Bruno: Abschied

Es begab sich vor langer, langer Zeit, dass wir in Griechenland einen stillen Ort für ein Seminar suchten.

Wir kamen nach Galaxidi am Golf von Itea, genau gegenüber von Delfi. Schon mehrfach hatte ich von einem schönen und stillen Hotel in diesem Ort gehört. Das erste Mal von einem jungen Paar, das Mykene besucht hatte und auf dem Weg war zu Fähre nach Egion. Galaxidi war damals nur über die Fähre zu erreichen, von Itea aus führte eine Straße, die nur von LKW befahrbar war und auch nur bis zu den Bauxit-Werken in der Nähe von Itea.

Später hörte ich das Gerücht von Rucksacktouristen, dass ein Film gedreht wurde, bei dem ausländische Touristen als Statisten gesucht wurden. Aber es führte immer noch nur die alte Schotterstrasse nach Galaxidi.

Dann war die neue Straße fertig und wir fuhren nach Galaxidi. Viele alte Kapitänshäuser verfielen vor sich hin, aber der Kern des alten Ortes strahlte einen großen Zauber aus. Am Hafen hörten wir vom Hotel Ganimede und trafen wir auf Bill, den Besitzer des Ganimede, einem großen Mann mit einem dicken Bauch, nur mit kurzen Hosen bekleidet. Bill führte uns durch den Ort. Wir kamen an der alten Schule vorbei, die wei ein griechischer Tempel gebaut ist. Dann bog Bill um die Ecke und wir standen vor einer alten, schwarz gestrichenen Tür. Bill öffnete die Tür und da war es: – das Paradies. Ein mit Blumen überwucherter Innenhof zwischen zwei alten Häusern. In der Mitte ein Brunnen, einfache Holztische unter Blüten und eine wunderbare Skulptur an der Wand.

An den Tischen werkelte still und umsichtig ein schöner junger Mann: Bruno, der Partner von Bill im  Hotel Ganimede.

Aber was sage ich? Hotel? Das Ganimede war kein Hotel, es war ein zu Hause in Griechenland. Bill und Bruno sorgten dafür, dass man sich innerhalb weniger Minuten nicht als Hotelgast, sondern als willkommener Freund fühlte. Schließlich war ja auch Ganimed der Mundschenk des Zeus persönlich.

Bill kam aus Neuseeland. Er hatte im Pazifikkrieg mitgekämpft und nach dem Krieg in Sidney ein Sternelokal besessen. Er hatte sich bewußt nach Galaxidi zurückgezogen, weil man nur mit dem Schiff hinkommen konnte und er hatte das Hotel nur für seine alten Freunde gedacht.

Bruno kam aus Bergamo in Italien. Er war akademischer Maler und wollte in Griechenland die Ikonenmalerei studieren. Bill sah den schönen Jüngling nachdenklich am Strand sitzen und er dachte sich:  „I am Zeus and he is Ganimede and I take him away to Galaxidi“!

Bruno wollte einen Sommer lang versuchen, wie es sich als Hotelier in Griechenland lebten läßt. Im Winter ging er wieder heim nach Bergamo, aber als der Sommer kam, zog es ihn zurück nach Griechenland. Und unversehens wurde Galaxidi seine neue Heimat.

Als Bill nach langer und schwerer Krankheit starb, übernahm Bruno den Ganimede.

Viele Jahre sind wir immer wieder heim gekehrt ins Ganimede und haben dort Seminare über Philosophie gehalten und die klassischen Stätten der Umgebung aufgesucht. Für unser erstes Seminar im Ganimede wollten wir die antike Götterwelt behandeln und Ausgrabungen aufsuchen. Bill ermutigte einen Bewohner von Galaxidi, extra für uns einen kleinen alten Omnibus zu kaufen, mit dem wir dann durch das Land zogen. Manchmal war das dann ein wenig abenteuerlich, weil der Busbesitzer LKW gefahren hatte und uns über unwegsame Bergstrassen im damals noch ganz wilden Gebiet des Parnass-Gebirges manövrierte, was manchmal ziemlich die Nerven der Mitfahrer in Anspruch nahm. Auf unseren Wanderungen schnitten wir viele Schilfrohre und bastelten daraus grauenhaft klingende und quäkende Instrumente ähnlich dem antiken Aulos. Wenn dann der ganze Innenhaof mit Spänen der Schilfrohre bedeckt war, saß Bill majestätisch wie Zeus dort und sagte den einzigen deutschen Satz, den er beherrschte: „Oh du mein lieber mein Gott!“
Mal- und Keramikgruppen waren dann noch oft zu Gast im Ganimed. Einmal wollte sich kein Modell für einen Bildhauerkurs finden lassen, so saß Bruno als Modell (aber immer in Badehose wegen der Leute in Galaxidi). Ein andermal mußte ich wegen ausfalls des Dozenten den Keramikkurs leiten. Aber Bruno überredete Petros, einen ehemaligen Kapitän, der noch bei alten Keramikern auf den griechischen Inseln gelernt hatte, mir zu helfen. Von Petros lernten wir eine ganze Menge Tricks der griechischen Keramiker, die zum Teil wohl noch bis in die Antike zurückreichen.
Manchen Winter war Bruno dann in München zu Gast, wo er an der Münchner Volkshochschule Ikonenmalerei lehrte. In den letzten Jahren lebte er wieder in seiner Heimatstadt und malte Ikonen, wie er das sein ganzes Leben getan hatte.

Eine der letzten Ikonen, die Bruno gemalt hat

Auf unserer Griechenlandreise in diesem November waren wir wieder zu Gast im Ganimede. Leider haben wir Bruno nicht mehr angetroffen. Er hatte inzwischen das Hotel verkauft weil er sehr krank geworden war und war nach Bergamo zurück gekehrt. Chrisoula, eine junge Griechin aus Galaxidi ist nun seine Nachfolgerin. Sie hat inzwischen das Ganimede renoviert und moderne Bäder einbauen lassen. Aber der alte Flair ist gottlob erhalten geblieben. Chrisoula kocht auch heute noch nach geheimen Rezepten von Bruno köstliche Marmeladen und Chutneys, eine Tradition, die noch aus Bills Sternelokal in Sidney stammt und serviert das wohl beste Frühstück Griechenlands.

Ich wünsche, dass es Chrissoula gelingen wird, den alte Geist von Bill und Bruno am Leben zu erhalten. Natürlich muss sie sich der neuen Zeit anpassen und hat deshalb auch eine eigene homepage. Wünschen wir ihr und dem Ganimede eine lange und gute Zeit.

Beim üppigen Frühstück in der Tradition von Bill und Bruno teilte uns Chrisoula dann mit, dass Bruno eine Woche vor unserer Ankunft seiner Krankheit erlegen war.

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Ein Kommentar zu Bruno: Abschied

  1. gert sagt:

    Ich bin durch Zufall auf diesen Blog gestossen. Die Nachricht über Brunos Tod hat mich betroffen gemacht, zumal ich noch im letzten Frühjahr die Nachricht erhalten habe, dass es ihm gut geht. Ich war selbst in meiner Jugend im Sommer durch mehrere Jahre mit Freunden im Ganimede, und habe mit Bruno und auch mit Bill lustige Zeiten verbracht. Galaxidi war damals Anziehungspunkt für Rucksacktouristen, aber auch viele Westeuropäer, die sich hier Häuser kauften und im Ganimede einen Fixpunkt hatten. Der Ganimede wohl ein Vorläufer dessen, was man heute „Boutique Hotel“ nennen würde, aber mit einer unvergleichlichen persönlichen Note.

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