Bohnensuppe und Poesie

Am Samstag werden wir wieder einmal ein Chaji – eine komplette Tee-Einladung – durchführen. Die Planung läuft nun schon seit vielen Wochen. Die Gäste sind geladen und haben zugesagt. Es wird wieder einmal recht „international“ zugehen. Besucher aus Damaskus – derzeit  Frankfurt, Heidelberg und Gräfenberg werden als Gäste anwesend sein, der „Gastgeber“, also in diesem Fall der, der das Essen serviert, die Holzkohle legt und den Koicha und den Usucha zubereitet,  kommt aus Würzburg und der arme Helfer, der aber immerhin in der Küche alles probieren darf, bin mal wieder ich. Lehrerschicksal!

Am Freitag müssen wir mit den Vorbereitungen beginnen, am Samstag heißt es dann früh aufstehen, dass mittags um 1 Uhr, wenn die Gäste kommen alles fertig ist. Der Gast aus Heidelberg hat sich inzwischen als Spezialist für japanische Süßigkeiten entwickelt. Mal sehen, was er sich ausgedacht und zubereitet hat. Sein Thema jedenfalls ist vorgegeben.
Als Thema des Chaji hat unser Gastgeber ein Gedicht von Hanshan ausgewählt und mir dazu einen wunderschönen Brief – nein, heute schreibt man emails – geschickt:

als ich gestern Nacht bei verglimmender Kohle saß, von einem träumerisch feinen Neriko Duft umhüllt, ein Nachklingen des Koicha auf dem Gaumen, kreisten meine Gedanken um das offene Feld von drei Gedichten von Hanshan und Saigyo.

Grüner Wildbach- Klar der Quelle Wasser
Kalter Berg- Weiß des Mondes Hof
Schweigende Erkenntnis, der Geist von selbst erleuchtet
Die Leere schauend, geht Wahn in Stille über

Tightly held by rocks
through winter, the ice today
begins to come undone.
a way-seeker also is the water, melting, murmuring from the moss

On a snowfall

Under the pines,
a color like the sky
when snow falls,
the rest of the mountain trail
one swath of white cloth

Schöne Gedichte und ein wundervollers Thema für ein Winterchaji! So meditierend bereitet man sich wahrlich ehrfürchtig auf ein Chaji vor! Nun steht die Planung für das Essen an. Unser Gastgeber hatte die strikte Vorgabe gemacht, ein astrein vegetarisches Essen zu servieren. Na, wird schon gehen.
Das Essen ist nach strengen Regeln aufgebaut. Es gibt Reis, Misosuppe ung Mukozuke, gesäuerte Sachen wie sauer eingelegtes Gemüse. Der Höhepunkt ist der Nimonowan, die Schale mit in Flüssigkeit Gekochtem. Das ist keine Suppe, sondern Gekochtes, das in einer heißen Brühe serviert wird, damit es länger heiß bliebt (- also doch eine Suppe).
Beim Nimonowan zeigt der Gastgeber sein ganzes Können und seine Phantasie bei der Dekoration und Anordnung der Speisen in der Schale. Vielleicht ist sogar die Anordnung und Auswahl der Speisen ganz poetisch. Aber das Problem ist ja, dass in der japanischen Küche die Suppengrundlage ein Dashi ist und das wird mit Flocken von getrocknetem Blaufisch bereitet. Geht also nicht! Unser Gastgeber hat darum vorgschlagen, eine Bohnensuppe mit Thymian zu machen!
Ich esse für mein Leben gern Bohnensuppe. Bohnensuppe wärmt schön im Winter und macht richtig satt. Wenn ich beim Griechen bin, bestelle ich mir immer eine Bohnensuppe, weil die Griechen rechte Meister der Bohnensuppe sind. Aber ein Kaiseki soll nicht nur den Bauch füllen, sondern in sechsfachem Sinne satt machen. Satt heißt aber nicht, dass nur der Bauch gefüllt ist. Laut Buddha gibt es einen sechsfachen Hunger (oder wie es genauer heißt Durst).  Den Durst zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, zu hören und zu sehen. Der sechste Durst ist der Durst zu wissen.

