Gruß nach Miyagi

Morgen werden wir im Flieger nach Japan sitzen, um genau rechtzeitig zur Kirschblüte in der alten Kaiserstadt Kyoto anzukommen.
Mit im Gepäck ist Geld, das Schüler aus der Grundschule hier im Ort für eine Schule in Miyagi gesammelt haben. Wir werden dieses Geld in Japan auf die Post geben und nach Miyagi als ein Zeichen des Mitgefühls für die Menschen im Tsunami Gebiet senden.
Wir hoffen, dass diese Spende die Herzen der Kinder dort erfreuen wird!

Spende für Miyagi

Ga te ga te! – Lasst uns hinübergehen!

Im „Gebet für Alles“ ist das Herz-Sūtra, japanisch das Hannya Shin gyō wiedergegeben.
Das Sutra endet mit den Worten:

GYA TEI GYA TEI HA RA GYA TEI HA RA SŌ GYA TEI
BO JI SO WA KA

Der Text des Sūtra ist auf chinesisch geschrieben und gesprochen. Auch in Japan spricht man den Text vollständig im japanischen Chinesisch. Die älteste Aufzeichnung des  Textes findet sich denn auch im Horyuji, einem der ältesten buddhistischen Tempel in der alten japanische Hauptstadt Nara, den wir bald besuchen werden. Dort ist der Sanskrit Text auf ein Palmblatt notiert.

गते गते पारगते पारसंगते बोधि स्वाहा
gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā

Das ist der Wortlaut eines alten indischen Mantra, das so ehrwürdig war, dass es niemals in eine andere Sprache übersetzt wurde. Alle chinesischen Übersetzungen lassen den klang der Worte unverändert in der Originalsprache stehen.  Frei in unsere Sprache übersetzt könnte das Mantra lauten:

Gegangen, gegangen, darüber hinaus gegangen, alle gemeinsam darüber hinaus gegangen – oh Erwachen, oh Heil!

Wohin gegangen? Über alle Begrenzungen und Illusionen hinaus gegangen in die Große Freiheit. In das Wissen und die Erfahrung, dass die kleinlichen alltäglichen Dinge, die uns in der Enge fest halten, letztlich bedeutungslos sind. Das einzige, was wirklich zählt ist die innere Freiheit und der Friede, den wir so finden, finden im Loslassen. Auch mitten in allen Wandlungen und im Leiden.

Aber das ist nur durch stetiges Üben, durch stetiges Häuten möglich.

gate gate pāragate pārasaṃgate bodhi svāhā

Häutungen!

Als Reaktion auf die letzten Beiträge hier im Blog habe ich etliche Zuschriften bekommen, die mich teilweise sehr betroffen machen. Darunter sind auch Nachrichten von weiteren schweren und schwersten Erkrankungen und Veränderungen. Dabei sollte doch eigentlich das Jahr der Schlange sehr positiv werden?

Drachenschlange gemalt von einem Roshi vom heiligen Berg Koya-San Japan

Drachenschlange
gemalt von einem Roshi
vom heiligen Berg Koya-San
Japan


Es ist jetzt das Jahr der Wasser – Schlange. Wasserschlangen gelten in China als sehr schwer zu durchschauen, weil sie, wie die echten Wasserschlangen auch, fast durchsichtig  und damit schwer zu erkennen sind. Auf der anderen Seite werden in der chinesischen Mythologie die Wasserschlangen, wenn sie alt genug sind, und sich oft genug gehäutet haben, zu Drachen. Und die Drachen sind himmlische Wesen.

