Mevlana, die Derwische und der Tee

Sema Zeremonie

Gerade habe ich im Fernsehen einen Film gesehen mit dem Thema „Eins werden mit Gott“.
Am Schluss des Films wurden Mevlevi Derwische gezeigt, die in der Schweiz eine Sema Zeremonie durchgeführt haben.
Die Derwische tragen schwarze Übermäntel als Zeichen, dass sie lebendig begraben sind und einen hohen Hut als Symbol des Grabsteines.

Sind wir nicht oft mitten im Getriebe des Alltag wie tot? Nur noch Hektik und stumpsinniges Hasten. Leben wir überhaupt?
Herbert Achternbusch fragte einmal: „Gibt es ein Leben vor dem Tode?“ Und in der Geschichte von Iwan Illitsch, die Tolstoi erzählt hat, beginnt Iwan tagelang zu schreien, als er merkt, dass er so krank ist, dass er bald sterben muss. „Ich kann nicht sterben, weil ich überhaupt noch nicht gelebt habe!“

Wenn der Scheich oder Sheikh der Mevlevi die Tänzer gesegnet hat, ist es, als erwachten sie zum Leben. Dann legen sie die schwarzen Übermäntel ab und beginnen sichin ihren langen weißen Gewändern  zur Musik der Längsflöte Nay zu drehen.
Dabei wehen die weiten Gewänder wie ein Kreisel um sie herum. Jetzt erst leben sie. Eina Hand weist zum Himmel, um sichmit dem Himmel zu verbinden, eine zum Boden, um die Segnung des Himmels an die Erde weiter zu geben.

Die Reporterin fragte den Schweizer Scheih, ob sich die Tänzer in Trance befänden, aber der verneinte das. Sie sind voll bewußt und wach, aber indem sie ihre Körper drehen, kommen sie in ihre Mitte und in ihr Herz. Sie vergessen alles um sie herum einschließlich aller Probleme und Nöte. Der Körper ist ein notweniges Hilfsmittel, um den Geist zu zentrieren.

„Diese Augenblicke des vollen Wach-Seins sind das Einzige, was einmal von uns erhalten bleiben wird, weil wir nur dann wirklich leben. Viele Kinobesuche oder andere „Erlebnisse“ werden verschwinden und wir werden sie vergessen, aber diese Augenblicke niemals.“

Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine
Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Größe der Tat,
die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch, recht gelebt,
macht jedes Gestern
zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen
zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

Dschelal ed-Din Rumi, (1207 – 1273),
auch Mevlana Dschelaluddin Rumi, persischer Mystiker und Dichter,
Begründer des Sufismus, stiftete den Derwischorden der Mewlewije

Natürlich, so sagte der Schweizer Scheich, benötigt man lange Übung, denn Anfangs wird man schwindlig.
„Aber je mehr es uns gelingt, in unserem Herzen zentriert zu sein, deste weniger schwindelt uns.“

Geht es uns auf dem Teeweg nicht ähnlich?
Uns wird zwar nicht schwindlig vom Drehen, aber doch wohl von den vielen Regeln, die gar keine Regeln sind.
Denn wenn man tiefer in den Teeweg eindringt, erkennt man, dass es ganz einfache Bewegungen sind, die vollkommen natürlich sind: Einfach nur Wasser holen, Feuer anzünden, Tee schlagen und trinken.  Aber das wichtigste dabei ist es, dass wir die ganz einfachen Dinge des täglichen Lebens mit voller Wachheit und größter Achsamkeit vollziehen. Dann sind wir ganz im Augenblich, dann leben wir.
Vor ein paar Tagen habe ich einer Schülerin, die sich sehr mit der Zeremonie geplagt hat eine Schale Tee zubereitet. „Das ist ja ganz einfach!“ sagte sie.

Ja, ganz einfach!
Schwer schwer!

Und eigentlich kenne ich den Zustand der tanzenden Derwische vom Tee: Eins werden mit dem Tee, dem Gast und der ganzen Welt.
Das ist keine Mystik, ganz einfach nur vollkommen wach und zentriert im Herzen sein!
Und das bei ganz alltägliche Handlungen wie Geschirr reinigen, Wasser erhitzen …

In meinen Händen halte ich eine Schale Tee. Seine grüne Farbe ist ein Spiegel der Natur, die uns umgibt. Ich schließe die Augen, und tief in mir finde ich die grünen Berge und das klare Wasser der Quellen. Ich sitze allein, werde still und fühle, wie all dies ein Teil von mir wird. …
Was ist das Wundervollste für Menschen, die dem Teeweg folgen? Das Gefühl der Einheit von Gast und Gastgeber, geschaffen durch die Begegnung von Herz zu Herz und das Teilen einer Schale Tee.

Genshitsu Sen
XV. Großmeister der Urasenke

Ganz einfach!
Schwer schwer!

Laß den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln,
auf daß die Erde zum Himmel werden möge.

Mevlana Dschelaluddin Rumi

Neuer Teeschüler im Myoshin-an

Seit ein paar Tagen lebt ein neuer Teeschüler hier im Myoshinan.
Er ist sehr intelligent und lernt sehr schnell, wenn er auch noch sehr viel schläft.
Aber Tee zu lernen und all die anderen Künste, ist ja auch ganz schön ermüdend, vor allem, wenn man noch so jung ist.