Alle diese Arten des Hungers oder Durstes sollten bei einem Chaji befriedigt werden. Tut das Bohnensuppe? Ich weiß nicht.

Ein Essen sollte die fünf Farben (blau oder grün, rot oder orange, gelb oder braun,  weiß oder silber-gold, schwarz oder dunkelblau), die fünf Geschmäcker (sauer, bitter, süß, scharf, salzig), und die fünf Gerüche haben. In Japan kennt man noch einen weiteren Geschmack, das umami. Umami ist ein runder weicher Geschmack, der wie eine Perle am Gaumen liegt. Typischerweise hat eine gute Suppe aus Dashi diesen Umami.

Bohnensuppe kann sicherlich, wenn sie gut gemacht ist ein schönes Umami haben und sehr delikat sein, entspricht sie aber den anderen Geschmäckern, Farben, Gerüchen und Formen? Natürlich muss nicht jeder Bestandteil eines gut komponierten Essens alle Arten des sechsfachen Hungers stillen, das tut dann eben das Essen in seiner Gesamtheit. Dazu sollte sich aber kein Bestandteil zu sehr in den Vordergrund spielen. Damit erschlägt er dann alle anderen.

Heute war ich in unserem China – Japanladen in Erlangen. Dort haben mich einige Sachen angelacht.
Da lagen z.B. frische gekochte Bambussprossen. Ui, die schauen aus wie ein kalter Berg! Weißlich und spitz windet sich ein Kegel mit vielen kleinen Stufen nach oben, man muss nur die Wurzel umdrehen und als Berg drapieren, schon haben wir einen kalten Berg. Grünes Wasser? Da lag frischer Wasserspinat aus Thailand. Da kann man doch ein paar Streifen schneiden, kurz blanchieren und schon kann man ihn wie fließendes grünes Wasser über den kalten Berg legen. Fehlt noch der Mond mit Hof. Da kochen wir eine Scheibe Lotoswurzel in Wasser weich. Die sieht dann aus wie ein Mond mit seinen Mondflecken. Darüber kommt ein von der Größe passender in Würzflüssigkeit gekochter Shiitake Pilz, der den „Mond“ teilweise verdeckt. Schließlich haben wir keinen Vollmond mehr. Die Pinien kriegen wir, wenn wir von Zuchini vorsichtig ein Stück Schale abschneiden und wie Pinien – oder Kiefernnadel einschneiden. Das Ganze wird in einer delikat abgeschmeckten Gemüsebrühe, die ein gutes Umami haben sollte in einer schwarzen Lackschale serviert. Die Lackschale sieht aus wie der Nachthimmel, an dem dann unser Gedicht wie ein Bild erscheint. Nun können die Gäste fröhlich assoziieren und damit nicht nur das Sehen, das Tasten, das Schmecken und Riechen befriedigen, sondern auch den Durst zu wissen.

Schaun wir mal, ob sie die Anspielungen verstehen werden.

Wenn nicht, so haben sie eine delikate Suppe mit Gemüse Einlagen gegessen.

Die Bohnen kommen dann auch noch zu ihrer Ehre. Im Chinaladen gab es Edamame, eine besondere Sorte Sojabohnen in der Schote, die Japaner unheimlich gern zum Sake essen. Den Abschluß eines Kaiseki bildet ohnehin ein Gericht Namens Hassun. Hassun sind acht Sun, ein Grundmass der japanischen Architektur. Die Tatami, auf denen wir sitzen sind aus Reisstroh gewebt. Der Abstand der Kettfäden beträgt ein Me, zwei Me sind 1 Sun, 1 sun sind also 16 Me. Genau diese Größe im Quadrat hat das Tablett, auf dem dieses Gericht serviert wird – eine typische Untertreibung wie sie im Zen üblich sind. Auf dem Hassun liegen Umimono – Sachen aus dem Meer und Yamamono, Sachen vom Berg. Meer und Berge, das ist die gesamte Landschaft Japans. Wir sollen daran erinnert werden, dass Meer und Berg bzw. Land unsere Nahrung hervorbringen.

