Herbstabend – Matsuo Bashō

Herbst  im Myoshinan
Meigetsu no
hana ka to mie-te
wata-bataka

Unter dem Herbstmond
sah ich Blumen auf dem Feld –
ach, es war nur Stroh!

Meigetsu ni
fumoto no kiri ya
ta no kumori.

Unter dem Herbstmond
Nebel am Fuß der Hügel.
Die Felder im Dunst.

Herbstabend im Myoshinan
kono michi ya
yuku-hito nashi ni
aki no kure.

Dieser schmale Weg!
Nicht ein einziger Mensch kommt
in dieser Herbstnacht.

Hausbesuch im Heizungskeller

Bei dem kalten und ungemütlichen Wetter ziehen es unsere Siebenschläfer vor, im Heizungsraum zu wohnen.
Dort ist es warm und gemütlich und man kann wunderbare Nester bauen, indem man die Isolation vom Heizkessel in ganz kleine Stücke reißt und damit sein Nest füttert.
Komischerweise haben das die Menschen nicht so gern.

Siebenschläfer im Käfig

Also wurde ein Falle aus einem Draht – Kasten aufgestellt, die mit reichlich Nahrung versehen war, damit unser Besuch unbeschadet die Zeit in Gefangenschaft überstehen kann.
Heute früh saß dann auch unser Freund zusammengekauert und schlafend im Käfig, nachdem er die ganze Nahrungsvorräte vorsorglich aufgefressen hatte.

Soll ich da jetzt wirklich raus?

Mit seinen glänzenden Knopfaugen schaute er vertrauensvoll zu seinem Menschen auf, der ihn wieder in die Freiheit setzte.

Aber da war das Wetter gar so garstig und unser Freund wollte nicht hinaus in den Regen.

Ich will nicht da raus! Es regnet und alles ist nass!

Schließlich zog er dann aber doch, wenn auch etwas zögerlich davon. Vermutlich werden wir uns morgen früh wieder begrüßen. Im Heizungskeller ist es einfach viel gemütlicher. Außerdem gibt es da immer so gute Sachen zu essen.

Naja, dann geh ich halt. Bis morgen dann!
Inzwischen scheint es sich in der Familie herumgesprochen zu haben, dass es im Heizungskeller gute Sachen zu Essen gibt.
Heute Abend war wieder ein junger Besucher zu Gast, der inzwischen wieder bei der Familie ist und sicher seine Abenteuer weiter erzählt.

Hanshan und Shide

Hanshan und Shide

Hanshan war ein merkwürdiger Zeitgenosse. Er lebte – falls es ihn überhaupt gegeben hat und die Gestalt nicht eine literarische Fiktion ist – irgendwann zwischen dem 6. und 9. Jhdt. im China im Tiantai, der klassischen Gegend für Mönche und Einsiedler am Kalten Berg, dem Hanshan.

Die vermutlich unter einem Pseudonym geschriebene Einleitung zur der Gedichtsammlung des Hanshan Shi beginnt mir den Worten:

Niemand weiß, woher Hanshan kam.

In den frühen Gedichten wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der aus armen Verhältnissen kam, aber sehr belesen war. Enttäuscht von den Intrigen und Lügen der Welt geht er als Einsiedler in das Tiantai Gebirge.

Ich wohne auf dem Berg,
niemand der mich kennt.
Zwischen weißen Wolken
Bin ich immer allein.

Frei schweift der Blick bis zum Tiantai,
Einsam und hoch über der Schar der Gipfel.
Bambus und Föhren tönen windgeschüttelt,
Mondglitzern in der Brandung ferner Strände.
Zum grünen Saum des Berge schaue ich hinab,
Plaudere mit weißen Wolken über die geheimnisvolle Lehre.
Berge und Flüsse sind meinem wilden Herzen sehr genehm,
Doch tief im Inneren ersehn ich einen WEG – Gefährten.

Der höchste Gipfel des Tiantai ist ebenso einsam und weit über allem wie Hanshan.
Die weißen Wolken, die frei und ungebunden entstehen und vergehen und in völliger Losgelöstheit ziehen, wohin sie wollen, stehen für die Freiheit des Erwachten.
Die Zen-Mönche, die erwacht sind, müssen eine Zeit lang wie Wasser und Wolken als Unsui umherziehen, ohne festen Ort, vollkommen frei von jeder Bindung.
Die Einsamkeit des Hanshan ist keine trostlose Verlassenheit. Hölderlin würde vielleicht sagen, er ist All – Ein, Alles und Eins.
Manchmal besucht Hanshan das Kloster, um dort mit dem Zen – Meister Fenggan zu diskutieren. Dann gesellt sich Shide zu ihm, der ungebildete Koch, der immer den Besen in der Hand hat und lacht. Beide lachen die Mönche aus, die sich in immer neuen Intrigen und Verstrickungen fangen.