Der Kleine ist ein Havaneser, eine Hunderasse, die in Kuba – nicht nur in Havanna – gezüchtet worden ist. Vermutlich haben die Spanier Hunde dieser Rasse im 17. Jhdt. nach Kuba gebracht. Weil sie so liebenswürdig waren – die Hunde, nicht die Spanier – haben sie die Herzen der Menschen, vor allem die der Damen erobert. Aber die Kleinen Kerle sind so tapfer, dass sie in Kuba sogar als Hütehunde gehalten wurden. Erst Fidel Catro fand, dass sie typisch bourgeois seien, so wurde die Rasse in Kuba ausgerottet. Aber in Amerika haben doch etliche dieser lieben Hunde überlebt und nun sind sie auch wieder nach Europa zurück gekommen.

Intelligent und liebenswürdig sind sie schon! Ganz liebe, tapfere Kerle.
Von der Züchterin hatte der Kleine den Namen Carlo mitbekommen, aber schließlich lebt er hier in einem japanischen Teehaus. Also braucht er auch einen japanischen Namen – einen Tee-Namen! Und was passt besser für so einen Kleinen Kerl als Kintaro? Kintaro war schon als Kind so stark und tapfer, dass er mit einem Bären gekämpft hat und riesige Bäume ausriss. Seine Mutter hatte ihm ein Leibchen gemacht mit dem Schriftzeichen KIN 金 für Gold. Und Taro heißen alle tapferen Knaben in Japan, so z.B. auch der Momo-Taro, der Knabe aus dem Pfirsich. Wäre auch ein schöner Name, denn winzig klein ist er ja der Kin.

Kintaro

Die ganze Geschichte von Kintaro kann man in dem Buch vom Donnergott nachlesen.
Zum Buch: Buch Donnergott
Die Wirtin beim Chinesen unten im Ort meinte: „Der sieht ja aus wie ein Panda!
Das stimmt schon, eine gewisse Ähnlichkeit ist unverkennbar:

Der Panda Bär Fu Long aus Schönbrunn

Das ist der kleine Panda Fu Long aus Schönbrunn. Fu Long wäre auch ein schöner Name: Glücks-Drache, wo doch jetzt das Drachenjahr ist und wir wie die Wilden an der Vorbereitung der Drachenausstellung arbeiten.
Aber ein japanisches Teehaus kann keinen Hund mit einem chinesischen Namen haben. Wo kämen wir denn da hin!
Also bleibt es bei Kintaro!
Schauen wir mal, wie sich Kintaro als Teehund entwickelt!

Ps: Er hört übrigends auch auf Kin, auf Taro und auf Carlo. Ist eben ein schlaues Kerlchen!
Tee schlagen kann er noch nicht, aber er schaut gern zu!
Und er liebt die Shakuhachi!

Was hat Thomas Mann einmal geschrieben?

„Ein Leben ohne Hund ist möglich – aber ein Irrtum!“

Benedikt, Tee und Hannya Shingyo

Mit Benedikt meine ich jetzt nicht den Benedikt aus Marktl in Bayer, sondern eher den aus Nursia in Italien.
Immerhin hat der uns schon in der Vergangenheit immer mal wieder in einem seiner Klöster Unterschlupf gewährt für Seminare im Teeweg, auch schon in der Nähe von Subiacco, wo er lange Zeit als Einsiedlermönch in einer Höhle gelebt hatte. Zwar nicht ganz persönlich, aber doch in einem der Klöster, denen er seinen Namen und seine Regeln gegeben hat.

Auch dieses mal waren wir wieder beim Benedikt, allerdings im Benediktushof, den Pater Williges Jäger gegründet hat und in dem Zen, Kontemplation und andere Dinge geübt werden. Wir hatten für unser Teeseminar einen schönen Raum mit einer alten Holzsäule in der Mitte. Dort haben wir Tee, Zenmeditation, Rezitationen und sogar ein wenig Shakuhachi geübt.
Viele von den Teilnehmern waren Anfänger, aber eine Teilnehmerin hatte schon früher einmal Seminare bei Michiko Nojiri mitgemacht.
Wir sind uns sogar einmal ganz zufällig in der alten japanischen Hauptstadt Nara begegnet, wo wir in einem „Recycleshop“ herumgestöbert haben, wo es unglaublich billige – aber auch sehr teure – Teegeräte gab.
Wir haben früh morgends mit der Zen Meditation begonnen und dann den ganzen Tag Tee geübt. Das geht anfangs immer noch sehr gut, aber langsam tun dann doch allen die Beine weh. Darum haben wir am Abend Das Hannya Shin Gyo, das Herz-Sutra so geübt, wie man es im Eheiji Tempel, dem Stammsitz von Zenmeister Dōgen tut: rezitiert wird im Gehen, indem man ganz langsam Muster auf dem Boden geht und dabei in einer Art Obertongesang das Sutra singt.

Das tut erstens einmal sehr gut, weil man den Blutkreislauf wieder in Bewegung bringt und weil die Schwingungen des Gesanges bzw. der Rezitation den Atem und den Brustkorp, ach nein, den ganzen Körper wieder lockert.
Scheinabr waren wir nicht schlecht in der Rezitation, denn wie sich später herausgestellt hat, kaem immer wieder Leute und haben draussen and der Tür gelauscht. Wenn wir das gewusst hätten, dann hätten wir doch glatt Eintritt verlangen können.

Es ist immer wieder erstanulich, dass nach knapp fünf Tagen auch die Anfänger in der Lage sind, eine Teezeremonie durchzuführen. Sicher ist manchmal noch etwas Hilfe nötig, aber immerhin!

Vielleicht war das ja für manchen eine Anregung, in den hektischen Zeiten, in denen wir leben, hin und wieder eine Auszeit zu nehmen, zu entschleunigen und wieder in die Stille zu finden.
Es muss ja nicht immer der heilige Benedikt der Gastgeber sein.

Heilsam ist das allemal!