Als Umimono werden wir einen Salat aus Seetang servieren, als Yamamono eben unsere Edamame. Das passt hervorragend, denn zum Hassun wird immer Sake serviert. Macht nichts, wenn dann die Gäste und der Gastgeber etwas Sake trinken – im Anschluß an das Essen wird es so ernst, wenn der Gastgeber in völliger Stille und vollem Ernst den Koicha serviert. Der Sake vorher bricht dann doch ein wenig das allzu Strenge.

Ich bin schon gespannt, wie dieses Kaiseki bei den Gästen ankommen wird.

Zum Jahr des Ochsen: Arbeit am Amazonas

Vor vielleicht 20 Jahren ist ein damals recht beachtetes Buch einer amerikanischen Anthropologin, deren Namen ich leider vergessen habe erschienen. Sie hielt sich zu Sprachstudien bei einem Indianerstamm am Amazonas auf, als sie verdutzt bemerkte, dass die Indianer kein Wort für „Arbeit“ in ihrer Sprache hatten.

Sie beobachtete, dass die Frauen jeden Tag einen mühevollen und gefährlichen Weg zu einer Quelle mit klarem, frischen Wasser zurücklegen mußten. Dabei balanzierten sie einen Wasserbehälter auf dem Kopf und stiegen den steilen und glitschigen Pfad zur Quelle herunter und wieder herauf. Oft geschah es, dass sie ausrutschen und ganz viel Wasser verschütteten, das sie vorher mühevoll geholt hatten. Dieses Mißgeschick wurde aber immer mit großem Gelächter quittiert.
Die Anthropologin schlug vor, Fördergelder zu organisieren, damit man Pumpen kaufen und eine Wasserleitung installieren konnte. Damit wäre dann das Problem der mühevollen und gefährlichen Wasserbeschaffung endlich gelöst.

Aber zu ihrer Verwunderung lehnten die Indianer – und vor allem die betroffenen Frauen entsetzt ab. Wenn man eine solche Wasserleitung installieren würde, dann wäre eines ihrer täglichen Vergnügungen verschwunden und das Leben wäre um einiges langweiliger.

Wie schön war es, jeden Tag den steilen Pfad zu meistern und seine Geschicklichkeit immer wieder neu zu bestätigen und zu genießen. Außerdem war es so wundervoll, gemeinsam zur Quelle zu gehen, dabei zu schwatzen, die neuesten Gerüchte auszutauschen, zu singen, zu lachen und auch zu tanzen. All das würde wegfallen.

Auch bei uns war früher der Besuch am Dorfbrunnen keine Arbeit. Der Dorfbrunnen war das Zentrum und die Nachrichtenzentrale des Dorfes. Abends traf man sich oft am Brunnen – am Brunnen vor dem Tore – um zu schwatzen und zu singen und zu tanzen. Heute ist unser Leben durch die Wasserleitung um einiges einfacher geworden. Aber wir erfahren nicht mehr, welch kostbare Gabe der Erde und des Himmels das Wasser ist. Zenmeister  Dôgen nennt gar das „Wasser holen“ eine „übernatürliche Kraft“. Unser Leben ist einfacher aber doch vielleicht ärmer an Erfahrungen geworden.
Was also ist „Arbeit“!? Vermutlich haben die Amazonas – Indianerinnen deshalb kein Wort für Arbeit, weil sie die Sache an sich überhaupt nicht kennen. Es ist keine Arbeit, Wasser zu holen, es ist ein Vergnügen und ein Teil des Lebens.