Schlange-Charaktere häuten sich im übertragenen Sinne mehrfach in ihrem Leben. Die Schlange ist so tiefgründig, weil sie sich ständig mit existenziellen Dingen befasst, und sich durch Selbsterkenntnis immer wieder wandelt. Schlange-Charaktere sind ehrgeizig, klug und geschickt. Mit Zähigkeit und Ausdauer können sie jedes Ziel erreichen, allerdings brauchen sie oft eine Weile, bis sie wissen, auf welchem Gebiet sie arbeiten möchten. Das kann auch daran liegen, dass sie so vielseitig sind. Ihr ausgeprägtes Stilgefühl führt sie oft in die Modebranche oder in die Welt der Architektur und Ausstattung. Als Psychologen, Schriftsteller oder Ärzte nutzen sie ihr Einfühlungsvermögen und in der Wirtschaft stellen sie ihr ausgezeichnetes Organisationstalent unter Beweis. Ihr Selbstwertgefühl baut auf ihrem Erfolg auf, darum werden sie alles tun, um ihre Sache hervorragend zu machen! Damit sind sie eng verwand mit den Drachen, die sich nicht begnügen mit dem Mittelmaß. Der Drache duldet nur das Beste. Die Schlange unterscheidet sich vom Drachen lediglich dadurch. dass sie nicht hinauf zum Himmel fliegen kann. Sie wirkt lieber zunächst im Verborgenen.
Aber wenn sie sich dann endlich zum Drachen gehäutet hat, fliegt sie dort hin, wohin sie gehört: Ganz nach oben in den Himmel.

Offenbar ist jetzt eine Zeit der Häutungen, in der die Schlange nach ihrem wirklichen Wesen sucht. Jedenfalls lässt die Vielzahl der Meldungen, die hier eintreffen vermuten, dass  es eine Zeit des Durchganges und des Wandels ist. Hoffen wir, dass die Wandlungen zur Selbsterkenntnis führen. Aber leider werden wohl einige der Häutungen der Durchgang in  die endgültige Verwandlung sein. Das ist dann für diejenigen, die zurückbleiben sehr schmerzhaft. Aber auch das ist eine Häutung!

Schlangen wachsen ihr ganzes Leben lang. Weil die Haut nicht erneuert wird, ist es ihnen bald viel zu eng in ihrer Haut, und die alte wird abgestreift. Solche Häutungen gehen in aller Regel nicht gerade schmerzlos vor sich. Schlangen werden unruhig, weil die Haut zu eng geworden ist. Nach der Häutung sind sie unsicher, weil die neue Haut noch nicht so richtig schützt.

Kennen wird das nicht alle? Eines Tages ist uns die Haut, in der wir uns bisher wohl gefühlt haben, viel zu eng. Aber es tut weh, sich vom Gewohnten zu trennen, und in eine neue Haut zu schlüpfen. Es kann auch eine große Angst vor der Veränderung entstehen. Aber wenn wir uns weigern, in die neue Haut zu schlüpfen, werden wir eines Tages an der alten ersticken. Sie bietet keinen Raum mehr zum Atmen.
Anfangs ist die Schlange in ihrer Haut noch sehr verletzlich und sie zieht sich in Schlupflöcher zurück. Auch für uns ist es ungewohnt in der neuen Haut. Wir sind unsicher und haben Angst vor Verletzungen. Aber irgend wann werden wir merken, dass wir nun endlich wieder frei atmen können! – Bis zur nächsten Häutung!

Die Häutung, die sich in unserem Leben vollziehen, sind schmerzhaft und bereitet Angst. Aber sie sind ein Zeichen, dass wir wachsen und nicht stagnieren. Wenn wir aufhören zu wachsen, kann nur noch die völlige Erstarrung eintreten. Wer kennt nicht Menschen, die in völliger Erstarrung verharren und eigentlich schon mitten im Leben tot sind?

Der Wandel und die Häutung hat nur ein Ziel: Letztendlich werden wir zu dem Drachen, der schon seit unserer Geburt in uns wohnt. Er war nur noch nicht erwachsen!
Das ist ein schmerzhafter, aber immer wieder auch beglückender Prozess!
Denn Drachen sind auch nur eine Art von Schlangen: Sie wachsen weiter und weiter und häuten sich immer wieder!

Gebet für alle.


