Blühende Steine

Aufnahme © Wolfgang Kirsch alivenkickn

白雪のところもわかずふりしけばいはほにもさく花とこそ見れ
shirayuki no
tokoro ma wakazu
furishikeba

iwao ni mo saku
hana to koso mire

Weißer Schnee
fällt gleichmäßig
auf alles,

und so scheint es denn,
als ob Steine Blüten trieben.

Dieses Gedicht aus dem „Kōkin waka shū“ habe ich im newsletter aus dem Teehaus Myōshinan zitiert. Eine ganze Reihe von Reaktionen darauf veranlassen mich nun doch, noch ein paar Worte dazu zu schreiben.

Das Gedicht ist kein Haiku, sondern ein Waka. Der Name Kokin wakashu bedeuted: 古 ko: alt, 今 kin: jetzt, 和歌 waka, eigentlich wa-uta oder Yamato – uta ‚japanisches Lied‘ und 集 shu: Sammlung.

Die Sammlung aus dem frühen Heian Zeitalter Japans (um 1000) entstand als vorbildliche Mustersammlung von Gedichten oder ‚Gesängen‘ – uta 歌 im japanischen Stil im Gegensatz zu den „alten“ chinesischen Gedichten. Sie drücken ein damals neues, japanisches Lebensgefühl aus.

Die meisten Wa-uta bzw Wa-ka haben die Form eines Tanka. Ein Tanka hat keine Reime, sondern wird durch der Zahl der verwendeten Silben gebildet. Die übliche Form des Tanka sind 5 – 7 – 5 / 7 – 7 Silben. Damit hat das waka eine Kopfform mit 5 – 7 – 5 Silben und eine Schlußwendung mit 7 – 7 Silben.

shi ra yuki – no
to ko ro – ma – wa ka zu
fu ri shi ke ba

i wa o – ni – mo – sa ku
ha na – to – ko so – mi re

5
7
5

7
7

weißer Schnee
fällt gleichmäßig
und hüllt alles ein.
Felsen treiben
Blüten (es sieht so aus)

Im Japan der Heian-Zeit wurden oft Uta – awase – Wettstreite im Verfassen von Gedichten – veranstaltet. Dabei konnte dann eine Person die Kopf-Verse des Waka vortragen und eine andere Person antwortete spontan mit den Schlußversen. Wir könnten uns also das Gedicht als eine Art von Dialog vorstellen. Jemand stellt in der Form 5 – 7 – 5 eine These auf und erhält eine Antwort in der Form 7 – 7 Verse.

Die „These“ unseres Gedichtes:

Weißer Schnee fällt gleichmäßig und deckt Alles zu.

Es ist tiefer Winter. Der Schnee fällt und hüllt alles in einer weißen Decke ein. Weiß ist im Kokinshu die Farbe des Winters, des Alters und des Todes. Im Frühjahr erleben wir die rauschhafte Fülle der Kirschblüten, im Herbst die Explosion des feurig roten Ahorn und des goldenen Ginko. Aber dann kommt das Weiß.
Zunächst ist es noch nicht der Schnee, sondern der erste Raureif, der alles weiß färbt. Es ist die raue und kühle Nüchternheit des Spätherbstes, wenn die Ernte eingebracht ist. Der Raureif ist die Nüchternheit des Alters, das zu Ruhe gekommen ist und die Ernte des Lebens schon eingefahren hat.
Aber was ist das? Der Raureif, der am frühen Morgen auf den Wiesen und Bäumen liegt schwindet, und nun färben sich die Bäume in ihren tausendfältigen Farben. Diese Farben kommen erst zum Vorschein, wenn die Nächte kalt werden und der erste Raureif liegt. Wir waren in diesem Jahr Ende Oktober und Anfang November in Japan, aber es gab noch kaum Laubfärbung – es war einfach zu warm!
Ebenfalls im Kokinshu heißt es:

Weißer Tau / hat nur eine Farbe –
wie kann er denn / das Herbstlaub / in tausend Farben tauchen?