Für einen Künstler ist es auch keine Arbeit, wenn er an seinem Wunstwerk wirkt. Doch – manchmal ist es ene rechte Plage und ein Kampf, und am Ende ist man Müde vom Werken. Aber wenn man den Kampf um das Werk gewonnen hat, steht es in seiner vollen Schönheit da und bestätigt die Mühe des Künstlers auf seinem Weg.

Ist moderne Arbeit vielleicht deshalb so schlimm, weil sie in einer entfremdeten Welt geschieht? Weil Menschen die sich selbst fremd sind und ihre Entfremdung auf die Anderen übertragen andere zur Arbeit – was? anleiten, oder doch eher zwingen?

Arbeit ist etwas vielleicht nur dann, wenn wir ständig denken, dass wir keine Lust zu dem haben, was wir tun müssen und dass wir unsere Zeit eigentlich für etwas besseres nutzen sollten. Wenn wir ganz und gar bei der Sache sind, bei der Sache, die wir gerade tun – sei sie mühevoll und schwierig oder sei sie freudig und leicht – dann ist Arbeit keine Arbeit. Dann ist unser Tun der Weg zu uns Selbst!

Zum Jahr des Ochsen: Arbeit in Japan

In Japan gibt es mehrere Worte für „Arbeit“.

  • Arubaito – アルバイト

  • Shigoto      – 仕事

  • Karo            – 過労

Arubaito ist ein Fremdwort, das aus der deutschen Sprache übernommen wurde.
Eigentlich bezeichnet arubaito nicht die Arbeit, die jemand als seine Lebensarbeit verrichtet, es ist der Job, den die Studenten machen, um ein wenig Geld zu verdienen.

Die Arbeit, die jemand verrichtet und die seine Lebensarbeit ist, wird Shigoto genannt. Das Schriftzeichen setzt sich aus zwei chinesischen Zeichen zusammen:  仕 shi –  tun, dienen und 事 koto – Sache, Angelegenheit. Das Zeichen Shi wiederum besteht aus dem Zeichen für Mensch und dem für Samurai. Das Tun ist ein Dienen, so wie es die Samurai ihr ganzes Leben lang tun. Ein Samurai, der seinen Herrn verloren hat, dem er gedient hat, hat seinen Ort in der Gesellschaft verloren. Ursprünglich haben sich diese Samurai dann selbst getötet, weil ihr Leben keinen Sinn mehr hat. Sie hatten ihren Herrn verloren, dem sie gedient hatten, einen anderen Herrn konnten sie aber aus Loyalität nicht annehmen. Vermutlich hätte sie auch kein anderer Herr eingestellt aus Furcht vor Rache oder Verrat. Erst später, als in den schrecklichen Kriegszeiten zuviele Samurai ihre Herren im Krieg verloren, zogen sie als Rônin, herrenlose Samurai durchs Land. Ein Rônin ist wortlich ein Mensch auf der Wanderschaft. Der Ronin hat seinen Ort verloren und kann nur nach auf der Wanderschaft leben bzw. überleben, denn meistens waren die Rônin Bettler. Im modernen Japan ist ein Rônin ein Hochschulabsolvent, der bei der Abschlußprüfung durchgefallen ist und der nun, herrenlos und auf Wanderschaft – auf eine neue Chance wartet.
Viele der Samurai – Rônin wurden Mönche oder zogen als Shakuhachi spielende Mönche bettelnd durch  das Land.

Die Handwerker Japans, die Shokunin  verstehen ihre Arbeit wie die Samurai als ein Dienen. Sie dienen dem Kunden selbstlos durch absoluten Fleiß, Schnelligkeit und Sorgfalt bei der Arbeit. Ganz traditionell sind viele Shokunin auch heute noch mit bestimmten Familien verbunden, denen sie – oft schon seit Jahrhunderten – dienend und arbeitend verbunden sind. Sie sind aber keine Sklaven und verstehen sich auch nicht als solche. Ihr Weg zu sich selbst ist der Weg der Arbeit und des Dienens, andere mögen den Weg der Mönche gehen.
Shigoto als Arbeit ist ein absolut loyales Dienen, aber nicht ein Dienen, wie es Sklaven tun. Die Samurai und die Shokunin waren keine Sklaven, sondern freie, stolze Menschen, die den Sinn ihres Lebens im Dienen fanden.

