Abschied – Rilkes vierte Duineser Elegie

.. Wir kennen den Kontur des Fühlens nicht, nur was ihn formt von Außen.
Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang?
Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.
Leicht zu verstehen. Der bekannte Garten,
und schwankte leise …

Diese Verse schreibt Rilke in seiner vierten Duineser Elegie.

Das ganze Leben ist ein Abschied nehmen. Aber wir verabschieden uns nicht nur von geliebten Personen oder Weggeführten, die für eine Weile gehen, um dann bald oder auch später wieder zu kommen. Der Abschied, den Rilke hier meint geschieht in unserem Herzen und es ist ein endgültiger Abschied, es ist ein ständiges Abschiednehmen vom Alten und liebgewordenen, aber auch vom Verdorbenen und schal Gewordenen.

In der Hektik des Alltags bleibt uns unser Herz mit seinem Fühlen meistens verborgen wie durch einen Vorhang. Wenn wir zur Ruhe kommen, schlägt sich der Vorhang auf und wir schauen in unser Inneres. Diese Schau ist wie die Szenerie im Theater: wir sitzen und schauen zu, was dort auf der Bühne geschieht. Aber das Stück, was dort gespielt wird, ist unser eigenes Leben. Wenn der Vorhang unseres Herzens sich aufschlägt. schauen wir unsere eigenen Empfindungen und – erschrecken.

Wir kennen den Kontur des Fühlens nicht, nur was ihn formt von außen.

Rilke schreibt ‚den Kontur‘ und nicht ‚die Kontur‘. Er denkt die Kontur französisch, geprägt von seiner Zeit der engen Bindung an den Bildhauer Rodin, dessen Privatsekretär er eine Zeit lang war. In Wikipedia heißt es zu Kontur:

In der Bildhauerei ist die Betrachtung der Kontur ein wichtiger Aspekt bei der Analyse einer Skulptur. Wird diese in starkem Gegenlicht beobachtet, sieht man nur ihre Umriss. Die Grenzlinie der Silhouette und des Hintergrundes ist die Kontur dieser Skulptur. Nun lässt sich erkennen, ob sie Durchblicke besitzt. Verändert der Betrachter seine Position, verändert sich in der Regel auch die gesehene Kontur.

Wird die Skulptur im Gegenlicht betrachtet, erkennt man ‚den Kontur‘, den äußeren Rand, die plastische Ausformung der Skulptur bleibt aber verborgen. Und sogar der Kontur ändert sich je nach Stellung des Betrachters von Augenblick zu Augenblick.

Genauso ergeht es uns mit unserem Fühlen. Heute meine ich, mein Fühlen zu erkennen, aber die genaue innere Struktur bleibt mir weitestgehend verborgen. Morgen, bei geänderter Stimmung erscheint mir der Kontur meines Fühlens völlig anders. Manchmal genügt es schon, wenn sich ein trübes, nebliges Wetter auflöst und der Himmel heiter wird. Schon ist der Kontur meines Fühlen ein völlig anderer.

Wir sitzen „bang vor dem Vorhang unseres Herzens“, weil wir nicht wissen, was sich zeigt, wenn sich dieser Vorhang öffnet. Vielleicht suchen wir darum so oft Ablenkung und Zerstreuung, weil wir nicht mit dem konfrontiert werden wollen, was dieser Herzensvorhang verbirgt und weil wir uns davor fürchten, dass er sich aufschlägt?

Wir sind es nicht, die diesen Vorhang willentlich aufschlagen: „der (Vorhang) schlug sich auf“, ganz unversehens und von allein. Das geschieht meistens dann, wenn wir allein sind und ein wenig zur Ruhe kommen. Dann zeigt sich oft noch keine bestimmte und konkrete Sache, es erscheint ein Fühlen und Empfinden, das wir nur als Kontur erkennen. Es ist die Stimmung des Abschieds, die
„Szenerie des Abschieds“.

Die Szenerie ist noch nicht das Stück, das gespielt wird, es ist die Kulisse, der Hintergrund, vor dem das Stück unseres Lebens gespielt wird. Die gesamte Szenerie des Lebens ist dieser Abschied. Wir nehmen ständig und stets Abschied, Abschied von lieb gewordenen Personen, Umständen und Situationen und Gewohnheiten. In der ersten Elegie schreibt Rilke, daß die „findigen Tiere“ sehr wohl merken, „da? wir nicht sehr verlÃäßlich zu Hause sind in der gedeuteten Welt“.

„Es bleibt uns vielleicht … das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel und so blieb sie und ging nicht“

Die Gewohnheiten, auch wenn sie „verzogen“ sind, gewähren uns so etwas wie eine Beständigkeit und Sicherheit. Einer schlechten Partnerschaft oder einer quälenden Lebenssituation bleiben wir aus Gewohnheit treu, weil uns das immer noch besser scheint, als der Abschied. Wie oft werden an Neujahr feste Vorsätze gefaßt, sich von schlechten Gewohnheiten zu verabschieden, aber dann bleiben wir ihnen doch wieder treu, aus Angst vor dem Los – Lassen und Abschied Abschied und dem Neuen.

Die Szenerie des Abschieds ist eine urmenschliche Situation. In der Szenerie des Abschieds zeigt sich „der bekannte Garten“. Dies ist das Paradies, das wir immer schon verloren haben, noch bevor wir geboren wurden? Dennoch sehnen wir uns immer zurück in das nie da Gewesene. Aber wenn wir uns rückwärts wenden, finden wir immer nur den Engel mit dem Flammenschwert, der den Zugang zum Paradies verweigert.

Für Rilke zeigen uns die Toten das Los-Lassen, in dem sie Ewigkeit spüren:

Freilich ist es seltsam, …
kaum erlente Gebräuche nicht mehr zu üben,
…. seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen

Aber diese Totsein der Toten, „das so mühsam und voller Loslassen ist“ schenkt den Toten Unendlichkeit und das Offene.

Vielleicht können wir von Ihnen das Loslassen lernen und das Offene gewinnen?

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