Aber die Zeit ist weiter fortgeschritten: jetzt fällt Schnee. Alles wird weiß, nicht nur vorübergehend am frühen Morgen, sondern bleibend. Der Schnee deckt wie ein weißes Tuch gleichmäßig alles zu. Jede Farbe ist endgültig verschwunden und nur noch das winterliche Weiß bleibt. Das ist das endgültige Absterben aller Vegatation, aber auch aller Leidenschaften und Emotionen. Das ist der Tod!
So erleben wir es gerade draussen vor dem Fenster: der weiße Schnee hüllt alles ein, jede Farbe ist verschwunden. Die Tage werden immer kürzer und die Dunkelheit nimmt von Tag zu Tag zu.
Aber da geschieht etwas sonderbares.

Der zweite Teil des Waka ist wie eine Antwort auf die Landschaft des Todes und der Stille. Er zeigt die Felsen, die bisher scheinbar kalt und tot inmitten der lebensvollen Fülle der Farben und der Vegatation lagen, die nun aufzublühen scheinen.

iwao ni mo saku / hana to koso mire – Es sieht aus, als würden Felsen Blüten treiben

Aber diese Blüten sind nicht farbenfroh wie die Kirschblüte oder der rote Ahorn, sie sind rein weiß: es sind die Blüten der Farblosigkeit.

Im Kokin wakashu ist angemerkt, dass Ki no Akimine dieses waka schrieb, als er den Shiga – Pass überschritt. Das ist sicher eine genaue Ortsangabe. Aber darüber hinaus ist es die Angabe eines inneren Ortes. Das Überschreiten des Passes führt in die Höhen des Gebirges, weitab vom lauten Getriebe der Täler. Der Hirt, der seinen Ochsen – also sein Selbst – verloren hat, findet die Spur des Ochsen erst, als er aus den Ebenen überwärts steigt.
Das Bild vom Übersteigen des Passes ist ein altes buddhistisches Bild für das Frei-Werden von fruchtlosen Träumen und Wünschen. Das Iroha, das japanische Silben – „Alphabet“ ordnet alle fünfzig Solben in einem Gedicht:

iro.ha nioedo chirinuru.o
wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui.no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu

Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?
Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Die Blüten, die jetzt mitten im Winter aufblühen, sind die reinen, farblosen Blüten des Erwachens aus Traum und Rausch. Sie sind von reiner, weißer Farblosigkeit und klarer, nüchternen Geistigkeit.

Friedrich Hölderlin hat in seiner Zeit im Tübinger Turm ein Wintergedicht geschrieben, das eine ähnliche Erfahrung zeigt.
Hölderlin unterzeichnet das Gedicht nicht mit seinem Namen, sondern mit dem Psedonym Scardanelli. Manche meinen, das sei ein Zeichen seiner Ver-rücktheit. Aber am Hölderlinturm stand einmal geschrieben: Hölderlin is it vruckt gwehn! Aber er war sicher ver-rückt in dem Sinne, dass er nicht mehr mitgespielt hat in all den Spielen, die Menschen für so wichtig halten. Er war vielleicht angekommen in der großen Klarheit und deshalb nicht mer „er selbst“. Er hat sein Selbat aufgegeben, um zu hören, was die Natur sagt und es in den einfachen Melodien der Hirtenflöte wieder zu sagen:

Der Winter
Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,
So fällt das Weiß herunter auf die Thale,
Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,
Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen,
Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen
Die Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde
Sich neiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.

  d. 25. Dezember 1841.
    Dero
      untertänigster

         Scardanelli

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Ein Kommentar zu Blühende Steine

  1. alivenkickn sagt:

    Diese Harmonie, die Perfektion ( was immer auch das sein mag) mit wenigen Worten auf den Punkt zu kommen, ob in der Teezremonie, einem guten Sushi, der Literatur, Schauspiel, Malerei, Theater, der handgeschmiedeten KochMesser 😉 diese Fähigkeit Japans – nicht aller aber Gott sei Dank doch noch vieler Japaner bis heute noch lebendig zu halten fasziniert mich immer wieder.

    Mit freundlichem Gruß

    Mehr von mir auf http://alivenkickn.wordpress.com/

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