Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir
Von all deiner Wonne; denn eben ist’s,
Dass ich gelauscht, wie, goldener Töne
Voll, der entzückende Götterjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt‘;
Es tönen rings die Wälder und Hügel nach,
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Dieses Gedicht Hölderlins hat mich schon sehr lange begleitet.

Einmal sind wir im frühen Frühjahr auf den Gletscher gestiegen. Der letzte Steilhang war für mich fast unüberwindlich geworden, weil die Luft fehlte. Mein Freund trug erste sein, dann mein Gepäck hinauf zur Hütte, die oben am Hang stand. Ich schleppte mich mit letzter Kraft den Hang hinauf und musste mich im Winterraum sofort auf die harte Matratze legen. Aber nach einiger Zeit hatte sich mein Körper an die Höhe aklimatisiert und alles wurde wunderbar leicht. Immer wieder fuhren wir den Stelhang mit unseren Ski hinunter und der Aufstieg ging von ganz allein, ohne jede Mühe. Die Sonne glühte und der Schnee reflektierte das fast gnadenlose Sonnenlicht. Alles war in strahlendem Weiß und in blendender Helle.

Plötzlich und fast ohne Übergang war die Dunkelheit angebrochen. Ich legte mich auf das Feldbett und las in einem Reclam Heft dieses Hölderlingedicht, das mich mit unmittelbarer Wucht traf.

„Es tönen rings die Wälder und Hügel nach“

Das milde Licht des Abends ist wie ein Echo auf das Lied des Sonnenjünglings voller goldener Töne und es verklärt mit seinem gold-roten und warmen Schein die Wälder, die langsam in Schweigen und Dunkelheit versinken. Ein Bild der Zärtlichkeit. Hölderlin sagt: Alles ist innig!

Wie ganz anders war das Licht auf dem Gletscher, hart und unvermittelt, ohne jede Zartheit. Und überhaupt nicht golden warm, sondern eiskalt und klar, so wie das gnadenlose Licht einer eiskalten Vernunft, das mit voller Kraft leuchtet und brennt, so sehr, dass man die Augen schützen muss.

Seit diesem Erlebnis liebe ich dieses Gedicht ganz besonders und es ergreift mich immer wieder beim Lesen.

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