Der dritte Begriff für Arbeit ist vor allem im modernen Japan von Bedeutung geworden.
過労 Karo ist die Mühe und Plage, die mit der Arbeit verbunden ist;, also eigentlich nicht die Arbeit selbst, sindern die „Über“-Arbeitung. Bekannt geworden ist dieser Begriff der Arbeit durch Karôshi , den plötzlichen Tod durch Überarbeitung. Wikipedia schreibt:  „Der erste Fall von Karôshi wurde 1969 gemeldet, als ein 29-jähriger verheirateter Arbeiter in der Versandabteilung der größten japanischen Zeitung an einem Schlaganfall starb“. Inzwischen ist Karôshi in Japan ein Phänomen, über das genaue Statitiken geführt werden – weil sie geführt werden müssen. Es gibt inzwischen einfach zu viele Fälle von Karôshi.
Ist dieses Phänomen mit unserem Burnout verwandt?

Ausgebrannt und tot wie Asche durch zu viel Arbeit! Kann es dieses Phänomen für den Shokunin, den japanischen Handwerker geben oder für den Schneider in Kreta, der den ganzen Tag in seiner Werkstatt steht? Was ist mit der Arbeitswelt geschehen, dass sich Arbeit von der Selbstverwirklichung gewandelt hat zu etwas, das die Menschen verbrennt und auslaugt?

Das Jahr des Ochsen

Ochse

Am 26. Januar beginnt das Jahr des Ochsen.

Das chinesische Jahr des Ochsen wird viel Arbeit bringen, bei vollem Einsatz verspricht dieses Jahr aber auch reichen Erfolg.
Der im Zeichen des B[ffels geborene Mensch ist ein ruhiger, methodisch denkender, zielbewusster und sehr gebildeter Mensch. Alles, was er im Leben erreicht hat, ist durch harte Arbeit erkämpft. Diszipliniert und zielbewusst steuert er von einer Aufgabe zur nächsten.
Der Büffel- oder Ochsenmensch besitzt einen unbeirrbaren und logischen Verstand und ist geneigt, große Verantwortung auf sich zu nehmen. Wenn die Pflicht ruft, stellt er grundsätzlich seine gesamte Arbeitskraft zur Verfügung.
Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass Barak Obama nach dem chinesischen Tierkreis ein Ochse ist. Wünschen wir ihm viel Glück bei seiner schweren Arbeit, die ihm nun bevorsteht.

Es scheint also, dass im Jahr des Ochsen das Thema „Arbeit“ im Vordergrund stehen wird. Umgangssprachlich heißt es ja auch, dass wir „ochsen“ oder die „Ochsentour machen.
Aber was ist „Arbeit“?

Jeder von uns meint, genau zu wissen, was Arbeit ist. Jeden morgen stehen wir auf und gehen zur Arbeit. Dort verbringen wir eine genau vorgeschriebene Zeit unseres Lebens, um dann wieder nach Hause zu gehen, um dort unsere Freizeit zu verbringen. Eine ganz klare Trennung: Arbeit und Freizeit. Die Freizeit ist diejenige Zeit, in der wir eigentlich LEBEN, der Rest ist – ja was? Sklaverei?