Der gelehrte Hanshan wird immer mit der Buchrolle, sein Freund Shide immer mit dem Besen in der Hand dargestellt. Beide zusammen bilden als völlig gegensätzliches Paar das Bild des Erwachten und vom Dao durchdrungenen Menschen. Nicht nur der intellektuelle Hanshan, auch der ungebildete und des Lesen und Schreibens unkundige Shide sind Erwachte. Sie sind die zwei Seiten in jedem von uns.

Ein klein wenig von Hanshan und Shide wohnt sicher in jedem von uns. Hanshan und Shide sind die zwei Seiten der Sehnsucht in uns, frei zu sein von jeder Beschränkung und Zwang und von jeder Fremdbestimmung:

Hanshan ist aus sich selbst Hanshan;
Shide ist aus sich selbst Shide.
Alle die Narren, wie sollten sie das wissen …

Wer uns ansieht, kann uns nicht sehen,
Wer nach uns sucht – wo könnte er suchen!
Was glaubt ihr, woher das kommt?
Ich sage euch: Das ist die Macht des Wu Wei ( des Nicht – Tun)

Weil jeder von uns etwas von Hanshan und Shide in sich trägt, heißt es auch:

Den Mann vom kalten Berg
Wird es für immer geben.
Er ganz allein lebt
Ohne Geburt und Tod.

Beere wie Korall über Röhren von Holz

Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang
Meiner Gärten.
Kirschenbäume.

Scharfer Othem aber wehet
Um die Löcher des Felses.

Allda bin ich
Alles miteinander.

Wunderbar
Aber über Quellen beuget schlank
Ein Nussbaum und … sich.

Holunder
Beere, wie Korall
Hängen an dem Strauche über Röhren von Holz,
Holunder
aus denen … befestigter Gesang
von Blumen als neue Bildung ..

Friedrich Hölderlin:
Vom Abgrund nämlich ..

Hölderlin schreibt in diesem Fragment Persönliches in Bildern aus der Natur.
Er spricht von seiner Heimatstadt und dem Hügel oben, wo aus dem Karstfelsen hoch über den Gärten der Wind pfeift.
Dort ist er Alles miteinander.
Über Quellen aber beugt sich der Nussbaum, der Haselstrauch. Seine schlanken Äste wurden zu Ruten geschnitten, dem „Kloppstock“, den die Schulmeister benutzt haben. Klopstock, der Dichter hatte sich über die Quellen gebeugt, nämlich die griechische Antike studiert und das griechische Versmaß in die deutsche Dichtkunst übertragen, indem er im griechischen Versmaß deutsche Oden schrieb. Daraus entstand ’neue Bildung‘, nämlich die gesamte neuere deutsche Literatur. Klopstock wurde so der „Lehrer der Nation“.

Die Beeren wie Korall am Strauche aus Röhren von Holz ist Hölderlin selbst.

Hölderlin ist ein altes schwäbische Wort für den Holunder. Das Holz des Holunderstrauchs ist röhrenförmig und mit Mark gefüllt. Es erinnert an menschliche Knochen.
Wohl auch deshalb, nicht nur wegen seiner Heilkräfte sondern auch wegen seiner Menschenähnlichkeit war der Holunder eine Hexenpflanze. Seine Blüten und Früchte haben heilende Wirkung und wurden sicher von den Hexen für ihren „Zauber“ verwendet. Steht ein Holunder am Haus, so bringt das Glück, wenn man aber den Holunderstrauch abschlägt, so stirbt jemand in diesem Haus.
Die Hexen waren mit dem Teufel im Bunde und der Teufel wohnte wohl im Holunder selbst. Darum ist im Schwäbischen der „Holler“ oder „Hölder“ ein Ersatzwort für den „Unnennbaren“ geworden.
Daraus, aus dem Holunder oder Hölderlin soll – hoffentlich – „befestigter Gesang“ wie Blumen entstehen, so die Hoffnung in dem Gedicht.