ist wie der Gesang des Lebensatems, des Windes am Himmel. Der Meister Nanguo Ziqi beantwortet die Frage nach dem Ursprung der Himmels-Töne mit einer entscheidenden Wendung:

Die Töne des Himmels – tien lai – blasen auf 10 000 verschiedene Weise und sie bewirken sich selbst – zi ji. All dies ergibt sich selbst – zi qu, wer sollte dies betreiben?

Die Töne des Himmels sind von selbst so! Da ist niemand und nichts, was sie erzeugen oder betreiben würde, sie sind einfach. Die Töne der Erde sind die Antwort auf den Lebensatem, die Töne des Himmels sind einfach da. Eigentlich sind die Töne des Himmels auch überhaupt nicht hörbar. Wir hören immer nur die Töne des Menschen, die oft so laut sind, dass sie alles andere übertönen. Verstummen die Töne des Menschen, so fliehen wir oft in das laute Getön des alltäglichen Getriebes, weil wir die Stille, die sich dann auftut, nicht mehr ertragen können. Die Stille spricht nicht mehr zu uns, weil wir durch das tägliche Getöse taub geworden sind.

Im Gesang »Der Archipelagos« schildert Hölderlin, wie die Menschen in rastlosem Treiben gefangen sind und sich selbst in gewaltigem Lärm des rastlosen Machen-Müssens betäuben:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Die Menschen sind ‚allein‘ also ausschließlich ans eigene Treiben geschmiedet und dadurch ‚allein‘ und einsam. Sie sind unfrei und ausschließlich an ihr rastloses Treiben gekettet. Dadurch sind sie allein, ohne echte Bindung an die Anderen oder das Göttliche. Der tosende Lärm der rastlos tobenden Werkstatt übertönt nicht nur die Töne der Erde, sondern auch die unhörbaren Töne des Himmels. Wie sollten die Menschen da in der Lage sein, das Singen des Drachen zu vernehmen?
So fragte auch einst ein Mönch ganz besorgt den Meister Sōzan:

»Ich frage mich, ob es einen Menschen gibt, der das Singen des Drachen hören kann!«
Sōzan antwortete:
»Auf der ganzen Erde gibt es niemanden, der es nicht hört!«

Erstaunlich! Wenn die Menschen mit ihrem eigenen Getöse die tonlosen Töne des Himmels und des Drachengesanges übertönen, gibt es dennoch nicht einen einzigen Menschen, der den Drachengesang nicht hört? So erstaunlich das klingen mag, aber der Gesang des Drachen ist das Strömen des Atems und das Fließen des Blutes. Bei einer Gelegenheit antwortete ein Meister auf die Frage:

»Was ist das Singen des Drachen in einem kahlen Baum?«
»Das Blut des Lebens versiegt niemals!«

Wieder ein anderer Mönch fragte:
»Was singt der Drache in einem kahlen Baum?«
»Immer mehr Freude!«

Das Singen der Drachen ist das natürliche Wirken von Wasser und Wolken, das Fließen des Lebens und die Luft, die durch die Nasenlöcher strömt. Die zehntausend Melodien, die der Drache singt, sind nicht ein Reden über Prinzipien und die Wahrheit, es ist »das Quaken der Frösche, dass Freude bleibt und das Singen der Würmer, dass es ein Wissen gibt. Das Singen der Drachen ist immer und überall, aber wir können es nur wirklich mit unserem ganzen Wesen hören, wenn wir zuvor den Schritt zurück aus dem rasenden Machen in die Stille wagen.

Am Sonntag den 25. Oktober spielt das Trio Drachengesang bei einer Sonntagsmatinee unter anderen das Stück „Ryugin Koku – Gesang der Drachen im leeren Himmel“. Eintrittskarten Myoshinan – Eintrittskarten

Zenmeister Dōgen: Das Üben der Zeit

Dogen

Zenmeister Dōgen


Dōgen ist wohl der größte Denker, den Japan hervorgebracht hat. Seine Lehrreden sind in dem großen Werk Shōbōgenzō, Der ‚Schatzkammer des wahren Dharma-Auges‘ gesammelt und niedergeschrieben.
Dōgen war nicht nur Zenmeister, sondern auch ein großer Denker. Ich habe eine Interpretation über diesen Text verfasst, den ich Interessenten gegen ein Dana gern zukommen lasse

Ein alter Buddha sagt:
Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen,
hohen Berggipfel stehen,
zu einer Zeit auf dem tiefen,
tiefen Meeresgrund gehen.
Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott,
zu einer Zeit der bald 16 Fuß
und bald acht Fuß große Buddha.
Zu einer Zeit Stab und Wedel,
zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne,
zu einer Zeit Hinz und Kunz,
zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Das kleine Büchlein hat 37 Seiten im PDF Format.

Fushimi Inari und der Teeweg

Gerade arbeite ich an Geschichten über den Inari, den Kami, der in der Gestalt eines weißen Fuchses erscheinen kann, der aber auch als eine schöne junge Frau auftaucht.

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Inari mit dem Schlüssel

Der Fuchs ist in Japan ein heiliges Tier, der eng mit der Natur verbunden ist und der zauberische Kräfte hat. So war das früher auch einmal bei uns. Der Fuch als listiges Tier, das in Höhlen wohnt, hatte Verbindung zur Unterwelt und zur Fruchtbarkeit. Weil er den Zugang zu der anderen Welt bewacht, hat er oft einen Schlüssel. Die Japaner deuten den Schlüssel als Zugang zu den Reisspeichern, denn Inari schenkt reiche Ernten.
Der größte Schrein des Inari ist der Schrein in Fushimi, südlich von Kyoto. Dort sind die berühmten 10.000 Torii, die sich den Berg hoch ziehen und die ganze Bergspitze umrunden.

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Der gesamte Inariberg ist heilig, sogar der Ton, der dort abgebaut wird. Aus ihm machte man Opfergefäße und die Teeleute kleiden mit eben diesem Ton die versenkte Winterfeuerstelle, den Ro aus.

Im neuen Buch über die japanischen Legenden wird es viele Geschichten über den Inari geben. Viele erzählen davon, wie sich der Fuchs in eine schöne Frau verwandelte, einen vornehmen, aber armen Mann heiratete und mit ihm einen Sohn bekam. Dieser Sohn wird in der Regel zu einem berühmten Mann, weil er von der Mutter viele ganz besondere Fähigkeiten geerbt hat. So waren die Vorsitzenden des kaiserlichen Amtes für Yin und Yang, die sich mit Divination befassten, viele Generationen Nachkommen einer Fuchsfrau aus der Sippe der Abe.