Agios Thomas: Erfahrung gegen Glauben

Unweit von Lachania liegt am Eingang einer tiefen Schlucht mit einem Wasserfall am Ende die winzige Kapelle des heiligen Thomas, die schon ganz in die Erde eingesunken scheint. Rund um diese winzige Kapelle ein überraschend großer Festplatz mit gemauerten Tischen und Bänken und einem runden Tanzplatz. Sogar eine gemauerte Tribüne für die Musiker ist dort. Am Festtag des heiligen Thomas kommen Mönche aus dem Kloster in den Bergen, führen eine Liturgie durch und anschließend wird den ganzen Tag gegessen, getanzt und gefeiert. Daran sieht man, welche Bedeutung der Heilige in dieser Region hat.

Der heilige Thomas mit seinem Evangelium - Fresko in der Thomas-Kapelle Lachania xx

Der heilige Thomas mit seinem Evangelium - Fresko in der Thomas-Kapelle Lachania Neben ihm auf dem Altar (?) - Tisch Brot und Wein: er erkennt das Mysterium der Verwandlung an!

Wer war eigentlich dieser Thomas, von dem man sonst kaum etwas hört? In der kleinen Kapelle wird er in der Apsis als Altarbild mit einer Schriftrolle dargestellt, auf dem Tisch neben ihm Brot und Wein. Die Schriftrolle ist das lange verschollene und unbekannte apokryphe Evangelium, das Thomas geschrieben haben soll. Es ist niemals in die Reihe der kanonischen Schriften aufgenommen worden und deshalb „apokryph“, außerhalb der festgeschriebenen Überlieferung.
Erst vor nicht allzu langer Zeit wurde das Evangelium in einer Höhle in Ägypten gefunden. Es war sorgfältig verpackt und in Tonkrügen eingesiegelt. Offenbar wollte man es vor der Zerstörung bewahren und für die Nachwelt sichern.
Das Thomasevangelium enthält keine Geschichten, sondern besteht nur aus einer Sammlung von Sprüchen. In der theologischen Forschung geht man davon aus, dass die Evangelien, die ja erst sehr viel später entstanden sind, auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, die ebenfalls nur eine Sammlung von „Herrensprüchen“ war. Erst die Evangelisten, die ja alle Jesus nicht mehr gekannt haben, kleideten diese Sprüche in Geschichten, die nicht historisch gedacht waren. Sie sollten den Inhalt der Sprüche lebendiger machen.

Kimisis tis Theotokou

Tod und Verwandlung der Gottesmutter - Fresko aus der Kirche in Askleipiou bei Lachania
Thomas im Vordergrund ist nur schwer zu erkennen

Wir kennen den heiligen Thomas nur als den „ungläubigen Thomas“. Er wollte nicht glauben, sondern selbst erfahren. Die Auferstehung Christi wollte er auch nicht glauben, es sei denn, er könnte seine Hände in die Wundmale des lebendigen Jesus legen. In der byzantinischen Zeit wurde Thomas nur dargestellt im Zusammenhang mit der leibhaften Himmelfahrt der Gottesmutter. Maria liegt auf dem Sterbebett, umringt von allen Aposteln. Hinter ihr steht der verklärte Christus in einem mandelförmigen Lichtschein, der Mandorla. Im Arm hält er den Leib seiner Mutter, die wie ein Wickelkind dargestellt ist. Das ist die genaue Umkehrung der Gottesmutter mit dem Kind. Christus ist nun im Begriff, dem Leib seiner Mutter mit in das Himmelreich aufzunehmen. Einzig Thomas kniet gesondert von allen anderen vor dem Sterbebett. Zwei Engel schlagen ihm mit dem Schwert die erhobenen Hände ab.

Kimisis tis Theotokou

Kimisis tis Theotoku - Ikone aus der Kimisis - Kirche in Askleipiou bei Lachania

Dieses Mysterium der leibhaften Himmelfahrt Mariens kann man nicht mit Händen greifen, deshalb werden Thomas die Hände abgeschlagen. Dieses Mysterium, das die Möglichkeiten des Verstandes und jeder Erfahrung sprengt, kann man nur im Glauben verwirklichen, der ein „fest – für – wahr – Halten“ gegen jedes intellektuelle Begreifen ist. Es ist ein derart gegen den Intellekt gehendes Glauben, dass erst Pius der XII sich durchringen konnte, dieses Mysterium auch für die katholische Kirche als fest zu Glaubendes Dogma festschrieb. Und das übersteigt die Möglichkeiten eines Thomas, weil es jede Erfahrbarkeit übersteigt. Darum wurde allmählich jede Erinnerung an Thomas, der eine eigene Erfahrung forderte gelöscht.
Rhodos und besonders der abgelegene Süden war weitestgehend von den Diskussionen innerhalb der Orthodoxie, des „wahren Glaubens“ abgeschnitten. Zunächst saßen hier die katholischen Kreuzritter, die nicht an theologischen Problemen der Orthodoxie interessiert waren, später die Türken. So blieb die Erinnerung an einen einst bedeutenden Apostel bis heute erhalten.