MAKA HANNYA HARAMITA SHINGYO

KAN JI ZAI BO SATSU GYŌ JIN HAN NYA HA RA MI TA
JI SHŌ KEN GO UN KAI KŪ DO IS SAI KU YAKU
SHA RI SHI
SHIKI FU I KŪ KŪ FU I SHIKI
SHIKI SOKU ZE KŪ KŪ SOKU ZE SHIKI
JU SO GYŌ SHIKI YAKU FU NYO ZE
SHA RI SHI
ZE SHO HŌ KŪ SŌ FU SHŌ FU METSU FU KU
FU JŌ FU ZŌ FU GEN
ZE KO KŪ CHŪ MU SHIKI MU JU SŌ GYŌ SHIKI
MU GEN NI BI ZE SHIN I MU SHIKI SHŌ KŌ MI SOKU HŌ
MU GEN KAI NAI SHI MU I SHIKI KAI
MU MU MYŌ YAKU MU MU MYŌ JIN
NAI SHI MU RŌ SHI YAKU MU RŌ SHI JIN
MU KU SHŪ METSU DŌ MU CHI YAKU MU TOKU
I MU SHO TO(KU) KO
BO DAI SA TA E HAN NYA HA RA MI TA KO
SHIN MU KEI GE MU KEI GE KO
MU U KŪ FU ON RI IS SAI TEN TŌ MU SO
KŪ GYŌ NE HAN SAN ZE SHO BUTSU E HAN NYA HA RA MI TA
KO TOKU A NOKU TA RA SAN MYAKU SAN BO DAI
KO CHI HAN NYA HA RA MI TA
ZE DAI JIN SHU ZE DAI MYŌ SHU
ZE MU JŌ SHU ZE MU TŌ DŌ SHU NŌ JO IS SAI KU
SHIN JITSU FU KO KO SETSU
HAN NYA HA RA MI TA SHU SOKU SE(TSU) SHU WATSU
GYA TEI GYA TEI HA RA GYA TEI HARA SŌ GYA TEI
BO JI SO WA KA

HAN NYA SHIN GYO

Gesang und Trauer

Im Kapitel „Der große Ahn und Meister“ des chinesischen Philosophen Zhuangzi heißt es:

Der Wahre Mensch des Altertums kannte weder die Liebe zum Leben noch die Angst vorm Tod; er freute sich nicht, hervorzutreten, er widersetzte sich nicht der Rückkehr. Er vergaß nicht seinen Ursprung, er versuchte nicht zu wissen, was sein Ende sein würde.

Der „Wahre Mensch“ ist ein Mensch, der in Übereinstimmung mit Himmel und Erde und so auch mit sich selbst lebte. Das verhindert aber nicht, daß auch er Schicksalsschläge erleidet, wie jeder andere Mensch auch. Man kann ein Leben im Einklang mit der Natur und dem Kosmos führen, dennoch gibt kriegerische Ereignisse, Erdbeben und Tsunami, persönliche Schicksale oder unverschuldete Unfälle. Manchmal verändert ein einziger Tag das gesamte Leben. Heute noch ist man gesund, morgen schon ist die Diagnose: Krebs!
Man feiert gemeinsam im vertrauten Kreis einen Geburtstag – und plötzlich ist alles anders.

Es ist vielleicht nur die Art, wie ‚der wahre Mensch‘ mit diesem Schicksal umgeht, was ihn von anderen unterscheidet. Lesen wir die Geschichte aus dem Zhuanzi:

Meister Kutsche und Meister Maulbeerbaum waren Freunde. Als es einst zehn Tage ohne Unterbrechung geregnet hatte, dachte Meister Kutsche bei sich: „Ich fürchte, Meister Maulbeerbaum könnte in Schwierigkeiten sein!“ Er wickelte einige Nahrungsmittel in ein Tuch ein und ging, ihm etwas zu Essen zu bringen.