Im alten Griechenland gab es zwei Worte für Arbeit: Erga und Doulia . Erga war die Tätigkeit der Freien Bürger, Doulia die der Sklaven, des Doulos. Kein Freier wäre auf die Idee gekommen, Doulia zu verrichten. Der Töpfer, der an der Drehscheibe saß verrichtete sein erga, wörtlich eigentlich sein Werk. Sprachlich ist das griechische ‚Erga‘ und das deutsche ‚Werk‘ identisch. Werken ist Wirken, bewirken. Das ist die schöpferische Tätigkeit eines Freine, keine Doulia – Sklaverei.

Wir waren einmal auf Kreta zu Besuch. Dort wohnten wir in einem kleinen Häuschen, das dem Schneider gehörte. Er war, wenn er nicht gerade beim Essen saß, immer in seiner Werkstatt, wo er ‚werkte‘. Werktags, sonntags und am Feiertag. Auf die Frage, ob ihm denn seine Arbeit nicht irgend wann einmal zu viel würde und ob er denn keine Freizeit brauche antwortete er nur: „Was soll ich den tun, wenn ich nicht in meiner Werkstatt bin. Ich bin Schneider!  Hierher kommen die Leute, wenn sie mich treffen wollen, hier erfahre ich alle Neuigkeiten und Nachrichten aus dem Dorf, hier bin ich Mensch. Was sollte ich mit Freizeit anfangen?“ Unser Schneider war eben Schneider,  was er als Mensch war, wurde bestimmte durch sein Schneider-Sein. Hier in seiner Werkstatt wirkte und werkte er, hier lebte er und vermutlich ist er auch hier – na ja, jedenfalls nicht weit davon entfernt – gestorben.

Im alten Griechenland  schrieb der Töpfer Exekias, dessen kunstvoll gefertigten und bemalten Vasen wir heute noch in den Museen bewundern, stolz auf seine Werke

Signatur des Exekias
Exekias epoiese – Exekias hat es gemacht

Exekias war stolz auf das, was er in seinem Werk hervorgebracht hatte und zeichnete es mit seinem Namen. Eigentlich kennen wir ein solches Verhalten nur von einem Künstler, aber Exekias war – jedenfalls nach griechischer Auffassung kein Künstler, sondern ein „Techniker“, der mit seiner texhne – seiner Technik – Werke hervorbrachte als einfacher Hand-Werker. Er schreibt aber nichts von Werken oder Technik, er schreibt für das was er getan hat das Wort  epoiese. Darin ist das Wort Poiesis – Poesie enthalten. Sein Arbeit ist für ihn Poesie!
Das Wesen der Poesis war für die Griechen nicht, dass man poetische Gedichte schrieb, Poiesis war nicht auf den schöpferischen Umgang mit dem Wort beschränkt. Es war der schöpferische Vorgang überhaupt, auch die Schöpfung dessen, was der Techniker in seinem Werken hervorbrachte.
Wie weit sind wir heute von dieser Auffassung von Arbeit entfernt! Ist unsere heutige „Arbeitswelt“ nicht eher mit der Sklaverei der alten Griechen zu vergleichen, in der Unfreie unter Zwang ungeliebte Tatigkeiten lediglich gegen Brot und ein Bett, auf das sie ihr Haupt legen können verrichten? Wird nicht ständig die Peitsche der Sklaverei über uns geschwunden, damit wir – freiwillig? – unserer Arbeit nachkommen?
Aber vielleicht ist ja unser heutiger Begriff von Arbeit eher vom biblischen Denken geprägt. Als Gott Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hat, verfluchte er sie mit den Worten: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“
Und weil die Bibelstelle doch so schön ist soll sie hier im vollen Wortlaut der Buberschen Ãœbersetzung die Worte Gottes an Adam (Adam  = der aus dem Acker – Adamas) wiedergegeben werden:
sei verflucht der Acker um deinetwillen,
in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens,
Dorn und Stechstrauch läßt er dir schießen,
So iss das Kraut des Feldes!
Im Schweiße deines Angesichtes magst du Brot essen,
bis du zu dem Acker kehrst,
denn aus ihm bist du genommen,
Denn Staub bist du und zu Staub wirst du kehren.
Bleibt nur noch die Frage, ob wir heutigen „freien Bürger“ unsere Arbeit als schöpferischen und poetischen Vorgang erleben wie die alten Griechen oder ob sie nicht eher eine moderne Form der Sklaverei ist? Liegt das an der Arbeit oder daran, wie wir unsere Arbeitswelt organisiert und strukturiert haben?
PS.: Mein Dank gilt Wikipedia, wo ich im Artikel über Exekias das Bild aus dem Louvre in Paris gefunden habe.