Thomas ist ein griechisches Wort und bedeutet der „Zwilling“. Thomas galt als Zwillingsbruder Jesu. Upps? Waren das zwei in der Grippe? Hatte man das einfach immer übersehen? Warum gibt es keine Kindheitsgeschichten vom Zwillingsbruder? Hinzu kommt ein schwerwiegendes historisches Problem. Die Existenz von Jesus ist außerhalb biblischer Quellen nirgendwo nachweisbar. Nur in der Schrift über den „Jüdischen Krieg“ von Josephus Flavius findet sich eine einzige kurze Erwähnung. Josephus, zunächst ein Anhänger der Zelotischen Partei, die auf die unmittelbare Ankunft des Messias wartete, wenn man nur selbst anfangen würde, die Römer aus dem Land zu jagen. Aber die römische Kriegsmaschinerie war den aufständischen Zeloten weit überlegen und so versank allmählich das gesamte Land in Schutt und Asche. Josephus erkannte, dass der Widerstand das Land zerstören würde und wechselte auf die Römische Seite. Die Erwähnung von Jesus in seinem Werk kommt nur in einer einzigen Abschrift vor und wird allgemein für eine Fälschung gehalten.
Dagegen ist die Existenz von Thomas sehr gut belegt. Thomas lebte in seinen späteren Jahren nach Indien. Noch heute existieren in Goa die Thomaschristen, die auf seine Missionsarbeit zurückgehen.
Außerdem gibt es eine Menge hinduistischer Schriften, in denen Thomas mit indischen Swamis und Brahmanen diskutiert und immer die Oberhand behält. Seine Grundthese ist immer, dass es nicht darum geht, Dinge fest zu glauben, sondern eigene religiöse Erfahrungen zu machen. Das ist durchaus eine alttestamentliche Denkweise. Wenn im Prinzip jeder Mann und jede Frau jederzeit selbst die Stimme Gottes hören kann, dann braucht es keine Priester oder Stellvertreter Gottes, weil Gott selbst spricht.
Thomas bedeutet Zwilling, aber das ist ein griechisches Wort. Warum wird ein Jude mit einem griechischen Wort genannt?
In der Spätantike gab es die religiöse Bewegung der Gnosis. Die Grundlage des gnostischen Denkens bildet die Geschichte der Sohphia, der Weisheit. Es gibt nach gnostischer Auffassung zwei parallele Welten, die Welt des Lichtes und die der Finsternis. Die Lichtwelt ist erfüllt von körperlosen göttlichen Wesen, in der Welt der Finsternis herrscht die dunkle Materie. Sophia ist neugierig und schaut über den Rand der Lichtwelt hinunter in die Finsternis. Weil sie sich in ihrer Neugier zu weit vorbeugt, stürzt sie ab und reißt ganz viele Lichtfunken mit sich. Sie stürzen in die Welt der Finsternis und werden nun im Gefängnis eines Leibes fest gehalten. Manche Lichtfunken haben durch den Sturz vollständig die Erinnerung an die Lichtwelt verloren, andere sehnen sich zurück in ihre Heimat in die sie aber nur gelangen können, wenn sie nach langer Übung endlich den Leib ablegen können. Diese Lichtfunken sind wie Zwillinge der leibhaften Menschen, eben ein Thomas. Könnte es dann sein, dass Thomas niemand anderes ist, als der Zwilling von Jesus, bzw. der Lichtfunke im Leib von Jesus? Oder anders gesagt, Thomas ist Jesus, der, nachdem er wie auch immer die Kreuzigung überlebt hatte nach Indien ging und dort die ersten christlichen Gemeinden gründete.

Wie dem auch sein, der heilige Thomas steht für die Erfahrung, die man selbst machen soll. In den Kirchen hat sich die andere Richtung, in der es um das Glauben als fest für wahr halten durchgesetzt. Damit kann man besser Machtstrukturen aufbauen.
„Religiöse Erfahrung? Da könnte ja jeder kommen, so wie das Reserl von Konnersreuth!“ So das Wort, das ich einmal von einem Theologen gehört habe. Religiöse Erfahrung ist schon längst abgeschlossen. Man kann heute keine eigenen Erfahrungen machen, das würde die Einheit der Kirche stören. Die Erfahrungen aus der alten Zeit werden von den Theologen und letztlich dem Stellvertreter Christi ausgelegt. Nun weiß jeder, was er zu glauben hat.

Im Zen und den Zenkünsten geht es nicht um Glauben. Der einzige Glaube, der gefordert wird, ist das Vertrauen auf den Lehrer. Aber der spricht – wenn er ein echter Lehrer ist – nicht aus der Überlieferung, sondern aus der eigenen Erfahrung, die er auf seinen Weg vor mir gemacht hat. Darum ist er der Sen-Sei, derjenige, der ein wenig früher die Erfahrung gelebt hat. Der hier geforderte Glauben ist das Vertrauen, dass ich mich der Führung eines Erfahreneren anvertrauen, ihm glauben kann.

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