Beide sind Meister, aber sie wissen um Not und Unglück, das jeden von uns unvermittelt und unverschuldet ereilen kann. Völlig selbstverständlich eilt Meister Kutsche zu Hilfe, aber als er bei der Hütte seines Freundes anlangt, ist er überrascht. Sicher hatte er einen völlig verzweifelten und um Hilfe rufenden Freund erwartet, aber der singt und spielt die Zither!

Als er an Meister Maulbeerbaums Tür angelangt war, hörte er, wie die Zither angeschlagen und ein Klagelied angestimmt wurde, ein Mittelding zwischen Klagen und Weinen:

    War es Vater?
War es Mutter?
Der Himmel?
Die Erde?

Die Stimme war nahe daran, zu brechen und die Verse wurden hastig vorgebracht.

Ja hat denn ein Meister in einer solchen Situation nichts besseres zu tun, als zu singen und die Zither zu spielen?
Das Lied, das gesungen wird, ist ein Klagelied und besteht aus einer Reihe von Fragen. Wer war es, der ihn in ein solches Unglück gebracht hat, wer ist Schuld an seinem schlimmen Schicksal: Vater, Mutter, der Himmel oder die Erde?

Wenn wir wissen, wer unser Unglück verschuldet, geht es uns schon ein ganzes Stück besser. Wir können die Verantwortung abschieben und meinen, schon dadurch Erleichterung zu finden.

Aber Meister Maulbeerbaum bleibt nicht bei Schuldzuweisungen und bei der Klage um sein schlimmes Schicksal. Auf die Fragen von Meister Kutsche antwortet er:

Ich denke darüber nach, wer mich in eine solche schlimme Lage gebracht haben könnte, finde aber keine Antwort. Gewiß hätten mein Vater und meine Mutter nicht gewollt, daß ich in solcher Armut ende. Und der Himmel zieht unter denen, die er bedeckt, niemanden vor, ebenso wie die Erde unter denen die sie trägt niemanden vorzieht.

So war es vielleicht nur das Schicksal, das mich in diese Lage brachte.

Es hat keinen Sinn, mit dem Schicksal zu hadern. Es gibt zwar Situationen, die wir selbst verschuldet haben, manchmal aber ist es das Schicksal, das uns schlägt. Wer oder was ist das Schicksal? Es ist oft nicht bestimmbar, es geschieht einfach so, ganz von selbst.
Wer hat den Tsunami verschuldet? Das Erdbeben. Wer hat das Erdbeben verschuldet? Eine tektonische Verschiebung. Aber warum geschieht es gerade jetzt und gerade hier? Warum bin gerade ich von den Ereignissen betroffen?

Der Tsunami hat nicht nur ganze Landstriche verwüstet. Auch viele Menschen bei uns sind so sehr davon betroffen gewesen, dass sich ihr Leben schlagartig geändert hat. Wir haben hier im persönlichen Schicksal von vielen Menschen Wandlungen und Katastrophen erlebt, die das Leben total verändert haben. Warum? Geschieht alles von sich aus, ohne dass es jemand bestimmtes verschuldet hat?

Das soll aber nun nicht heißen, dass einfach alles Schicksal ist.
Atomkraftwerke in Erdbeben- und Tsunami-gefährdeten Gebieten zu bauen, und einfach zu sagen, es war Schicksal, wenn etwas passiert, zeugt nicht von großer Weisheit. Die Menschen, die das zu verantworten haben sind keine ‚wahren Menschen‘, es sind gedankenlose und unverantwortliche Dummköpfe. Aber so sind wir Menschen. Solange alles ‚gut geht‘, weigern wir uns, nachzudenken.

Ich wünsche Allen, die von solchen katastrophalen Veränderungen betroffen worden sind viel Kraft und Glück im künftigen Leben.
Und dass sie aufwachen aus dem Traum, das Leben sei in irgend einer Weise durch unser Tun absolut sicher zu machen.
Was nicht heißt, dass wir blind und dumm mit geschlossenen Augen in vorhersehbares Schicksal laufen. Etwa indem wir AKW in Erdbebengebiete bauen.