Zen und die Deutsche Post

Auf unserer Japanreise im April möchten wir den Saihoji – Tempel in Kyoto besuchen und dort im Tempel an einer Zen – Meditation teilnehmen.

Der Tempel ist inzwischen ein Weltkulturerbe und der Besuch ist darum sehr begehrt. Es werden pro Tag nur maximal 200 Besucher zugelassen. Deshalb muss man sich zwei Monate vorher anmelden. Der Tempel akzeptiert aber nur schriftliche Anmeldung per Post mit zugef[gtem Anwortschein.

Kein Problem habe ich mir gedacht, gehe ich aus Postamt, kaufe einen internationalen Antwortschein und das Problem ist erledigt. Aber auf dem Postamt wußte man überhaupt nicht, was das dann nun schon wieder sein soll. Internationaler Antwortschein? Nie gehört. Aber immerhin, die freundliche Dame schaute im Leistungskatalog nach und fand, dass man den Schein nur noch über das Internet im eshop kaufen kann.

Na ja, eigentlich auch kein Problem wenn man Internet hat. Also zu Hause ins Internet, post.de und zum e-shop. Und da ist ja auch schon der gesuchte Antwortschein. Kostet 2 Euro. Ab in den Warenkorb und zur Kasse.

Na, so einfach ist das nun auch wieder nicht, Mindesteinkaufswert ist 19 Euro, das sind dann 10 Antwortscheine. Aber ich will ja eigentlich nur einmal in den Saihoji und zu anderen Gelegenheiten brauche ich keine Antwortscheine. Also einfach noch ein paar Briefmarken kaufen, die braucht man ja immer. Na, eigentlich nicht wirklich – im Zeitalter des Internets verschickt doch eh niemand mehr Briefe, ich jedenfalls nicht. Also einen Freund anrufen, ob der die Briefmarken brauchen kann. Er kann!
Also Antwortschein auswählen, Briefmarken kaufen und ab in den Warenkorb und zur Kasse. Die Überraschung: Verpackung kostet pauschal so um die zwei Euro.  Was tun wir jetzt? Uns ärgern, keinen Antwortschein kaufen, und auf das Sazen im Tempel verzichten oder ergeben in unser Schicksal die Versandkosten akzeptieren. Wir sind ja Zen geschult, also müssen wir gelassen akzeptieren, dass wir ca. 4 Euro statt 2 Euro für den Antwortschein zahlen müssen, denn dem Freund können wir ja die Versandkosten nicht anrechnen, der kauft seine Briefmarken sonst lieber auf dem Postamt. Nein, auf der Postagentur, denn das Postamt wurde ja nun schon vor längerer Zeit geschlossen.

Wir danken der Deutschen Post für die Lektion zur Übung der Gelassenheit!

Eigentlich brauchen wir dann ja schon nicht mehr zum Sazen nach Kyoto fahren, unsere Erfahrung mit der Post hier ist fast schon Zentraining genug.

PS.: Inzwischen haben wir den Saihoji besucht. Es war eines der Highlights unserer Reise.
Als wie nach einem wunderbaren und meditativen Aufenthalt im verwunschenen Moosgarten den Tempel verließen, stand dort eine Gruppe älterer Franzosen, die den Tempel gern besucht hätten. Aber ohne Erlaubnisschein kein Einlass.

Na, dann war der Ärger über den Rückantwortschein schon der Mühe wert.